„Endlich ist unser Mittagessen fertig; es wird in die wenigen Tassen,

die wir haben, und in hermetische Blechbüchsen, die wir als Tassen

benützen, gefüllt. Wir fangen an zu essen und finden Alle, -- ja sogar

die Lappen -- daß es vorzüglich schmeckt. Da entdeckt +Ravna+ zu

seinem Schreck und Entsetzen, daß das Fleisch in der Suppe nicht ganz

durchgekocht ist, er kann infolgedessen nichts mehr herunterbringen,

sondern sitzt da und setzt eine klägliche Miene auf, die unsere

allgemeine Heiterkeit erregt. Sein kleines, scheckiges Gesicht ist

unter solchen Umständen ganz unbezahlbar komisch. +Balto+ ergeht

es nicht viel besser, er kann freilich die Suppe trinken, die er

„vorzüglich“ findet, das Fleisch aber schüttet er heimlich in eine

Wasserlache in der stillen Hoffnung, daß ich es nicht bemerken soll. Er

behauptet, daß er mit dem Propheten Elias sagen kann: „Herr, was ich

nicht gegessen habe, das kann ich auch nicht essen.“ Ich suchte ihm

begreiflich zu machen, daß Elias sicher so etwas nicht gesagt habe,

denn er aß, was Gott ihm sandte, daß aber ein Mann, den man den Apostel

Petrus nennt, allerdings so etwas Ähnliches gesagt haben solle, daß

dieser Ausspruch aber mit einem Gesicht, das er hatte, in Zusammenhang

stand und figürlich zu verstehen sei. Er schüttelte den Kopf ungläubig

und beharrte bei seiner Meinung, daß nur Heiden und Thiere rohes

Fleisch äßen. Zum Trost erhalten die Lappen jeder einen Fleischbiskuit.

Es kann nicht nützen, alte Hunde das Bellen lehren zu wollen.

„+Dietrichson+ und +Kristiansen+ fühlen heute Stechen in den Augen,

ich ermahne nun meine sämtlichen Gefährten, sorgfältig im Gebrauch der

Schneebrillen zu sein.

„Am Nachmittage ist der Zustand des Eises noch immer unverändert, wir

treiben mit schneller Fahrt südwärts. Während der letzten Nacht hatten

wir uns mehr vom Lande entfernt, jetzt nähern wir uns scheinbar wieder

mehr.

„Am Nachmittage befinden wir uns dem von +Graahs+ Reise bekannten

+Skjoldungen+ gegenüber. Von +Igdloluarsuk+ an haben wir wieder

eine herrliche Alpenlandschaft vor uns mit hohen, scharfen Zinnen

und zerrissenen Formen, die besonders am Abend bei glühendem

Sonnenuntergang von zauberhafter Schönheit sind.

„Die Bewegung wird auffallend stärker, obwohl wir ziemlich weit von

dem offenen Eisrande entfernt sind. Da draußen muß ein sehr heftiger

Seegang sein.

[Illustration: Unser Leben im Treibeise.

(Nach einer Photographie.)]

„Die Nächte fangen an, kalt zu werden, -- deshalb legen wir so viel wie

möglich von den Persenningen, Regenkleidern etc. unter die Schlafsäcke.

Man muß sich eben das Leben so angenehm wie möglich machen.

„Als die Anderen sich schlafen legen, übernehme ich die erste

Nachtwache, um meine Skizzen vom Lande zu vollenden, was mit großen

Schwierigkeiten verknüpft ist, da die Nächte hier weiter nach Süden zu

schon anfangen, dunkel zu werden.

[Illustration: Eine Mondscheinnacht im Treibeise.

(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]

„Ringsumher herrscht tiefe Stille, kein Windhauch rührt sich, selbst

die wachsende Bewegung vermag den tiefen Frieden nicht zu brechen.

Groß und rund mit eigenartig röthlichem Glanz ist der Mond über die

Eisfläche im Osten aufgegangen, am nördlichen Horizont ist noch

ein schmaler, goldigglühender Abendstreifen sichtbar. Unter dem

Mond am äußersten Rande des Eises schimmert wie ein glänzendes Band

das rollende Meer, sonst erblickt man ringsumher, wohin das Auge

reicht, nichts als Eis und Schnee, und im Hintergrunde hebt sich die

grönländische Alpenlandschaft mit ihren feenhaft schönen Berggipfeln

von dem halbdunklen, träumerischen Himmel ab. Welch wunderbare

Sommernacht, wie weit entfernt aber von allem, was man mit Mondschein

und Sommerträumen zu verbinden pflegt.

