einer im Jahre 1792 erschienenen Schrift nach, daß Österbygden auf der
südlichen Westküste gelegen habe; wenn man es nach der Ostküste verlegt
habe, so sei dies ein Irrthum von den Gelehrten der Vorzeit, welche die
alten norwegischen Berichte völlig verkehrt gedeutet hätten.
In den Jahren 1829-30 unternahm der Kapitänlieutenant in der dänischen
Flotte +W. A. Graah+ seine bedeutungsvolle Reise an der Ostküste
entlang in einem zum größten Theil mit Grönländerinnen bemannten
Frauenboot.[71]
Am 1. April erreichte man die Ostküste. Am 20. Juni auf dem 61° 47′
N. Br. faßte +Graah+ den kühnen Entschluß, sich von seinen europäischen
Genossen, die zurückkehrten, zu trennen und allein mit dem einen der
beiden Frauenboote und mit 6 Grönländern weiter zu gehen.
Am 27. Juni auf dem 63° 37′ N. Br. verließ ihn auch sein grönländisches
Gefolge bis auf drei junge Mädchen, die er endlich dazu vermochte,
ihm als Ruderer weiter das Geleite zu geben. Am 23. Juli erreichte er
seinen nördlichsten Zeltplatz, eine Insel, die er +Vendom+ (Kehr um)
nannte -- auf dem 65° 13′ N. Br., und am 18. August erbaute er auf
seinem nördlichsten Punkt, auf der nördlich davon gelegenen +Dannebrogs
Insel+ (65° 19′ N. Br.) eine Warte. Hier wurde er durch Eis am weiteren
Vordringen gehindert.
Am 21. August trat er die Rückreise an, und am 1. Oktober bezog er bei
einem Ort, den er +Nukarbik+ nennt (jetzt +Imarsivik+ auf dem 63° 22′
N. Br.) sein Winterquartier. Den Winter verbrachte er unter Krankheit
und großen Entbehrungen. Als der Frühling kam, hatte er indessen den
Muth nicht verloren, sondern machte am 5. April einen neuen Versuch,
in nördlicher Richtung vorzudringen. Am 25. Juli mußte er jedoch nach
den unglaublichsten Widerwärtigkeiten abermals umwenden, ohne so weit
gelangt zu sein wie im vorhergehenden Jahre.
Am 16. Oktober langte er endlich in +Frederikshaab+ an, nachdem er viel
erduldet hatte.
Die Frucht dieser merkwürdigen Reise waren gute Aufklärungen über
die Ostküste Grönlands bis an den 65. Breitengrad. Ueberreste von
Nordländern oder Ruinen von ihren Häusern fand +Graah+ dagegen auf
der ganzen von ihm bereisten Strecke nicht, und damit schien die
Unmöglichkeit nachgewiesen, daß Österbygden an der Ostküste gelegen
haben könne. Das Einzige, was +Graah+ an europäischen Ueberresten fand,
war eine Kanone, die bei Koremiut im +Uarket Fjord+ auf dem 61° 17′
N. Br. gefunden worden war. Diese muß wahrscheinlich von irgend einem
Schiff herstammen, das im Eise gescheitert und an der Küste entlang
getrieben ist.
Eine Nordländer-Ruine wurde indessen von dem Herrnhuter Missionär
+Brodbeck+ im Jahr 1881 bei Narsak auf der nördlichen Seite des
+Lindenow-Fjords+ oder +Kangerdlugsuatsiak+ (auf dem 60° 30′ N. Br.)
gefunden, wohin er in einem Frauenboot eine Reise unternahm, also die
dritte uns bekannte Reise an der südlichen Ostküste von Grönland. Es
ist dies die einzige Nordländer-Ruine, von der man an der Ostküste
weiß. Uebrigens hatte +Giesecke+, der die Grönländer davon hatte
erzählen hören, bereits im Anfang des Jahres darüber berichtet.
Die letzte Reise an dieser Küste entlang ist die +dänische
Frauenboot-Expedition+ unter Leitung von +G. Holm+, Kapitän in der
dänischen Marine. Sie währte 3 Jahre, von 1883-85, und war ebenso
wie +Graahs+ Expedition vom dänischen Staat ausgesandt worden. Sie
bildete einen Theil der seit 1876 fortgesetzten „geologischen und
geographischen Untersuchungen in Grönland“.
