zurückzuziehen, verhinderte sie späterhin, in diesem Jahr dem Lande
näher zu kommen.
Im Jahre 1787 machten +Egede+ und +Rothe+ nicht weniger als sechs
Versuche[55], von Island aus die Ostküste Grönlands zu erreichen, aber
obwohl ihnen in diesem Jahr noch ein Fahrzeug -- ein zweiter „Hucker“
-- von Kopenhagen nachgesandt wurde, gelang es ihnen nur einmal, Land
in Sicht zu bekommen. Dies geschah am 17. und 18. Mai, als sie in einer
tiefen Bucht im Eise nördlich von Kap Dan dem Lande bis auf 6 oder 7
Meilen nahe kamen.
Der letzte Versuch wurde vom 11. bis zum 29. September gemacht. Bei der
Kenntniß, die wir jetzt von den Eisverhältnissen an der Küste südlich
von Kap Dan haben, muß es merkwürdig erscheinen, daß sie zu einer so
späten Jahreszeit nicht landen konnten; der Grund hiervon war aber, daß
sie sich zu weit nach Osten und Norden hin befanden und außerdem mit
Stürmen und schlechtem Wetter zu kämpfen hatten.
Im Jahre 1833[56] (am 28. und 29. Juli) erblickte der französische
Marineoffizier, Lieutenant +de Blosseville+, einen Theil der Ostküste
zwischen dem 68° und 69° N. Br., konnte aber des Eises wegen nicht
landen. Infolge von Havarie sah er sich bald nachher gezwungen, nach
Island zurückzukehren. Am 5. August zog er abermals aus, seither hat
man aber nie wieder von ihm gehört.
Im Jahre 1859 kam der amerikanische Oberst +Schaffner+ in dem
Barkschiff „Wyman“ nach Grönland, um zu untersuchen, ob nicht ein
Telegraphenkabel von Europa nach Amerika über Grönland gelegt werden
könne. Am 10. Oktober ging er von Julianehaab südwärts an Kap Farvel
vorüber und an der Ostküste entlang, ungefähr bis zu der Höhe des
Lindenow-Fjords (auf dem 60° 25′ N. Br.). Er entdeckte „auch nicht
eine Handbreit Treibeis“ an der Küste, was sehr wahrscheinlich ist,
da sie zu einer so späten Jahreszeit eisfrei zu sein pflegt. Ein
Nordsturm, der das Schiff seewärts trieb, hinderte ihn jedoch, an der
Küste zu landen.
Am 18. Juli 1860 kam Mc. +Clintock+ an Bord des „Bulldog“ bei Kap
Wallö (60° 34′ N. Br.) unter die Küste, wurde aber durch Eis am Landen
verhindert.
Darauf ging er nach der Westküste und später nach Amerika. Auf der
Heimreise, nachdem er Julianehaab besucht hatte, näherte er sich
der Ostküste Grönlands abermals und kam am 8. Oktober bei Prinz
Christians-Sund (60° 2′ N. Br.) dem Lande bis auf eine geographische
Meile nahe. Er stieß hier auf sehr wenig Treibeis, in der Nacht aber
erhob sich ein heftiger Sturm, der drei Tage anhielt und den „Bulldog“
in die See zurücktrieb.
Im selben Jahr (1860) am 11. September kam abermals der Oberst
+Schaffner+, diesmal an Bord des hölzernen Dampfers „Fox“, unter
Leitung des englischen Polarfahrers Kapitän +Allen Young+ bei Kap Bille
der Ostküste Grönlands nahe (ungefähr auf dem 62° N. Br.). Der Zweck
dieser Expedition wie derjenige der eben erwähnten „Bulldog“-Expedition
war die Anstellung von Untersuchungen in Veranlassung der von Oberst
+Schaffner+ projektirten Telegraphenkabellegung über Grönland.
Bei Kap Bille fanden sie, wie mir +Allen Young+ mitgetheilt hat, so
wenig Eis, daß man mit Leichtigkeit hätte landen können. Man war
freilich -- wie es scheint -- noch zwei Meilen vom Lande entfernt.
Am 12. September fanden sie auf dem 61° 54′ N. Br. das Eis bis an das
Ufer dicht zusammengestaut.
