und keine abergläubische Furcht hinderte uns, in vollen Zügen die
gewaltige Schönheit dieser zerklüfteten Eismassen zu genießen.
Das Fahrwasser war auch fernerhin verhältnißmäßig gut, und wir kamen
schnell vorwärts. Unser Muth war im Wachsen begriffen, und wir gewannen
mehr und mehr die unerschütterliche Ueberzeugung, daß uns jetzt nichts
mehr hindern könne und solle, unser Ziel glücklich zu erreichen.
Fußnote:
[72] Lieutenant +Garde+ berechnete eine Bewegung von zwei Fuß in 24
Stunden. Schon die Form des Eisgletschers wie seine Haltung beweisen,
daß er völlig lokal ist.
Kapitel XII.
Ein Eskimolager.
[Illustration: Eskimo von Kap Bille.
(Nach einer Photographie.)]
In der Nähe des nördlich vom +Puisortok+ gelegenen Vorgebirge +Kap
Bille+ angelangt, vernahmen wir vom Lande her sonderbare Laute,
gleichsam ein Gemisch von Menschenstimmen und Hundegeheul. Wir hielten
Ausguck und erblickten nun einige dunkle Massen, in denen Bewegung
zu sein schien, und als wir näher hinsahen, zeigte es sich, daß es
Menschenschwärme waren, die an den Felsabsätzen hinauf zerstreut waren
und lebhaft durcheinander sprachen, gestikulirten und auf uns zeigten,
die wir uns ruhig durch das Eis hindurch arbeiteten. Wir entdeckten
nun auch mehrere Fellzelte, die an die Felsen lehnten, und bemerkten
einen sonderbaren Geruch von Thran oder dergl., den der Wind uns vom
Lande her entgegentrug. Obwohl es noch nicht Abend war, konnten wir
der Versuchung nicht widerstehen, diese merkwürdigen, uns unbekannten
Menschen zu begrüßen. In demselben Augenblick, als wir die Böte dem
Lande zuwandten, steigerte sich der Lärm dort erheblich. Man schrie und
rief, man zeigte und eilte zum Strande hinab und auf die Felsklippen,
um besser sehen zu können. Sobald wir bei einigen Eisschollen Halt
machten, die uns den Weg versperrten und zu unseren langen Bootshaken
von Bambusrohr griffen, um uns einen Weg zu bahnen, kannte der Lärm
keine Grenzen mehr, -- man schrie und lachte. Dicht am Ufer kamen uns
einige Eskimos in ihren Kajaks entgegen. Unter ihnen erkannten wir auch
unsere beiden Freunde vom Vormittage. Sie lächelten über das ganze
Gesicht und waren äußerst freundlich, indem sie uns mit ihren kleinen
Fahrzeugen umkreisten, uns den Weg zu zeigen suchten, den wir ebensogut
allein finden konnten, und über unsere starken hölzernen Böte staunten,
die ruhig dahinglitten, ohne sich durch die Eisstücke beirren zu
lassen, die ihre Fellböte zweifelsohne zerschnitten haben würden.
[Illustration: Ein Eskimo-Knabe von Kap Bille.
(Nach einer Photographie.)]
Endlich glitten wir an den letzten Eisschollen vorüber, dem Lande zu,
wo sich unserm Auge in dem jetzt eingetretenen Halbdunkel eine so
phantastische Scene darbot, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Den
ganzen Berg hinauf standen lange Reihen von Gruppen, die aus wunderlich
wilden, zerlumpt aussehenden Menschen, Männern, Frauen und Kindern,
gebildet wurden, alle ungefähr in derselben Tracht. Sie starrten uns
an, zeigten auf uns und stießen dieselben brüllenden Laute aus, die
wir am Vormittage gehört hatten; jetzt klang es geradezu täuschend
wie eine große Kuhherde, die um die Wette brüllt, wenn man am Morgen
die Stallthür öffnet, um ihnen Futter zu bringen. Unten am Strande
erblickten wir eine ganze Anzahl von Männern, die eifrig mit den Armen
in der Luft fochten, um uns einen guten Landungsplatz zu zeigen.[73]
Oben auf dem Berge erhoben sich mehrere gelbbraune Fellzelte, während
Kajaks, Frauenböte und verschiedene Gegenstände über den Strand
zerstreut lagen. Ringsumher auf dem Wasser schwärmten die Kajakmänner,
dazwischen die beiden mit uns Sechs bemannten Böte und als Staffage
der gewaltige Gletscher, das Treibeis und der blutrothe Abendhimmel, --
wahrlich ein Bild höchst eigener Art!