„Dort vor mir auf dem Eise stehen die Böte, die Schlitten und das

Zelt, in dem jetzt die müden Gefährten in tiefem Schlummer liegen.

Dort in der Süßwasserlache neben mir spiegelt sich der Mond still und

friedlich. Die Gegenwart und alles, was uns umgiebt, schwindet, das

ganze Leben liegt gleichsam aus einer Perspektive gesehen vor uns, die

Größe der Natur läßt es so klein erscheinen. Und was für ein Unglück

ist denn geschehen, wenn man alles recht bedenkt? Sechs Menschen

treiben in südlicher Richtung auf einer Eisscholle. -- --

„Den 26. Juli. Keine Veränderung, außer daß wir dem Rande des Eises und

dem offenen Meer näher gekommen sind. Die Bewegung scheint merklich

abgenommen zu haben, trotz der Nähe des Meeres macht sie sich weniger

bemerkbar als gestern.

„Wir treiben südwärts an der Küste entlang, scheinbar mit großer

Schnelligkeit.

„Es ist vorläufig nichts zu machen, das Eis ist nicht fest genug, um

die Böte und Schlitten darüber hinzuziehen, liegt aber zu dicht, als

daß wir uns hindurch rudern oder stängeln können.

„Regenwetter hält uns im Zelt zurück.

„Wir müssen alles thun, um die Lappen zu ermuntern, die ihren Muth

mehr und mehr sinken lassen, sie glauben, daß wir schließlich in den

Atlantischen Ocean hinaustreiben. Eines Tages sprechen wir davon,

wann wir wohl an Land gehen werden, und einigen uns darüber, daß es

uns jedenfalls am Kap Farvel gelingen muß. Wir rechnen aus, wann

dies spätestens geschehen kann, und kommen zu dem Resultat, daß uns

dann noch Zeit genug bleibt, um uns an der Küste entlang nördlich

emporzuarbeiten, um über das Eis zu gehen. Einige meinen, daß es,

selbst wenn es dies Jahr zu spät werden sollte, doch am besten sei,

gleich so weit wie möglich in nördlicher Richtung an der Ostküste

vorzudringen, dort zu überwintern und das Leben so gut es geht zu

fristen, um dann im Frühling die Reise nach der Westküste anzutreten.

Ich bin der Ansicht, daß dies kein vernünftiger Plan ist, da es sehr

schwer sein wird, den mitgebrachten Proviant, den wir während der

Wanderung über das Eis nothwendigerweise haben müssen, unberührt zu

lassen, aber +Dietrichson+ meint, daß dies doch unser einziger Ausweg

sei, und -- wie er sich ausdrückt -- „wir riskiren ja nichts weiter

als das Leben dabei“. Während wir so verhandeln, sagt +Balto+: „Redet

doch nicht über so etwas, +Nansen+, wir kommen doch niemals an Land,

wir treiben in den Atlantischen Ocean hinaus; ich bitte meinen Gott

nur, daß er mich als bußfertigen Sünder sterben läßt, so daß ich in den

Himmel kommen kann. Ich habe so viel Böses im Leben gethan, aber jetzt

bereue ich es bitterlich, denn ich habe eine solche Angst, daß ich

nicht selig werde.“ Ich fragte +Balto+, ob er es nicht für nothwendig

halte, seine Sünden zu bereuen, selbst wenn er nicht so bald sterben

müsse. Ja, das könne wohl nicht schaden, meinte er, aber es habe dann

nicht so große Eile damit. Doch wolle er, wenn er diesmal mit heiler

Haut davon käme, versuchen, ein besseres Leben zu führen. Wahrlich,

ein naives Bekenntniß, das von einem eigenthümlichen Christenthum

zeugt, einem Christenthum, wie man es aber leider wohl nur zu oft

treffen kann. Ich fragte ihn, ob er denn, wenn er gerettet würde, das

Branntweintrinken unterlassen wolle. Ja, er glaube wohl, wenigstens

würde er nur ganz wenig trinken. Der verdammte Branntwein wäre schuld

daran, daß er auf diese Reise gegangen sei. Ich fragte, wie das zu

verstehen wäre. Er sei betrunken gewesen, als er N. N. begegnete,

der ihn fragte, ob er mit nach Grönland wolle. Er wäre damals so

muthig gewesen und habe gemeint, das sei etwas Rechtes für ihn. Aber

am nächsten Morgen, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte und sich

erinnerte, worauf er eingegangen sei, bereute er es bitterlich, meinte

aber, es sei zu spät, um die Sache zu ändern, jetzt würde er gern viel

Geld geben, wenn er nie mitgekommen wäre.

