der Furcht verrathen könnte, sie haben denselben ruhigen Ausdruck wie
gewöhnlich und die Unterhaltung wird ebenso lebhaft geführt wie sonst.
Nur die Lappen setzen bekümmerte Gesichter auf. Es scheint mir aber
doch, als sei eine ruhige Resignation über sie gekommen, sie sind fest
überzeugt, daß sie die Sonne zum letztenmale untergehen sahen. Trotz
dem Getöse der Brandung liegen wir bald Alle in festem Schlaf, auch
die Lappen sind bald eingeschlafen. Sie sind zu echte Naturkinder, als
daß die Angst sie ihres Schlafes berauben könnte. +Balto+, dem das
Zelt wohl nicht sicher genug erscheinen mochte, liegt oben auf dem
einen Boot, er erwacht nicht einmal, als es von den Wellen beinahe
fortgespült wird, so daß +Sverdrup+ seine liebe Mühe hat, es zu
halten. Nachdem ich eine Zeit lang geschlafen -- wie lange es gewesen,
vermag ich nicht zu sagen -- erwache ich durch ein brausendes Geräusch
dicht neben meinen Ohren an der äußeren Zeltwand. Die Eisscholle wogt
fühlbar auf und ab gleich einem Fahrzeug, das sich in starkem Seegang
befindet, und die Brandung donnert betäubender denn je gegen uns an.
Ich erwartete, jeden Augenblick +Sverdrups+ mahnenden Ruf zu vernehmen,
oder das Zelt mit Wasser gefüllt zu sehen, aber nichts von alledem
geschah. Deutlich hörte ich seinen wohlbekannten ruhigen Schritt auf
der Scholle zwischen dem Zelt und den Böten auf und nieder gehen. Es
war mir, als sähe ich seine kräftige Gestalt dort unbekümmert hin und
her wandern, die beiden Hände in den Taschen, ein wenig vorübergebeugt,
das nachdenkliche, unerschütterlich ruhige Gesicht auf die See
gerichtet, von Zeit zu Zeit auf den Kautabak im Munde priemend, -- --
-- dann verwirren sich meine Gedanken, -- ich schlafe wieder ein.
[Illustration: Sverdrups Nachtwache am 20. Juli. (Nach einer Skizze des
Verfassers gezeichnet von E. Nielsen.)]
„Erst gegen Morgen erwachte ich wieder und fuhr verwundert auf, --
die Brandung war jetzt nur noch vernehmbar wie das ferne Geräusch des
Donners. Als ich aus dem Zelte trat, sah ich, daß wir von dem offenen
Meer weit entfernt waren, -- wie aber sah unsere Eisscholle aus? Große
wie kleine Eisstücke waren an allen Seiten aufgeschwemmt und hatten
sich rings am Rande zu einem hohen Wall aufgethürmt. Nur die Erhöhung,
auf welcher das Zelt und das eine Boot standen, hatte die See nicht
erreicht.
„+Sverdrup+ erzählte, er sei im Laufe der Nacht mehrmals am Eingange
des Zeltes gewesen, um uns zu wecken. Einmal habe er die eine Krampe
schon in die Höhe gehoben, er besann sich aber wieder und begab sich zu
den Böten, wo er ein wenig wartete und in die Brandung hinaus sah. Der
Sicherheit halber hatte er aber die Zeltthür nicht wieder geschlossen.
Wir befanden uns damals gerade an dem äußersten Eisrande, dicht neben
uns schaukelten große Eishügel vorüber, die sich jeden Augenblick auf
unsere Eisscholle zu stürzen drohten, -- was gerade keine angenehme
Ueberraschung für uns gewesen wäre. Die Brandung spülte an allen Ecken
über unsere Scholle, aber der Wall von Eisstücken, der sich gebildet
hatte, hielt sie wenigstens so weit ab, daß das Zelt und das eine Boot
verschont blieben. Das zweite Boot, in dem +Balto+ lag, war so von den
Wellen umspült, daß +Sverdrup+ es mehrmals festhalten mußte.
„Dann aber verschlimmerte sich die Situation. Er näherte sich abermals
der Zeltthür, öffnete noch eine Krampe, besann sich jedoch. Er wollte
die nächste Sturzsee abwarten.
„Mehr Krampen sollte er jedoch nicht öffnen, denn gerade als es am
allerschlimmsten aussah, und unsere Eisscholle kurz davor war, in
die stärkste Brandung hineingeschleudert zu werden, veränderte sie
plötzlich ihren Kurs und steuerte mit ganz erstaunlicher Schnelligkeit
dem Lande zu. +Sverdrup+ sagte, es habe auf ihn den Eindruck gemacht,
als würde sie von einer unsichtbaren Hand gelenkt.
„Jetzt, als ich aus dem Zelt trat, waren wir weit fortgetrieben und
lagen in einem sicheren Hafen, nur das Brausen der Brandung, das
man noch deutlich hören konnte, erinnerte an die Ereignisse der
verflossenen Nacht. So brauchten wir denn diesmal unsere eigene
Seetüchtigkeit und die unserer Böte nicht auf die Probe zu stellen.
