[75] Die Amaute ist ein jackenähnlicher Kragen, der von den Frauen

getragen wird, welche Säuglinge haben. Auf dem Rücken desselben

befindet sich eine beutelähnliche Erweiterung, in der das Kind gut und

warm ruht. Ein Riemen, der über der Hüfte um die Amaute gebunden wird,

hindert das Kind, zu tief in den Beutel hinabzusinken; so kann es auf

dem Rücken bei aller möglichen Arbeit mitgenommen werden, es geht mit

der Mutter ins Gebirge, es begleitet sie beim Rudern etc. Eine Eskimo

trennt sich nur selten von ihrem Säugling.

Kapitel XIII.

Weiter nordwärts an der Küste entlang.

Als wir endlich unsere Vorbereitungen zur Abreise getroffen hatten,

waren alle Kajakmänner verschwunden bis auf einen einzigen, der so

galant sein wollte, uns gen Norden zu begleiten. Die Scenerie war nun

ebenso öde und leer, wie sie vor einer Stunde voller Leben und Bewegung

gewesen war, -- statt auf Zelte, Hunde und Menschen schien die Sonne

jetzt auf Eis, Schnee und kahle Felsen herab.

Wir nahmen unsern Kurs nordwärts an der Küste entlang. Das Fahrwasser

war anfangs offen, und wir holten tüchtig mit den Rudern aus, denn die

Anderen hatten einen langen Vorsprung, und da wir uns einen großen

Vortheil von ihrer Kenntniß des Fahrwassers und der Eisverhältnisse

versprachen, so wollten wir die Reise gern in ihrer Gesellschaft

fortsetzen. Es währte denn auch nicht lange, bis wir sie eingeholt

hatten. Sie lagen im Schutz einer Landzunge und schienen unschlüssig

zu sein. In dem einen Boot erhoben sich einige Frauen und winkten

uns zu. Als wir näher kamen, forderten sie uns durch Zeichen auf,

vorauszurudern und ihnen einen Weg zu bahnen, denn das Eis war

ziemlich dicht. Dies war allerdings das Gegentheil von dem, was wir

erwartet hatten, aber wir glitten ruhig an ihnen vorüber zwischen

zwei mächtigen Eisschollen hindurch, die dicht nebeneinander lagen

und die sich scheinbar nicht aus der Stelle rücken ließen. Sie hatten

den Eskimos den Muth benommen. Als wir uns indessen, ohne anzuhalten,

mit unserm ersten Boot dazwischen klemmten, und, theils das Boot als

Keil benutzend, theils mit Hülfe unserer langen Bambusbootshaken, mit

denen wir alle Sechs auf einmal ausholten, diese Ungeheuer wirklich

auseinander trieben, -- da kannte ihr Staunen keine Grenzen und ihr

Gebrüll stand natürlich im Verhältniß dazu. Jetzt bahnten wir uns

unsern Weg weiter durch das Eis, das einigermaßen passirbar war. Dann

kamen die beiden Frauenböte der Eskimos und zu beiden Seiten folgten

4 Kajakmänner. Jede Bewegung, die wir machten, wurde von lebhaftem,

anhaltendem „Gebrüll“ begleitet, -- ich will nicht behaupten, daß es

die schönste Musik war, die ich gehört habe.

Viel Vergnügen gewährte es uns zu beobachten, wie die Kajakmänner

schnupften. Besonders einer von ihnen zeichnete sich in dieser

Beziehung aus. Ich glaube, er hielt alle zehn Minuten an, um sein

ungeheures Horn hervorzuholen und beide Nasenlöcher vollzustopfen, und

dann nieste er, daß es mir unerklärlich war, wie er sich in seinem

Kajak im Gleichgewicht halten konnte. Wenn er uns dann wieder ansah,

während ihm Schnupftabak und noch sonst allerlei über die Oberlippe

rann und ihm die Thränen die Backe hinabliefen, da war sein joviales

Gesicht so unbezahlbar, daß wir ihn regelmäßig mit einem herzlichen

Gelächter begrüßten, wozu er nickte und lächelte, als wenn er sehr

damit einverstanden sei. Und dann wurde von beiden Seiten das einzige

Wort gerufen, das wir behalten konnten, nämlich ~pitssak’ase~. Wir

meinten, daß es „schöne“ oder „herrliche Fahrt“ bedeute, denn es

wurde uns bei jeder Gelegenheit zugerufen, sowohl wenn wir das Eis

durchbrachen, als wenn wir durch das offene Wasser hindurchruderten.