[Illustration: Eskimos von Kap Bille.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]
Da herrschte ein Leben und eine Bewegung, die in wohlthuendem
Widerspruch zu dem öden Schweigen stand, das uns bisher umgeben hatte.
Es währte natürlich nicht lange, bis wir an Land gekommen waren, die
Böte vertaut hatten und uns von den Heiden umringt sahen, die uns
und die Böte erst verwundert betrachteten und uns dann Alle mit dem
freundlichsten Lächeln begrüßten.
Die Sprache der Eskimos hat keinen Ausdruck für „Guten Tag“
oder „Willkommen“, -- ein freundliches Lächeln ist ihr einziger
Bewillkommnungsgruß.
Man sprach auf uns ein und rief uns in die Ohren, daß es klang wie das
Brodeln eines Kessels, -- und doch konnten wir keine Silbe von alledem
verstehen.
Wir schauten ein wenig um uns, -- sie schienen höchst gemüthlich zu
leben mitten zwischen Eis und Schnee, unwillkürlich empfanden wir den
Wunsch, länger bei ihnen verweilen zu dürfen.
Als wir vor dem größten Zelt stehen blieben, aus dem uns ein
gemüthlicher Lichtschein entgegendrang, wurden wir sofort durch Zeichen
aufgefordert, einzutreten. Wir folgten der Einladung und gelangten
durch die äußere Zeltöffnung an einen dünnen, durchsichtigen Vorhang
aus Darmhaut; die eine Ecke derselben wurde zurückgeschlagen, wir
mußten die Köpfe der Niedrigkeit halber senken und traten dann in einen
gemüthlichen Zeltraum ein.
Der Anblick und die Atmosphäre, die uns hier entgegendrang, mußte,
wenigstens auf europäische Augen und Nasen, milde gesprochen, höchst
fremdartig wirken. Ich hatte freilich gehört, daß die Eskimos an der
Ostküste Grönlands in ihren Hütten nur mit einem Minimum von Kleidern
angethan seien, sowie daß in ihren Wohnungen eine wenig angenehme
Atmosphäre herrschen sollte, daß es aber so aussähe und so merkwürdig
röche, hatte ich mir denn doch nicht vorgestellt. An dem Geruch allein
hatte man schon genug. Es war eine ganz eigenthümliche Mischung
von den verschiedenartigsten Ingredienzien. Am durchdringendsten
war der Thrangeruch aus den Thranlampen, dazu aber kamen noch die
verschiedensten Arten von menschlichen Ausdünstungen, sowie Dämpfe
von stinkenden Flüssigkeiten, die in Gefäßen aufbewahrt wurden; --
aus Rücksicht auf den Leser, will ich lieber mit der Beschreibung
innehalten. Man kann sich jedoch bald daran gewöhnen und die Atmosphäre
schließlich ganz angenehm finden; Allen erging es freilich nicht so,
und zwei von den Gefährten verschwanden bald aus dem Zelt.
[Illustration: I. Frauenbeinkleider. II. Männliche, III. Weibliche
Haustracht. IV. Amuletschnur, von Männern getragen. V. Kamik. VI. und
VII. Messer.]
Ich selber fand mich verhältnißmäßig bald zurecht, wenigstens so weit,
daß ich meine Augen gebrauchen und mich in der Wohnung umsehen konnte.