„Der 21. Juli war ein stiller Tag nach sturmbewegter Nacht. Alles
athmete Ruhe und Frieden, wir entfernten uns immer weiter vom Meere,
die Sonne schien mild und warm, die Eisschollen lagen ruhig und
einförmig rings um uns her, selbst die Lappen schienen sichtlich
erleichtert.
„Nur ein Gedanke nagte an meiner Ruhe, -- nämlich die Aussicht, daß
die Expedition diesmal mißlingen und dadurch ein ganzes Jahr verloren
gehen würde. Nun, wir müssen thun, was in unseren Kräften liegt und uns
übrigens mit Geduld wappnen.
„Wir benutzen die Sonne, um die Längen- und Breitengrade zu bestimmen.
Wir befinden uns auf dem 64° 39′ N. B. und dem 39° 15′ W. L., wir
können noch die Gipfel des Sermilikfjordes sehen, das Inlandseis von
Pikiudtlek nördlich bis Inigsalik breitet sich weiß und imponirend
vor uns aus; mit seinem graden, wagerechten Horizont gleicht es
einem einzigen, weißen unermeßlichen Meer; keine Nunatakker (d. h.
Felsspitzen, die aus dem Inlandseise aufragen) sind zu erblicken, nur
draußen, am Rande gewahren wir einzelne dunkle Gipfel und Klippen (am
bemerkenswerthesten ist der Nunatak bei Pikiudtlek), die sich von der
sonst ununterbrochenen weißen Fläche abheben.
„Die Landschaft hier unten hat einen ganz anderen Charakter wie die
nördlichere bei Sermilik, Angmagsalik und Ingolfsfjeld. Dort oben
steigt das Land hoch, zerklüftet und wild aus dem Meere auf, die ruhige
Fläche des Inlandseises liegt verborgen hinter einer Reihe herrlicher,
himmelanstrebender Bergzinnen, deren erhabene Schönheit unwillkürlich
das Auge fesselt und über die das Eis niemals hinwegzuwachsen und ans
Meer zu gelangen vermochte. Hier dagegen ist die Landschaft niedrig,
das Inlandseis durfte seine grenzenlose, weiße Fläche bis ins Meer
erstrecken, und die wenigen Formen, die hier hervortreten, sind
niedrig und ruhig. Sie sind vom Eise abgeschliffen, -- alles scheint
von dem übermächtigen Eis ins Meer hineingedrängt zu sein. Auch diese
Landschaft ist wild, aber es ist die öde Wildheit der Einförmigkeit.
„Da ist nichts, was das Auge fesseln kann, und deshalb schweift es
willenlos über die lockende Eiswüste und verliert sich in der Ferne, wo
der Horizont den Blick begrenzt. Leider liegt das alles weit, -- weit
von uns! Es ist wunderlich, dem Ziele so nahe gewesen zu sein und nun
wieder draußen auf offenem Meere schaukeln zu müssen.
„Das Eis öffnet sich ein wenig, wir entdecken eine eisfreie Stelle
und setzen das eine Boot aus, um zu versuchen, ob wir uns ein
wenig durcharbeiten können, aber es ist vergebliche Mühe, das
Schlampeis zwischen den Schollen (das sich durch das ununterbrochene
Gegeneinanderreiben der Eisschollen während des Seeganges gebildet
hat) ist so dick, daß wir mit den schwer belasteten Böten nicht
vorzudringen vermögen. Wir müssen unser Vorhaben vorläufig aufgeben.
Die Schlitten und Böte über die Eisschollen zu ziehen, ist ebenfalls
eine Unmöglichkeit, da der Zwischenraum zwischen den einzelnen Schollen
ein zu großer ist. Das Getöse der Brandung erschallt noch immer in der
Ferne, -- der Seegang hat nicht nachgelassen und hält das Eis nach wie
vor zusammen.“
An diesem Tage, dem ersten an welchem wir Zeit hatten an etwas anderes
als unser Vordringen durch das Eis oder ans Schlafen zu denken, fingen
wir unser meteorologisches Tagebuch an. Es wurde im wesentlichen
von +Dietrichson+ geführt, der sich dessen stets, selbst unter den
schwierigsten Verhältnissen, mit bewunderungswürdigem Eifer annahm.
Hauptsächlich wurde die Temperatur, der Luftdruck, die Feuchtigkeit der
Luft, die Stärke und die Richtung des Windes, sowie die Wolkendecke
und die Form der Wolken verzeichnet. Die Observationen wurden so oft
und so sorgfältig wie nur möglich gemacht. Natürlich werden bei einer
Expedition wie der unsrigen, auf der man in der Regel von anstrengender
Arbeit in Anspruch genommen ist viele Lücken in dem meteorologischen
Tagebuch entstehen, besonders des Nachts, wo man von der anstrengenden
Arbeit des Tages ausruhen soll. Trotzdem glaube ich aber, daß
das Tagebuch, das wir mit nach Hause brachten, dank Lieutenant
+Dietrichsons+ unverdrossenem Eifer, ziemlich vollständig ist und
manche werthvolle Beobachtungen enthält.