Als wir später an die Westküste kamen, erfuhren wir von den Eskimos

dort, daß es so viel bedeutet als „Ihr seid geschickt“ oder auch: „Ihr

seid gut, Ihr seid freundlich.“

Die großen Böte der Eskimos, die sog. Frauenböte (auf Eskimoisch

heißen sie „Umiak“) werden bekanntlich nur von Frauen gerudert. Bei

den unvermischten Eskimos gilt es als unter der Würde eines Mannes, in

ihnen zu rudern. Ein Mann -- gewöhnlich das Oberhaupt einer Familie

-- muß es dagegen steuern, und zwar ist es seine Pflicht, sich darin

aufzuhalten, obwohl alle Seehundsfänger am liebsten in ihren Kajaks

fahren. Diese Frauenböte sind ungefähr dreißig Fuß lang oder darüber,

an der Ostküste Grönlands pflegen sie kürzer zu sein als an der

Westküste, da hier stets so viel Treibeis ist, daß ein längeres Boot

schwer zu handhaben wäre, -- überall sind diese Böte im Treibeis schwer

zu hantiren.

[Illustration: Als wir alle 6 Mann auf einmal zugriffen, mußte das Eis

weichen.

(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]

Die Frauen in den beiden Böten, die uns begleiteten, ruderten ohne

regelmäßigen Takt und auf höchst eigenthümliche Art. Sie fingen mit

einigermaßen schnellen Schlägen an, mit einem passenden Moderato,

dann aber wurde der Takt schneller und schneller, die Ruderschläge

kürzer und kürzer, sie hoben die Körper ganz von den Sitzen auf,

so daß sie fast bei jedem Schlag in den Böten standen, wodurch das

Ganze ein merkwürdig hüpfendes Aussehen bekam. Plötzlich, mitten im

besten ~allegro vivace~, hält man inne, man verpustet sich einen

Augenblick, und dann beginnt dieselbe Geschichte wieder von neuem.

Ein solcher Ruck währt immer nur wenige Ruderschläge, man fährt aber

ununterbrochen damit fort. Die kurzen Ruder sind wohl zum Theil schuld

an dem auffallend kurzen Takt. Auf diese eigenthümliche Weise kommen

sie aber doch sehr schnell vorwärts. Im offenen Wasser nahmen sie es

mit uns auf, was auch kein Wunder war, wenn man bedenkt, daß in unsern

Böten nur 2 Mann an den Rudern saßen, während sich in jedem der ihren

bis zu 7 rudernde Frauen befanden. Einmal gewannen sie einen kleinen

Vorsprung vor uns. Als wir sie einholten, waren sie abermals von festem

Eis aufgehalten, und einige der Frauen winkten uns zu, daß wir ihnen zu

Hülfe kommen möchten. Wir kamen denn auch mit unsern langen Bootshaken

herbei und mußten laut auflachen, als wir einen Eskimo dastehen und

mit einem Stock auf eine Eisscholle losschlagen sahen. Es lag etwas

so unendlich Macht- und Hoffnungsloses in der Art und Weise, wie er

so allein dastand. Es fiel natürlich keiner von den Frauen in den

Böten, keinem der Männer in den Kajaks ein, ihm zu Hülfe zu kommen. Wir

griffen alle sechs Mann zu, und das Eis wich zurück, so daß unsere Böte

hindurch kommen konnten. Wir ruderten weiter, während die Frauenböte

infolge ihrer Länge in Verlegenheit kamen und große Beschwerde hatten,

sich durchzuarbeiten. Es war übrigens oft der Fall, daß sie festsaßen,

wo wir ihnen mit unsern kürzeren Böten schon den Weg gebahnt hatten;