„Im übrigen ist die Stimmung im Zelt ganz vorzüglich; -- wir fühlen

uns dort, wo wir sind, sehr gemüthlich. Einige lesen, Andere führen

ihr Tagebuch, +Balto+ flickt Schuhe und +Ravna+ thut am liebsten --

wie gewöhnlich -- nichts. Nur die Aussicht, vielleicht wieder ins Meer

hinausgetrieben zu werden, ist nicht geradezu erbaulich.

[Illustration: Schwere Arbeit im Treibeise.

(Von A. Bloch nach einer Skizze des Verfassers.)]

„Gegen Nachmittag klärt es sich ein wenig auf, der Regen läßt nach, und

wir können Land sehen, das jetzt ebenso nahe wie früher vor uns liegt.

„Eine Stunde später fassen wir den Beschluß, uns durch das Schlampeis

hindurch zu arbeiten. Es ist gefährlich, aber es muß versucht werden;

wir nähern uns noch immer mit reißender Fahrt dem offenen Meere. Unter

steter Gefahr für unsere Böte kommen wir eine ansehnliche Strecke

vorwärts. Es gilt acht zu geben und die Böte glücklich in einen Hafen

zu bugsiren, sobald sich das Eis zusammenschiebt. Einmal retten wir

uns gerade im letzten Augenblick auf eine kleine niedrige Scholle, die

später unter dem Druck des Eises in mehrere Stücke zerberstet, auf der

wir aber doch sicher liegen.

„Als das Eis andauernd fest bleibt, fangen wir an, die Böte darüber

hinweg zu ziehen, was keineswegs eine leichte Arbeit ist, da die

Eisschollen infolge der Bewegung im Wasser bald getrennt, bald

gegeneinander getrieben werden und bald zerschellen. Am schwierigsten

ist es, die Schlitten von einer Eisscholle auf die andere überzuführen,

ohne sie in die See fallen zu lassen. Oft müssen wir lange warten, ehe

wir zurückkommen können, um den Rest der Schlitten oder die Böte von

der Scholle abzuholen, auf der wir sie verließen. Bei angestrengter

Aufmerksamkeit kommen wir doch einigermaßen schnell vorwärts. Aber was

nützt das alles? Freilich machen wir uns eine gute Bewegung damit, und

das ist eine wichtige Sache, einen andern Nutzen hat es aber nicht. Die

See arbeitet schneller als wir, und es hat den Anschein, als sollten

wir wieder in die Brandung hinausgetrieben werden. Wohlan, sei es, dann

wollen wir uns aber bei Zeiten einen sichern „Segler“ aussuchen. Wir

nehmen eine förmliche Inspektion aller Eisschollen in der Nähe vor, wir

haben jetzt ein gutes Verständniß davon, wie eine solche Eisscholle

beschaffen sein muß. Schließlich bestimmen wir uns für eine, die aus

bläulichem, festem Eis besteht, dick, aber nicht groß ist und ungefähr

die Form eines Fahrzeuges hat, so daß sie sich leicht auf den Wellen

wiegen kann, ohne zu zerschellen. Sie hat einen so hohen Rand, daß

die See nicht so leicht darüber hinwegspülen kann, auf einer Stelle

aber ist eine Lücke, durch welche wir die Böte mit Leichtigkeit von

dem Wasser aus heraufziehen können. Dies ist ohne Zweifel die beste

Eisscholle, die wir gehabt haben, und auf dieser gedenken wir -- falls

wir gezwungen werden, sie zu benutzen -- so lange zu bleiben, wie wir

uns halten können, mag auch die Brandung toben und brausen.

„Natürlich hatten wir uns auch diesmal vergewissert, daß sich genügend

Wasser auf der Scholle befand, ehe wir uns bestimmten, sie zu wählen.

