Dann löste sich der Eisgürtel und zwei ganze Sommer hindurch arbeiteten

sie sich nun in südlicher Richtung am Lande entlang, bis sie --

wahrscheinlich in der Nähe von Kap Farvel, einen Ort erreichen, wo ein

landflüchtiger Mann, +Rolf+ aus Østerbygden, sich angesiedelt und ein

Haus gebaut hatte.[38] Bei ihm blieb +Thorgils+ den Winter über und zog

dann im nächsten Sommer südwärts weiter, an der Landspitze vorüber, bis

er nach Østerbygden gelangte.

In dieser Sage ist viel Märchenhaftes enthalten, so z. B. daß

+Thorgils+ Besuch von +Thor+ erhielt, und die oben erwähnte Geschichte,

wie er das Kind säugte etc. Dies muß die Zuverlässigkeit des ganzen

Berichts in Zweifel stellen.

Die Beschreibung des Landes, an welchem +Thorgils+ entlang zog, sowie

die der Naturverhältnisse, stimmt indessen so genau mit den wirklichen

Verhältnissen an der Ostküste Grönlands überein, daß sie unmöglich

ganz erdichtet sein kann, sondern von Leuten herstammen muß, welche

diese Küste gesehen haben, ja die sogar sehr vertraut mit den dortigen

Verhältnissen gewesen sein müssen. Wenn man z. B. liest, wie +Thorgils+

im Frühling oder im Frühsommer auf die Gletscher hinaufstieg, um über

das Meer zu schauen, ob sich das Eis schon gelöst habe, da muß Jeder,

der die ostgrönländische Küste kennt, sich in Gedanken dorthin versetzt

fühlen. Wenn ferner beschrieben wird, wie sie weiterziehen, vorüber

an Eisgletschern und steilen Bergen, wie sie auf dem südlicheren

Theil ihrer Fahrt an vielen Fjorden vorüberrudern, und wie das Eis

während des größten Theils des Jahres bis hart an die Küste dicht

zusammengestaut liegt, -- da kann dies alles kaum auf andere Gegenden

als auf die Ostküste Grönlands passen.

So scheint es denn, daß, wenn auch die Erzählung von den sonderbaren

Erlebnissen +Thorgils+ mehr oder weniger erdichtet ist, der Verfasser

oder die Verfasser dennoch dies Land sehr wohl gekannt haben müssen,

und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die alten Norweger häufiger

entweder im Treibeis oder an der Küste Schiffbruch gelitten und sich

auf das Land gerettet haben.[39]

Daß unsere Vorfahren die ostgrönländischen Eisverhältnisse sehr wohl

kannten, geht übrigens ganz deutlich aus dem „Kongespeilet“ (ca. 1250)

hervor, dort heißt es: „Noch heute giebt es in demselben Meer gar viele

Wunder, obwohl sie nicht zu den Ungeheuern zu rechnen sind, denn sobald

man das Meiste des wilden Meeres hinter sich hat, befindet sich in der

See eine solche Unmenge von Eis, wie man etwas Aehnliches nirgends

in der ganzen Welt je gesehen hat. Einige von den Eisstücken sind so

flach, als wären sie auf dem Meere selber gefroren, dabei sind sie 4

und 5 Ellen dick und liegen so weit vom Lande entfernt, daß man 4 Tage

und länger über das Eis gehen kann, bis man das Land erreicht. Das

Eis aber liegt mehr nach Nordosten oder nach Norden vor dem Lande als

nach Süden oder Südwesten oder Westen, und deswegen muß Jeder, der das

Land erreichen will, so weit segeln, bis er an allen diesen Stellen,

wo Eis zu erwarten ist, vorübergekommen ist, und dann von dort bis an

das Land segeln. Es ist aber den Seefahrern häufiger zugestoßen, daß

sie das Land zu hastig gesucht haben, und dadurch in das Eis gerathen

sind. Einige aber haben sich daraus gerettet, und von diesen haben wir

Etliche gesehen und ihre Rede und ihren Bericht angehört. Aber Alle,

die zu diesem Treibeis gelangt sind, haben sich des Mittels bedient,

daß sie ihre Böte genommen und sie hinter sich her über das Eis gezogen

und sich an Land begeben haben, das Seeschiff aber und all ihr Hab

und Gut ist zurückgeblieben und verrottet. Einige haben sogar 4 oder

5 Tage, Andere noch länger auf dem Eise kampirt, ehe sie das Ufer

erreichten.