auf diese Weise hätten wir oft einen langen Vorsprung gewinnen können,

wenn wir nicht gewartet hätten. Mit großem Staunen machte ich diese

Erfahrungen, die in krassem Widerspruch zu dem Lob stehen, das in der

Heimath von allen Seiten diesen Frauenböten gespendet wird. Sowohl

Kapitän +Holm+ als Kapitän +Garde+ sagen, daß eine Reise an Grönlands

Ostküste entlang ohne dieselben eine Unmöglichkeit ist. Dieser Ansicht

sind die Dänen übrigens schon seit langer Zeit gewesen. Sie haben

selbst keine oder doch nur wenig Erfahrung in der Führung eines Bootes

durch das Treibeis gehabt und haben infolgedessen die Ueberlegenheit

der Eskimos anerkannt; da diese jedoch nur Frauenböte haben, liegt

es nahe, dieselben für die besten zu halten und auch die aus Eskimos

bestehende Besatzung beizubehalten. Meiner Erfahrung nach verhält sich

jedoch die Sache gerade umgekehrt. Europäische Böte mit einer tüchtigen

europäischen Mannschaft, die an dies Leben gewöhnt ist, sind im

Treibeis bei weitem vorzuziehen. Die Behauptung, daß ein europäisches

Boot nicht genug tragen kann, ist völlig unbegründet.

Da der Tag zur Neige ging, mußten wir Europäer ein wenig Nahrung zu uns

nehmen. Wir machten deswegen Halt, um unsere Rationen auszutheilen. Die

Eskimos, die ein merkwürdiges Talent zum Fasten haben, zogen indessen

weiter. Nur zwei Kajakmänner blieben bei uns zurück, um uns essen zu

sehen. Zur Belohnung erhielten sie einige Stücke „Knäkkebrot“, worüber

sie sich sehr freuten.

Bald hatten wir die Andern so weit wieder eingeholt, daß wir sie

vor uns sehen konnten. Wir bemerkten, daß ein paar Kajakmänner an

der Nordseite der Ruds-Insel ans Land gegangen waren und von einem

Vorgebirge aus in nördlicher Richtung über das Eis und das Meer

spähten. Das waren schlimme Zeichen! Wahrscheinlich war das Eis

unpassirbar. Sie setzten ihren Weg jedoch fort, ehe wir sie erreichen

konnten, und ruderten über den Fjord, der zwischen der Insel und dem

Festlande liegt. Indessen hatte das Wetter sich verändert, dunkle

Wolken zogen am Himmel herauf, und es fing an zu regnen. Wir zogen

unsere braunen Regenkleider an und ruderten getrost weiter, waren aber

noch nicht weit vom Lande entfernt, als wir die Eskimoböte auf uns

zukommen sahen. Alle Frauen zeigten mit bekümmerten Mienen gen Himmel,

auch die Männer machten uns Zeichen zu, daß das Eis vor uns dicht und

schwierig sei, wir müßten Alle auf der Insel an Land gehen, um unsere

Zelte aufzuschlagen und zu übernachten. Ich bedeutete ihnen indessen

durch Zeichen, daß wir weiter wollten, aber sie erklärten, es sei ganz

unmöglich, vorwärts zu kommen. Hierüber hatte ich nun meine Zweifel,

aber ich wollte nicht weiter gehen, ehe ich an Land gewesen war, um

die Verhältnisse von einem Felsen aus selbst in Augenschein zu nehmen.

