Indessen gelangen wir immer nördlicher, und die Angst der Lappen wird

mit jedem Tage sichtbarer und giebt sich in immer lauteren Tönen zu

erkennen. +Balto+, der das Wort führt, hat mir mehrmals anvertraut,

daß sie ruhiger geworden seien, seit wir den Eskimos begegnet waren

und gesehen hatten, daß dies gutartige Geschöpfe sind, die keine

Menschen fressen, wie man sich in Finnmarken erzählt habe, und daß man

im Nothfall bei ihnen überwintern kann. Seit wir aber, ihrer Ansicht

nach, die letzten Eskimos verlassen hatten und noch immer in nördlicher

Richtung weiter zogen, waren sie ängstlich geworden, klagten über die

schwere Arbeit, die karge Kost, jammerten, daß wir uns so weit vom Kap

Farvel entfernten und doch keine Stelle fanden, wo wir auf das Eis

gehen konnten. Ich tröstete ihn stets damit, daß das Land höher hinauf

bei Umivik oder nördlich davon besser sei, er müsse das ja selber

gesehen haben, als er im Eise trieb; aber er hatte nichts gesehen, und

schließlich wurden seine Klagen so laut, daß mir die Sache über ward

und ich ihm, statt ihn zu trösten, eine tüchtige Portion Schelte für

seine elende Feigheit zukommen ließ. Da aber brach das Unwetter los!

Er wollte mir nur lieber gleich sagen, was er in diesen Tagen alles in

sich hineingefressen habe: in Kristiania habe ich ihnen versprochen,

daß sie jeden Tag Kaffee haben sollten, und daß sie so viel zu essen

bekommen würden, wie sie nur wollten, aber in all’ diesen drei Wochen

hätten sie nur ein einziges Mal Kaffee bekommen, und wie sah es mit dem

Essen aus? Sie erhielten eine elende Portion ausgetheilt, die sie noch

dazu ausloosen müßten, -- er wollte es mir nur verrathen, daß keiner

von ihnen Allen auch nur ein einziges Mal satt geworden sei, seit sie

an die Küste gekommen waren. Hungern müßten sie und würden obendrein

wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandirt, sie

müßten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten,

schlimmer als Thiere, -- nein, das wäre nicht zum Aushalten. Er für

seinen Theil würde gern viele tausend Kronen bezahlen, wenn er wieder

in der Heimath sein könne!

Ich erwiderte ihm, Kaffee hätten sie nicht bekommen, weil ihnen

einerseits nichts versprochen wäre, und weil wir andererseits keine

Zeit zum Kochen gehabt hätten. Ferner stellte ich ihm vor, was daraus

werden würde, wenn wir Alle nach Herzenslust essen wollten, dann würden

unsere Vorräthe wohl ungefähr bis zur Mitte von Grönland ausreichen,

und dann sei es sicher zu spät, das Geschehene zu bereuen. Wir müßten

redlich theilen wie Brüder, und was das Kommandiren anbeträfe, so müsse

er doch wohl einsehen können, daß auf einer solchen Expedition nur ein

einziger Wille herrschen könne.

Nein, er konnte nichts einsehen, er war und blieb untröstlich, daß

ihn das Schicksal mit Menschen zusammengeführt habe, die so „fremde

Sitten und Gebräuche hätten“, wie er sich ausdrückte. Was sich hier

geltend machte, waren die nomadischen Gewohnheiten der Lappen und

ihre Unfähigkeit, sich unterzuordnen, und dies kam trotz +Baltos+

liebenswürdigen Charakters wieder und wieder, worüber man sich ja nicht

wundern kann. Aber je länger wir zusammen waren, desto weniger blieb

davon zurück.

Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß es niederdrückend war, gleich

im Anfang auf so schwere Arbeit zu stoßen, wie wir sie an der Ostküste

hatten, und von so kärglichen Rationen gedörrter Nahrungsmittel leben

zu müssen. Unsere Mägen waren daran gewöhnt, gefüllt zu werden, und

konnten sich schwer in diese zwar kräftige, aber wenig umfangreiche

Kost finden. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran, und dann ging es

besser. „Es war das Bewußtsein, daß es genug war, was uns half,“ sagte

+Kristiansen+, als er später in der Heimath gefragt wurde, ob er

unterwegs satt geworden sei. Nein, satt sei er niemals gewesen. -- „Das

müsse aber doch ein unangenehmes Gefühl sein?“ -- „Ach ja, besonders im

Anfang, als wir nicht daran gewöhnt waren, aber dann versicherte uns

+Nansen+, daß das Essen, das wir bekämen, ausreichend sei, und das half

uns. Und wie Sie sehen können, hatte er vollständig Recht.“

Die Küste fing jetzt an, weniger steil zu werden, die Felsformationen

waren abgerundeter. Wir kamen nun in die Gegenden, wo wir an ein

Aufsteigen denken konnten, und nach denen ich mich so sehr gesehnt

hatte, denn selbst wenn uns hier ein Unglück zustoßen sollte, das

unser Vordringen an der Küste verhinderte, so konnten wir doch von

hier aus unsere Wanderung über das Inlandseis antreten. Die Hoffnung

steigerte sich fast bis zum Uebermuth. Das vorzügliche Fahrwasser,

das wir an jenem Abend hatten, und das herrliche Wetter trugen nicht

wenig zur Erhöhung der Stimmung bei. Ebenso wie am vorhergehenden

Abend stand am südlichen Himmel ein glänzendes Nordlicht; in langen,

wogenden Bändern rollten die Strahlenbündel hin und her. Es flimmerte

und brannte unruhig jagend, es war, als kämpften Schaaren mit glühenden

Spießen, bald wichen sie zurück, bald stürmten sie wieder vorwärts, und

plötzlich wie auf ein gegebenes Zeichen fuhren mächtige Strahlenbündel

flammend und wechselnd durcheinander. Es war, als dringe ein ganzer

Regen von glühenden Spießen auf einen bestimmten Punkt, die Krone, nahe

am Zenith ein, dann erlosch abermals alles, damit das ganze, wechselnde

Spiel wieder von vorne beginnen konnte. Die Eskimos knüpfen einen

schönen Aberglauben an das Nordlicht, -- sie glauben, daß es die Seelen

der verstorbenen Kinder sind, die Ball im Himmel spielen.

In der Nacht schlugen wir unser Lager auf der Innenseite der Insel

+Kekertarsuak+ auf. Kaum hatten wir unser Zelt ausgespannt, als uns

ein gewaltiges Getöse im Süden, in der Richtung vom Kap Moltke,

aufschreckte. Es war, als könnten wir die Erde unter uns zittern

vernehmen. Wir sprangen auf den nächsten Felsblock hinauf und schauten

gen Süden, konnten aber nichts entdecken, -- es war zu weit entfernt.

Das Getöse hielt ungefähr zehn Minuten an, und es klang, als stürze

eine ganze Felsmasse in die See hinab und verursache eine gewaltige

Bewegung, so daß die Wellen bis zu uns hinauf gelangten und sich an

Klippen und Riffen brachen. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß es ein

kolossaler Eisberg war, der zusammenstürzte oder seine Lage veränderte,

obwohl auch die Möglichkeit eines Bergrutsches nicht ausgeschlossen ist.

[Illustration: „Der lieblichste Fleck, den wir bis dahin in Grönland

gesehen hatten.“

(Nach einer Photographie.)]

Am folgenden Tage (8. August) versuchten wir in offenem Fahrwasser

und bei herrlichstem Wetter auf der Innenseite der Insel bei

+Igdloluarsuk+ vorzudringen und über +Kangerdlugsuak+ oder den

Bernstorffs-Fjord zu gelangen, wurden aber nicht wenig überrascht,

als wir das Wasser hier vollständig mit Gletschereis und anderem Eis

angefüllt fanden, das bis hart an die Küste heran lag und jegliches

Vordringen hemmte. Nachdem ich das der Küste zunächst liegende

Vorgebirge der Insel +Sagliarusek+ bestiegen und mich von hier aus

vergewissert hatte, daß das Fahrwasser unpassirbar war, mußten wir

wieder zurückrudern, um die Insel von außen zu umschiffen.[77] An

der Südseite der Insel fielen uns im Innern der Bucht einige Steine

auf, die nebeneinander aufgerichtet waren. Wir ruderten dorthin, um

zu sehen, was das sei, und entdeckten nun den lieblichsten Fleck,

den wir überhaupt bis dahin in Grönland gesehen hatten, eine kleine

flache, grüne Wiese mit einem großen Süßwasserteich, in dem kleine

Fische schwammen (es war mir nicht möglich, die Art zu bestimmen).

