Das Haar der Eskimos ist rabenschwarz. Bei den Männern wird es oft

mit einer Perlenschnur aus der Stirn gehalten und fällt frei über die

Schultern herab. Man hält es für gefährlich, etwas von seinem Haar zu

verlieren. Bei Einzelnen, die keine Perlenschnur besitzen, wird es

über den Augen oder um den ganzen Kopf herum mit den Kiefern eines

Eishaies beschnitten, denn infolge ihres Aberglaubens darf Eisen unter

keiner Bedingung mit dem Haar in Berührung kommen. Eigenthümlich ist

die Sitte, welche erheischt, daß ein Mann, der in seiner Jugend sein

Haar beschnitten hat, sein ganzes Leben lang damit fortfahren und

dabei viele Formalitäten beobachten muß. Die Frauen binden das Haar am

Hinterkopf in einem Knoten auf, der mit einem Stück Fell umwickelt wird

und so steif wie möglich vom Kopf abstehen muß. Dies gilt natürlich

besonders für die jungen, unvermählten Damen, und um es zu erreichen,

ziehen sie das Haar so stramm aus der Stirn und den Schläfen, daß

es zuletzt ausfällt und sie in sehr jungem Alter kahl werden -- ein

solcher Kopf ist keineswegs ein schöner Anblick --, aber dann sind sie

meistens schon längst verheirathet und versorgt, und da hat es ja keine

Noth mehr. Für eine Eskimodame, die zur guten Gesellschaft gehört, ist

es ebenso nothwendig, das Haar aus der Stirn zu ziehen wie für eine

europäische Weltdame, daß sie sich schnürt. Sie sind sich insofern

gleich, nur ist die Neigung der Eskimos weit unschuldiger und bedeutend

weniger schädlich, als die der europäischen Damenwelt.

In dem Zelt, in welchem wir uns befanden, hatten die Frauen

durchgehends schönere, oder richtiger gesagt, weniger häßliche

Gesichter als die Männer, die freilich auch gut und freundlich

aussahen. Sie waren wie gewöhnlich bartlos mit Ausnahme eines Einzigen,

der einen kleinen dünnen schwarzen Bart über der Oberlippe hatte.

Als wir eine Weile dagesessen hatten, erhob sich einer der Väter des

Zeltes und ging hinaus. Nach einer Weile kehrte er wieder mit einem

langen Fangriemen von Seehundshaut zurück, den er, auf der Pritsche

sitzend, auseinander zu rollen begann. Ich betrachtete diese Anstalten

ganz verwundert, da ich nicht begreifen konnte, was er damit wollte;

dann aber zog er ein Messer hervor und schnitt ein großes Stück ab,

das er einem von uns überreichte. Dann schnitt er ein ebenso großes

Stück ab, das er einem Anderen von uns gab, und so weiter, bis wir alle

Sechs unser Ende erhalten hatten. Als diese Arbeit beendet war, sah er

uns lächelnd an, äußerst zufrieden mit sich und mit der ganzen Welt.

Darauf erhob ein Anderer sich, ging hinaus und kam mit einem Stück

Seehundsriemen zurück, das uns auf ähnliche Weise zertheilt wurde,

ein Dritter, ein Vierter und ein Fünfter folgten seinem Beispiel, bis

wir Alle eine ganze Anzahl von Seehundsfellriemen hatten. Die armen

Menschen gaben uns das Beste, was sie hatten, in dem Glauben, daß wir

Gebrauch davon machen könnten. Es waren Fangriemen, vermittelst welcher

man die Fangblase an den Harpunenspitzen befestigt, da sie auffallend

stark sind.

Nachdem diese Mildthätigkeit beendet war, saßen wir eine Weile

schweigend da und sahen einander an. Ich wartete, daß sie ein

Zeichen machen würden, um anzudeuten, daß sie Gegengeschenke von

uns erwarteten. Nach einer Weile erhob sich auch der Erste und kam

mit etwas zum Vorschein, das er augenscheinlich wie ein seltenes

Kleinod bewahrte. Es war nichts Geringeres als eine alte, verrostete,

schwerfällige Büchse mit dem merkwürdigsten Hahn, der mir je vor Augen

gekommen ist. Er bestand aus einem großen Stück Eisen, in das ein Loch

gebohrt war, wohinein man den Finger steckte, um den Hahn zu spannen.

