Zügen den herrlichen, kochendheißen Göttertrank einsaugen. Außer
reichlicheren Rationen als sonst wurden heute noch Extra-Rationen
in Form von Hafercakes, Schweizerkäse, Mysekäse und eingemachten
Preißelbeeren vertheilt. Das war wirklich eine königliche Mahlzeit, wie
wir sie noch nicht abgehalten hatten, aber wir hatten sie auch verdient
und wir genossen sie. Die Stimmung war sehr animirt.
Es wurde beschlossen, daß wir uns ausnahmsweise einmal Zeit lassen und
das Leben in vollen Zügen genießen wollten, damit mußte es dann aber
auch ein Ende haben. Von nun an lautete die Parole: So wenig Schlaf wie
möglich, so wenig und so schnelles Essen wie möglich, so viel Arbeit
wie möglich. Unsere Nahrung sollte im wesentlichen aus Wasser, Biskuits
und gedörrtem Fleisch bestehen. Wir hatten wenig oder gar keine Zeit,
um uns etwas zu kochen oder uns mit frischem Fleisch zu versehen,
obwohl es Wild genug gab. Die beste Zeit war bereits verloren gegangen,
es blieb nur noch wenig übrig von dem kurzen, grönländischen Sommer,
aber noch mußten wir die Westküste erreichen können, wenn wir nur die
Zeit gut ausnutzten. Es galt nur, energisch darauf loszugehen, -- und
das thaten wir.
[Illustration: Die Insel Kutdleck und Kap Tordenskjold, von
Kekertarsuak aus gesehen.
(Nach einer Skizze des Verfassers.)]
Als wir um fünf Uhr des Nachmittags endlich fertig waren, gingen wir
wieder in die Böte und zogen nordwärts an der Küste entlang.
Eine Strecke lang ging alles leicht und gut. Das Fahrwasser war glatt
und offen. Gegen Abend aber verschlimmerte sich die Situation. Das Eis
wurde dichter, wir konnten es oft nur mit Mühe durchbrechen. Zuweilen
stießen wir freilich auf lange offene Stellen, wo wir schnell vorwärts
rudern konnten. Blutroth versank die Sonne hinter den Bergen, die Nacht
war still und sehnsuchtserweckend, der Tag lag hinter den Zinnen und
Gipfeln und träumte. Die ganze Nacht hindurch arbeiteten wir uns in
nördlicher Richtung durch das Eis. Um Mitternacht war es schwer zu
sehen, wenn man aber genau acht gab, konnte man das Schlampeis und das
Wasser von dem festen Eise durch den Wiederschein unterscheiden, den
sie von dem gelblich rothen Nachthimmel gaben.
Ich strebte danach, nordwärts zu kommen, denn wir hatten nicht mehr
weit bis zu dem berüchtigten Gletscher +Puisortok+, an dem Kapitän
+Holm+ auf seiner Reise längs der Küste i. J. 1884 von dem Eise volle
17 Tage zurückgehalten wurde. Ich hielt es für eine Möglichkeit,
daß der Grund für den bösen Ruf, den dieser Ort hat, darin liegen
könne, daß das Treibeis hier durch die Strömung besonders stark
zusammengedrängt werde, und deshalb war es für mich von größter
Wichtigkeit, diese gefährliche Stelle so früh wie möglich zu erreichen,
um die erste günstige Gelegenheit, wo das Eis sich zertheilte, benutzen
und vorbeikommen zu können.
[Illustration: Unser erster Landungsplatz an der Ostküste Grönlands.
(Nach einer Photographie.)]