Infolgedessen ruderten wir Alle zurück, die Frauenböte richteten

ihren Kurs auf die Innenseite der Insel, während wir auf die nächste

Landzunge zusteuerten. Als einer der Kajakmänner dies sah, folgte er

uns, um die ganze Ueberredungskunst anzuwenden, die er durch Zeichen

zu entfalten vermochte. Es nützte ihm jedoch nichts, denn sobald

ich das Land erreicht hatte, sprang ich auf einen Felsvorsprung und

entdeckte nun, daß das Fahrwasser, so weit ich mit dem Fernrohr sehen

konnte, einigermaßen gut aussah; damit war es denn bestimmt, daß wir

weiter zogen. Als der Eskimo einsah, daß all seine Mühe vergeblich war,

ruderte er tiefbetrübt von dannen. Zum Abschied schenkte ich ihm noch

eine Blechdose, was seinen Kummer sehr zu mildern schien. Es war ganz

klar, daß einzig und allein der Regen die Eskimos zur Umkehr bestimmt

hatte. Sie wollten nicht gern naß werden, besonders die Frauen nicht,

was man ihnen ja auch nicht verdenken konnte, um so weniger als einige

von ihnen Säuglinge in ihren Amauten auf dem Rücken trugen. Daß sie

ihr Möglichstes thaten, um uns ebenfalls zur Umkehr zu bewegen, war

auch nicht zu verwundern, -- wir waren so merkwürdige Menschen, daß sie

gern noch eine Weile mit uns zusammen bleiben mochten, außerdem konnte

vielleicht das eine oder das andere für sie dabei abfallen.

[Illustration: Aussicht aus dem „Adlerhorst“ gegen Süden.

(Nach einer Photographie.)]

So zogen wir denn weiter, ganz stolz auf unsern Muth, während die

Eingeborenen, die doch das Fahrwasser kannten, zurückblieben. Eine

ganze Weile ging auch alles gut, und unser Muth wuchs mehr und mehr; in

der Mitte des Fjords angelangt, sollten wir jedoch empfinden, daß es

kein Kinderspiel war, auf das wir uns eingelassen hatten. Das Eis lag

hier ziemlich dicht, und eine reißende Malströmung wirbelte die großen

Schollen derartig herum, daß es nicht mehr angenehm war. Bald prallten

diese Kolosse gegeneinander, bald wichen sie zurück, und man mußte noch

vorsichtiger als gewöhnlich sein, wenn man unbeschädigt mit den Böten

hindurchkommen wollte. Und je weiter wir kamen, desto schlimmer wurde

die Situation. Einmal waren wir zwischen zwei lange Schollen gerathen,

die plötzlich, von anderen Schollen getrieben, mit gewaltiger Macht

gegeneinander gestoßen wurden. Durch einen schnellen Rückzug entgingen

wir noch im letzten Augenblick dem sichern Verderben. Gegen Abend, als

es bereits dunkelte, erreichten wir glücklich die andere Seite des

Fjords, hier war das Ufer jedoch sehr steil, und es fiel infolgedessen

nicht leicht, einen Zeltplatz zu finden. Es gelang uns, die Böte --

nachdem wir sie entleert hatten -- vermittelst eines starken Takels

in eine Felsschlucht hinaufzuziehen. Ein wenig aufwärts von dieser

Schlucht fanden wir einen Felsabsatz, der groß genug war, um unser

Zelt aufzunehmen. Das Ganze hatte eine große Aehnlichkeit mit einem

Adlernest, das an einem Felsen hängt, deshalb tauften wir den Ort

„Adlershorst“ (auf Eskimoisch heißt es übrigens Ingerkajarfik und liegt

auf dem 62° 10′ N. Br. und dem 42° 12′ W. L. auf dem Festlande).

Der Felsabsatz, der den Boden des Zeltes bildete, gab nicht gerade

den angenehmsten Schlafplatz ab, der mir vorgekommen ist. Er war so

abschüssig, daß wir uns am Morgen, als wir nach einem erquicklichen

Schlummer erwachten, an der einen Ecke des Zeltes übereinanderliegend

fanden.

Am nächsten Tage schien die Sonne wieder, es war das herrlichste

Wetter. Gerade vor uns, im Süden, fiel ein mächtiger Eisgletscher steil

ins Meer hinab; seine wilden zerrissenen Klüfte spielten im Sonnenlicht

in den märchenhaftesten Farben.

Wir nahmen unser Frühstück in aller Eile ein und ließen die Böte hinab,

beluden sie und zogen, nachdem wir eine photographische Aufnahme von

der südlichen Landschaft gemacht hatten, durch leidliches Fahrwasser

weiter. Ueberall stießen wir auf Treibeis, aber es war doch so weit

offen, daß wir in der Regel mit ziemlicher Leichtigkeit hindurchkommen

konnten.