Wie ich später erfuhr, war dies die Form der Büchsen, die gewöhnlich

auf Grönlands Westküste verwendet und die speciell zur Benutzung

in den Kajaks angefertigt werden. Nachdem er uns das Kuriosum mit

großem Stolz gezeigt hatte und nachdem wir pflichtschuldigst unserer

Bewunderung Ausdruck gegeben hatten, machte er einige sehr bezeichnende

Geberden, daß er nichts habe, was er dahinein thun könne. Ich that eine

Weile, als verstehe ich seine Absicht nicht, als dies aber nicht länger

anging, mußte ich ihm begreiflich machen, daß ich keine Munition für

seine Büchse habe. Er setzte ein sehr enttäuschtes, trauriges Gesicht

auf und verwahrte die Büchse wieder. Merkwürdigerweise äußerte keiner

der Anderen den Wunsch, daß sie irgend eine Erstattung für das uns

Geschenkte wünschten. Sie waren die personifizirte Gastfreundschaft

und Liebenswürdigkeit, aber auch sie hatten sicher den Hintergedanken,

daß sie Bezahlung für ihre Gaben erhalten würden, was auch

selbstverständlich am nächsten Tage der Fall war.

Die Gastfreundschaft bei diesen Menschen an der öden Küste Ostgrönlands

kennt übrigens keine Grenzen: selbst ihren ärgsten Feind können sie gut

behandeln und mehrere Monate bei sich behalten, wenn die Verhältnisse

ihn zu ihnen führen. Die Natur und ihr Nomadenleben hat sie gezwungen,

Gastfreundschaft zu üben und anzunehmen, und diese Tugend ist bei ihnen

ein Gesetz geworden.

Als wir uns so lange im Zelte aufgehalten hatten, wie wir wünschten,

was in Bezug auf einige der Gefährten, wie bereits erwähnt, nicht allzu

lange war, begaben wir uns wieder ins Freie.

Wir suchten uns einen Lagerplatz auf einer Fläche in der Nähe des

Landungsplatzes aus und brachten unsere Habe ans Ufer. Sofort stürzte

eine Schar von Eskimos auf die Böte, und unzählige Hände griffen

diensteifrig zu, um unsere Kisten und Säcke den Berg hinauf zu tragen.

Jeder Gegenstand wurde mit Ausrufen des Staunens betrachtet, man

lachte und amüsirte sich königlich. Besondere Freude und Bewunderung

erregten die großen, blanken Blechkasten, in denen wir zum Theil unsern

Proviant aufbewahrten, sie gingen von Hand zu Hand, wurden genau

untersucht und an allen Ecken und Kanten befühlt.

Bald waren die Böte leer, und wir wollten sie hinaufziehen, aber sofort

griffen Alle zu. Man warf die Fangleine ans Land, und nun zogen wohl

20-30 Mann, die in einer langen Reihe an den Berg hinauf standen, um

das leere Boot ans Ufer zu bringen. Das war ein Vergnügen! Und als

einer von uns auf gewöhnliche Seemannsart anfing zu singen: „Alle Mann

auf einmal hoi! o hoi!“ -- da erreichte die Freude ihren Höhepunkt,

man stimmte mit ein und lachte, Groß wie Klein, so daß man fast nicht

mehr ziehen konnte. Wir waren ihrer Ansicht nach sicher höchst amüsante

Geschöpfe. Bald waren die Böte oben, und wir konnten unser Zelt

aufschlagen. Dies mußten sie sehen, denn nichts interessirt die Eskimos

so wie das, was sich mit ihrer eigenen Lebensweise berührt, wie z. B.

das Zelt, die Böte und dergl. Das Merkwürdige hierbei erscheint ihnen

nämlich nicht überwältigend, das können sie begreifen, und so konnten

sie zur Genüge die schnelle Art und Weise bewundern, mit der wir unser

kleines Zelt aufschlugen, das so weit einfacher war wie ihre großen,

komplizirten Fellzelte, dagegen jedoch lange nicht so warm.