Das Erste, was meine Aufmerksamkeit erregte, war die Unmenge nackter
Körper, die ich rings umher im Zelt sitzen, liegen und stehen sah. Sie
trugen alle ihr „~nâtit~“ (Hausgewand), dies ist aber so klein, daß ein
ungeübtes Auge nicht sonderlich daran hängen bleibt. Es besteht aus
einem schmalen Band um die Lenden, das sich besonders bei den Frauen
auf das allergeringste beschränkt. Von falscher Scham war hier nicht
viel zu entdecken, und daß die Natürlichkeit, mit der man miteinander
verkehrte, uns Europäern, die wir an europäische Sitten gewöhnt waren,
ein wenig befremdend erschien, kann wohl nicht wunder nehmen. Daß
sogar Einzelne von uns errötheten, als wir sahen, wie ein paar junge
Mädchen und junge Burschen gleichzeitig mit uns ins Zelt kamen, sich
ganz ungenirt entkleideten, diese Haustracht anlegten und Platz auf der
Pritsche nahmen, ist wohl ganz erklärlich, wenn man bedenkt, wie lange
wir jetzt ausschließlich mit Männern zwischen Meer und Eis verkehrt
hatten. Besonders den Lappen schien dieser Anblick sehr anstößig zu
sein. Einen eigenthümlichen Eindruck machte es, als eine junge Mutter
sich ihrer Kleider entledigte und ohne weitere Umstände auf ihr Lager
zu ihrem Kinde kroch, das dort ganz nackend lag, um ihm, auf allen
Vieren über dem kleinen Wesen gebeugt, die Brust zu geben. Es war etwas
so rührend Natürliches, so Mütterlich-Zärtliches in dieser Scene, daß
es auf jeden Zuschauer, der nicht von einem verkehrten europäischen
Anstandsgefühl befangen war, einen tiefen Eindruck machen mußte. Sie
lag eine Weile völlig nackend da, dann schien es ihr ein wenig zu kalt
zu werden, denn sie breitete schützend eine Decke aus Seehundsfell, die
hübsch mit dem weißen Fell ungeborener junger Seehunde eingefaßt war,
über sich und das Kind.
Allmählich kamen mehr und mehr Menschen ins Zelt, bis es fast ganz
gefüllt war. Uns war gleich bei unserm Eintritt ein Platz auf einigen
Kisten angewiesen worden, die an dem Darmvorhang an der Vorderseite des
Zeltes entlang standen. Dies ist der Platz, den die Gäste einzunehmen
pflegen, während die Bewohner des Zeltes auf der langen Pritsche oder
der Bank liegen, die sich an der hinteren Wand des Zeltes hinzieht.
Sie ist aus Brettern gemacht und so breit, daß man quer darauf liegen
kann, während sich die Länge nach der Größe des Zeltes und der Zahl der
Bewohner richtet. Sie ist mit mehreren Schichten von Seehundsfellen
bedeckt und auf ihr verbringen die Eskimos ihr Leben in den vier
Wänden, hier sitzen sie, die Weiber gern mit gekreuzten Beinen, hier
arbeiten sie, hier essen, hier liegen, hier schlafen sie.
Die Zelte der Eskimos haben eine ganz eigenthümliche Form. Der
Zeltpfosten besteht aus einem Holzbock, über den lange Stangen in einem
Halbkreis gelegt werden, so daß die Spitzen einander berühren, über
diese wird eine doppelte Schichte von Fellen gebreitet, nach innen
zu Haarfelle, deren Haarseite nach innen wendet, und nach außen zu
Wasserfelle; hierzu werden hauptsächlich alte Felle benutzt, die früher
zu Frauenböten oder Kajaks gedient haben. Die Zeltöffnung befindet sich
unter dem erwähnten Bock, von dem eine Darmhaut herabhängt, die den
Vorhang des Zeltes bildet, wie das oben bereits geschrieben ist.
[Illustration: Besuch in einem Eskimozelt auf Kap Bille. (Von E.
Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
In dem Zelt, in welchem wir uns befanden, wohnten vier oder fünf
verschiedene Familien, -- jede dieser Familien hatte ihren durch
einen Pfosten begrenzten „Stand“ auf der Schlafbank, und dort saßen
Mann, Frau und Kinder auf einem Minimum von Platz. Ein 4 Fuß breiter
Pritschenplatz kann beispielsweise breit genug für einen Mann mit 2
Frauen und 6 Kindern sein. Vor dem Pritschenplatz einer jeden Familie
brannte eine Thranlampe mit breiter Flamme. Diese Lampen sind aus
Stein gefertigt, haben eine halbrunde Form, sind flach und ausgehöhlt
wie eine Schale und ziemlich groß, -- oft einen ganzen Fuß lang. Der
Docht besteht aus trocknem Moos, das flach an die eine Seite der
Lampe gelegt und stets mit frischem Speck genährt wird, der bald zu
Thran zerschmilzt. Es liegt den Frauen ob, diese Lampen in Ordnung
zu halten, und mit einem eigens dazu eingerichteten Stäbchen den
Docht zu putzen, so daß er nicht qualmt, aber auch nicht zu klein
brennt. Ueber diesen Lampen kochen sie diejenigen Speisen, die sie
nicht roh verzehren, in großen Steinkesseln, die von der Zeltdecke
herabhängen. Merkwürdigerweise brennen sie keinen Torf, obwohl dies
Feuerungsmaterial für sie ohne große Schwierigkeiten zu erlangen ist.
In diesem Zelt waren viele Lampen angebracht, über einigen hingen auch
große Kochtöpfe und brodelten. Die Lampen brennen Tag und Nacht. Sie
sorgen für die Heizung und für die Beleuchtung am Abend und während der
Nacht, -- die Eskimos schlafen nämlich nicht im Dunkeln wie wir, --
auch sorgen sie dafür, sich stets mit einem Aroma von Thran zu umgeben,
das auf uns Europäer nicht absolut angenehm wirkt, an das wir uns aber
doch sehr bald gewöhnen können.
Als wir so in einer Reihe auf diesen Kisten saßen und die fremden
Umgebungen betrachteten, machten unsere Wirthe Versuche, uns zu
unterhalten. Man erklärte uns den Zweck jedes Gegenstandes, den wir
betrachteten, theils durch Worte, die wir nicht verstanden, theils
durch Mienen und Bewegungen, aus denen wir uns besser vernehmen
konnten. Auf diese Weise erfuhren wir, daß einige Holzlatten, die unter
dem Zeltdach hingen, zum Trocknen der Kleider bestimmt waren, daß man
in den Kesseln Seehundsfleisch kochte etc. etc. Dann zeigte man uns
verschiedene Gegenstände, auf welche die Besitzer sehr stolz waren.
U. a. öffneten einige alte Frauenzimmer einen Beutel und nahmen ein
kleines Stück holländischen Rolltabaks heraus, ein Mann zeigte uns
ein Messer mit einem langen Knochenschaft. Diese beiden Gegenstände
waren wohl das Merkwürdigste in dem ganzen Zelt, denn sie wurden
mit der größten Ehrfurcht betrachtet. Dann versuchte man, uns die
Verwandtschaft der verschiedenen Zeltbewohner untereinander begreiflich
zu machen. Ein Mann umarmte ein fettes Frauenzimmer, worauf Beide mit
höchst zufriedener Miene auf einige jüngere Individuen zeigten, was
so viel bedeuten sollte, als daß sie Mann und Frau und diese anderen
ihre Kinder seien. Der Mann strich mit der Hand an dem Rücken der Frau
herab und kniff sie in ihr Fett, damit wir sehen sollten, wie schön und
prächtig sie sei, und wie stolz er auf sie war, was sie scheinbar sehr
zu schätzen wußte. Merkwürdigerweise schien keiner der Männer in diesem
Zelt mehr als eine Frau zu haben, sonst ist es an der Ostküste von
Grönland allgemeine Sitte, daß jeder Mann, der ein so guter Fänger ist,
daß ihm seine Mittel diesen Luxus gestatten, sich zwei Frauen hält, --
niemals aber mehr.