Etwas über die Mittagszeit hinaus erreichten wir eine kleine Insel,

die vor dem Mogens Heinesens Fjord lag, dort legten wir in einem

vorzüglichen Hafen an um unser Mittagessen einzunehmen. Diese Insel

schien uns der schönste Fleck zu sein, den wir auf der Oberfläche

dieser Erde gesehen hatten. Sie war grün bewachsen mit Gras,

Heidekraut, Säuregras, Blumen in verschiedenen Farben etc. Oben auf

der Höhe fanden wir zwei Ruinen von Eskimobehausungen, und dort war

die Vegetation besonders üppig, und wir empfanden ein ungeheures

Wohlbehagen, als wir uns in dem hohen Gras ausstrecken und von der

brennendheißen Sonne bescheinen lassen konnten. Wir genossen diese süße

Ruhe eine kurze Weile, dann pflückten wir uns einige Blumensträuße zur

Erinnerung an dies kleine grönländische Idyll, bestiegen unsere Böte

und setzten die Reise gen Norden fort.

Die Küste, an der wir bis dahin entlang gefahren waren, zeichnet sich

eigentlich nicht durch besonders schöne Formationen aus. Sie ist

niedrig, einförmig und kahl. An den meisten Stellen gehen der Schnee

und die Gletscher bis hart an die See hinab, und wie man auch aus der

Karte ersehen kann, ragen nur verhältnißmäßig wenige graue Felsen aus

dem Schnee empor. Nachdem wir an jenem Nachmittag den Eingang zu Mogens

Heinesens Fjord passirt hatten, der von einer schönen Reihe wilder

Bergzinnen umgeben ist, kamen wir an eine ganz neue Landschaft. Hier

reichen nirgends Schneefelder und Eisgletscher bis an das Meer, überall

ist das Land frei, die Felsen ragen oft in bedeutender Höhe empor,

und nach dem Lande zu -- besonders im Norden -- trifft man überall

die herrlichsten Gebirgslandschaften, in denen sich wilde Gipfel und

Zinnen dicht nebeneinander erheben. Alles hier in der Welt ist relativ,

und dies gilt wohl nicht im geringsten hier, wo es uns vorkam, als

wenn wir in fruchtbare Gegenden gelangt seien. Sommergedanken und

Sommerstimmungen bemächtigten sich unserer Seele mitten zwischen

dem Treibeis, als wir jetzt an der Küste statt des ewigen Eises und

Schnees kahle Felswände erblickten. Der Uebergang hätte kaum fühlbarer

sein können, wenn wir jetzt plötzlich in die fruchtbarste Gegend

gekommen wären. Im Norden winkte und lockte die blauende Bergreihe des

Tingmiarmiuts-Landes, als sei dort das gelobte Land.

[Illustration: Ein großer Eisberg östlich von Nagtoralik.

(Nach einer Photographie.)]

Je nördlicher wir gelangten, desto häufiger wurden die großen Eisberge,

die hier an der Küste zum Theil bis an den Grund reichten. Gegen Abend

erblickten wir östlich von Nagtoralik einige weiße Spitzen, die über

den Horizont hinausragten. Sie hatten eine so eigenthümliche Form,

daß ich mir lange nicht darüber klar werden konnte, bis ich endlich

entdeckte, daß es die Zinnen eines kolossalen Eisberges waren, der eine

so phantastische Form hatte, wie ich sie noch niemals gesehen. Ich

machte eine photographische Aufnahme davon, die Entfernung war jedoch

so beträchtlich, daß das Bild bei weitem nicht den überwältigenden

Eindruck wiedergiebt, den der Eisberg auf uns machte, als wir in seine

Nähe kamen. Zu oberst ragten zwei Spitzen gleich schlanken Kirchthürmen

hoch in die Luft empor. Oben an der hohen, lothrechten Wand quer

durch das Feld befand sich ein großes Loch, und unten hatte die See

so große Grotten ausgehöhlt, daß ein kleines Schiff bequem unter das

Eisdach gehen konnte. In diesen Grotten sahen wir ein wunderbares

Farbenspiel von Blau bis zu dem tiefsten Ultramarin. Es sah aus wie

ein schwimmender, aus Saphiren gebauter Feenpalast, und ringsumher

rieselten Bäche und bildeten kleine Wasserfälle, die sich an den Seiten

herabstürzten, während aus den Grotten unaufhörlich der Laut tropfenden

Wassers zu uns heraufdrang. Es war Schönheit, aber von einer fremden

Natur, sie machte die Gedanken zu den geheimnißvollen Märchenlanden der

Kindheit zurückschweifen.