Dies Eis ist sehr wunderbar in seiner Beschaffenheit, es liegt zuweilen

so still, daß man annehmen könnte, verschiedene Waaken und große Fjorde

vor sich zu haben; zuweilen aber bewegt es sich so schnell, daß ein

Schiff, das guten Wind hat, nicht so schnell segeln kann, und dabei

treibt das Eis ebenso häufig gegen den Wind an wie mit demselben. Es

giebt in diesem Meere auch noch Eis von anderer Beschaffenheit, das die

Grönländer ~Fald-Jokler~ (~Fall Jökla~)[40] nennen. Die Gestalt dieses

Eises gleicht einem hohen Felsen, der aus dem Meere emporragt. Diese

Eisberge vermischen sich nicht mit anderem Eis, sondern stehen ganz

isolirt da.“

Diese Beschreibung ist so vorzüglich, daß sie noch heute vollkommen

genügen würde. Es geht deutlich daraus hervor, daß die Eisverhältnisse

im grönländischen Meer und in der Dänemarkstraße zu jener Zeit

dieselben waren wie jetzt, und die Behauptung, daß man aus den

Sagen schließen kann, sie seien damals anders gewesen, ist völlig

unbegründet.[41]

Eine Zeit nachdem der „Kongespeilet“ geschrieben war, fing die

Verbindung mit Grönland allmählich an aufzuhören, die norwegischen

Kolonien verfielen und die erworbenen Kenntnisse von den grönländischen

Verhältnissen geriethen in Vergessenheit.

Die Erinnerung an Grönland ist jedoch niemals geschwunden, und unter

den dänisch-norwegischen Königen nach Schluß des Mittelalters ist

oft die Rede davon, Leute auszusenden, um das verlorene „norwegische

(Steuer-) Land“ wieder zu finden. So war unter +Christian+ II. viel die

Rede davon, indem der norwegische Erzbischof +Valkendorf+ beschlossen

hatte, Grönland wieder unter das Drontheimsche Bisthum zu bringen,

aber sein Plan gelangte nicht zur Ausführung. Erst über die Mitte des

Jahrhunderts hinaus dachte man ernstlicher daran, das Land zu suchen,

und sandte wirklich eine Expedition zu diesem Zwecke aus.

Die ersten Expeditionen scheinen hauptsächlich nur den Zweck gehabt zu

haben, das Land wiederzufinden, gleichgültig an welchem Punkt; da war

es denn ganz natürlich, daß man in der Regel zuerst an die Ostküste

kam, die am nächsten gelegen war, und hier zu landen suchte. Ich

will in aller Kürze die wichtigsten dieser Versuche, die Ostküste zu

erreichen, besprechen.