Auch unser Anzug erregte natürlich ihr Staunen, besonders schien die

Kleidung der Lappen ihren Beifall zu haben. Die hohen viereckigen

Mützen mit den vier Hörnern und ihre weiten, hemdähnlichen Kittel mit

rothen und gelben Kanten, -- das war etwas ganz Merkwürdiges! -- Wie

stieg aber das Staunen, als sie sich am Abend in ihren Rennthierwämsern

zeigten! Da mußten sie Alle hin und sie befühlen und an den Haaren

dieses wunderlichen Felles zupfen, denn so etwas war ihnen noch niemals

vorgekommen; dies war ja kein Seehundsfell, kein Bärenfell, auch kein

Fuchsfell, -- sollte es etwa Hundefell sein? Auf die heulenden Hunde

zeigend, fragten sie mit Zeichen und Gebärden, ob es dergleichen sei,

aber das war nicht der Fall, und damit war ihre Phantasie erschöpft.

+Balto+ redete und machte mit den Händen einige sehr bezeichnende

Bewegungen über den Kopf, die das Geweih der Rennthiere vorstellen

sollten, aber nein, -- hier stand ihr Verstand still. Rennthiere hatten

sie augenscheinlich niemals gesehen, diese kommen an dem Theil von

Grönlands Ostküste, wo sie leben, nicht vor.

[Illustration: Ein Eskimoknabe von Kap Bille.

(Nach einer Photographie.)]

Wir vertheilten unsere Rationen und nahmen unsere Abendmahlzeit vor der

Zeltthür ein, umgeben von einem großen Publikum. Dort standen Männer,

Weiber und Kinder in dreifachem Kreise, aufmerksam beobachtend, wie

jeder Bissen Biskuit zum Munde geführt wurde.

Wir konnten es nicht beachten, daß ihnen bei diesen Leckerbissen das

Wasser im Munde zusammenlief, denn wir hatten nicht mehr Brot, als wir

selber gebrauchten, und wenn wir an alle diese austheilen wollten,

so hätten wir tief in den Brotkasten greifen müssen: angenehm war es

freilich nicht zu essen, während so viele Blicke jeden Bissen trocknen

Biskuits förmlich verschlangen. Als wir gegessen hatten, gingen wir

ein wenig umher und sahen uns im Lager um.

Unten am Strande lag eine Anzahl Kajaks sowie ein paar Frauenböte, die

für mich natürlich ein großes Interesse hatten. Besonders einer der

Männer war sehr eifrig bemüht, mir alles zu zeigen. Jeder Gegenstand,

auf den mein Auge fiel, wurde mir sofort durch Gebärden erklärt. Vor

allen Dingen war ihm sehr daran gelegen, mir seinen Kajak zu zeigen,

der schön mit Knochen verziert war, und alle seine Waffen, die sich

in gutem Stand befanden und reich mit Knochenschnitzereien geschmückt

waren. Sein größter Stolz war jedoch seine Harpune, die, wie er mir

triumphirend zeigte, eine lange Spitze aus dem Zahn eines Narwals

hatte. Er erklärte mir auch sehr anschaulich, wie das Wurfbrett

benutzt wird, und wie die Harpune vermittelst derselben mit größerer

Kraft geschleudert werden kann. Auf seine Waffen und seinen Kajak ist

übrigens jeder Eskimo stolz und auf ihre Verzierung legt er großes

Gewicht.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, die Nacht war hereingebrochen

und das wunderbar Märchenhafte dieser ganzen Scene und dieser Menschen,

die an allen Ecken und Kanten von Eis und Schnee umgeben sind, trat

jetzt nur noch mehr hervor.

Dunkle Gestalten bewegten sich auf dem Berge hin und her, am

eigenthümlichsten nahm sich die Silhouette der Frauen aus, die ihre

Kinder in den Amauten[75] trugen, sie sahen aus, als trugen sie große

Buckel auf dem Rücken. Durch die dünnen Darmvorhänge drang aus jedem

Zelt ein röthlicher Schimmer, welcher der Scenerie einen eigenartigen

Anstrich von Gemüthlichkeit und Wärme verlieh, und der die Gedanken

weit fortschweifen ließ. Er glich dem Schein von bunten Papierlaternen

und erinnerte unwillkürlich an illuminirte Gärten und Sommerfeste

in der Heimath. Aber hinter diesen Vorhängen lebte ein sorgloses,

glückliches Volk, das vielleicht mindestens ebenso glücklich war, wie

manche Völker jenseits des Oceans.