Nachdem wir in der Dunkelheit eine Weile nach einem Lagerplatz gesucht

hatten, legten wir gegen Abend an einer Insel an, die auf dem 62° 25′

N. Br., 42° 5′ W. L. liegt.

Wie gewöhnlich wurden die Böte geleert und dann ans Land gezogen.

Dies war vielleicht derselbe Platz, der einer ostgrönländischen Sage

zufolge der Schauplatz eines Kampfes zwischen einem Europäer und einem

Grönländer gewesen sein soll.[76]

Am nächsten Morgen -- den 2. August -- ruderten wir weiter und wollten

gerade über den Fjord, nördlich von der Insel +Uvdlorsiutit+ setzen,

kamen aber sehr bald in dichtes, undurchdringliches Eis hinein. Wir

mußten abermals umwenden, um auf das Land zuzusteuern und uns an der

Küste des Fjords entlang fortzuarbeiten. Da das Eis noch immer sehr

dicht zu sein schien, überlegten wir, ob es nicht besser sei, durch den

Sund, zwischen dem Festland und der eben erwähnten Insel, zu gehen, als

wir auf deren Südspitze Eskimozelte entdeckten. Wir landeten, um uns

nach dem nördlichen Fahrwasser zu erkundigen, waren aber nicht wenig

überrascht, als wir am Strande von einer Schar Frauen und fast völlig

nackter Kinder empfangen wurden, die wir als unsere Freunde vom Kap

Bille wiedererkannten. Sie lachten aus vollem Halse und erzählten, sie

seien an uns vorübergefahren, während wir schliefen, -- wahrscheinlich

am vorhergehenden Morgen. Sie hatten ihre Zelte auf einem gemüthlichen

kleinen mit Gras und Heidekraut bewachsenen Platz aufgeschlagen.

Nur ein Mann war zu erblicken, er stand eben bei dem einen Zelt und

besserte seinen zerbrochenen Kajak aus. Alle anderen Männer und Kajaks

waren verschwunden, -- wahrscheinlich waren sie auf Jagd aus, um sich

Nahrung zu schaffen.

Wir fragten nach dem Fahrwasser auf der Innenseite der Insel, aber

sie bedeuteten uns, daß wir auf der Außenseite bleiben müßten, ja man

wollte uns sogar weismachen, daß die Straße so schmal sei, daß man

unmöglich hindurchfahren könne. Dies war indessen eine Lüge, da +Holms+

Expedition mehrmals diesen Weg genommen hatte. Der Sicherheit halber

ruderten wir jedoch um die Insel herum und kamen in ziemlich gutes

Fahrwasser. Das Eis lag freilich in der Nähe der Landzungen überall

recht dicht, aber wir drangen hindurch und schlüpften am Lande entlang

fort.

Nach Mittag erreichten wir die Nordseite der Insel +Uvdlorsiutit+,

wo wir eine ganz merkwürdige Grotte fanden, die tief in den Felsen

hineinging.

Am Abend, als wir die Insel +Ansivit+ passirten an der nördlichen Seite

des Tingmiarmiut-Fjords, vernahmen wir in der Ferne vom Lande her einen

Chor heulender Hunde, woraus wir schlossen, daß sich ein Eskimolager

in der Nähe befinden müsse. Wir hatten aber keine Zeit, Besuche zu

machen, und zogen deshalb weiter, bis wir am Abend an einer Insel bei

+Nunarsuak+ (62° 43′ N. Br.; 41° 49′ W. L.) gelangten.