Im Jahre 1579 wurde der Engländer +James Alday+ (oder +Jakob Aldax+

oder +Aldag+, wie er in der norwegischen Urkunde, Bestallungsbrief,

genannt wird) an die Spitze einer Expedition gestellt,[42] welche zwei

Schiffe umfaßte, und erhielt den Befehl, „Grönland besuchen zu sollen,

-- auf daß selbiges Land wieder unter seine rechte Obrigkeit (d. i. die

Krone Norwegens) komme -- desgleichen, daß die sämtlichen Gemeinden

dort zu Lande Gott dem Allmächtigen zu Lob und Ehren zum christlichen

Glauben gebracht werden und die wahre Religion und Gottesdienst

empfahen.[43]“

Ein an Bord dieses Schiffes, auf welchem sich +Alday+ selber befand,

geführtes Tagebuch, ist der einzige bekannte Bericht von dieser

Reise.[44] Man ersieht daraus, daß die Expedition am 26. August,

Morgens 6 Uhr, nachdem man 7 Tage vorher die Anker in Island gelichtet

hatte, der Ostküste Grönlands ansichtig wurde. An welcher Stelle der

Ostküste dies war, ist nicht leicht zu sagen. Es heißt nur, daß, als

sie „westnordwest am Lande entlang gingen, auch war der Wind nördlich

und waren wir damals oft 10 Seemeilen vom Lande entfernt“. Daraus, daß

sie in westnordwestlicher (mißweisender) Richtung gingen, sowie aus dem

bald darauf folgenden Passus: „Und sagte unser Kapitän, daß anderthalb

hundert Seemeilen zwischen Island und Grönland lägen“, scheint mir

hervorzugehen, daß sie sich eine gute Strecke nördlich vom Kap Dan

befunden haben, was auch mit dem folgenden Bericht stimmt, in dem es

von dem nächsten Tag (dem 27. August) u. a. heißt: „Als wir aber auf

4 Seemeilen nahe an das Land kamen, war da viel Eis dicht am Ufer,

deswegen gingen wir den ganzen Tag in südwestlicher Richtung weiter und

konnten doch nirgends eisfreies Land sehen. Außer dem Eis, das an der

Küste lag, kamen uns große Stücke Eis, so groß wie Kirchen entgegen.“

Ueber das Land heißt es:

„Es waren eitel hohe und große Steinklippen, wie die Felsen in Norwegen

und Island, und die vordersten Klippen waren so spitz wie nach oben zu

die Thürme, und zwischen den Klippen und oben auf ihnen lag sehr viel

Schnee.“

Dies ist eine gute Beschreibung von den Felsen um Ingolfsfjeld. Dann

gelangte man weiter gen Süden, und am 29. August erblickte man einen

großen und übermäßig hohen steinernen Felsen, der sich vom Lande aus in

das Meer hinaus schob mit einer Landzunge (wahrscheinlich in der Nähe

von Kap Dan) wo man zu landen gedachte, „denn wir sahen eine Bucht bei

demselben Felsen“.

Eine halbe Meile vom Lande entfernt wurde man indessen am Vordringen

gehindert „durch sehr viel Eis, das am Ufer lag, weshalb wir wieder in

die See hinaus mußten, und wollte unser Kapitän an dem Tage westlich

davon landen, denn das Eis verringerte sich mehr und mehr und das Land

wurde hier auch flacher.“

Dies ist wahrscheinlich westlich vom Kap Dan gewesen, die Küste biegt

hier nach Westen zu um, der Eisgürtel pflegt schmäler zu werden, oder

doch jedenfalls im Westen vom Sermilikfjorde, und das Land um diesen

Fjord herum und weiter nach Süden zu ist auffallend flacher als das

nördlicher gelegene Land.

Nachdem sie ihren Kurs von der Küste entfernt gehalten hatten, wurden

sie von einem Sturm überfallen und gezwungen, nach großen Gefahren

heimzukehren, ohne das Land zum zweitenmal in Sicht bekommen zu haben.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieser Bericht ganz zuverlässig ist,

und daß also diese erste Expedition, die eine halbe Meile vom Lande

entfernt blieb, diejenige ist, die, soweit wir wissen, der Ostküste

Grönlands bis zum Jahre 1883 von der Seeseite aus am nächsten gekommen

ist. Ende August beginnt nämlich das Land bei Kap Dan in der Regel

schon zugänglicher zu werden, schon vor Mitte dieses Monats fanden wir

es eisfrei.[45]

+Alday+ war indessen der Ansicht, daß der ungünstige Ausfall seiner

Reise eine Folge der vorgerückten Jahreszeit sei. Für das nächste Jahr

wurde deswegen eine neue Expedition unter seiner Leitung vorbereitet.

Ob diese zur Ausführung gelangte, ist unsicher und erscheint nicht

glaubhaft, da man nichts davon gehört hat.

Dagegen unternahm im Jahre 1581 „ein Bagge und Norsker Mand“, +Mogens

Heinessön+[46] eine Reise auf eigene Kosten, um Grönland zu entdecken.

Er war übrigens im Besitz eines königlichen Schutzbriefes, auch war

ihm für den Fall eines günstigen Ausganges eine königliche Belohnung

zugesichert. Dieser „~dapffer Hane oc Styris Mand goed~“ nahm den alten

norwegischen Kurs nach Grönland und bekam Grönlands Ostküste in Sicht,

ja soll sogar den alten Felsen „Hvidsärk“ gesehen haben.