Die Männer sind in der Regel sehr gut gegen ihre Frauen, und man kann
sogar sehen, daß Eheleute einander küssen, was freilich nicht auf
europäische Art geschieht, sondern indem die Betreffenden die Nasen
aneinander reiben. Eheliche Streitigkeiten kommen übrigens auch vor,
und da kann es oft böse hergehen; die Uneinigkeit wird in der Regel
dadurch geschlichtet, daß die Frau eine Tracht Prügel oder einen
Messerstich in den Arm oder das Bein erhält, worauf das Verhältniß
ebenso zärtlich zu sein pflegt wie vorher, besonders wenn die Frau
Kinder hat. Zuweilen freilich bekommt auch der Mann bei solchen
Gelegenheiten Prügel; so erzählt +Holm+, daß ein Mann, der zwei Frauen
hatte, sich auf eine Prügelei mit der einen einließ und von ihr gehörig
durchgebläut wurde.
Im ganzen scheint das beste Verhältniß zwischen allen Bewohnern des
Zeltes zu herrschen; gegen uns war man sehr freundlich, lächelte und
lachte und redete ununterbrochen, obwohl man sich längst darüber klar
war, daß wir keine Silbe verstanden. Einer der älteren Zeltbewohner,
der scheinbar einen hervorragenden Platz einnahm, -- wahrscheinlich
ein Angekok,[74] mit einem sehr gewitzten Ausdruck und würdiger Miene
-- machte uns nach großen Anstrengungen durch Zeichen verständlich,
daß Einige von ihnen aus dem Norden gekommen seien und gen Süden
ziehen wollten, während Andere aus dem Süden kämen und nach Norden
zögen, sie wären einander zufällig begegnet, und nun kämen wir, und
das sei doch höchst amüsant. Nun wollte er aber gern wissen, woher
wir kämen; das war weit schlimmer, wir zeigten über das Meer und das
Treibeis hinweg und deuteten, so gut wir es vermochten, an, daß wir
letzteres durchbrochen hätten, daß wir im Süden an das Land gekommen
seien und nun gen Norden zögen. Bei diesem Bericht setzten unsere
neuen Freunde sehr bedenkliche Mienen auf, und nun wiederholte sich
der Chor brüllender Kühe, -- sie betrachteten uns wohl kaum als
natürliche Menschen. So wurde die Konversation fortgesetzt, und wir
unterhielten uns den Umständen nach ganz gut mit ihnen, aber für einen
Unbetheiligten würde die Pantomime, die von uns aufgeführt wurde, einen
sehr ergötzlichen Anblick abgegeben haben.
Ich will nicht gerade behaupten, daß alle die speckglänzenden
Gesichter, die uns hier umgaben, sehr reinlich waren. Von Natur hatten
ja freilich die meisten eine ziemlich gelbliche oder bräunliche Farbe,
wie viel von der Farbe in diesen auffallend dunklen Gesichtern aber
echt war, ist mir nicht ganz klar geworden. In einzelnen Gesichtern --
besonders in denen der Kinder -- hatte sich der Schmutz so festgesetzt,
daß er ganz schwarze Krusten bildete, die an einzelnen Stellen anfingen
abzufallen, und hier sah man die echte Hautfarbe hindurchschimmern. Bei
den Frauen, besonders den jungen, die selbstverständlich hier -- wie
überall -- sehr eitel sind, soll das Waschen nicht zu den Seltenheiten
gehören, ja +Holm+ beschuldigt sie sogar, „sehr reinlich zu sein“. Ohne
mich näher auf diese Wäsche einzulassen, glaube ich, daß es genügt,
wenn ich sage, daß sie als Waschwasser Urin verwenden. Derselbe Stoff
scheint auch ein sehr beliebtes Parfüm zu sein und wird ebenfalls als
Haarwasser benutzt. Dies sind die Schönheitsmittel, mit denen die Damen
sich in jenen Gegenden für die jungen Männer schmücken.