Im Laufe der Nacht gelangten wir unter das Vorgebirge +Kangek+ oder
+Kap Rantzau+, hier wurde das Eis so fest, daß wir nicht mehr so
rudern konnten, wie bisher, sondern uns hauptsächlich durchbrechen
mußten. Unseren Aexten, Bootshaken und Brechstangen mußte das Eis
indessen weichen, und wir kamen beständig vorwärts. Was die Sache
noch erschwerte, war, daß sich auf dem Wasser zwischen den Schollen
neues Eis bildete; dies nahm während der Nacht an Dicke zu und war
unsern Böten sehr hinderlich. Es hielt sich bis hoch in den folgenden
Tag hinein. Gegen Morgen fingen die Kräfte an zu erschlaffen, wir
hatten lange gearbeitet, waren hungrig, denn seit unserer gestrigen
Festmahlzeit hatten wir nichts genossen, und Einige von uns waren so
müde, daß sie kaum die Augen mehr offen halten konnten. In unserem
Streben, nordwärts zu gelangen, und in unserer Freude über dies neue
Leben hatten wir die Bedürfnisse des Körpers ganz vergessen, -- jetzt
meldeten sie sich mit verdoppelter Macht. Wir legten deswegen an
einer Eisscholle an, um ein wenig Rast zu halten und unser Frühstück
einzunehmen, obwohl wir eigentlich das Gefühl hatten, daß jetzt keine
Zeit zur Ruhe sei. Da kam der Tag, es wurde heller und heller, eine
rothe Gluth entzündete sich dort unten im Nordosten am Horizont,
-- strahlend stieg die Feuerkugel über den Eisrand empor. Körper
und Seele badeten sich in dem Lichtmeer, alle Müdigkeit war wie
weggeblasen. Und von neuem ging’s an die Arbeit im Lichte des jungen
Tages.
Das Eis aber war dichter denn je zuvor, -- Zoll für Zoll, Fuß für Fuß
mußten wir uns durchbrechen und kämpfen, um nordwärts zu gelangen. Oft
sah es fast hoffnungslos aus aber -- vorwärts mußten wir und vorwärts
kamen wir.
Wir ruderten an +Kap Rantzau+vorüber, vorüber an +Karra akungnak+,
bekannt von +Holms+ und +Gardes+ Reisen i. J. 1884, und kamen ans +Kap
Adelaer+, hier aber wurde es schlimmer denn je; die großen, mächtigen
Schollen lagen fest aufeinander gepreßt. Mit unseren langen Haken
versuchten wir sie auseinander zu stoßen, aber es nützte nichts, --
wir hieben alle sechs auf einmal zu, sie lagen unbeweglich da, --
noch einmal versuchten wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte,
-- jetzt wichen sie einen Zoll voneinander, das machte uns Muth;
noch einmal drauf los! sie gaben ein wenig nach; das half; nur nicht
nachlassen! Bald haben wir sie soweit auseinandergetrieben, daß die
Böte hindurchgleiten können, wenn man die vorstehenden Ränder mit der
Axt abschlägt. Dann schiebt man die Böte bis zur nächsten Scholle
hindurch; hier wiederholt sich dieselbe Geschichte. Mit vereinten
Kräften, die wir bis zum äußersten anstrengen, zwingen wir uns
vorwärts. Es erfordert eine nicht geringe Uebung, das Boot sicher
durch dies gefährliche Fahrwasser zu führen. Man muß einen Blick dafür
haben, wo die Eisschollen am besten anzugreifen sind, um sich einen Weg
hindurch zu bahnen, man muß die Kräfte, die einem zur Verfügung stehen,
aufs beste zu verwerthen wissen, und man muß die Gelegenheit gewandt
benutzen, um die Böte glücklich durch die auseinandergeschobenen
Eisschollen zu bringen, denn diese schließen sich augenblicklich
wieder, und wenn die Böte dann nicht auf der anderen Seite angelangt
sind, werden sie unbarmherzig zermalmt. Es geschah mehrmals, wenn wir
nicht schnell genug waren, daß ich +Sverdrups+ Boot, das dicht hinter
dem unseren folgte, zwischen die Eisschollen eingeklemmt sah, so daß
die Seiten ganz eingedrückt wurden, aber es war elastisch und wurde
stets im letzten Augenblick hindurch gezwungen, ohne daß ein Unglück
geschah.
[Illustration: Wir zwingen uns einen Weg nach Norden zu durch das Eis.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]
Schließlich kamen wir auch an Kap Adelaer vorüber und arbeiteten uns
fortwährend durch dichtes Eis hindurch am Lande entlang, bis zu dem
nördlich gelegenen Vorgebirge, dem ich den Namen +Kap Garde+ gegeben
habe.