Es wurde allmählich Zeit, unsere Kojen aufzusuchen. Wir bedurften der

Ruhe gar sehr, denn in den letzten vierundzwanzig Stunden hatten wir

nur wenig Schlaf bekommen. Wir breiteten unsere Schlafsäcke auf den

Boden des Zeltes und rüsteten uns zum Schlafengehen. Dieser Prozeß war

abermals von größtem Interesse für die Eskimos, es sammelte sich sofort

ein dichter Kreis von Zuschauern um unsere Zeltthür. Ich muß gestehen,

es waren nicht Männer allein, -- auch das schöne Geschlecht war sehr

stark vertreten; es schien sie nicht im mindesten zu geniren, daß wir

ein Kleidungsstück nach dem andern ablegten, bis wir schließlich fast

ganz entblößt dastanden. Aber was sollten wir nur anfangen? Es würde

nicht sehr höflich gewesen sein, wenn wir die Damen gebeten hätten zu

verschwinden; und wenn wir ihnen hätten auseinandersetzen wollen, daß

es nach unseren Begriffen sehr anstößig sei, wenn Damen beim Auskleiden

der Herren zugegen sind, so würden wir, falls es uns überhaupt

gelungen wäre, uns verständlich zu machen, sicher ihr Staunen und ihre

Entrüstung hervorgerufen haben: auf der anderen Seite war es doch

zuviel verlangt, daß wir aus diesem Grunde ganz auf unsere Nachtruhe

verzichten sollten. Also gingen wir mit Todesverachtung an unser Werk.

Große Heiterkeit erregte es, als wir schließlich in unsere Schlafsäcke

krochen und ein Körper nach dem andern verschwand, bis von der ganzen

Expedition nichts als sechs Köpfe mehr sichtbar war; -- dann wurde die

Zeltthür zugezogen und gute Nacht gesagt!

[Illustration: Eskimo von Kap Bille. (Nach einer Photographie.)]

Diese Nacht konnten wir ruhig und ohne Wache schlafen, und wir

schliefen gut trotz Hundegeheul und Spektakel. Erst spät am Morgen

erwachten wir und hörten die Eskimos, die sich draußen geschäftig hin-

und herbewegten. Durch die Spalte in der Zeltthür konnten wir sie

sehen, wie sie ungeduldig auf- und niedergingen, voller Erwartung,

daß die Zeltthür sich öffnen würde, damit sie ihre Augen wieder an

all dem Wunderbaren dadrinnen weiden könnten. Wir sahen, daß sie

heute -- wahrscheinlich uns zu Ehren -- ihre besten Kleider angelegt

hatten. Ihre reinen weißen Ueberziehjacken oder Hemden aus Darmhäuten

leuchteten aus der Ferne wie weiße Leinewand, und sie wandelten auf

und ab, sich an ihrer eigenen Pracht ergötzend. Bei unsern Böten stand

eine ganze Versammlung, Einige von ihnen waren hinaufgeklettert,

Andere von ihnen standen ringsumher, und jeder einzelne Gegenstand,

jeder Eisenbeschlag wurde befühlt und untersucht; nichts aber wurden

beschädigt. Dann wurde die Zeltthür geöffnet, und sofort scharten sich

mehrere Kreise von Zuschauern um dieselbe, einer hinter dem anderen,

man stellte sich auf die Zehen, sie standen Kopf an Kopf da, um zu

sehen, wie wir in unsern Säcken lagen, wie wir herauskrochen, und wie

jedes einzelne Kleidungsstück angelegt wurde. Das größte Staunen und

die größte Verwunderung erregte ein bunter Gürtel, den +Kristiansen+

trug, und der mit strahlend bunten Perlen geschmückt und mit einer

großen Messingschnalle auf dem Magen geschlossen war. Diesen Gürtel

mußten sie in die Hand nehmen, nach allen Richtungen hin befühlen, und

dann fingen sie natürlich wieder an, zu brüllen wie Kühe. Nachdem er

seine Jacke angezogen hatte und vor dem Zelte stand, kam sogar ein Mann

auf ihn zu, hob die Jacke in die Höhe, um den Gürtel zu sehen. Dann

wurde unser Frühstück, das aus Biskuits und Wasser bestand, in tiefem

Schweigen vor ihren Augen verzehrt, geradeso wie am vorhergehenden

Abend.