Die Expedition, die außer dem Führer, aus den Dänen Marinelieutenant
+Garde+, dem Nächstkommandirenden, +Peter Eberlin+, einem Botaniker und
Geologen, dem norwegischen Geologen +H. Knutsen+, sowie zwei dänischen
Grönländern, den Gebrüdern +Petersen+, die als Dolmetscher fungirten,
bestand, wurde in Frauenbooten mit grönländischer, meist aus Frauen
bestehender Besatzung unternommen. Infolge der früheren Expeditionen
hatte sich allmählich die Ueberzeugung, daß dies die einzige Art und
Weise sei, wie man die Ostküste Grönlands bereisen könne, bei den
dänischen Grönlandsfahrern eingebürgert.
Im ersten Sommer erreichte die gesammte Expedition mit 4 Frauenböten
und 10 Kajaks zu Anfang August +Iluilek+ an der Ostküste (60° 52′
N. Br.). Hier wurde ein Depot für das folgende Jahr zurückgelassen,
und am 10. August trat man abermals die Heimreise nach +Nanortalik+,
westlich von Kap Farvel, dem Standquartier der Expedition an, wo
überwintert wurde.
Im nächsten Jahr (1884) trat man die Reise an der Küste entlang mit
4 Frauenböten und 7 Kajaks an (im ganzen 31 Menschen außer den 6
Europäern). Ein Theil der Besatzung wurde am 18. Juli von +Karra
akungnak+ aus wieder nach Hause gesandt.
Am 28. Juli erreichte man +Tingmiarmiut+. Von hier aus kehrte die
Hälfte der Theilnehmer der Expedition unter Leitung von Lieutenant
+Garde+ nach +Nanortalik+ zurück, auf dem Wege Untersuchungen
vornehmend.
Kapitän +Holm+ mit dem übrigen Theil der Expedition, bestehend aus +H.
Knutsen+ und dem Dolmetscher +Johan Petersen+, sowie 2 Grönländern
und 6 Grönländerinnen und in 2 Frauenböten vertheilt, verließ am 30.
Juli +Tingmiarmiut+ und zog gen Norden weiter, an der Küste entlang.
Am 25. August kamen sie zu +Graahs+ nördlichstem Punkt auf der
+Dannebrogs-Insel+, also einen ganzen Monat später als dieser.
Am 1. September erreichten sie +Angmagsalik+ bei Kap +Dan+, wo sie
eine große bebaute Strecke mit ungefähr 400 Menschen fanden. Hier
überwinterten sie.
Im nächsten Sommer (1885) zogen sie am 9. Juni abermals südwärts und
stießen am 16. Juli bei +Umanak+ ungefähr auf dem 63° N. Br. mit den
übrigen Theilnehmern der Expedition, die von Süden kamen, zusammen. Am
18. August erreichte die ganze Expedition Nanortalik und kehrte bald
darauf nach Dänemark zurück.
Die wissenschaftliche Ausbeute dieser Expedition war überraschend
groß; die Ostküste bis zum 66° N. Br. ist dadurch in Bezug auf die
Bevölkerung und die natürlichen Verhältnisse gründlich untersucht
worden, und die genauen Karten, welche sie von der Küste geliefert hat,
haben es uns im wesentlichen ermöglicht, unsern Weg mit Sicherheit an
derselben entlang zu finden.
Fußnoten:
[35] Die alten norwegischen Kolonien in Grönland lagen bekanntlich
an der Westküste. Eine derselben „Østerbygden“ (Ostkolonie) lag
weit südwärts in dem jetzigen Kristianshaab-Distrikt; die andere
„Vesterbygden“ lag nördlicher, tiefer in die Bucht hinein bei dem
jetzigen Godthaab.
[36] Ich habe nicht ausfindig machen können, auf welche Stelle von
Grönlands Ostküste diese Beschreibung am besten paßt, obwohl sie sehr
charakteristisch für das Land genannt werden muß.
[37] Es ist undenkbar, daß das Eis den ganzen Sommer die Küste blockirt
haben sollte!