Am 13. September dampften sie „gemächlich der Küste zu, bis ¾ Meilen
vom Lande entfernt“, in der Gegend von Omenarsuk; das Eis lag hier aber
zu dicht, als daß sie hätten landen können. Ein dunkler Wasserhimmel in
der Nähe von Lindenows-Fjord ließ indessen Kapitän +Young+ vermuthen,
daß er möglicherweise einen Ankerplatz unterhalb der Küste finden
könne. Als sich gegen Abend ein Sturm erhob, richtete er indessen
seinen Kurs seewärts, um sich später der Ostküste Grönlands nicht
wieder zu nähern.
Im Jahre 1863 wurde mit zwei eisernen Dampfschiffen „Baron Hambro“ und
„Karoline“ der Versuch gemacht, für ein englisches Handelshaus, das
von der dänischen Regierung die Erlaubniß dazu erhalten hatte, eine
Handelskolonie an der Ostküste von Grönland zu gründen. Der Engländer
+Taylor+ war der Führer der Expedition. Man verließ Hamburg am 21.
August, in der Hoffnung, die Küste zu so später Jahreszeit eisfrei
zu finden, aber man hatte sich verrechnet! Sie war vollständig von
Eis gesperrt, in das man sich mit diesen eisernen Schiffen nicht
hinauswagte.
Im Jahre 1865 kehrte +Taylor+ abermals zurück, diesmal mit dem starken,
hölzernen Dampfer „Erik“, der eigens für die Eismeerfahrt gebaut war.
Er fand abermals die Küste (ungefähr auf dem 63° N. Br.) mit Eis
versperrt, das sich trotz zweier kräftiger Versuche nicht durchbrechen
ließ.
Im Jahre 1879 fuhr der dänische Marineschoner „Ingolf“[57] unter
dem Kommando von Kapitän +A. Mourier+ mit Lieutenant +Wandel+ als
Nächstkommandirendem vom 6. bis zum 10. Juli an der Ostküste von
Grönland entlang, vom 69° N. Br. nach Süden zu bis in die Nähe von
Kap Dan. Man kam in eine tiefe Eisbucht hinein und kam dem Lande beim
Ingolfs-Berge bis auf 4-5 Meilen nahe, konnte aber des Eises wegen
nirgends landen.
Kapitän +Mourier+ hielt es nach dieser Expedition für ganz unmöglich,
die Ostküste Grönlands von der Seeseite aus zu erreichen. Bereits vier
Jahre später sollte die Unhaltbarkeit dieser Behauptung bewiesen werden.
Im Jahre 1882 war, wie bereits früher erwähnt, der Verfasser mit dem
Seehundsfänger „+Viking+“ auf Fang an der Ostküste von Grönland aus.
Wir blieben am 25. Juli zwischen dem 66° und 67° N. Br. im Eise stecken
und trieben mehrere Tage gerade auf die Küste zu, bis wir uns am 7.
Juli auf dem 66° 50′ N. Br. und dem 32° 35′ W. L. in einer Entfernung
von etwa sechs Meilen vom Lande zu befinden glaubten. Später trieben
wir langsam in südwestlicher Richtung weiter, bis wir endlich am 17.
Juli wieder frei kamen.[58]
Im Jahre 1883 machte +Nordenskjöld+ mit dem eisernen Dampfer „Sophia“
zwei Versuche, die Ostküste Grönlands zu erreichen. Am 12. Juni
erblickte man zum erstenmal Land bei Kap Dan, konnte aber des Eises
wegen nicht landen, weshalb man abermals einen südlichen Kurs an der
Küste entlang nahm. Dieses war indessen bis zum Kap Farvel, das man
am 15. Juni passirte, versperrt. Dann besuchte +Nordenskjöld+ die
Westküste Grönlands, wo er seine Eiswanderung antrat, von der späterhin
in diesem Buche die Rede sein wird.
Am 30. August kam er abermals auf der Rückreise am Kap Farvel vorüber.
Am 1. September stieß er südlich vom 62° N. Br. auf ein dichtes
Treibeisfeld, das sich weit ins Meer hinaus (25-30 Minuten) „vom
Eisgletscher bei Puisortok erstreckte. Aber südlich von dieser Eiszunge
schien das Meer nach dem Lande zu ganz eisfrei zu sein“. Als man unter
Land kam, stieß man dennoch auf einen Eisgürtel, „dessen Breite nicht
mehr als sechs Minuten betrug“. +Nordenskjöld+ meinte freilich, daß er
sich ohne allzu große Schwierigkeiten hätte durchbrechen lassen, aber
er versuchte es nicht, da die Küste dort unbewohnt sein sollte.