Am Morgen des folgenden Tages (den 3. August) wehte ein so frischer

Wind vom Lande her, daß wir beschlossen, unsere Segel aufzuspannen,

die in aller Eile aus dem Zeltboden für das eine Boot und aus zwei

zusammengenähten Persennings für das andere Boot hergestellt wurden. Im

Anfang ging es schnell nordwärts; es war eine reine Lust, wenn das Boot

sich auf die Seite neigte, mit dem Winde dahinzusausen durch das enge

Fahrwasser zwischen den Eisschollen, wo man genau acht geben mußte,

um nicht anzustoßen. Wir hatten jedoch noch nicht lange gesegelt, als

das Vergnügen anfing, ein recht zweifelhaftes zu werden. Die Windstöße

wurden heftiger und gingen in eine nördliche Richtung über. Bald hatten

wir den Wind uns derartig entgegen, daß wir die Segel nicht mehr führen

konnten.

[Illustration: Das Land nördlich von der Mündung des Tingmiarmiutfjords.

(Nach einer Photographie.)]

Wir ruderten nun eine Weile und gelangten an die hohe, steile Insel

Umanarsuak, von deren Bergen der Wind mit einer solchen Heftigkeit

herabstürmte, daß wir unsere liebe Noth hatten, das Boot vorwärts

zu zwingen. Es wurde schlimmer und schlimmer, zuweilen mußten wir

das Boot an den Eisschollen entlang ziehen, um es nur vorwärts zu

bekommen, und einmal waren wir nahe daran, in dem vom Sturm heftig

erregten Eis zerschellt zu werden. Die beiden Böte hatten sich bis

dahin einigermaßen zusammengehalten, nun aber nahm die Sache einen

ernsteren Charakter an. Niemand hatte mehr Zeit, auf den Andern zu

achten, Jeder mußte sich helfen, so gut er konnte. Gerade als es am

schlimmsten aussieht, holt einer der Leute in meinem Boot so kräftig

aus, daß sein Ruder am Schaft abbricht. Wir haben keine Reserveruder

mehr im Boot, sie sind alle im Eis zerbrochen. Hier ist aber keine

Zeit zu verlieren; wir mußten mit dem halben Ruder weiterarbeiten und

nur um so kräftiger zugreifen. Zuweilen fallen die Windstöße jedoch so

heftig über uns her, daß wir trotz aller unserer Kraftanstrengungen

zurückgedrängt werden. Da springt eine Dolle! Das war weit schlimmer

als das erste Mißgeschick, denn das Ruder hängt in einer Strippe, die

nur an einer Dolle befestigt ist, und alle anderen Ruderplätze sind

belästigt. So schnell es sich machen läßt, wird der Schaden reparirt,

und wir entgehen auch diesmal glücklich der Gefahr. Langsam aber mit

ziemlicher Sicherheit schrammen wir mit Aufbietung aller unserer Kräfte

am Lande entlang. Da kommen wir an eine Eisscholle; die Fangleine in

der Hand, springt +Dietrichson+ hinauf, um das Boot daran entlang zu

ziehen. In seinem Eifer bemerkt er jedoch nicht, daß er auf eine hohle,

vorstehende Eiskante springt, die mit ihm zusammenbricht, so daß er

kopfüber ins Wasser fällt. Dies war nun freilich nichts Ungewöhnliches

für uns, aber zu einem ungelegeneren Zeitpunkt konnte es kaum

geschehen. Gewandt und voller Geistesgegenwart wie er ist, kommt er

jedoch gleich wieder hinauf, und wie gewöhnlich ohne sich zu ergeben,

ergreift er abermals die Fangleine und zieht nun das Boot vorwärts;

-- -- die Arbeit hielt ihn warm, sonst wäre es wohl kaum zu ertragen

gewesen in diesen triefend nassen Kleidern und bei dem schneidenden

Wind. So etwas focht +Dietrichson+ jedoch niemals an.

Auch an dieser Eisscholle kamen wir glücklich vorüber, aber der Wind

hatte so zugenommen, daß wir nur noch mit der größten Anstrengung

vorwärts kommen konnten; die beiden Ruderer arbeiteten jedoch

meisterhaft mit den Ruderstummeln, die uns noch geblieben waren. Als

+Dietrichson+ das Boot mit einem Bootshaken von einer Eisscholle

abstoßen wollte, sprang der Haken, und es fehlte nur wenig, so wäre er

abermals über Bord gefallen. Wir hatten heute merkwürdig viel Unglück.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 23 / 25 段