Weshalb der Urin sich eines so großen Ansehens bei den Eskimos erfreut,
daß er zu verschiedenen Zwecken in Gefäßen aufbewahrt wird, hat wohl
seinen Hauptgrund darin, daß er die Fähigkeit besitzt, Fett aufzulösen,
besonders wenn er alt wird, und nur mit Hülfe dieses Mittels ist es
ihnen möglich, ihre eingefetteten Gesichter und Hände, sowie ihre
Kleider zu reinigen, denn Seife hat man hier selbstredend nicht.
Auf Grund seiner fettauflösenden Fähigkeit wird auch alter Urin zum
Zubereiten von Fellen benutzt.
Hat man nichts Besseres zu thun, so giebt es keine beliebtere
Beschäftigung, als sich mit den Händen auf dem Kopfe herumzufahren
und sich bald hier, bald da in dem wahren Urwald von struppigem,
rabenschwarzem Haar zu kraulen. Besonders bei den Männern ist der
Haarwuchs sehr üppig und darf in der Regel wild wachsen, ohne
beschnitten zu werden, -- von Kämmen ist überall keine Rede. Zuweilen
werden förmliche Jagden in diesen schwarzen Urwäldern veranstaltet, und
die Jagdausbeute wird dann gewöhnlich sofort verzehrt. Nach Kapitän
+Holms+ Aussage soll es jedoch häufig geschehen, daß der Fang erst zur
Besichtigung und Bewunderung herumgeschickt und von jedem Einzelnen der
im Zelte Anwesenden besichtigt wird, worauf man ihn dem Eigenthümer
zurückgiebt, der ihn mit sichtlicher Befriedigung verzehrt. Uns war
es leider nicht vergönnt, Zeugen eines so interessanten Schauspiels
zu sein. Uebrigens scheint es, als ob die meisten Menschen in jenen
Gegenden ihre eigenen Koloniebewohner mit sich herumtragen. Als
Eigenthümlichkeit ist zu erwähnen, daß Flöhe bei den eigentlichen
Eskimos gar nicht vorkommen. Dies Ungeziefer können wir Europäer ihnen
noch mitbringen, und auf der Westküste von Grönland ist dies auch der
Fall gewesen, -- dort nennt man die Flöhe europäische Läuse.
Es scheint beinahe, als ob die Eskimos bei diesen ihren Bewohnern
ganz gut gedeihen, denn erstens gewährt ihnen die Jagd eine kleine
Zerstreuung in müßigen Stunden, und dann scheinen ihnen die Thierchen
ganz vorzüglich zu munden, ja sie werden sogar als Leckerbissen
betrachtet.
Zuweilen sollen die Eskimos auch besondere Fangapparate für diese
Thiere konstruirt haben. Sie bestehen aus Holzstöcken, an denen ein
Büschel Hasenwolle befestigt ist, und die vom Halse herab zwischen
die Kleider und die Haut gesteckt werden, wo sie eine Weile sitzen
bleiben. Daß diese Thiere allmählich in diese feine, weiche Wolle
hineinkriechen, ist nicht so unwahrscheinlich, und man soll auf diese
Weise oft einen sehr guten Fang machen können.
Nach allem, was ich hier erzählt habe, muß man zu der Anschauung
gelangen, daß diese Menschen einen äußerst abstoßenden Eindruck machen.