Wasser findet man übrigens fast auf allen Schollen, indem der auf

denselben liegende Schnee schmilzt und das beste Trinkwasser liefert,

das sich in kleineren und größeren Lachen ansammelt. Da machten wir

denn lange Gesichter, als wir einmal Wasser in unseren Kochapparat

gefüllt hatten und sich nun beim Probiren herausstellte, daß es

salzhaltig war. Wir hatten nicht daran gedacht, daß fast aller Schnee

hier abgeschmolzen war. Wir fanden endlich auf den höchsten Punkten der

Scholle, wo noch Schnee lag, gutes Trinkwasser.

„Am Abend wurde ein vorzüglicher Kaffee servirt. Die Stimmung war sehr

animirt. Hätte Jemand den Kopf durch die Thür unseres gemüthlichen

Zeltes gesteckt und uns um unsere brodelnde Kaffeemaschine sitzen

sehen, so würde es kaum den Eindruck gehabt haben, daß dies Menschen

waren, die voraussichtlich binnen kurzem hinaus sollten, um einen Kampf

mit Treibeis, Meer und Brandung aufzunehmen, dem es wohl nicht an Ernst

fehlen konnte.

„Wir befinden uns nun gerade vor dem +Tingmiarmiuts+-Alpenland. Eine

schöne Felspartie immer schöner als die andere wechselt an Grönlands

großartiger Küste ab. Im Grunde ist es gar nicht so übel, hier durch

das Eis zu treiben, wir bekommen mehr von der Küste zu sehen, als dies

sonst der Fall gewesen wäre.

„Ueber Nacht ist das Wetter schön, still, kalt und heller Mondschein,

-- ganz so wie gestern.

„Es muß die Wirkung des Kaffees sein, daß ich Gefallen daran finde,

hier draußen zu sitzen und zu schwatzen, anstatt in den Sack zu

kriechen, um frische Kräfte für die Anstrengungen des morgenden Tages

zu sammeln. Gute Nacht!

„Den 27. Juli. Ich ging über Nacht doch nicht zu Bett. Das machte der

Kaffee, -- eine reine Kaffeevergiftung!

„Ich ging auf und nieder und schwatzte mit +Sverdrup+, während er Wache

hielt. Wir tauschten Erinnerungen aus unsern Knabenjahren aus. Die

ganze Menschheit und das Leben nehmen sich von hier oben im Treibeise

gesehen so wunderlich fern aus. Erst gegen Morgen krochen wir in unsern

Sack und fielen in einen unruhigen Schlummer.

„28. Juli. Gestern lagen wir still, ebenso heute. Unsere Furcht, am

äußeren Rande des Eises wieder in die Brandung zu gerathen, war nicht

ganz unbegründet. Wir näherten uns ihr gestern auf kaum 300 ~m~. Wir

sehnten uns jetzt fast darnach, hinaus zu kommen, da dies Leben im

Treibeis doch ein Ende haben mußte, sobald wir in das offene Meer

gelangten. Der Seegang war nicht stark und der Wind günstig, wir mußten

in 24 Stunden bei Kap Farvel sein, und dort konnten wir sicher durch

das Eis dringen und die Küste erreichen.

„Aber wir sollten nicht dahin gelangen. Als wir eine Weile an der

Eiskante entlang getrieben waren, geriethen wir abermals an eine Zunge

aus Treibeis, die sich südlich von uns zu erstrecken schien. Das Eis

ist hier sehr schmal. Durch Peilung verschiedener Punkte der Küste

entdeckten wir, daß wir -- die wir uns hart am Rande des Eises befanden

-- ungefähr 3¾ Meilen vom Lande bei Mogens Heinesensfjord befanden.

„Gestern hatten wir regnerisches, kaltes Winterwetter mit bedecktem

Himmel, heute lacht die Sonne warm und sehnsuchtweckend auf uns herab.