„Er setzt aus von Island nach altem Brauch,

Das däuchte der beste Weg ihm auch,

Den wollt’ er zuerst versuchen.

Dann steuert er nordwärts und dann gen West,

Benützte den Sturm, wo er konnte best,

Bis „Hvidsärk“ er endlich erblickte.

Dort traf er auf Nebel, auf Eis und Sturm,

Es bäumte die See sich hoch auf wie ein Thurm,

An Landen war nirgends zu denken.“

Diese ganze Beschreibung von +Heinessöns+ Reise ist in der

„Grönländischen Chronika“[47] enthalten, aus welcher dies Citat

entnommen wurde, das leider den einzigen Bericht bildet, den wir

darüber haben. Wir erhalten jedoch den deutlichen Eindruck, daß der

„~dapffre Hane~“ die Eisverhältnisse an der Ostküste von Grönland eben

so ungünstig gefunden hat, wie sie heutzutage sind.

Wir sehen, daß er sich von Island aus „nordwärts und dann gen West“

begeben hat, daß er den „Hvidsärk“ erblickte, aber erst später bekam er

„allmählich das Land in Sicht“. Inwieweit dies dem Verfasser zur Last

gelegt werden muß, und ob er dies hinzugedichtet hat, nach der damals

allgemein herrschenden Ansicht, daß Hvidsärk in der Mitte zwischen

Grönland und Island liegen sollte, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen,

scheint aber sehr wahrscheinlich. Weniger annehmbar scheint mir die

Auslegung, daß +Mogens Heinessön+ einen großen Eisberg getroffen haben

soll, was in diesem Fahrwasser freilich vorkommen kann; er hätte seinen

Irrthum bald einsehen müssen, da ein solcher Eisberg ja ganz isolirt im

Meere liegt.

Wenn es heißt, daß das Schiff durch einen in der Tiefe liegenden

Magnet in seiner Fahrt gehemmt würde, so scheint mir die natürlichste

Erklärung hierfür, daß dies entweder ein gänzlich aus der Luft

gegriffener dichterischer Zusatz des Verfassers ist, der in

Zusammenhang steht mit dem damals herrschenden Aberglauben an das

magnetische Eismeer, und dies scheint mir das Natürlichste, --

oder auch es ist hierunter die in südwestlicher Richtung gehende

Meeresströmung zu verstehen, welche die in nordöstlicher Richtung

segelnden Schiffe am Weiterkommen hindert. Kurz vor dieser Stelle

steht, daß sie diesen Weg zogen.

„Je länger man aber gen Osten kam,[48]

Um so stärk’re Gewalt die Strömung annahm.“

Jeder, der es versucht hat, gegen diese Strömung anzukreuzen, weiß,

was das sagen will, und daß man bei etwas Aberglauben gar leicht in

Versuchung gerathen kann an „Magnete in der Tiefe“ zu glauben.

Die Expeditionen, welche von Dänemark im Jahre 1605[49] unter Leitung

des Schotten +John Cunningham+ (als Chef der Expedition), des

Engländers +James Hall+ (als ~Prinzipal-Pilot~), des Dänen +Godske

Lindenow+ und des Engländers +John Knight+, sowie 1606 mit +Godske

Lindenow+ als Höchstkommandirendem unternommen wurden, machten,

soweit man nach den spärlichen Berichten, die wir darüber haben,

urtheilen kann, keinen Versuch an der Ostküste Grönlands zu landen.

Die Behauptung, daß +Godske Lindenow+ während der ersten Reise am

südlichen Theil der Ostküste gelandet sein soll, scheint mir auf keiner

haltbaren Basis zu beruhen.

Diese Expeditionen landeten an der Westküste von Grönland, da sie aber

von dort keine Ausbeute heimbrachten, die nur einigermaßen mit den

Erwartungen im Einklang stand, so glaubte man, daß dies die Folge davon

sei, daß man das vermeintliche früher so reiche „Österbygd“ noch nicht

gefunden habe.

Bereits im Jahre 1607 wurde eine neue Expedition unter Leitung des

Holsteiners +Karsten Richardsen+ mit dem Engländer +James Hall+ als

„Pilot“ von +Christian+ IV. ausgesandt, um „Österbygden“ zu suchen. Man

war des Erfolges so sicher, daß man Norweger und Isländer mitsandte,

die als Dolmetscher dienen sollten, falls man Nachkommen der alten

grönländischen Norweger treffen würde.