[38] An der ganzen Ostküste ist nur eine Nordländer Ruine bekannt;
dieselbe liegt bei Narsak im Lindenows-Fjord. Siehe den Bericht weiter
unten in diesem Kapitel.
[39] In den Sagen sind verschiedene Berichte über Schiffe enthalten die
im Treibeis verunglückt sind.
[40] Eisberge.
[41] Daß die Eisverhältnisse in der Dänemarkstraße im Mittelalter
dieselben waren wie jetzt, geht übrigens ganz deutlich aus einer
isländischen Sage hervor, in der berichtet wird, wie ein Isländer auf
den Berg stieg, um zu sehen, ob sich das Eis vom Lande loslösen wolle.
(Nach einer Mittheilung von Professor +Storm+ an mich.) Das Eis reichte
also bereits damals schon bis an die Küste von Island.
[42] Es ist nicht ganz sicher, ob dies die erste Expedition ist, welche
zur Wiederentdeckung Grönlands ausgesandt wurde. Aus einer Proklamation
von König +Frederik+ II. an die Grönländer vom 12. April 1568 ersieht
man, daß ein gewisser +Kristiern Aalborg+ in diesem Jahr mit einem
Schiff dorthin gehen sollte. Dagegen weiß man freilich nichts weiter
von der Expedition. Von demselben König wurde später zu gleichem
Zweck ebenfalls mit einem Russen, +Paul Nichetz+, verhandelt, welcher
behauptete, daß er den Weg nach Grönland kenne (wahrscheinlich eine
Verwechselung mit Spitzbergen oder Novaja Semlja), zu welchem Resultat
aber die Unterhandlungen führten, weiß man nicht.
[43] Vergleiche: ~Norske Rigs-Registranter, Kristiania 1863~, Bd. II.
S. 337.
[44] Gedruckt in: ~Grönlands historiske Mindesmærker~ (~Kopenhagen
1845~) Bd. III. Seite 641-647.
[45] +Aldays+ Expedition ist nicht die erste unter den uns bekannten,
die nach dem Mittelalter Grönland in Sicht bekommen. Der Engländer
+Martin Frobisher+ hatte bereits auf seinen drei Reisen (1576-78) zur
Entdeckung der Nordwest-Passage die Südküste in Sicht bekommen. Er
hielt sie für das Frisland der Zenier und nannte das Land „Neu-England“.
[46] +Mogens Heinessön+ war um die Zeit Bürger in Bergen; er war aber
von norwegischen Eltern auf den Faröern geboren und gilt als zweiter
faröerscher Nationalheld, der Erste war +Sigmund Bresteson+.
[47] ~Lyschander, Grönlands Chronica, Kjøbenhavn 1608.~
[48] Möglicherweise ist hierunter der magnetische Osten zu verstehen,
also ungefähr rechtweisend Nord-Ost.
[49] Vor diesen Expeditionen war die Ostküste von Grönland bereits
gefunden und von dem Engländer +John Davis+ betreten, der auf
seinen drei Reisen 1585-87 das Land fand (er benannte es „~Land of
desolation~“) und die Küste von dem südlichsten Theil bis zum 72° n.
Br. bereiste. Er ist folglich der erste Europäer, von dem man weiß, daß
er nach dem Mittelalter das Land betreten hat.
[50] Dieselbe ist in +Stenstrups+ Abhandlung: „Ueber Österbygden in
den Mittheilungen von Grönland“, Kopenhagen 1889, Bd. 9, Seite 12-14,
abgedruckt.
[51] Die einzige Mittheilung, die wir über diese Reise besitzen,
ist ein Bericht an +Friedrich+ III., von einem gewissen +Christian
Lund+ nach +Danells+ Tagebüchern verfaßt und in den alten
Manuskriptsammlungen der königlichen Bibliothek zu Kopenhagen
aufbewahrt. Im Jahre 1787 wurde von +John Eriksen+ ein Auszug dieses
Berichts in Druck herausgegeben. Siehe übrigens auch: „Grönlands
historische Denkmäler“, III., Seite 713-720.