Wir erreichten es endlich um die Mittagszeit und beschlossen, hier
zu landen, um uns durch Nahrung und Schlaf zu erquicken; diese
Ruhepause hatten wir nach fast vierundzwanzigstündiger Arbeit reichlich
verdient. Wir hatten soeben unsere Böte mit großer Mühe an den steilen
Klippen emporgezogen, unser Zelt aufgeschlagen und uns an das Abwägen
unserer Mahlzeit gemacht, als sich etwas ganz Unerwartetes, uns fast
unglaublich Erscheinendes ereignete.
Ich glaube, es wird von Interesse sein, wenn ich es mit denselben
Worten wiedergebe, mit denen ich es am nächsten Morgen in meinem
Tagebuch verzeichnete:
„Es war gestern (30. Juli) ungefähr um die Mittagszeit (11 Uhr?), als
wir nach einer unglaublich mühseligen Fahrt durch das Eis bei -- nun,
nennen wir es vorläufig Kap .... auf der Nordseite von +Karra akungnak+
angelegt hatten, um ein wenig Nahrung zu uns zu nehmen und endlich
einige Stunden zu schlafen. Den vielgefürchteten +Puisortok+ hatten
wir vor uns, hofften ihn aber noch selbigen Tages passiren zu können.
-- -- Während wir aßen, oder vielmehr während der Zubereitung unserer
einfachen Mahlzeit, vernahm ich zwischen Mövengeschrei und anderem
Geräusch Rufe, die eine fabelhafte Aehnlichkeit mit menschlichen
Stimmen hatten. Ich machte meine Gefährten darauf aufmerksam, aber es
war so wenig wahrscheinlich, in dieser Gegend Menschen anzutreffen,
daß wir so lange wie möglich versuchten von Lumme (~Columbus~) und
ähnlichen Vögeln zu sprechen, deren es hier freilich wohl ebensowenig
giebt wie Menschen. Trotzdem beantworteten wir die Rufe ein paarmal.
Sie kamen beständig näher. Gerade als wir mit den letzten Theilen
unserer Mahlzeit beschäftigt sind, vernehmen wir einen Ruf, der so
deutlich und so nahe klingt, daß die Meisten aufspringen und einer
von uns darauf schwört, daß es keine Lumme gewesen ist; selbst die
eifrigsten Anhänger der Lummentheorie werden zweifelhaft. Es währt
auch nicht lange, bis +Balto+, der mit dem Fernrohr bewaffnet auf
einen Felsblock geklettert ist, uns zuruft, daß er zwei menschliche
Wesen sehen kann. Ich springe selbst zu ihm hinauf, und richte das
Fernrohr auf zwei schwarze Punkte, die zwischen den Eisschollen bald
zusammen fahren, bald wieder auseinanderschnellen. Sie scheinen nach
einer Durchfahrt zu spähen, denn sie gehen mehrmals vorwärts und
wieder zurück, -- aber sieh, da kommen sie gerade auf uns zu, gleich
Mühlenflügeln bewegen sich die Ruder in der Luft. Es sind zwei kleine
Menschen in ihren Kajaks. Sie kommen näher und näher. +Balto+ setzt
eine halb verwunderte, halb ängstliche Miene auf und sagt, er fürchte
sich fast vor diesen wunderlichen Wesen. Da kommen sie, der Eine beugt
sich gleichsam zum Gruß in seinem Kajak vornüber (das war nun freilich
nicht der Fall), der Andere thut nichts. Mit einem einzigen Ruderschlag
legen sie an der Klippe an, kriechen aus ihren Kajaks, der Eine trägt
das seinige hinauf, der Andere läßt das seine im Wasser liegen, -- und
dann stehen sie vor uns, die beiden ersten Repräsentanten dieser viel
besprochenen Heiden (auf der Ostküste Grönlands). -- War der erste
Eindruck günstig? Ja, unbedingt, -- zwei freilich etwas wilde, aber
freundliche Gesichter lächeln uns an. Der Eine trug ein Seehundswams
und Seehundsbeinkleider, die ein gutes Stück bloßen Leibes sehen
ließen, sowie „Kamiken“ und als einzige Kopfbekleidung ein Perlenband.