„Sie sollen,“ so heißt es in der Instruktion des Königs[50] an die

Expedition, „mit Fleiß erforschen, ob sich die früher erwähnten

Kirchen, Klöster, Felsen, Landzungen, Fjorde, Höfe u. a. noch dort

befinden. Item ob dort ein Bischof, Pfarrer, Voigt ist, an den sie

Abgaben entrichten, und dem sie Gehorsam beweisen.“

Daß man damals keine ganz verkehrte Vorstellung von der Lage von

„Österbygden“ hatte, geht ganz deutlich aus derselben Instruktion

hervor, indem +Christian+ IV. darin sagt, daß der Eriksfjord -- „der

vornehmste Fjord in Österbygden -- südwestlich auf dem Lande zwischen

dem 60. und 61. Grade ungefährlich liegt, jedoch gegen die Ostseite des

Landes.“

Sie sollten auf diese südöstliche Landspitze zusteuern und nachdem

Österbygden untersucht war, sollten sie sich gen Norden an der Ostküste

entlang begeben, um dieselbe zu untersuchen.

Nach den Berichten in +Lyschanders+ Grönländischer Chronica, bekamen

sie Grönlands Ostküste am 28. Juni auf dem 59° N. Br. in Sicht. Sie

nahmen ihren Kurs auf das Land zu, wurden aber von dem Treibeis am

Landen verhindert.

Dann segelten sie nordwärts an der Ostküste entlang und müssen nach

+Lyschanders+ Beschreibung viele Versuche gemacht haben, durch das Eis

zu dringen, bis sie am 1. Juli zwischen dem 63. und 64. Grad N. Br.

den letzten verzweifelten Versuch wagten, der jedoch nicht glücklicher

ausfiel als die vorhergehenden.

„Da standen so Schiffer wie Steuermann,

Gleich Moses erschauend Kanaan,

Und mußten doch draußen bleiben.

Die Thränen netzten ihnen die Wangen,

Sie sahen das Land, konnten nicht es erlangen.“

So mußten sie denn ihre Hoffnung aufgeben und wurden theils durch

Sturm, theils durch Wassermangel gezwungen, heimzuwenden. Noch im Juli

erreichten sie Kopenhagen.

In den Jahren 1652, 1653 und 1654 wurden von einem dänischen

Privatmann, dem General-Zollverwalter +Henrik Möller+, welcher

einen königlichen Freiheitsbrief zu dem Zweck erhalten hatte, drei

verschiedene Entdeckungs-, Fang- und Handelsexpeditionen ausgesandt.

Dieselben wurden von einem Ausländer, wahrscheinlich einem Holländer

Namens +David Danell+ (oder +De Nelle+) geleitet.

Die erste dieser Reisen ist hauptsächlich für die Geschichte der

grönländischen Ostküste von Interesse, indem verschiedene kräftige

Versuche, sie zu erreichen, gemacht wurden.[51] Da die früheren

Expeditionen an die Ostküste mißglückt waren, nahm +Danell+ seinen

Kurs weiter nördlich nach dem alten Seeweg, dem sog. „Eriksstevne“ zu.

Er reiste nördlich um Island herum, steuerte dann in südwestlicher

Richtung weiter und befand sich am 29. Mai auf dem 64° 19′ seiner

Vermuthung nach 50 Meilen von Reykjanäs entfernt. Am 2. Juni bekamen

sie Grönlands Ostküste in Sicht, vermuthlich bei Kap Dan,[52] konnten

aber weder an diesem noch an einem der folgenden Tage landen, weil das

Eis 4-7 Meilen vom Lande entfernt lag.[53]

Am 9. Juni wollten sie einen Hafen suchen, wahrscheinlich südlich vom

Kap Dan, „aber das Eis lag 2 Meilen breit im Hafen und vor dem Lande.

Sie setzten nun ein Boot aus, um einen Versuch zu machen, über das Eis

zu gehen, aber dies fing an zu brechen (?) und hätte sie fast alle ins

Unglück gestürzt.“

Dann segelten sie südwärts an der Ostküste entlang und da sie dieselbe

überall mit Eis versperrt fanden, gingen sie um die Mitte des Juni an

+Kap Farvel+ vorbei nach der Westküste.