[52] Ich habe nicht ausfindig machen können, woher Kapt. +A. Mourier+
die Nachricht genommen hat, daß +Danell+ „ein Vorgebirge auf dem
67° und eins auf dem 65½° N. Br.“ entdeckt haben soll. (Siehe
seinen Artikel über „+Ingolfs+ Reise 1879“ in der „Geographischen
Zeitschrift“, Kjöbenhavn Bd. 4, Seite 51, 1880.)
[53] +Danell+ hat in seinen Tagebüchern eine Reihe von Inseln
beschrieben, die z. T. 3-4 Meilen vom Lande südlich von +Kap Dan+
liegen sollten, und von denen er der einen den Namen „Hvidsadlen“ und
einer andern „Mastlös Skib“ gab. Es geht indessen deutlich aus der
Beschreibung hervor, daß diese Inseln nur große Eisberge gewesen sind,
deren es dort viele giebt und die +Danell+ unbekannt waren. Ich habe es
selber erlebt, daß alte Eismeerschiffer Eisberge und Land verwechselt
haben. Von fünf Inseln, in deren Nähe sie sich am 6. Juni befanden,
heißt es, „daß sie fast ganz mit Eis überzogen waren, mit Ausnahme
einer einzigen, welche ein schwärzliches Aussehen hatte, sehr hoch war
und ungefähr eine Meile (?) im Umfang maß“. Alles sehr bezeichnend
für Eisberge. Daß der eine Eisberg schwärzlich aussah, läßt darauf
schließen, daß er den Schlamm und den Kies und die Steine der Moräne
mit sich geführt hat, was durchaus nicht selten vorkommt. Ich traf
selber im Jahre 1882 einen solchen Eisberg an Grönlands Ostküste auf
dem 66° 50′ N. Br. und hielt ihn anfänglich für eine Insel. (Vergl.
meinen Artikel darüber im „Neuen Magazin für Naturwissenschaft“,
Kristiania 1883.)
Wenn +Graah+ im Jahre 1829 meinte, zwei oder drei von +Danells+ Inseln
wiedergefunden zu haben, so sind dies wahrscheinlich die Gipfel von
Kap Dan gewesen, die er am Horizont erblickt hat, wenn es nicht auch
Eisberge waren, obwohl es kaum anzunehmen ist, daß ein so erfahrener
Mann wie +Graah+ sich so irren sollte.
Ich kann mich Kapt. +Holms+ Auffassung (siehe Mittheilungen über
Grönland Bd. 9, S. 201) nicht anschließen, wenn er meint, daß +Danells+
Insel Hvidsadlen der Felsgipfel oder Nunatak auf dem Inlandseise sein
soll, den er so benennt. Ich habe selber diesen Nunatak in einer
Entfernung von mehreren Meilen vom Treibeise aus gesehen, ich sah aber
gleichzeitig das ganze Land mit dem Inlandseise, und es erscheint mir
unmöglich, daß er für eine Insel gehalten werden kann, um so mehr, als
+Danell+ nur drei Meilen von seiner Insel Hvidsadlen entfernt gewesen
sein will. Da der Name indessen auf den Nunatak paßt, den +Holm+ ihm
gegeben hat, sehe ich nicht ein, weshalb man ihn entfernen sollte.
[54] Gedruckt in den „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9. Kopenhagen
1889. Seite 28-29.
[55] Diese Versuche waren folgende: 1. Vom 1. bis zum 12. April. 2. Vom
8. bis 18. Mai (man erblickte Land). 3. Vom 8. Juni bis 3. Juli. 4. Vom
20. Juli bis 10. August. 5. Vom 26. bis 31. August. 6. Vom 11. bis 29.
September.
[56] Da hier nur der südliche Theil der Ostküste Grönlands für uns
von Interesse ist, erwähnen wir nicht weiter der verschiedenen
Expeditionen, die den nördlichen Theil besucht haben, wie z. B.
+Scoresby+, +Sabine+ und +Clavering+ im Jahre 1822 und 1823.
[57] Kapitän +A. Mourier+: Die Expedition des Marine-Schoners „Ingolf“
in der Dänemarksstraße im Jahre 1879. „Geographische Zeitschrift“, Bd.
4. Kopenhagen 1880. Seite 59.
Siehe auch über diese Expedition den Artikel +Wandels+ in den
„Mittheilungen über Grönland“, Bd. 6. 1883.