-- -- --“
Hier wurden meine Tagebuchaufzeichnungen über diese seltsame Begegnung
unterbrochen, die Erinnerung daran steht indessen so lebendig vor
meiner Seele, als habe es sich gestern zugetragen, und infolgedessen
ist es nicht schwer, die Lücke auszufüllen. Der andere Grönländer trug
zu unserer Verwunderung theilweise Kleider europäischen Ursprungs,
indem der Oberkörper mit einem „Anorak“, ein jackenähnlichen
Kleidungsstück aus blauem Baumwollzeug mit weißen Tupfen bedeckt war,
-- an den Beinen hatte auch er Beinkleider aus Seehundsfell und Kamiken
(so wird die eigenthümliche Fußbekleidung der Grönländer genannt). In
der Mitte des Leibes war ein gutes Stück völlig nackend wie bei seinem
Kameraden.
Auf dem Kopfe hatte er eine sonderbare breite, flache Mütze mit
einem Schirm, der aus einem mit blauem Baumwollstoff überspannten
Tonnenreifen gebildet war. Ueber die ganze obere Fläche der Mütze
erstreckte sich ein rothes und weißes Kreuz. Diese Art Mützen in
verschiedenen starken Farben, in der Regel mit einem Kreuz verziert,
sind sehr allgemein unter den Eskimos der Ostküste, sie benutzen sie
auf ihren Fahrten in den Kajaks, theils weil sie nützlich sind, indem
der Schirm sie gegen die Sonne schützt, theils weil sie dieselben
für eine Zierde halten. Ich sah sie später voller Stolz ihre Mützen
vorzeigen.
Diese Beiden waren kleine Menschen, scheinbar noch ganz jung, und
der Eine, der nur ein Perlenband im Haar trug, war geradezu hübsch.
Er hatte eine dunkle, fast kastanienbraune Hautfarbe und langes,
rabenschwarzes Haar, das mit der Perlenschnur aus dem Gesicht gehalten
wurde und tief über Nacken und Schulter herabfiel, -- dazu ein breites,
rundes Gesicht mit beinahe regelmäßigen, weichen Zügen, die eine
beinahe weibliche Schönheit hatten, so ausgeprägt weiblich, daß wir
lange in Zweifel waren, ob wir wirklich einen Mann vor uns hätten. Sie
waren von leichtem, geschmeidigem Bau und graziösen Bewegungen.
Bei uns angekommen, begannen sie zu lächeln, zu gestikuliren und
durcheinander zu sprechen in einer Sprache, von der wir natürlich
kein Wort verstanden. Sie zeigten gen Süden und zeigten gen Norden
über das Eis hinüber und über das Land hinweg, dann zeigten sie auf
uns, auf die Böte und auf sich selbst, und während der ganzen Zeit
stand ihnen der Mund nicht still. Sie waren ganz ungewöhnlich beredt,
aber nichtsdestoweniger verstanden wir kein Wort. Wir lächelten ihnen
wieder zu und starrten sie mit einem dummen Gesicht an, während die
Lappen sich nicht recht wohl dabei zu befinden schienen. Sie fürchteten
sich ein wenig vor diesen „wilden Menschen“ und hielten sich in der
Entfernung.