Auf dem Rückwege machte +Danell+ Ende Juli einen neuen Versuch, die

Ostküste zu erreichen und ist scheinbar damals dem Lande sehr nahe

gewesen; am 23. Juli will man sogar vor einem Fjord oder einer Bucht

gewesen sein, die ganz eisfrei war, „und wenn die Nacht nicht so

schnell hereingebrochen wäre, würde man in den Fjord hineingesegelt

sein“.(?) Weiter nach Norden zu, auf dem 63° N. Br. will man bis auf 1

Meile an das Land hinangekommen sein, wo sie jedoch das feste (?) Eis

in einer Ausdehnung von ½ Meile (?) liegen sahen u. s. w.

Es geht aus +Danells+ Reise deutlich hervor, daß die Eisverhältnisse

an der Küste zu jener Zeit im Juni und im Juli genau dieselben gewesen

sind wie heutzutage.

Im folgenden Jahre (1653) im Juni segelte +Danell+ abermals an der

Ostküste entlang bis zu Kap Farvel, wurde aber überall von dem Eise

verhindert, sich dem Lande zu nähern. Am 19. Juni glaubte man auf dem

64° N. Br. das Herjolfsnäs der alten Norweger zu erblicken, wo das Eis

sich fünf oder sechs Meilen vom Lande aus erstreckte. Dann besuchte man

Grönlands Westküste.

Ob +Danell+ auf der Rückreise zu Anfang August abermals einen Versuch

machte, die Ostküste zu erreichen, ist nicht bekannt, im Bericht heißt

es nur, daß er, als er die Ostküste durch Eis versperrt fand, den

Entschluß faßte, nach Island zu gehen.

1654 treffen wir +Danell+ abermals an Grönlands Ostküste, diesmal

scheinbar weiter nach Süden zu, und er ist dort wahrscheinlich nur auf

dem Wege nach der Westküste vorübergereist. Ueber die Reise selber

weiß man nur sehr wenig, außer, daß sie vor Baals Revier (d. h. im

Godthaabs-Fjord) „eine Seejungfrau mit aufgelöstem Haar und von großer

Schönheit“ erblickten.

Im Jahre 1670 wurde ein Seekapitän, Namens +Otto Axelsen+, von dem

dänischen König ausgesendet, um das alte Grönland aufzusuchen. Er

kehrte noch im nämlichen Jahr zurück, aber es ist nichts über diese

seine erste Reise bekannt.

Im darauffolgenden Jahre (1671) wurde er abermals ausgesandt, aber er

kehrte niemals wieder heim. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sein

Fahrzeug bei einem Versuch, an der Ostküste von Grönland zu landen,

zerschellt ist.

+Danell+ hatte ohne jeglichen Grund das „Herjolfsnäs“ der Alten --

das in der Nähe von Österbygden liegen sollte -- an die Ostküste

verlegt (siehe oben). Dies hat, verbunden mit dem Umstande, daß man

die Nachkommen der alten Norweger an der Westküste noch nicht gefunden

hatte, +Theodor Thorlacius+ dazu verleitet, auf seiner Karte über

Grönland (aus d. J. 1668 oder 1669) Österbygden an die Ostküste von

Grönland zu verlegen, und dadurch war man für lange Zeiten in Bezug

auf die Lage irregeführt worden. Es handelte sich daher für die

Expeditionen, die an der Ostküste zu landen versuchten, nicht allein

darum, Grönland zu erreichen, sondern auch Österbygden zu finden.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts (1721) kam bekanntlich der Norweger

+Hans Egede+ nach Grönland; er gründete dort eine Kolonie, und später

wurden dort mehrere gegründet. +Egedes+ Hauptzweck war es gewesen, den

Nachkommen der alten Norweger das Licht des Christenthums zu bringen,

aber auch er konnte keine solchen finden. Er war indessen fest davon

überzeugt, daß es deren an der Ostküste geben müsse.