Aber dies ist keineswegs der Fall; -- hat man sich erst über ihre
eigenthümliche äußere Erscheinung hinweggesetzt, beachtet man die
Neigung der Hände, bald in die Nase, bald in die Ohren, bald in das
Haar zu fahren, nicht mehr, vergißt man den Schmutz in ihrem Gesicht,
-- wozu, nebenbei bemerkt, wir Theilnehmer an der Expedition allen
Grund hatten, -- gewöhnt man sich an die Atmosphäre und betrachtet
man ihre Wirthschaftsgegenstände nicht allzugenau, -- so wirken diese
Menschen durchaus anziehend. Man befindet sich sehr wohl in ihrer
Gesellschaft, es ist etwas angenehm Berührendes, Natürliches und Echtes
in ihrem Thun und Sein.
Ob sie hübsch sind? Das ist ja bekanntlich eine Frage, die sehr schwer
zu beantworten ist, da die Auffassung in dieser Hinsicht eine äußerst
verschiedene ist. Wenn wir ein bestimmtes Schönheitsideal, z. B. das
griechische, nehmen, dann ist die Sache bald erledigt. Formen, die nach
+der+ Richtung hingehen, findet man an der Ostküste von Grönland wohl
kaum. Können wir uns aber ein wenig von dem Schönheitstypus lossagen,
den wir von unseren Vorfahren ererbt haben und anbeten und darüber
einig werden, daß schön ist, was uns gefällt, -- da wird die Frage
weit schwieriger zu erledigen sein. Ich glaube, wenn man länger mit
diesem Volk zusammengelebt und sich ein wenig an dasselbe gewöhnt hat,
wird man einige sowohl schön als auch anziehend finden. Uebrigens
giebt es auch Gesichter, die selbst nach europäischem Geschmack hübsch
genannt werden können. So sah ich z. B. eine Frau, die mich lebhaft an
eine gefeierte Schönheit erinnerte, und nicht mir allein fiel diese
Aehnlichkeit auf, auch einer der Gefährten, der die betreffende Dame
kannte, bemerkte sie. Ich bin fest überzeugt, daß die Herren diese
Eskimodame umschwärmen, und sie nicht allein im höchsten Grade pikant,
sondern auch außerordentlich hübsch finden würden, falls sie sich in
eleganter Toilette in einem europäischen Salon zeigte.
[Illustration: Eine ostgrönländische Eskimoschöne in reiferem Alter.
(Nach einer Photographie.)]
In der Regel sind die Gesichter rund mit breiten, vorstehenden
Backenknochen und besonders bei den Frauen sehr fett. Die Wangen
stehen oft vollständig vor und strotzen von Fülle. Die Augen sind
dunkel und liegen ein wenig schräg, die Nase ist flach, zwischen den
Augen schmal und nach unten zu breit. Das ganze Gesicht macht oft den
Eindruck, als sei es flach gedrückt und in die Breite gegangen. Bei
den Frauen und besonders bei den Kindern ist es oft so flach, daß man
sehr gut ein Lineal von der einen Wange zu der anderen legen kann,
ohne in auffallender Weise mit der Nase in Kollision zu kommen, ja
bei einigen Kindern bildet die Nase förmlich eine Art von Vertiefung
mitten im Gesicht. Daraus wird man ersehen können, daß bei Vielen
von einer eigentlichen Schönheit nach europäischen Begriffen nicht
die Rede sein kann, aber das ist auch nicht die Art und Weise, auf
welche die Eskimos anziehend erscheinen. Es liegt in ihren rundlichen,
abgestumpften, fettglänzenden Zügen etwas so Freundliches, Zufriedenes
und Gemüthliches, daß sie anziehend wirken müssen. Ihre Glieder, sowohl
Hände und Füße, sind auffallend klein und wohlgestaltet; ihre Formen
sind im ganzen rundlich, ebenso ihre Bewegungen, -- man stößt sich an
nichts Eckigem, und ebenso ist es mit ihrem Leben. Dem Eskimo sind
seine eigenen Frauen die schönsten und zwar je fetter, desto schöner.
Ich glaube daher kaum, daß die europäischen Schönheiten sich Hoffnung
machen können, an der Ostküste Grönlands den Preis zu erringen. Es
herrscht dort im übrigen auch kein Mangel an Damen.