Dann suchte ich einige Papiere heraus, auf die ein Bekannter
auf Grönländisch eine Reihe von Fragen geschrieben hatte, deren
Beantwortung für mich von Interesse sein konnte. Ich versuchte nun
hiernach, einige Fragen an sie zu richten, wie ich meinte auf gut
Grönländisch, nun aber kam die Reihe dumm auszusehen an sie. Ich
versuchte es nochmals, aber mit demselben Resultat, -- sie verstanden
kein Wort. Nach noch einigen Versuchen, warf ich verzweifelt die
Papiere fort, und nahm meine Zuflucht zu Zeichen, das ging besser,
und nun bekam ich heraus, daß sie ihrer Mehrere waren und daß sie
auf der Nordseite von Puisortok wohnten oder sich dort in einem
Lager befanden, daß man sich hart an den Gletscher halten müsse, um
nordwärts zu gelangen. Dann zeigten sie auf Puisortok und machten
eine Menge sonderbarer Gebärden, wobei sie eine ernste, bedenkliche
Miene aufsetzten und eine Unmenge redeten, was wahrscheinlich bedeuten
sollte, daß dieser Gletscher sehr gefährlich sei, daß man sich deswegen
in acht nehmen müsse. Die Ostgrönländer haben nämlich eine Menge
abergläubischer Begriffe von diesem Gletscher. Da versuchten wir ihnen
denn begreiflich zu machen, daß wir nicht von Süden her am Land entlang
gekommen seien, sondern über das Meer, was nur einen langen brummenden
Laut zur Folge hatte, fast wie das Brüllen einer Kuh, und der wohl
den höchsten Grad von Verwunderung bedeuten sollte. Sie betrachteten
gleichzeitig uns und einander mit einer zweifelhaften Miene, sie
glaubten natürlich kein Wort oder richtiger kein Zeichen davon, oder
auch wir mußten übernatürliche Wesen sein. Und das letztere war ihnen
wohl im Grunde nicht unwahrscheinlich.
Dann begannen sie, unsere Ausrüstung zu bewundern, -- die Böte
zogen vor allem ihre Aufmerksamkeit auf sich, besonders erregte der
Eisenbeschlag ihre höchste Bewunderung.
Wir gaben Jedem ein Stück Fleischbiskuit, worüber sie sehr erfreut
waren, sie aßen ein kleines Stück davon und hoben das Uebrige auf, das
wollten sie augenscheinlich mit in das Lager nehmen. Die ganze Zeit
hindurch standen sie da und zitterten und froren, was schließlich nicht
so merkwürdig war, denn sie hatten nur wenig Zeug an und waren, wie
gesagt, in der Mitte des Leibes nackend; auch war die Witterung nicht
gerade mild. Sie machten einige bezeichnende Gebärden, daß sie hier
auf der Klippe frören und wieder in ihre Kajaks zurückkehren wollten.
Durch Zeichen befragten sie uns, ob wir nach Norden hin kämen, worauf
wir eine bejahende Antwort gaben, dann zeigten sie noch einmal warnend
auf den Puisortok und gingen an den Strand hinab. Hier zogen sie ihre
Halbpelze an, legten die Kajaks zurecht und krochen dann behende und
leicht wie Katzen hinein. Mit wenigen Ruderschlägen flogen sie leicht
und lautlos über den Meeresspiegel dahin. Bald gingen die Ruder wie
Mühlenflügel, während sie zwischen den Eisschollen dahin schossen,
bald hielten sie an, um sich einen Weg zu bahnen und das Eis zur Seite
zu schieben oder um eine Durchfahrt zu erspähen, bald erhob sich der
Arm zum Wurf, er wurde gesenkt, hielt einen Moment still, während
der Pfeil eingestellt wurde, und dann schnellte er vorwärts gleich
einer Stahlfeder, indem der Pfeil vom Wurfgeschoß sauste. Und während
alledem entfernten sie sich mehr und mehr, bald sahen wir sie nur noch
als zwei schwarze Punkte zwischen dem Eise dort oben in der Nähe des
Gletschers, dann bogen sie um einen Eisberg und verschwanden aus unserm
Gesichtskreis. Und wir blieben zurück, über diese erste Begegnung
mit den Eskimos der Ostküste grübelnd. Es war so sonderbar und so
unerwartet, hier Menschen zu treffen, wo ja nach +Holms+ und +Gardes+
Erfahrungen keine wohnen sollten, daher schlossen wir, daß unsere neuen
Bekannten sich auf der Reise befunden hatten, und nachdem wir zu diesem
Resultat gekommen waren, begaben wir uns in unser Zelt und krochen in
unsere Schlafsäcke. Es währte auch nicht lange, bis wir Alle in einen
tiefen Schlaf gefallen waren.