Das Inlandseis nördlich und südlich von +Karra Akungnak+ liegt rein

und weiß wie eine ebene, scheinbar leicht befahrbare Fläche da; im

Innern wird es durch Reihen von Nunataks unterbrochen, -- und zwar

durch weit mehr als auf Holms Karte verzeichnet sind. Es lockt und

zieht uns weit, weit hin nach dem unbekannten Innern. Nun wohl, einmal

wird unsere Zeit schon kommen!“ --

Mit diesem hoffnungsvollen Ausruf, der vielleicht wunderbar erscheinen

mag, wenn man so häufig getäuscht worden ist, schließen meine

Tagebuchsaufzeichnungen aus dem Treibeis. Die nächsten Aufzeichnungen

kommen vom 31. Juli und lauten folgendermaßen:

„Welch ein Unterschied zwischen der Scenerie, die mich jetzt umgiebt,

und der, inmitten welcher ich zuletzt schrieb: Damals Eis, Einsamkeit

und das Brausen des Meeres, jetzt heulende Hunde, Heiden in Unmassen,

niedergerissene Zelte, kurz -- Leben, Wirksamkeit und Sommer, vor allem

aber Grönlands Felsengrund unter unsern Füßen.“

Diese Worte schrieb ich beim Aufbruch von dem ersten Eskimolager,

auf das wir stießen, ehe ich aber mit den Mittheilungen aus meinem

Tagebuche fortfahren kann, muß ich erst erzählen, wie wir hierher

gelangten.

Am Abend des 28. Juli, nachdem ich meine obenangeführten Aufzeichnungen

beendet hatte, trat ein starker Nebel ein, der das Land vor unsern

Blicken verbarg. Im Laufe des Vormittages hatte sich das Eis mehrmals

ein wenig zertheilt, was um so bemerkenswerther war, da wir uns ganz

nahe an dem äußeren Eisrande befanden, wo der Seegang am stärksten

war; man durfte wohl erwarten, daß er das Eis zusammenhalten würde.

Die Veränderung im Zustand des Eises war jedoch nicht bedeutend genug

gewesen, als daß wir uns bei dem starken Seegang mit unsern Böten

hätten durcharbeiten können. Als aber Einige von uns den gewöhnlichen

Abendspaziergang vor dem Schlafengehen machen, fällt es uns auf, in wie

hohem Grade das Eis mehr und mehr nachläßt. Es hat den Anschein, als

ob das Eis nach der See zu sich mehr und mehr zertheilt, und das sieht

ganz sonderbar aus. Aber wir sind müde und haben keine rechte Lust, --

aufrichtig gesprochen, sind wir der ewigen Enttäuschungen überdrüssig;

ich ging mit dem Gedanken um, in See zu gehen. So krochen wir denn in

unsere Säcke. Eine Wache hatten wir aber wie gewöhnlich ausgestellt,

und der Wächter erhielt die Ordre, uns zu wecken, falls das Eis noch

mehr nachlassen sollte. In der Nacht verdichtete sich der Nebel, so daß

wir nichts von unserer Umgebung sehen konnten.

Gegen Morgen hielt +Sverdrup+ Wache. Er ging im Nebel auf und nieder,

-- erzählte er später, -- sah nach dem Kompaß und dachte, ob er denn

wirklich verrückt geworden sei. Entweder mußte er oder der Kompaß

es sein, denn er hörte die Brandung in der Richtung, wo nach seiner

Berechnung Westen sein mußte und wo folglich das Land lag, während

wir sie bis dahin stets von Osten her, wo sich das Meer gegen das

Eis brach, gehört hatten. Dies konnte nicht mit rechten Dingen

zusammenhängen. Später erklärte sich die Sache, wie wir sehen werden,

auf andere Weise. -- Er hatte die Brandung an der Küste gehört.

Am Morgen lag ich eine Weile wach im Schlafsack, Ravna hatte die Wache

gehabt und seine zwei Stunden wie gewöhnlich auf vier ausgedehnt.

Ich lag lange da und amüsirte mich über sein kleines rundes bärtiges

Gesicht, das durch die Thürspalte ins Zelt hineinguckte. Ich dachte, er

grübele wie gewöhnlich darüber nach, ob jetzt wohl seine zwei Stunden

abgelaufen seien, so daß er Kristiansen wecken könne, der nach ihm die

Wache übernehmen sollte. Allmählich fiel mir aber der eigenthümlich

unruhige Ausdruck seines sonderbaren Gesichtes auf. Ich fragte

schließlich: „Nun, Ravna, kannst Du Land sehen?“ Nie werde ich den Ton

vergessen, in welchem er auf seine naive Art erwiderte: „Ja, ja, Land,

allzu nahe!“ (Beide Lappen bedienten sich der Verstärkung „allzu“ statt

sehr oder viel.) Ich fragte, ob das Eis lose sei. „Ja, Eis lose.“ Diese

Worte trafen mich wie ein Blitz. Ich sprang aus dem Sack und eilte an

die Zeltthür. Vor uns lag das Land, näher als es jemals gewesen war.