Es scheint, als ob die Eisverhältnisse, die +Nordenskjöld+ hier antraf
-- die Eiszunge, die sich ins Meer hinaus erstreckte und der schmale
Eisgürtel nach Süden zu an der Küste -- auffallend viel Aehnlichkeit
mit denjenigen hatten, die wir auf derselben Höhe oder vielmehr ein
wenig tiefer zu überwinden hatten. Es scheint, als wenn hier an dieser
Stelle, jedenfalls zeitweise, merkwürdige Unregelmäßigkeiten in den
Stromverhältnissen herrschen müssen; doch hiervon später mehr.
Ein Stück nördlich vom 62. Breitengrad schnitt eine tiefe Bucht nach
dem Lande zu in das Eis ein, am Ende derselben hemmte jedoch abermals
ein schmaler Eisgürtel ihr Vordringen.
Da +Nordenskjöld+ das Land ein wenig nördlicher zu erreichen wünschte,
versuchte er nicht weiter, hier durch das Eis zu dringen, „was wohl
kaum mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre“.
Endlich am 4. September sollte es +Nordenskjöld+ gelingen das
auszuführen, was so Viele vergebens erstrebt hatten: er kam mit dem
eisernen Schiff „Sophia“ durch verhältnißmäßig zerstreut liegendes Eis
im Westen von Kap Dan glücklich unter Land und ankerte in einer Bucht,
die er „König Oskars Hamn (Hafen)“ nannte. Hier ging man an diesem
Tage und am folgenden Morgen an Land und machte verschiedenartige
wissenschaftliche Einsammlungen und Beobachtungen. Man fand auch
zahlreiche, theils ganz frische Spuren von Eingeborenen, sah aber
Niemand, und dies ist, nach den Erfahrungen, die wir an der Küste
gemacht haben, äußerst merkwürdig, denn man war mitten in einem
bewohnten Küstenstrich gelandet. Die Expedition war auch nicht von
den Eskimos bemerkt worden, dagegen hatte sie als einziges sichtbares
Zeichen ihrer Gegenwart eine leere Bierflasche aus der Karlsberger
Brauerei hinterlassen, welche von den Eskimos gefunden und dem Kapitän
+Holm+[59] im darauf folgenden Jahr als ein übernatürlicher Gegenstand
vorgezeigt wurde; besonders schrieben sie der gelblichen Flüssigkeit,
von der sich noch ein Tropfen darin befand, göttliche Kräfte zu.
Am 5. September, am Tage nach der Ankunft lichtete die „Sophia“ den
Anker wieder und dampfte seewärts, um, wenn möglich, die Küste nördlich
von Kap Dan zu erreichen. Dies gelang jedoch nicht, und man sah sich
infolge von Kohlenmangel gezwungen, heimzukehren.
Im Jahre 1884 waren die Eisverhältnisse in der Dänemarksstraße sehr
günstig für eine Landung an der Ostküste von Grönland, und mehrere
von den norwegischen Seehundsfängern sind, wie ich aus zuverlässigen
Quellen erfahren habe, in der ersten Hälfte des Juli ungefähr auf
dem 67° N. Br. der Küste sehr nahe gewesen, einer von ihnen, Kapitän
+A. Krefting+ vom „Stärkodder“, fing hart am Lande Klappmützen, er
hätte, „falls es im Interesse des Schiffes gewesen wäre“, das Ufer mit
Leichtigkeit erreichen können.
Den letzten der zahlreichen Versuche, das Treibeis an der Ostküste von
Grönland zu durchdringen, kennt der Leser hoffentlich so genau aus der
früheren Beschreibung in diesem Buch, daß es überflüssig ist, hier
näher darauf einzugehen.[60]
Außer diesen Versuchen, die Ostküste Grönlands von der Seeseite zu
erreichen, muß hier einiger Vorfälle im Treibeise unterhalb dieser
Küste Erwähnung geschehen, um so mehr, als sie in gewisser Weise
Vorgänger unserer Beschwerden im Eise sind, obwohl die Letzteren im
Verhältniß zu dem, was sich auf der früheren Expedition ereignete, ein
Kinderspiel zu nennen sind.