Diese eben erzählte Begebenheit schildert +Balto+ ein ganzes Jahr
später und obwohl er niemals mein Tagebuch gelesen hatte, fast
gleichlautend mit meinen Aufzeichnungen. Ich kann mir das Vergnügen
nicht versagen, die betreffende Stelle hier wiederzugeben:
„Während wir aßen, hörten wir Laute, die wie Menschenstimmen klangen,
wir glaubten aber, daß es ein Rabe sei, welcher krächzte. Nach einer
kleinen Weile hörten wir dieselben Laute wieder; Einige von uns
glaubten, daß es Wasservögel seien, welche schrien. Ich nahm das
Fernrohr und lief auf einen Felsblock hinauf und spähte um mich. Da
sah ich etwas Schwarzes, das sich auf eine Eisscholle zu bewegte. Ich
rief: „Dort hinten kann man zwei Männer auf dem Eise sehen.“ Nansen
kam sofort herbeigelaufen und sah durch das Fernrohr. Wir hörten sie
nun ihre heidnischen Gesänge singen (?) und wir riefen sie an. Sie
hörten uns gleich und ruderten auf uns zu, und es währte nicht lange,
bis sie bei uns waren. Als sie sich uns näherten, verbeugte sich der
eine tief mit dem ganzen Körper, und als sie an den Strand kamen, nahm
jeder seinen Kajak in die Hand und ging auf das Land hinauf. Als sie an
uns herankamen, riefen sie Beide im Chor: „iö, iö!“ was soviel heißen
sollte, als daß sie sich wunderten, was für eine Art von Leuten wir
wohl seien. Wir versuchten nun, mit ihnen zu reden, aber wir verstanden
kein Wort von ihrer Sprache ...“
Am Nachmittag, ungefähr um 6 Uhr, erwachte ich und sprang aus dem Zelt,
um nach dem Eis zu sehen. Es wehte ein frischer Wind vom Lande her,
und das Eis hatte sich noch mehr zertheilt als vorhin. Es schien nach
Norden zu gutes Fahrwasser zu sein, da weckte ich denn die Gefährten.
Bald waren wir in den Böten und richteten unsern Kurs auf den
vielgefürchteten Puisortok. Wir hatten das herrlichste Fahrwasser
von der Welt. Ich fürchtete indessen, daß es schlimmer werden würde,
wenn wir weiter vorwärts gelangten, aber dies war keineswegs der
Fall. Das Eis, das dort lag, bestand im wesentlichen nur aus größeren
oder kleineren Stücken Gletschereises, und das ist in der Regel weit
leichter als das Treibeis mit Holzböten zu passiren, die nicht wie
Fellböte von dem Eis zerschnitten werden können. Am hinderlichsten
war uns der Umstand, daß das Wasser an einzelnen Stellen zwischen den
Eisschollen mit einer Unmenge von ganz kleinen Stücken Gletschereises
angefüllt war. Ohne weitere Störungen kamen wir an dem Gletscher
vorüber, mehrmals ganz dicht an seine lothrechte Eiswand hinanrudernd,
die in allen blauen Gletscherfarben spielt, von dem tiefsten Blau
drinnen in den Spalten und Schluchten bis zu dem hellsten Milchblau an
den geraden Eiswänden und höher gelegenen Stellen, die noch zum Teil
mit Schnee bedeckt sind.
Was diesen Gletscher eigentlich so gefürchtet gemacht hat, verstehe
ich nicht, denn er hat nur eine ganz unbedeutende Bewegung, wirft
infolgedessen nur wenig Eis ab, und wenn dies der Fall ist, sind es
doch stets nur kleinere Stücke, die herunterfallen, denn es liegt nicht
viel Eis in der Nähe.
Bereits +Graah+ und sogar mehrere Schriftsteller vor ihm, berichten
indessen von der übertriebenen Furcht der Eskimos vor diesem
gefährlichen Gletscher, der stets bereit ist, herabzustürzen und die
Vorüberfahrenden zu zerschmettern, und der selbst weit draußen im Meer
plötzlich große Eismassen aus der Tiefe emporschleudere und Böte und
Mannschaft vernichten kann. Der Name Puisortok deutet auch auf diese
Annahme hin. Er bedeutet nämlich: der Ort, an dem etwas emporgeschnellt
wird, und ist nicht ganz allein dastehend an der Ostküste. An mehreren
Stellen trifft man denselben Namen in Verbindung mit dem Gletscher, --
was dies eigentlich bedeuten soll, ist mir nicht ganz klar. Daß +Holms+
und +Gardes+ grönländische Mannschaft ebenfalls eine abergläubische
Furcht vor diesem Gletscher hegte, davon erhält man einen deutlichen
Eindruck, wenn man ihren interessanten Bericht ließt. +Garde+ erzählt,
daß die Bewohner der südlichen Westküste die Auffassung haben, daß
man, indem man den Puisortok passirte, unter einer überhängenden
Eiswand hinweg ruderte, die jeden Augenblick herabstürzen könne,
sowie über Eismassen, die unter dem Wasser verborgen lägen und nur
auf eine günstige Gelegenheit warteten, um emporzuschnellen und die
vorüberziehenden Böte zu zertrümmern.