Das Eis war ziemlich lose und an der Küste gewahrte ich offenes Wasser.

Ravna hatte wahrlich recht, das Land war „allzu“ nah, als daß wir müßig

in unseren Säcken liegen konnten. Ich weckte die Gefährten, und wir

fuhren in unsere Kleider und verzehrten unser Frühstück in fliegender

Eile. Die Böte wurden ins Wasser gesetzt und beladen. Es währte nicht

lange, bis wir fertig waren. Ehe wir die Eisscholle verließen, die uns

so wohl geführt hatte und die aller Wahrscheinlichkeit nach unsere

letzte sein sollte, begab ich mich auf den höchsten Punkt derselben,

um zu sehen, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Im Eise war eine

ganz merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Die ganze Treibeismasse

schien vom Lande ab in südwestlicher Richtung getrieben zu sein. Ich

konnte nur nach der Seite hin Eis entdecken, und die Luft über uns war

ganz weiß, wie über großen Eismassen. In südlicher Richtung an der

Küste entlang schien dagegen ganz offenes Wasser zu sein. Wir befanden

uns nicht sehr weit davon entfernt, es erstreckte sich in einem langen

Keil an der Küste und endete ein wenig nördlich von uns, wo das Eis

hart bis an das Land hinan zu liegen schien. Wir befanden uns auf der

inneren Seite der Eismasse, das Meer an der Außenseite konnte ich nicht

mit Gewißheit erkennen.

Wunderbar, wie schnell sich das Rad des Schicksals dreht! Es war ganz

klar, daß wir das Land in kurzer Frist erreichen mußten; hätte uns

jemand das gestern gesagt, so würde niemand von uns an eine solche

Möglichkeit geglaubt haben.

Wir stießen von unserer Eisscholle ab, und so schnell wie acht starke

Arme uns vorwärts zu führen vermochten, ging es durch das offene Wasser

zwischen den Eisschollen hindurch. Wir konnten fast den ganzen Weg

rudern, nur an einzelnen Stellen mußten wir uns Bahn brechen.

Nach Verlauf von wenigen Stunden waren wir aus dem Eise heraus. Das

Gefühl, das uns beseelte, als wir unsere Böte an der letzten Eisscholle

vorübersteuerten und das offene, blanke Wasser sich bis an die Küste

erstrecken sahen, läßt sich kaum mit Worten beschreiben. Wohl niemals

hat ein Arm mit größerem Entzücken das Steuerruder geführt, als der

meine in jenen Stunden. Es war, als seien wir aus einer langen,

traurigen Gefangenschaft erlöst, als breite sich die Zukunft plötzlich

hell und lockend vor uns aus. Und das Leben war jetzt auch licht.

Kann es je lichter vor uns liegen, als wenn man Aussicht hat, das

Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen, als wenn man nach langer, langer

Ungewißheit wieder in eine sichere Spur gleitet? Das ist die zitternde

Freude des hereinbrechenden Tages, und ist der Tagesanbruch nicht stets

schöner, wonniger als der klare Tag?

Fußnote:

[34] Ist die Luft am Horizont über dem Eise dunkel, so ist dies ein

Zeichen, daß sich an der Stelle Schlampeis oder helleres Eis befindet;

die dunklere Wasserfläche giebt in der Luft oder in den Wolken einen

dunklen Widerschein. Solche Luft pflegt man Wasserhimmel zu nennen.

Kapitel X.

Historische Uebersicht über frühere Versuche, den Eisgürtel auf

Grönlands Ostküste zu durchdringen etc.

So hatten wir denn endlich die erste Schwierigkeit unserer Reise

überwunden. Wir hatten, wenn auch spät und auf einem südlicheren

Breitengrad als wir beabsichtigten, den Treibeisgürtel an der Ostküste

von Grönland durchdrungen und dies Ufer erreicht, was so Viele vor uns

vergebens versucht hatten.

Es ist nicht mehr als unsere Schuldigkeit, daß wir, bevor wir weiter

gehen, einen Rückblick auf diese Vielen werfen, die mit mehr oder

weniger Glück oder Unglück uns den Weg bahnten, wenn auch unser

Angreifen der Aufgabe sehr weit verschieden von der ihren war.