Das Jahr 1777 hat in der Erinnerung aller Derer, die sich mit der
arktischen Entdeckungsgeschichte beschäftigen, einen unheimlichen
Klang, denn wohl niemals sind die arktischen Regionen Zeugen so
grenzenlosen Elends gewesen.
Es war dies ein sehr böses Eisjahr an den grönländischen Küsten und
in den Tagen zwischen dem 24. und dem 28. Juni blieben 27 oder 28
Walfischfänger verschiedener Nationalitäten[61] zwischen dem 74° und
75° N. Br. unterhalb der Ostküste[62] im Eise stecken.
Ein Theil dieser Schiffe kam im Laufe der folgenden Monate wieder
frei, 12 aber blieben im Eise stecken[63] und trieben südwärts an der
Küste entlang, wo sie allmählich zwischen den Eisschollen zertrümmert
wurden. Die ersten Schiffbrüche fanden am 19. und 20. August statt,
in diesen Tagen wurden 6 Schiffe ungefähr zwischen dem 67° und 68° N.
Br. in einer Entfernung von 12-14 Meilen von der Küste zertrümmert.
Die übrigen Fahrzeuge trieben in südlicher Richtung weiter an der
Küste entlang, die man fast die ganze Zeit hindurch im Auge behielt,
gewöhnlich nur 10 Meilen von derselben entfernt. Ende September befand
man sich zwischen dem 64° und 65° N. Br. Das letzte Schiff wurde am
11. Oktober 5-6 Meilen vom Lande entfernt, ungefähr auf dem 61½° N. B.
zertrümmert, also gerade vor +Anoritok+, wo unsere Eisfahrt endete. Die
Strecke, die es, seit es zuerst im Juni im Eise stecken blieb, treibend
in einem Zeitraum von 107 Tagen zurückgelegt hatte, betrug ungefähr
270 geogr. Meilen, -- es kommen folglich im Durchschnitt ungefähr 2½
Meilen auf jeden Tag. Während der letzten Zeit dieser Eisfahrt war die
Geschwindigkeit freilich bedeutend größer gewesen als zu Anfang. Bis
zum 20. August muß sie hiernach durchschnittlich ungefähr zwei Meilen,
von dieser Zeit bis Ende September ungefähr 2½ Meilen, dann aber etwa 4
Meilen betragen haben.
Die Besatzung der verunglückten Schiffe pflegte sich auf die noch nicht
gesunkenen zu retten, viele nahmen auch ihre Zuflucht zu dem Eise
und hielten sich darauf auf.[64] Unter immer zunehmendem Elend ging
es südwärts und viele der Leute starben allmählich, Einige ertranken,
Andere erfroren, die Meisten aber verhungerten, da in der Regel nur
wenig Proviant von den sinkenden Schiffen geborgen wurde, -- es war
schon von vorn herein knapp genug damit bestellt.
Auf dem letzten Schiffe hatten sich allmählich 286 Menschen
angesammelt, und zuletzt wurde die Noth sehr groß. Die tägliche Ration
bestand schließlich nur noch aus 10 Eßlöffeln voll Erbsen oder Grütze
pro Mann.
Anfang Oktober machten 12 Mann von diesem Schiff aus den Versuch,
über das Eis an Land zu gehen (ungefähr auf dem 63° N. Br.). Sie
erreichten auch eine Insel, als sie aber von hier aus nicht auf das
Festland gelangen konnten, kehrten sie wieder auf das Schiff zurück.