Aus einem vom 29. August 1724[54] datirten Bericht ersieht man, daß

die Compagnie in Bergen, die +Egede+ aussandte, einem seiner Schiffe

(dem Hucker „Egte Sophia,“ Kap. +Hans Faester+) den Befehl gegeben

hatte, „die östliche Seite des Landes Grönland aufzusuchen und zu

rekognosciren, da es aber überall vom 66½° bis zum 60° mit Eis bedeckt

gewesen ist, so ist auch dieser Plan nicht so glücklich ausgefallen,

wie man es gerne gesehen und gewünscht hätte“. Am 12. Mai erreichte

das Schiff die Küste Grönlands und scheint drei Monate lang dem Eise

entlang zwischen dem 66° 30′ N. Br. und dem 60° 28′ N. Br. gekreuzt zu

haben in einer Entfernung von der Küste, welche „bisweilen 5, 10, 15,

20 und 25 Meilen betrug“ und „ohne einen Annäherungspunkt oder einen

Zugang gefunden zu haben“.

Es scheint, als habe man nun für längere Zeit den Muth verloren, ein

Landen an der Ostküste von der Seeseite aus zu versuchen. Erst im

Jahre 1786 wurde auf Veranlassung des Bischofs +Paul Egede+, +Hans

Egedes+ Sohn, eine neue Expedition von zwei Schiffen ausgesandt, um

Österbygden wiederzufinden. Die Expedition wurde unter die Leitung des

Kapitänlieutenants +Paul de Löwenörn+ gestellt.

Am 3. Juli bekamen sie zwischen dem 65° und dem 66° N. Br. ein hohes,

bergiges Land in Sicht (nördlich von Kap Dan), das sie den ganzen

Tag und den folgenden Morgen sahen; da scheint +Löwenörn+ indessen

durch das Treibeis abgeschreckt zu sein, wenigstens entfernte er sich

wieder von „Grönlands eisumgürteter Ostküste“, um einige Tage später

nach Island zurückzukehren, wo er längere Zeit im Dyrafjord vor Anker

lag. Dies war das einzige Mal, daß er das Land in Sicht bekam. Am

23. Juli ging er freilich abermals aus, um einen Versuch zu machen;

da er aber schon am folgenden Tage auf Treibeis stieß, scheint er

die Hoffnung sehr schnell aufgegeben zu haben; kurz darauf kehrte

er mit seinem größten Schiff nach Dänemark zurück. Obwohl dies ein

früherer Walfischfänger war, und also ausschließlich für die Fahrt im

Eismeere erbaut, sah er weniger von der Ostküste als die meisten seiner

Vorgänger. Eine besondere Vorliebe für das Treibeis scheint er hiernach

nicht gehabt zu haben. Es mag zu seiner Entschuldigung dienen, daß er

als Marineoffizier keine Erfahrung in der Eismeerschiffahrt hatte.

Als er nach Hause reiste, hinterließ er sein kleineres Fahrzeug,

die Yacht „Den nye Pröve“ unter dem Kommando von Sekondelieutenant

+Christian Thestrup Egede+ (einem Sohn des Bischof +Paul Egede+),

damit dieser weitere Versuche zur Auffindung von „Österbygden“ machen

könne. Als Nächstkommandirender wurde auf seinen speciellen Wunsch der

Sekondelieutenant +C. A. Rothe+ angestellt.

Was +Löwenörn+ an Muth und Unternehmungsgeist fehlte, scheint

+Egede+ in um so höherem Maße besessen zu haben, und mit der ganzen

Begeisterung seiner Jugend setzte er alles daran, um den Traum seines

Vaters: die Wiederentdeckung von Österbygden, zu verwirklichen. Schon

am 8. August -- am selben Tage, an dem +Löwenörn+ heimsegelte -- stach

er mit seiner kleinen Yacht in See, um noch in diesem Jahr einen

ernsten Versuch zur Erreichung der Küste zu machen.

Am 16. August bekamen sie das Land (wahrscheinlich nördlich von Kap

Dan) in Sicht, konnten aber infolge des Eises, das sich 7 Meilen von

der Küste erstreckte, nicht landen.

Am 20. August kamen sie weiter südlich vor der Mündung eines 1 Meile

breiten Fjordes -- zweifelsohne des Sermilik-Fjordes -- dem Lande bis

auf 2½ Meilen nahe; aber auch hier hemmte das Eis ihr Vordringen.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 17 / 25 段