Auf der einen Seite der Wiese lagen die Ruinen von Eskimohäusern,

eine derselben war auffallend größer als die anderen. In und vor dem

großen Hause fanden wir zahlreiche Menschenknochen, darunter den sehr

wohl konservirten Schädel eines Eskimos, den wir mitnahmen. Diese

Menschenknochen deuteten darauf hin, daß auch diese Ansiedelungen durch

Hungersnoth zerstört waren. Wir beschlossen, an diesem Orte unser

Leben ein wenig zu genießen, und obwohl es zu früh war, um unsere

Mittagsmahlzeit zu verzehren, ein wenig zu rasten, uns in dem üppigen

Gras auszustrecken und uns von der Sonne braten zu lassen. Die Eskimos

hatten wohl gewußt, was sie thaten, als sie sich hier an diesem Ort

niederließen, denn hier war ein vorzüglicher, wohlbeschützter Hafen

mit einem guten Strand, auf den man die Fellböte mit Leichtigkeit

hinaufziehen konnte, und dann vor allen Dingen diese lächelnde Natur!

Die fünf flachen Steine, die am Strande aufgerichtet waren, und die

zuerst meine Aufmerksamkeit erregten, blieben mir lange ein Räthsel;

seit ich jedoch mit Kapitän +Holm+ darüber gesprochen habe, scheint es

mir annehmbar, daß es Frauenbootsstützen gewesen sind, d. h. Stützen,

auf welche die Frauenböte zum Trocknen gelegt werden, und an die man

sie während des Winters festbindet.

Uebrigens findet man auf diesen Inseln[78] viele Spuren menschlichen

Wirkens. So fand ich auf mehreren Landzungen Warten oder, -- wie ich

glaube, -- Ueberreste von Fuchsfallen.

Bei der äußersten Insel am +Igdloluarsuk+ angelangt, fanden wir die

Mündung des Fjordes so voll von gewaltigen Eisbergen, daß wir ins

Meer hinausrudern mußten, um zu versuchen, ob das Fahrwasser dort

besser sei. Eine Strecke dringen wir glücklich zwischen den Eisbergen

hindurch, müssen aber bald innehalten. Von einer rasenden Strömung

zwischen diesen Kolossen eingeklemmt, lagen die Eisschollen so fest,

daß sie nicht aus der Stelle zu bewegen waren. Wir mußten wieder

umkehren und noch weiter ins Meer hinausrudern.

Als wir an einen leicht zugänglichen Eisberg kamen, machten wir sofort

den Versuch, ihn zu erklimmen, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu

erhalten. Diese schwimmenden Kolosse nehmen sich von unten gesehen ganz

imponirend aus, aber das ist doch nichts im Vergleich mit dem Eindruck

von Größe, den man erhält, wenn man sich auf ihrem Gipfel befindet.

Der Eisberg, den wir bestiegen, war verhältnißmäßig flach und bildete

förmlich eine Hochebene von beträchtlichem Umfang. +Dietrichsen+

sagt in seinem Tagebuch, daß man beinahe eine Viertelstunde braucht,

um sie an der schmalsten Stelle zu durchqueren. Dort oben war der

Schnee hart und das Terrain hügelig, ganz ungewöhnlich geeignet zum

Schneeschuhlaufen. Der Eisberg war an dem höchsten Punkt sicher mehr

als 70 ~m~ über dem Meeresspiegel. Bedenkt man nun, daß sich 6 bis 7

Mal so viel Eis unter dem Wasser befindet, so hat ein solcher Berg

also eine Höhe von mindestens 400 ~m~. Fügt man hierzu eine Breite von

1000 ~m~ oder mehr, so kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon

machen, welcher Art diese schwimmenden Eisklumpen sind, -- und deren

giebt es an der Küste entlang Hunderte und Tausende. Von dem Gipfel

des Eisberges herab hatten wir eine herrliche Aussicht. Die Gegend um

uns her glich einer Alpenlandschaft in Eis. Zwischen jedem Eisberg

waren Schluchten, auf deren Grunde man die See sehen konnte. Gerade

unter uns schlängelte sie sich wie ein schmales, dunkelblaues Band

durch eine enge Rinne, die von zwei lothrechten, mehrere hundert Fuß

hohen Eiswänden gebildet wurde.