Dies sind also die ersten Male in neuerer Zeit, daß es unseres Wissens
gelungen ist, die Ostküste Grönlands von der See aus zu erreichen.[65]
Nach dem Schiffbruch hielt die Mehrzahl sich einige Tage bei einander
auf dem Eise auf. Als sie indessen einsahen, daß es, falls sie
in einer solchen Anzahl an bewohnte Stätten gelangten, unmöglich
sein würde, für so viele Nahrung zu schaffen, theilten sie sich in
mehrere Gruppen, von denen die eine das Land in nördlicher Richtung
zu erreichen suchte, während eine andere, größere Gruppe, die Küste
verließ, um quer durch das Land bis zur Westküste zu gelangen. Von
diesen Allen hat man jedoch später nie wieder gehört. Eine dritte
Gruppe von ungefähr 50 Mann ging südwärts an der Küste entlang und
traf nördlich von Kap Farvel, wahrscheinlich bei Alluk, auf Eskimos,
die sie freundlich aufnahmen, sie mit Proviant versahen und ihnen ihr
Frauenboot überließen, in welchem sie später die dänischen Kolonien an
der Westküste erreichten. Eine vierte Gruppe, ebenfalls aus ungefähr 50
Mann bestehend, suchte nicht an der Ostküste zu landen, sondern trieb
mit dem Eise um Kap Farvel herum, um nach vielen Leiden und zahlreichen
Verlusten an Menschenleben an der Westküste zu landen, theils bei
Fredrikshaab, theils in der Nähe von Godthaab.
Von den übrigen Besatzungen, die sich nicht an Bord des zuletzt
gescheiterten Schiffes befunden hatten, trieben verschiedene kleinere
Abtheilungen mit dem Eise bis Kap Farvel und gelangten in ihren Böten
bis zu den Kolonien an der Westküste, die Mehrzahl im Oktober oder
November. Die merkwürdigste von diesen Gruppen bestand aus 6 Mann mit
zwei Böten, die nördlich von Godthaab landeten. Diese 6 Mann hatten
die beiden Böte und fast den ganzen Proviant ihres Schiffes gerettet,
und statt sich wie ihre Kameraden auf ein anderes Schiff zu flüchten,
blieben sie auf dem Eise. Später gingen sie in See, ruderten und
segelten am Eise entlang, um Kap Farvel herum und weiter, bis sie
endlich nach vielen Leiden eine kleine Klippe nördlich von Godthaab,
ungefähr eine halbe Meile vom Festland entfernt, erreichten. Sie wußten
nicht, wo sie sich befanden, beschlossen aber, hier zu überwintern. Sie
lebten von dem geborgenen Proviant und erbauten sich aus Ruderstangen
und Segeln eine Hütte, in der sie infolge von Kälte und Wassermangel
große Qualen erlitten. Das Schlimmste war aber doch der Umstand, daß
die Wellen bei Sturm über die Klippe hinwegschlugen und sie stets
darauf gefaßt sein mußten zu ertrinken. Endlich, Ende März, fanden
einige Grönländer die Unglücklichen und zeigten ihnen den Weg nach
Godthaab. Diese 6 Mann müssen eine Entfernung von ungefähr 175 geogr.
Meilen theils auf dem Eise, theils im offenen Boot zurückgelegt haben.
Von allen Denen, die im Jahre 1777 an der Ostküste Grönlands entlang
trieben, sahen ungefähr 320 ihre Heimath nicht wieder während ungefähr
155 Grönlands Westküste erreichten und im folgenden Jahr nach Europa
zurückbefördert wurden. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß sie
sowohl von den Eskimos wie von den in Grönland ansässigen Dänen auf das
gastfreundlichste empfangen wurden.[66]
Im Winter 1869-1870 machte die Mannschaft der „Hansa“ gleichfalls eine
fast eben so merkwürdige, wenn auch nicht so ungemüthliche Reise auf
dem Eise an der Ostküste Grönlands entlang.
Die „Hansa“ war das eine der beiden Schiffe, welche die sogen. zweite
deutsche Nordpolexpedition an der nördlichen Ostküste Grönlands an Land
setzen sollten.
Bei dem Versuch, bis an die Küste vorzudringen, gelangte das eine
Schiff „Germania“, das außer Segeln eine Dampfmaschine hatte, glücklich
durch das Eis, während das Segelschiff „Hansa“ unter der Leitung von
Kapitän +Hegemann+ am 6. September auf dem 74° 6′ N. Br. und dem
16° 30′ W. L.[67] (ungefähr 10 geogr. Meilen vom Lande entfernt)
vollständig im Eise stecken blieb. Dann trieb das Schiff beständig
südwärts weiter in verhältnißmäßig geringer Entfernung vom Lande, bis
es am 19. Oktober zerschellt wurde und ungefähr auf dem 70° 50′ N. Br.