Die grönländische Ostküste wird bekanntlich nur von Wenigen besucht.

Der Grund hierzu ist wohl hauptsächlich der, daß alle Diejenigen,

welche eine Landung versucht haben, im Vordringen von dem Treibeis

gehemmt wurden, das der Polarstrom südwärts führt, und das den

größten Theil des Jahres in einem breiteren oder schmäleren Gürtel

zusammengedrängt an der Küste entlang liegt.

Diese schwierigen Eisverhältnisse waren den alten Norwegern sehr wohl

bekannt, was deutlich aus den vielen Berichten von Grönlandsreisen und

Schiffsunglücken im Treibeis an dieser Küste, von welchen die Sagen

berichten, hervorgeht.[35]

Einzelne Norweger müssen indessen die Küste erreicht haben.

So enthält die Floamanna-Sage (die in einer Handschrift aus dem Anfange

des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten ist) einen Bericht, daß der

norwegische Isländer +Thorgils Orrabeinsfostre+ schon vor 900 Jahren

(998) auf einer Reise nach der Westküste Grönlands (zu +Erik Raude+

in Østerbygden) von widrigen Winden zurückgehalten wurde und nach

vielen Drangsalen Schiffbruch an der Ostküste von Grönland unterhalb

der Eisgletscher in einer Bucht an einem sandigen Ufer erlitt, zu

deren beiden Seiten große Eisgletscher ins Meer hinausragten.[36] Sehr

bezeichnend ist es, daß sich dies im Herbst, Mitte Oktober zugetragen

haben soll, in einer Jahreszeit, in der die Küste nach unseren jetzigen

Erfahrungen am leichtesten zugänglich ist.

Die hier ans Land Geworfenen sollen aus +Thorgils+ samt Frau und ganzem

Hausstand, sowie einem anderen Mann, +Jostein+, ebenfalls mit Frau und

Hausstand, bestanden haben. Die Sage beschreibt sehr eingehend, wie

+Thorgils+ vier Winter und vier Sommer hindurch sein Leben an dieser

ungastlichen Küste fristet, vermittelst der spärlichen Hülfsmittel, die

er sich dort verschaffen konnte und dem Wenigen, was aus dem Schiff

geborgen war -- ein Boot, ein paar Stück Kleinvieh und etwas Mehl.

Zwei Winter und den dazwischen liegenden Sommer hielt sich +Thorgils+

an dem Orte auf, wo er gestrandet war, indem er des Eises wegen nicht

fortkommen konnte.[37]

Zu Anfang des ersten Winters gebar +Thorgils+ Gattin, +Thorey+, einen

Sohn. Im Laufe desselben Winters starb +Jostein+, seine Gattin und

seine sämtlichen Hausgenossen infolge der Seuche. (Wahrscheinlich

Skorbut.) Es geht aus der Sage hervor, daß +Jostein+ es nicht

verstanden hat, seine Mannen in der nöthigen Zucht zu halten. Im

Frühling, der auf den zweiten Winter folgte, als +Thorgils+ eines Tages

mit einigen Begleitern oben auf die Gletscher hinaufgestiegen war, um

zu sehen, wie es mit dem Treibeise stehe, wurde +Thorey+ von seinem

Verwalter und den Leibeigenen ermordet, worauf diese mit dem geretteten

Boot und den eingesammelten Lebensmitteln gen Süden flüchteten. Als

+Thorgils+ heimkehrte, fand er sein Haus geplündert und seine Gattin

todt auf dem Bette liegen, das Kind aber an der Brust der Leiche

saugend. Dies war der härteste Schlag, der +Thorgils+ widerfahren war,

und die Sage berichtet, daß er das Leben des Kindes rettete, indem

er einen Einschnitt in eine seiner Brustwarzen machte und es sein

Blut saugen ließ; durch ein Wunder wurde das Blut später in Milch

verwandelt. Um sich Nahrungsmittel zu verschaffen, mußten +Thorgils+

und seine wenigen Begleiter wieder auf die Jagd gehen, und an Stelle

des gestohlenen Bootes verfertigten sie sich ein Fahrzeug aus Fellen,

das inwendig mit Holz oder Weidenzweigen steif gemacht wurde.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 16 / 25 段