Die Eisberge pflegen in zwei Formen zu erscheinen. Es hatte den

Anschein, als seien sie auf zwei ganz verschiedene Weisen entstanden.

Einzelne Berge sind an der Oberfläche wild zerklüftet, sind reich an

Spalten, Rissen und Schluchten. Ihre Oberfläche gleicht derjenigen der

Eisgletscher, die ins Meer hinausgedrängt werden. An ihrem bläulichen

Aussehen und ihren unregelmäßigen Formen, kann man sie schon von weitem

erkennen. Ihr Ursprung liegt klar auf der Hand --, sie stammen direkt

von den obenerwähnten Gletschern. Dann aber hat man eine andere, weit

prosaischere Form, und zu dieser gehörte der Eisberg, auf dem wir

uns befanden. Diese Form wird durch kolossale Eisblöcke ohne jene

zahlreichen blauen Schluchten und mit verhältnißmäßig glattpolirter

Oberfläche und quer abgeschnittenen, lothrechten Seiten gebildet. Sie

haben eine mehr weißlichblaue Färbung als die andere Art und machen

einen weit solideren Eindruck. Man kann ruhiger an sie heranrudern, als

an die anderen, denn es geschieht weit seltener, daß sich Stücke von

ihnen ablösen und den Vorüberfahrenden auf den Kopf fallen. Obwohl sie

mit ihrer ebenen Oberfläche völlig verschieden sind von den Gletschern,

die ins Meer hinabstürzen, so finden sie sich doch ohne Frage am

zahlreichsten vor. Man kann rechnen, daß man auf je einen der anderen

Art fünf von diesen trifft.

Woher aber stammen diese Eisberge? Oder wie haben sie sich gebildet?

Daß die Gletscher jemals so still und ruhig in die See hinabgleiten,

ohne zahlreiche Risse und Spalten an der Oberfläche zu bilden, ist

eine Unmöglichkeit. Auf der anderen Seite liegen ja diese Eisberge in

den Fjorden direkt vor den Gletschern mit ihrer ziemlich zerklüfteten

Oberfläche und müssen daher, eben so wohl als die Eisberge der anderen

Art von ihnen herstammen.

Die einzig annehmbare Erklärung dieser Erscheinung ist meiner Ansicht

nach der Umstand, daß beim Hinausgleiten die Oberfläche der Gletscher

bei den einen nach oben gekommen ist, während die anderen sich entweder

gleich beim Herabstürzen oder auch später gewendet haben, so daß sie

mit dem abpolirten Fuß oder einer der ziemlich ebenen Bruchflächen in

die Höhe ragen.

Zu unserer Freude bemerkten wir, daß sich hinter den Eisbergen offenes

Fahrwasser befand, scheinbar so weit das Auge reichte, und nachdem wir

uns über den Kurs geeinigt hatten, der uns sicher zu diesem Fahrwasser

führen mußte, stimmten wir einen Siegesgesang an, und kehrten wieder in

unsere Böte zurück, um mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen und das

verlockende Fahrwasser zu erreichen, ehe das Eis sich verdichtete, was

bei den wechselnden Strömungen, die hier herrschen, schnell geschehen

kann. Wir hatten wenig Lust, die Nacht zwischen diesen launenhaften

Eiskolossen zu verbringen.

So schnell unsere Ruder uns befördern konnten, gings gen Norden durch

die engen Rinnen, wo wir nichts als das tiefblaue Wasser mit einzelnen

Eisschollen unter uns, hohe Eiswände zu beiden Seiten und einen kleinen

Streifen blauen Himmels über uns erblickten.

Obwohl mächtige Eisberge mehrmals um uns her zusammenstürzten oder

kenterten, das Wasser wild aufpeitschend und die Luft mit ihrem

gewaltigen Getöse erschütternd, so kamen wir doch unbeschädigt durch

die großen Eismassen, die weit nach Norden hinauf vor der Fjordmündung

lagen. An einer Stelle mußten wir, um vorwärts zu kommen, durch einen

Hohlweg gehen, der quer durch einen großen Berg führte und wo das

schmelzende Wasser unaufhörlich auf uns herabrieselte. Ob diese große

Menge von Eisbergen aus dem Bernstorffsfjord herrührte, war nicht zu

entscheiden und ist auch kaum anzunehmen, obwohl aus diesem Fjord die

größten der an der Ostküste befindlichen Eismassen stammen.