und dem 20° 30′ W. L. (einige Meilen von der sogen. Liverpool-Küste)
sank. Die ganze Besatzung des Schiffes rettete sich indessen mit dem
nöthigen Proviant auf das Eis, und nachdem sie sich darüber einig
geworden waren, ruhig hier zu verharren statt einen Landungsversuch zu
machen, erbauten sie aus den vom Schiff geborgenen Steinkohlen ein Haus
auf einer der Eisschollen. Hier verbrachten sie den ersten Theil des
Winters, während sie beständig in südlicher Richtung am Lande entlang
trieben. Während eines Sturmes am 15. Januar (auf dem 66° N. Br.) barst
die Eisscholle mitten unter dem Hause, und sie mußten ihre Zuflucht in
den Böten suchen. Später wurde auf einer anderen in der Nähe gelegenen
Eisscholle ein kleineres Haus gebaut. Unter häufigem Wechseln trieben
sie südwärts weiter, bis sie am 7. Mai ungefähr auf dem 61° 12′ N. Br.,
wenige Meilen vom Lande entfernt (also nicht weit von Anoritok) die
Eisscholle verlassen und in die Böte[68] gehen konnten, in denen
sie die Küste zu erreichen suchten, was ihnen jedoch erst am 4. Juni
gelang. Sie landeten auf der Insel +Iluilek+, die ungefähr auf dem 60°
53′ N. Br. liegt. Von hier aus gingen sie in südlicher Richtung weiter,
und endlich am 13. Juni erreichten die 3 Böte mit der vollzähligen
Besatzung der „Hansa“ glücklich die Herrnhuter Missionsstation
Friedrichsthal westlich von Kap Farvel.
Die Strecke, welche die Mannschaft der „Hansa“ trieb, seit ihr Schiff
in den ersten Tagen des September 1869 im Eise stecken blieb, bis sie
am 7. Mai 1870 die Eisscholle verließen, beträgt zusammen ungefähr
1080 Viertelmeilen oder 270 geogr. Meilen, (also ungefähr dieselbe
Entfernung wie die Eisfahrt d. J. 1777; siehe oben). Diese Entfernung
wurde in ungefähr 8 Monaten oder 246 Tagen zurückgelegt, was folglich
eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 1,1 geogr. Meilen per Tag
ergiebt, weniger als die Hälfte der Geschwindigkeit, mit welcher man
im Jahre 1777 trieb. Der Grund mag zum Theil darin zu suchen sein, daß
die Strömung im Winter nicht so stark ist, zum Theil darin, daß die
Mannschaft der „Hansa“ sich in geringerer Entfernung vom Lande befand.
Im November trieben sie übrigens durchschnittlich am schnellsten,
nämlich zwei geographische Meilen (7,8 Viertelmeilen); zu der Zeit
befanden sie sich noch nördlich von Island.
Vergleicht man diese Durchschnitts-Geschwindigkeiten (also 2,5 Meilen
im Jahre 1777 und 1,1 Meilen im Jahre 1869-70) mit derjenigen, die
wir während unseres elftägigen Treibens hatten und die sich auf
ungefähr 6 Meilen (5,8 Meilen) per Tag belief, da ist der Unterschied
sehr beträchtlich; während der meisten Tage legten wir sogar 7 Meilen
zurück. Wahrscheinlich ist der Grund zu diesem Unterschied darin zu
suchen, daß die Strömung im Sommer eine bedeutend größere Kraft hat als
zu anderen Zeiten des Jahres; ein anderer Grund läßt sich natürlich
auch darin suchen, daß die Mannschaft der „Hansa“ sich tiefer in
dem Eisgürtel befunden hat, während wir mehr am Rande waren. Die im
Jahre 1777 Verunglückten trieben, wie bereits erwähnt, während des
südlichsten Theils ihrer Fahrt mit bedeutend größerer Geschwindigkeit,
indem sie südlich vom 64° N. Br. eine Fahrt von 4,5 geographischen
Meilen per Tag hatten.[69]
Ich habe mehrmals Gelegenheit gehabt, eine Eigenthümlichkeit der
Strömung auf dem 61-62° N. Br. zu berühren (vergl. Seite 264, 291 und
298). Es scheint, als ob hier häufig eine Unregelmäßigkeit in der
Richtung und in der Schnelligkeit der Strömung stattfinden muß, die
möglicherweise dadurch entstehen kann, daß der Arm einer nördlicher
gehenden Strömung eine Veränderung im Eise bewirkt und Eiszungen
in das Meer hinaus schiebt (vergl. unsere Erfahrung Seite 248 und
+Nordenskjölds+ Seite 291).