[Illustration: Eskimo von Kap Bille.

(Nach einer Photographie.)]

Nachdem wir gegessen hatten, machten wir einen Spaziergang ins Freie.

Wir hatten uns vorgenommen, unser Leben an diesem Morgen ein wenig zu

genießen und uns die Menschen genauer anzusehen, ehe wir weiter fuhren.

Ich versuchte, unbemerkt eine photographische Aufnahme von dem

doppelten Zuschauerkreis, der unsere Zeltthür umringte, zu machen, als

ich aber den Apparat auf sie richtete, wurden Einige von ihnen auf mein

Thun aufmerksam, und nun stoben sie auseinander, als fürchteten sie,

daß eine Gewehrsalve oder irgend eine andere Zauberei aus dem Apparat

herausfahren werde. Gleich darauf machte ich einen Versuch, eine

auf dem Berge sitzende Gruppe zu photographiren, aber mit demselben

Resultat. Endlich wandte ich das Gesicht ab, that als beschäftige ich

mich mit etwas ganz anderem, wodurch ich ihre Aufmerksamkeit theilweise

ablenkte, und nun gelang es mir wirklich, einige Aufnahmen zu stande zu

bringen.

Darauf machte ich einen Rundgang durch das Lager mit meinem

photographischen Apparat. Vor einem kleinen Zelt, das abseits ganz für

sich lag, traf ich eine ungemein freundliche Dame, die augenscheinlich

die Hausfrau der Zeltfamilie war. Sie war verhältnißmäßig jung,

hatte ein sympathisches Aeußeres, ein lächelndes Antlitz mit zwei

schrägeliegenden schmeichelnden Augen, die sie auf eine höchst kokette,

anziehende Weise zu benutzen wußte; ihre Kleidung war zwar nicht

sehr elegant, was seinen Grund wohl darin hatte, daß sie bereits

verheirathet und versorgt war. Auf dem Rücken in der Amaute trug sie

ein kleines, schwarzes Kind, an dem sie große Freude zu haben schien;

gleich vielen der anderen Mütter war sie eifrig bemüht, das Kind dazu

zu bewegen, seine dunklen Guckäuglein aufzusperren und meine Wenigkeit

anzuschauen. Dies war auch eine Art und Weise, sich beliebt zu machen;

wir verkehrten überhaupt sehr gemüthlich miteinander, und es gelang

mir, unbemerkt einige Bilder aufzunehmen. Dann kam der Hausherr aus dem

Zelt und schien keineswegs überrascht zu sein, als er seine Gattin in

einem ~tête à tête~ mit einem fremden Herrn antraf. Er hatte offenbar

geschlafen, und da ihn das helle Tageslicht zu blenden schien, setzte

er sich einen Schirm oder vielmehr eine große hölzerne Schneebrille

über die Augen. Er war ein starkknochiger, treuherzig aussehender

Mann; gegen mich war er sehr freundlich und zeigte mir viele seiner

Sachen, besonders schien er sehr stolz auf seine Kajakmütze zu sein,

die ich absolut aufsetzen mußte, während er ohne weiteres meine Mütze

auf seinen Kopf setzte. Dies alles war mir sehr wenig angenehm. Ferner

zeigte er mir sein Frauenboot und noch mancherlei anderes, bis ich

weiterzog.

[Illustration: „Sie war verhältnißmäßig jung, hatte ein sympathisches

Aeußeres -- --“

(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]

Wir blickten auch durch die Thüren verschiedener Zelte. In dem einen

waren zwei junge Mädchen damit beschäftigt, eine große Möve aus einem

Kochtopf zu ziehen und zu verzehren, indem sie Jede an einem Ende

anbissen und vor lauter Wohlbehagen über das ganze Gesicht lachten. Der

größte Theil der Federn saß noch an dem Vogel, aber das schien nichts

zur Sache zu thun, sie spuckten sie wahrscheinlich wieder aus.

[Illustration: Da kam der Hausherr aus dem Zelt.

(Nach einer Photographie.)]