[58] Siehe hierüber: An der Ostküste Grönlands entlang. „Geographische
Zeitschrift“, Bd. 7. Kopenhagen 1884. Seite 76-79. Ebenfalls in diesem
Buche Seite 1.
[59] Ueber diese Expedition Näheres später in diesem Kapitel.
[60] Einem isländischen Bericht zufolge sollen einige Fischerfahrzeuge
im Jahre 1756 an der Ostküste Grönlands nordwestlich von Vestfirdir auf
Island geankert haben. Dies scheint jedoch nicht sehr wahrscheinlich zu
sein (siehe hierüber „Geographische Zeitschrift“, Kopenhagen, Bd. 7,
Seite 117 und 176).
Daß Mehrere von den im Jahre 1777 Verunglückten die Küste erreichten,
wird später erwähnt werden.
[61] Diese bestanden wahrscheinlich aus: 9 Hamburgern, 8 Engländern, 7
Holländern, 2 Schweden, 1 Bremenser und 1 Dänen.
[62] Hier kam es übrigens häufiger vor, daß Schiffe im Eise stecken
blieben, ohne daß es ihnen so schlimm erging wie den Unglücklichen im
Jahre 1777. Als Beispiel unter den vielen Fällen mag erwähnt werden,
daß im Jahre 1769 vier Schiffe Anfang Juli ungefähr auf dem 76° N. Br.
im Eise stecken geblieben und bis zum 16. und 19. November auf den 69°
N. Br. hinabgetrieben sein sollen; alsdann arbeiteten sich zwei aus
dem Eise heraus, während über das Schicksal der anderen beiden nichts
verlautet.
[63] Hiervon waren wahrscheinlich 6 Holländer und 6 Deutsche
(Hamburger). Die Mannschaft bestand größtentheils aus Dänen von
den Inseln an der Westküste von Jütland und Schleswig, sowie aus
Holsteinern.
[64] Zwei Schiffsbesatzungen retteten sich auf zwei Schiffe, die später
glücklich aus dem Eise heraus kamen.
[65] Von einer Abtheilung von 160 Mann, die schon am 30. September auf
dem 64° N. Br. ihre Zuflucht zum Eise und zu den Böten nehmen mußten,
sollen ungefähr 24 Mann etwa auf dem 63° N. B. den Versuch gemacht
haben, die Ostküste Grönlands zu erreichen, man hat aber später nie
wieder von ihnen gehört.
[66] Wenn +Julius Payer+ in seiner übrigens sehr unkorrekten Notiz
über diese Eisfahrt (+Payer+: „Die österreichisch-ungarische
Nordpolexpedition in den Jahren 1872-1874 u. s. w.“, Wien 1876, Seite
481) glauben zu machen scheint, daß die geretteten Mannschaften (die
er irrthümlich auf 12 schätzt) an der Westküste wie bei ihrer Heimkehr
nach Europa schlecht aufgenommen und behandelt wurden, so entbehrt
dies jeglicher Begründung und ist übrigens kräftig widerlegt und
hoffentlich für immer niedergeschlagen durch Kapitän +C. Normann+ in
seinem eingehenden Artikel, der in der „Geographischen Zeitschrift“ Bd.
2, Kopenhagen 1878, Seite 49-63 gedruckt wurde, und in welchem er eine
Zusammenstellung und einen Auszug aus den zahlreichen älteren, hiervon
handelnden Berichten giebt. Das Meiste des hier Angeführten ist diesem
Artikel entnommen.
[67] Also ungefähr auf derselben Stelle, wo die Walfischfänger im Jahre
1777 stecken blieben.
[68] Die Art und Weise, wie dies geschah, glich sehr dem von uns
Erlebten (29. Juli). Am 6. Mai hatte man noch keine Ahnung davon, daß
man die Eisscholle bald würde verlassen können, und war daher nicht
wenig erstaunt, als man am folgenden Tage nach dem Lande zu offenes
Wasser erblickte, auch war man seit dem vorhergehenden Tage 8 Minuten
oder 2 geographische Meilen nordwärts getrieben. Es scheinen auch
damals in dieser Höhe Unregelmäßigkeiten in der Strömung geherrscht zu
haben. Wie man sich erinnern wird, trieben auch wir während der letzten
Nacht, ehe wir aus dem Eise heraus kamen, nicht wesentlich südwärts.