Im ganzen scheint aus allem, was wir jetzt über Strömungen und
Eisverhältnisse wissen, hervorzugehen, daß der Polarstrom an der
Ostküste von Grönland südlich vom 69° N. Br. gewissen jährlichen
Perioden unterworfen ist. Diese können möglicherweise wieder
Veränderungen in nordwärts gehenden Strömungen ihren Ursprung zu
verdanken haben.
Die bisher in diesem Kapitel besprochenen Reisen haben die Kenntniß der
Ostküste Grönlands in keinem wesentlichen Grade gefördert.
Die Kenntniß, die wir von dem südlichen Theil der Küste haben, an der
entlang zu reisen wir im Begriffe stehen, verdanken wir im wesentlichen
zwei Expeditionen, und da es ohne diese, besonders die letzte derselben
kaum für uns möglich gewesen sein würde, nach Norden vorzudringen, so
liegt es sehr nahe, dieselbe mit einigen Worten zu erwähnen.
Da +Danells+ oben besprochene Reisen scheinbar die Unmöglichkeit einer
Landung an der Ostküste von Grönland nachgewiesen hatten, so liegt
es sehr nahe, daß man bald auf den Gedanken kam, die Westküste zum
Ausgangspunkt für Expeditionen am Lande entlang zu nehmen. Eine solche
Anschauung finden wir bereits um das Jahr 1664 von +P. H. Resen+[70]
und im Jahr 1703 von +Arngrim Vidalin+[70*] geäußert.
Wie bereits früher erwähnt, war +Hans Egede+, der Apostel Grönlands,
der Ansicht, daß Österbygden an der Ostküste Grönlands liegen müsse.
Schon im Jahr 1723 unternahm er eine Reise in südlicher Richtung von
seinem Wohnort, nahe dem jetzigen Godthaab, um diese Kolonie in zwei
Böten an der Küste entlang segelnd zu erreichen. Bei +Nanortalik+ auf
dem 60° 8′ N. Br. in der Nähe von Kap Farvel sah er sich indessen am
26. August infolge der späten Jahreszeit und unzureichenden Proviants
zur Rückkehr gezwungen. Später äußerte er jedoch die Meinung, daß
Österbygden an der Ostküste am leichtesten an der Küste entlang und
zwar wenn möglich in Eskimo-Frauenböten zu erreichen sei.
Ein Versuch, von Godthaab aus an der Küste entlang Österbygden zu
erreichen, der im Jahre 1733 von +Mathias Jochimsen+ unternommen wurde,
mißlang ebenfalls, indem man sich auf dem 61° N. Br. durch Eis am
Vordringen gehemmt sah.
Erfolgreicher war der tüchtige +Peder Olsen Wallöe+, ein Bornholmer,
der sich mehrere Jahre als Handelsmann auf Grönland aufhielt. Im August
1751 trat +Wallöe+ seine Reise von Godthaab aus in einem Frauenboot
mit einer Besatzung von 4 Grönländerinnen und 2 Europäern an. Im
ersten Jahr erreichte er den Distrikt des jetzigen Julianehaab, wo er
Untersuchungen anstellte und überwinterte. Im folgenden Jahr wurde die
Reise fortgesetzt, an Kap Farvel vorbei eine Strecke an der Ostküste
entlang, bis man auf dem 60° 56′ N. Br. an eine Insel gelangte, die
er „Nenese“ nennt; dort sah er sich jedoch am 8. August zur Umkehr
gezwungen. Dies ist der erste Europäer, von dem man mit Sicherheit
weiß, daß er die südliche Ostküste Grönlands betreten hat. Er erhielt
jedoch einen schlechten Lohn für seine verdienstvolle Reise und lebte
seither in den kümmerlichsten Verhältnissen in Dänemark. Er starb im
Jahr 1793 in einem Alter von 77 Jahren im Armenhospital zu Kopenhagen.