Nachdem wir wohlbehalten am +Kap Mösting+ vorüber und durch die

schlimmste Eisberggegend hindurch gekommen waren, übernachteten wir

auf einer kleinen Schere (63° 44′ N. Br., 40° 32′ W. L.). Da wir dort

keinen so großen, flachen Platz fanden, daß wir unser Zelt aufschlagen

konnten, legten wir uns in unseren Schlafsäcken auf den Felsen. Gerade

gegenüber auf dem Festlande befand sich ein Vogelberg mit Blaumöven,

die während der ganzen Nacht einen solchen Lärm machten, daß wir es im

Schlafe hörten und sie sich in unsere Träume hineindrängten. Zur Strafe

dafür machte ich am nächsten Morgen eine Visite drüben, die mehreren

von ihnen das Leben kostete und uns einen guten Proviant für die Küche

lieferte, in der wir jetzt allerlei noch nicht verwendetes Wild hatten.

Besonders die jungen Blaumöven, die eben flügge waren, sind eine

vorzügliche Speise.

Wir waren jetzt in eine Gegend gekommen, wo wir fast überall mit

ziemlicher Leichtigkeit auf das Inlandseis hinaufgelangen konnten. Dort

waren nach innen zu viele Nunataks (d. h. Berggipfel oder Felsmassen,

die über die Oberfläche des Eises emporragen). Der allgemeinen Annahme

der Grönlandsreisenden zufolge soll das Eis um diese Felszacken herum

uneben und zerklüftet sein. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn die

Nunataks aus Gletschereis hervorragen, das sich in starker Bewegung

befindet, in diesem Falle bieten sie dem Eise einen Widerstand, gegen

den es gedrängt und gepreßt wird. An anderen Stellen dagegen -- glaube

ich -- machen die Nunataks das Eis eher eben, indem sie es gleichsam

festhalten und die gleitende Bewegung desselben, die diese Unebenheiten

und Risse verursacht, verhindern. Es lag jedoch für uns kein Grund vor,

das Inlandeis schon hier in Angriff zu nehmen, da das Fahrwasser bis

nach +Umivik+ hinauf offen zu sein schien, und von hier aus war die

Entfernung bis nach Kristianshaab bedeutend geringer.

[Illustration: Gegen Norden in offenem Fahrwasser zwischen Eisbergen.

9. August.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]

In immer mehr offenem Wasser setzten wir die Reise gen Norden

fort, während rings um uns her an allen Ecken und Kanten Eisstücke

herabstürzten, bald von den Gletschern, bald von den Eisbergen.

Gegen Abend hatten wir ein merkwürdiges Erlebniß. Gerade als wir

zwischen einigen Eisbergen beschäftigt sind, zwei Eisschollen

auseinander zu sprengen, ertönt ein furchtbares Getöse, und ein großes

Stück des an der Backbordseite gelegenen Eisberges stürzt herab und

zertrümmert zum Theil die eine Eisscholle, auf der wir stehen, wühlt

einige mächtige Wogen auf und schafft uns das beste Fahrwasser, das

wir nur wünschen können. Hätten wir ein paar Minuten früher den Weg

eingeschlagen, den wir ursprünglich beabsichtigten, so wären wir wohl

zertrümmert worden. Dies war das dritte Mal, daß uns dies begegnete.

[Illustration: Aussicht gegen Norden von unserem Schlafplatz an

Kangerajuk.

(Nach einer Photographie.)]

Auf einer kleinen Insel +Kekertarsuatsiak+ vor dem +Krumpensfjord+,

wo wir unser Mittagsessen verzehrten, begab ich mich auf den Gipfel,

der sehr hoch war und von wo ich eine köstliche Aussicht über das

nördliche Fahrwasser hatte, das offen und fast ganz +frei von Treibeis

zu sein schien+, wenigstens so weit das Auge reichte, bis nach Umivik.