Diese abergläubischen Vorstellungen haben die Bewohner der Westküste
natürlich von den an der Ostküste ansässigen Heiden erhalten, mit denen
sie zusammengetroffen sind. Diese besitzen sogar eine ganze Reihe von
Vorschriften darüber, wie man sich bei dem Passiren des Puisortok
zu verhalten hat, um mit heiler Haut davon zu kommen, -- man darf
nicht sprechen, nicht lachen, nicht essen, nicht rauchen, während man
vorüberfährt, auch darf man den Gletscher nicht ansehen und vor allem
das Wort Puisortok nicht aussprechen. Wenn man es thut, so stört man
den Gletscher, und das bedeutet einen gewissen Untergang.
Sei dem, wie ihm wolle, -- eins steht fest, der Puisortok verdient
seinen üblen Ruf nicht. Wie ich später entdeckte, ist er wahrscheinlich
ein verhältnißmäßig kleiner lokaler Gletscher, der auf einem
Gebirgsrücken liegt, welcher auf der Innenseite durch ein Thal von dem
eigentlichen Inlandseise getrennt wird. Dies ist auch der Grund für die
äußerst geringe Bewegung, die +Garde+ nachgewiesen hat.[72]
Das einzig Merkwürdige an diesem Gletscher ist, daß er mit einer so
großen Fläche an die See stößt. +Garde+ giebt seine Breite auf ¾
Meilen an, und das scheint mir durchaus zutreffend zu sein. Hierin muß,
wie auch +Garde+ annimmt, der Grund für die Furcht der Eskimos vor
diesem Gletscher liegen; wenn sie an der Küste entlang fahren wollen,
müssen sie hart an ihm vorüberrudern, da er direkt am Meer liegt ohne
jegliche Scherenbildung. Die Eskimos fahren überhaupt nur ungern
an Gletschern vorüber, was auch nicht so merkwürdig ist, da diese
Gletscher oft Eis ins Wasser abschieben, oder auch kleinere Stücke von
ihnen herabfallen, was leicht ein Unglück anrichten kann. Wenn sich ein
Boot in einem solchen Augenblick vor einem Gletscher befindet, so ist
es gewiß in den meisten Fällen rettungslos verloren, denn selbst wenn
es nicht direkt von den herabstürzenden Eismassen getroffen wird, so
geräth das Wasser doch in eine so heftige Bewegung, und die treibenden
Eisstücke und Eisschollen werden so heftig gegeneinander geschleudert,
daß ein Boot wohl nur schwer dem Untergang entrinnen würde.
Die meisten größeren Eisgletscher liegen unmittelbar an dem Ende enger
Fjorde, die sie selber im Laufe der Zeiten vermittelst ihrer starken
hinausschiebenden Bewegung, unter welcher sie Massen von Kies und
Steinen mit sich ins Meer hinausführen, gebildet und ausgegraben haben.
Bis an das Ende dieser Fjorde kommen die Eskimos selten, -- deshalb ist
es nicht nothwendig für sie, sich in der Nähe der gewaltigen Endwände
dieser Gletscher zu bewegen, deren launenhafte Gefährlichkeit sie nur
zu gut kennen.
Es ist daher kein Wunder, daß sie, wenn sie an einen so breiten
Eisgletscher wie den Puisortok kommen, an dem sie nothgedrungen vorüber
müssen, ängstlich sind, obwohl der Gletscher nur eine geringe Bewegung
hat.