[69] Es scheint, als wenn die Geschwindigkeit der Strömung eine Strecke
nördlich von Kap Dan bedeutend geringer ist als in der Nähe und südlich
davon. Es ist auch unter den norwegischen Seehundsfängern, die in
der Dänemarkstraße auf Fang ausgehen, ganz allgemein bekannt, daß
die Strömung an Gewalt zunimmt, je mehr man sich dem Kap Dan nähert.
Mehrere norwegische Seehundsfänger sind auch kürzere oder längere Zeit
unterhalb der Küste im Eise stecken geblieben, die Bewegung des Eises
ist aber, soweit ich es habe erfahren können, nicht bedeutend gewesen
(vergl. auch oben die Fahrt des „Viking“ 1882).
[70] und [70*] Siehe hierüber „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9.
Kopenhagen 1889, Seite 26.
[71] +W. A. Graah+: Entdeckungsreise an die Ostküste von Grönland
1828-31, Kopenhagen 1832.
Kapitel XI.
Nordwärts an der Ostküste entlang. Zusammentreffen mit Eskimos.
Das Erste, was wir thaten, nachdem wir glücklich das Eis überwunden
hatten, war dem Lande zuzustreben; wir mußten ja so bald wie möglich
Grönlands Felsenboden unter unsern Füßen fühlen, und außerdem hatte ich
schon vor längerer Zeit versprochen, an dem Tage, an dem wir unsern
Fuß auf festen Grund setzen würden, eine Festmahlzeit mit Schokolade
anzurichten.
Gerade vor uns und zunächst lag die Insel +Kutdleck+ mit ihrer hohen,
abgerundeten Kugelform. Dort konnten wir jedoch nicht landen, es würde
uns zu weit von unserm Kurs abgeführt haben, der nordwärts ging. Wir
steuerten deswegen lieber über das offene Wasser auf die nördlich
gelegene Insel +Kekertarsuak+ zu.
Auf dem Wege dahin kamen wir an einen mächtigen Eisberg, der hier
in dem offenen Wasser bis auf den Grund reichte. Auf seinem weißen
Rücken saßen Unmengen von Möven, die gleich dunklen Punkten darüber
hingestreut waren. Indem wir vorüberfuhren, fiel ein kolossales
Stück Eis mit großem Getöse ins Wasser, Scharen von Möven wurden
aufgeschreckt und umflatterten uns mit ihrem einförmigen Geschrei. Dies
war ein ganz neues Leben, und wir empfanden es als eine große Wohlthat,
ungehindert im offenen Wasser vorwärts rudern zu können.
Als wir eine Strecke weiter gekommen waren, entdeckten wir, daß doch
noch allerlei Hindernisse zu überwinden seien, ehe wir das Land
erreichten, denn wir stießen auf einen neuen Eisgürtel, der sich nach
Süden zu am Ufer entlang erstreckte. Er war jedoch nicht breit und
auch nicht sehr fest, so daß es uns nicht viel Mühe machte, ihn zu
durchbrechen. Endlich glitten wir -- die Böte mit norwegischer und
dänischer Flagge geschmückt -- unter eine steile Klippe, deren dunkle
Wand sich in dem blanken Wasser spiegelte und dies fast kohlschwarz
machte. Es gab einen Widerhall, wenn man sprach, -- das war ein
feierlicher Augenblick. Hinter dieser Klippe fanden wir einen Hafen, wo
wir mit den Böten anlegen konnten. Wir wetteiferten förmlich, ans Land
zu springen und Steine, wirkliche Steine unter den Füßen zu fühlen.
Wir kletterten auf die Klippen hinauf, um Umschau zu halten. Wir waren
wie die Kinder: ein Stückchen Moos, ein Grashalm, geschweige denn eine
Blume erregte einen ganzen Sturm von Gefühlen in uns. Es war alles so
neu, der Uebergang so kraß und so plötzlich. Die Lappen verschwanden
augenblicklich zwischen den Felsklippen, und es währte eine ganze Zeit,
ehe wir ihrer wieder ansichtig wurden.