Einige Frauen hatten bemerkt, daß die Lappen Quickgras in ihren

Komagen trugen, und nun kamen sie mit großen Vorräthen für Jeden von

uns herbeigeschleppt, wobei sie sehr kokett lächelten. Wir dankten

natürlich verbindlichst, indem wir unsererseits huldvoll lächelten.

Da machten sie uns Zeichen, ob wir ihnen nicht dafür einige Nähnadeln

schenken wollten. Dies hätte ich nun ganz gut thun können, da ich

allerlei dergleichen mitgenommen hatte, in der Absicht, es als

Tauschmittel zu verwenden, wohl wissend, daß man an der Ostküste von

Grönland großen Werth auf so etwas legt. Es war jedoch meine Absicht,

es für eine eventuelle Ueberwinterung aufzubewahren, wo es mir sehr

zu statten kommen würde. Statt dessen schenkte ich ihnen aber einen

Blechkasten, der hermetisch verschlossene Sachen enthalten hatte. Sie

waren ganz außer sich vor Freude darüber, ihre Augen glänzten und sie

sprangen im Kreise umher, um den Anderen ihren Schatz zu zeigen. Das

Quickgras war uns sehr willkommen, denn das der Lappen ging bereits

auf die Neige, und ohne Gras in ihren Schuhen fühlen diese Menschen

sich unbehaglich. Im übrigen hatten sie allerlei an dem Quickgras der

Eskimos auszusetzen; es war nicht zur rechten Jahreszeit gesammelt und

nicht frisch geschnitten. Es nützte nicht, ihnen auseinanderzusetzen,

daß die Eskimos in der Regel keine größeren Vorräthe einzusammeln

pflegen, als nothwendig ist.

[Illustration: Eskimolager auf Kap Bille. (Von E. Nielsen nach einer

Photographie.)]

Aber nun wurde es bald Zeit für uns, aufzubrechen. Wir fingen

allmählich an, unsere Vorbereitungen hierzu zu treffen. Da kam ein Mann

und befragte uns durch Zeichen, ob wir nordwärts zu fahren gedächten.

Als wir dies bejahten, klärte sein Antlitz sich plötzlich auf, denn

auch er und seine ganze Sippschaft wollten gen Norden ziehen. Er lief

sofort zurück, um diese Neuigkeit zu verkünden, und nun entstand

ein reges Treiben in dem ganzen Lager; Europäer und Eskimos machen

sich eifrig daran, ihre Zelte abzubrechen, die Böte ins Wasser zu

setzen und sie zu beladen, während die Hunde um die Wette heulen.

-- Die Bewohner des Zeltes, in welchem wir am vorhergehenden Abend

gewesen waren, wollten gen Süden ziehen, -- ehe wir uns also trennten,

erwiderten wir natürlich die Geschenke, die wir erhalten hatten. Mit

einigen Blechdosen begab ich mich deswegen in das Zelt, wo ich einige

der Männer halbnackt bei der Mahlzeit sitzend fand. Als Jeder von ihnen

eine Blechdose erhalten hatte, waren sie sehr erfreut, und einige von

ihnen zeigten uns, wie sie sie in Zukunft als Trinkgefäße benutzen

wollten. Vor dem Zelt traf ich den Mann mit der Büchse, er drückte mir

abermals seinen Wunsch aus, etwas Pulver zu erhalten, als ich aber eine

Blechdose holte und ihm die gab, beruhigte er sich damit und freute

sich scheinbar sehr.

[Illustration: Der Abschied der Kajakmänner bei Kap Bille. -- --

Mehrere Kajaks flogen pfeilschnell hintereinander gen Süden.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]

Bald waren alle die großen Fellzelte abgebrochen und in die Böte

geschafft. Es war erstaunlich, wie schnell die Eskimos sich zur Abreise

rüsten konnten mit all ihrem irdischen Hab und Gut und ihrem ganzen

Hausstand, aber da waren ja freilich auch viele Hände, die zugreifen

konnten. Wir selber waren auch beinahe reisefertig, als einer unserer

Säcke platzte und ein darin enthaltenes Gefäß mit Salz sich über einen

großen Theil des Proviants ergoß. Dies mußte sofort wieder in Ordnung

gebracht werden, weshalb unsere Abreise sich ein wenig verzögerte

und wir von den Eskimos Abschied nahmen. Zwei Frauenböte gingen gen

Süden, wo gutes Fahrwasser war, während zwei andere Frauenböte bald

darauf in nördlicher Richtung hinter einer Landzunge verschwanden.