Gletschereis und Eisberge waren ziemlich zahlreich vorhanden, besonders

vor dem +Gyldenlöves-Fjord+ und der +Kolberger-Heide+ schienen viele

Eisberge zu liegen. Die hohen Berge bei Umivik, besonders der

kegelförmige +Kiatak+, der unser Ziel war, schienen ganz nahe zu

liegen, doch mußte die Entfernung nach der Karte noch sieben Meilen

betragen. Dies verschwieg ich den Gefährten, welche glaubten, daß wir

noch vor Hereinbruch der Nacht dorthin gelangen könnten, weswegen sie

aus Leibeskräften ruderten.

[Illustration: Wir segeln am letzten Tage unserer Seereise. 10. August.

(Von B. Bloch nach einer Augenblicks-Photographie.)]

Am Abend gelangten wir an eine Landzunge, +Kangerajuk+ an der

Kolberger-Heide, wo sich zwischen zwei mächtigen Gletschern ein wenig

freies Land befand (64° 4′ N. Br., 40° 34′ W. L.). Hier konnten wir

unsere Böte heraufziehen, einen Platz für unser Zelt fanden wir jedoch

nicht, weswegen wir uns wie in der vorhergehenden Nacht in unseren

Schlafsäcken an zwei Stellen hinlegten, wo wir gerade genügende

Fläche fanden, um liegen zu können. Da während der Nacht starker

Thau fiel, war unser Schlaf von ziemlich feuchter Beschaffenheit, --

von den Gletschern herab und von den vielen Eisbergen rings um uns

her ertönte ein ununterbrochenes Getöse, das durch Hinausgleiten und

Zusammenstürzen des Eises hervorgerufen wurde.

Früh am nächsten Morgen -- den 10. August -- wurde ich durch

einen Raben geweckt, der mir von einem Bergkamm gerade über uns

einen Morgengruß zusandte, und da der herrliche Sonnenschein zu

verlockend war, schleiche ich ganz unbemerkt aus dem Sack und

mache eine photographische Aufnahme von der Landschaft, einen

mächtigen vorspringenden Arm des Gletschers auf der Kolberger-Heide

im Hintergrunde und meine beiden Schlafgenossen, +Sverdrup+ und

+Dietrichson+, noch in tiefem Schlummer im Vordergrunde. Ich hoffe, sie

werden es mir verzeihen, daß sie auf diese Weise, ohne es zu wissen,

auf ihrem keuschen Lager liegend dargestellt werden. In der Ferne

erblickt man auf dem Bilde den kegelförmigen +Kiatak+.

Wir hatten das herrlichste Wetter und ganz eisfreies Fahrwasser, das

beste, das uns bis dahin vorgekommen war; mit schneller Fahrt ging es

nun unserem Ziel entgegen. Unser Mittagsmahl nahmen wir auf höchst

angenehme Weise ein, indem von Süden her eine schwache Brise wehte, so

daß wir unsere Segel aufsetzten und uns Muße zum Essen lassen konnten.

Ich bin niemals auf einen Felsen zugerudert, der mir so hartnäckig

vorgekommen ist, wie dieser +Kiatak+ -- 800 ~m~ hoch. Wir hatten ihn

nun zwei Tage lang gesehen und doch schien er uns noch immer gleich

fern zu liegen. Mit Hülfe von Rudern und Segeln schienen wir ihn jedoch

endlich bewältigen zu sollen, aber da kam der Seenebel. Ehe alles um

uns her verhüllt war, waren wir aber so nahe herangekommen, daß wir

sehen konnten, wo wir landen mußten, und unser Peilen mit dem Kompaß

aufnahmen.

Fußnoten:

[77] Oben auf dem Gipfel dieses Vorgebirges fand ich ein

niedergerissenes Bauwerk, aus einigen quer übereinanderliegenden

Steinen bestehend, die einen länglichen Raum bildeten. Obwohl die

Fuchsfallen der Eskimos in der Regel nicht ganz in dieser Weise gebaut

werden, glaube ich doch, daß dies die Trümmer einer solchen waren.

[78] Die große Insel, die auf +Holms+ Karte angeführt ist, ist nicht

eine einzige Insel, sondern eine schmale Meerenge theilt sie in zwei

Inseln, von denen die äußere die kleinere ist.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 25 / 25 段