Nachdem sich die erste stürmische Freude gelegt hatte, mußten wir
unsere Gedanken auf etwas Prosaischeres richten -- auf unsere
Festmahlzeit. Der Kochapparat wurde auf eine Klippe unten beim Boot
gestellt und in Wirksamkeit gebracht, um unsere Schokolade zu kochen.
Es waren Hände genug da, die dies verrichten konnten, und da eine ganze
Zeit darüber hingehen würde, so konnte ich ruhig dem Beispiel der
Lappen folgen und eine kleine Gebirgstour unternehmen, um mich u. a.
nach dem gen Norden führenden Wege umzusehen.
So stieg ich denn bergan, anfangs über einige kahle Klippen, dann über
ein kleines Schneefeld und endlich durch Moos und Heidekraut über eine
kleine Ebene, auf der große erratische Blöcke zerstreut umherlagen.
Wie sonderbar war es nicht, einmal wieder einen weiten Gesichtskreis
zu haben, das Meer und das Eis weit unter sich erglänzen zu sehen,
rings umher Reihen hoher Felsengipfel zu erblicken, die, von einem
Nebelschleier umgeben, im Sonnenschein dalagen, und dahinter das
Inlandseis, das kaum so hoch war, wie der eigene Standpunkt.
Im Süden lag die Insel +Kutdleck+ und noch weiter südwärts das schöne
Vorgebirge +Kap Tordenskjold+. Ich begrüßte es wie einen Landsmann,
nicht nur der Name, sondern auch die Form war mir heimisch. Ich setzte
mich auf einen Stein, um eine Skizze aufzunehmen und mich von der
Sonne bescheinen zu lassen. Wie ich so da saß, mich meiner Umgebung
und meines Lebens freuend, hörte ich etwas summend durch die Luft
herannahen und bei meiner Hand Halt machen. Es war eine auffallende
alte, wohlbekannte Musik, -- ich sah nach, und richtig -- eine Mücke,
eine lebendige Mücke! Und der einen folgten bald mehrere. Ich ließ sie
ruhig stechen, -- es war mir eine wahre Wonne. Sie gaben mir +fühlbare+
Beweise, daß ich mich auf festem Grund und Boden befand, diese lieben,
kleinen Wesen, die dort saßen und sich rund und roth saugten, -- es war
sicher lange her, seit sie zuletzt Menschenblut gekostet hatten. Wie
ich später erzählen werde, sollten wir freilich gar bald dieser Wonne
überdrüssig werden.
Ich hatte eine ganze Weile dort oben gesessen, als ich ein Zwitschern
vernahm und einen Schneesperling erblickte, der sich dicht neben mir
auf einen Stein niederließ, den neu angekommenen Gast verwundert
betrachtend, indem er das Köpfchen bald auf die eine, bald auf die
andere Seite legte; dann zwitscherte er wieder, hüpfte auf den nächsten
Stein, wo er noch eine Weile sitzen blieb, guckte mich abermals an und
-- weg war er. Es ist stets schön, dem Leben zu begegnen, nicht am
wenigsten wo es in Form kleiner zwitschernder Vögel zu uns kommt, es
erweckt einen Wiederklang der Vogelnatur in uns selber, besonders wenn
man Frühling und Sommer so lange entbehrt hat.
Von hier oben herab konnte ich eine ganze Strecke nordwärts schauen.
Es hatte den Anschein, als wenn wir auf der ersten Strecke Schlampeis
haben würden, aber ein wenig nördlich von +Inugsuit+ wurde das Eis
scheinbar fester und möglicherweise würden wir dort Mühe haben, uns
hindurch zu arbeiten.
Aber es war jetzt an der Zeit, sich wieder zu den Anderen
hinabzubegeben, -- jetzt mußte wohl die Schokolade fertig sein. Als ich
unten anlangte, war jedoch die Schokolade keineswegs fertig, das Wasser
kochte noch nicht einmal. Meine Begleiter hatten auf dem Treibeis keine
allzugroße Uebung im Kochen gehabt. Ich benutzte die Wartezeit, um eine
photographische Aufnahme von dieser Scene und von diesem Ort zu machen,
der ja in der Geschichte unserer Entdeckungsreise einen hervorragenden
Platz einnimmt.