Die Kajakmänner zögerten noch. Sie mußten noch etwas gründlicher und

intimer Abschied voneinander nehmen, ehe sie sich -- voraussichtlich

auf mehrere Jahre -- trennten, und nun wurden wir Zeugen der

komischsten Scene, die mir in meinem ganzen Leben vorgekommen ist. Es

waren wohl im ganzen zwölf Kajaks, die sich in schnurgerader Linie

dicht nebeneinander legten, als marschirte eine Rotte Soldaten auf.

Ich wurde auf dies sonderbare Manöver aufmerksam und war gespannt,

was nun kommen würde. Aber ich sollte nicht lange in Ungewißheit

bleiben, den nun wurden die Schnupftabakhörner herausgeholt und gingen

von Mann zu Mann. War das ein Geschnupfe! Man öffnete das Horn und

fuhr sich kräftig damit in die Nasen. Jedes Nasenloch wurde ganz voll

Schnupftabak gepfropft. Es waren mehrere Hörner in Wirksamkeit, und

jedes Horn machte zweimal die Runde. Man kann sich vorstellen, welche

Quantitäten verbraucht wurden. Einige von ihnen niesten derartig, daß

es mich wunder nahm, sie nicht mit ihren Kajaks kentern zu sehen.

Ich wollte eine photographische Aufnahme von dieser Scene machen,

da aber löste sich die Linie auf und ein Kajak nach dem anderen

flog dahin durch das Eis. Es ist Sitte bei den Eskimos der Ostküste,

sich gegenseitig mit Schnupftabak zu traktiren, -- ungefähr wie die

norwegischen Bauern sich gegenseitig in Schnaps zutrinken. In diesem

Fall hatten nur Diejenigen, die aus dem Süden kamen und nach Norden

gingen, etwas, womit sie traktiren konnten. Sie kamen scheinbar von

den dänischen Kolonien am Kap Farvel, während die nach Süden Ziehenden

sich offenbar auf der Reise dorthin befanden. Diese Geschäftsreisen

unternehmen die Eskimos an dieser Küste leider häufig. Sie haben einen

langen Weg bis zu dem Kaufmannsladen, um aus ihrer Heimath dorthin

zu gelangen, gebrauchen Diejenigen, welche am nördlichsten wohnen,

gewöhnlich ein paar Jahre.

Eine solche Geschäftsreise, hin und her, kann also vier Jahre währen,

und man kann sich denken, daß die einzelnen Menschen in ihrem Leben

nicht viele solcher Reisen machen können. Und doch geschieht es

häufig genug, um einen schädlichen Einfluß zu haben. Nun sollte man

annehmen, daß es das Bedürfniß nach einzelnen, ihnen nützlichen Dingen

sei, welche die Eskimos zu diesen Reisen veranlaßte; das ist jedoch

nicht zutreffend, denn die eigentliche Triebfeder ist ihre Sucht nach

+Tabak+. Das Rauchen und Kauen des Tabaks kennt man an der Ostküste

Grönlands nicht, dafür schnupft man aber stärker, als ich es je für

möglich gehalten. Der Tabak wird gewöhnlich in Rollen gekauft, sog.

Holländischer Rollentabak, zerschnitten und getrocknet -- über der

Lampe -- und zwischen zwei flachen Steinen zerrieben. Man vermischt

ihn mit feingestoßenem Kalkspat, mit Quarz oder dergl., um ihn zu

verlängern, einige behaupten, daß dies geschieht, um ihn wirksamer zu

machen (?).

Fußnoten:

[73] Indem die Eskimos den Ankommenden den Landungsplatz zeigen, ihre

Sachen an Land tragen und das Boot auf den Strand ziehen, wie sie es

mit uns thaten, zeigen sie, daß die Fremden ihnen willkommen sind. Ist

dies nicht der Fall, so stehen sie still, ohne sich zu rühren. Vergl.

„Mittheilungen aus Grönland“, 10. Heft, Kopenhagen 1888, Seite 171.

[74] So bezeichnen die heidnischen Eskimos ihre weisen Männer und

Geisterbeschwörer.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 22 / 25 段