Fußnote:
[33] Das Seewasser zehrt, besonders in der Nähe der Wasserfläche, an
dem Eise; der Theil der Eisscholle, der sich dadurch unter dem Wasser
vorstreckt, heißt „der Fuß“; er bildet einen guten Zufluchtsort,
besonders wenn das Eis zusammenpreßt, indem er unter dem Wasser mit
der nächsten Eisscholle in Berührung kommt und sie auf diese Weise
fernhält, so daß eine offene Wasserfläche bleibt, auf der das Boot
sicher liegen kann. Auf gleiche Weise bilden die +Buchten+ in den
Eisschollen Zufluchtsörter, indem die Ränder die anderen Schollen
abhalten und der Boden frei bleibt.
Kapitel IX.
Wir treiben weiter durch das Eis.
Die nun folgenden Tage, während welcher wir an der Küste entlang im
Eise weitersegelten, waren ziemlich einförmig. Der eine Tag verging wie
der andere. Wir gaben genau acht, in welcher Richtung wir uns vorwärts
bewegten, jede Bewegung im Eise, die Farbe der Luft über dem Eise,[34]
jeder Windhauch war von Bedeutung, -- hofften wir doch, daß eine
günstige Strömung uns bald an die Küste führen würde.
An dies Leben zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen knüpfen sich
trotzdem für einzelne der Theilnehmer manche lichte Erinnerungen.
Da es möglicherweise -- besonders für künftige Expeditionen -- von
Interesse sein könnte, will ich hier in aller Kürze einen Auszug aus
meinen Tagebuchaufzeichnungen einschalten. Den meisten Lesern rathe ich
freilich, dies Stück zu überspringen.
„Gegen Nachmittag (am 21. Juli) erblicken wir von einem hohen Eishügel
eine tiefe aber sehr schmale Bucht, welche südlich von uns in das Eis
einschneidet. Unserer Beurtheilung nach treiben wir an dieser Bucht
entlang, dem Ende derselben zu. Unsere Hoffnung auf eine Veränderung
und auf baldige Landung steigt natürlich gleich.
„22. Juli. In der Nacht senkt sich dichter Nebel herab und verbirgt
alles unserm Blick, wir ahnen nicht, wohin wir treiben, hören aber die
Brandung ebenso deutlich wie vorher. Als die Nacht vorrückt, wird das
Getöse jedoch schwächer, und die Bewegung im Eise läßt ein wenig nach.
„Der Nebel und die Bewegung hält den ganzen Tag an, um Mittag
klärt sich jedoch der Himmel im Zenith so weit auf, daß ich mit
einer Wasserlache auf der Eisscholle als künstlichem Horizont eine
Breitenobservation veranstalten kann. Wir befinden uns auf dem 64° 18′
N. B. -- eine hübsche Fahrt südwärts: seit vorgestern Mittag haben wir
60 Minuten (5 Meilen) zurückgelegt.
„Da das Eis im Laufe des Vormittags ein wenig nachgelassen hat,
versuchen wir, ein leeres Boot auf das Schlampeis zwischen die
Eisschollen zu bringen. Wir können nur äußerst langsam vorwärtskommen,
und es ist besser, die Kräfte jetzt zu schonen, wo man im Nebel doch
nicht sehen kann, nach welcher Richtung hin wir uns durcharbeiten
müssen. Möglicherweise wird sich bald eine gute Aussicht auf Landung
melden und Beschlag auf alle Kräfte legen, die wir haben.
„Am Nachmittage klärt er sich auf, wir sind möglicherweise dem Lande
ein wenig näher gekommen. Ein schwacher Luftzug, mißweisend Nord bis
Ost, (rechtweisend ungefähr West bis Nord) macht sich bemerkbar. Wir
hoffen, daß er zunehmen und das Eis zertheilen wird, aber die Bewegung
in der See hält noch an. Wir bedürfen eines starken Sturmes vom Lande
her. Derselbe würde die Bewegung, welche das Eis zusammenhält, dämpfen
und es ins Meer hinausführen, so daß wir zwischen den Eisschollen
hindurch kommen könnten.
„Jetzt sehen wir rings um uns her viele große Klappmützen auf den
Eisschollen liegen, andere tauchen mit ihren großen, runden Köpfen
dicht neben unserer Scholle aus dem Wasser auf, um verwundert die neuen
Eisbewohner anzustarren, die hier angekommen sind, worauf sie dann mit
einem gewaltigen Klatschen wieder verschwinden. Dies ereignet sich
täglich. Wir könnten sie mit Leichtigkeit schießen, da wir ihrer aber
noch nicht bedürfen, lassen wir sie in Frieden leben. Wir haben noch
frisches Fleisch genug, -- eine große Keule von dem erschossenen Pferd
nahmen wir vom „Jason“ mit. Am Nachmittage hat sich das Eis wieder
verdichtet.
„23. Juli. Ueber Nacht stellten wir Wachen aus, jeder Mann sollte zwei
Stunden Wache halten. +Ravna+ gab bei der Gelegenheit Veranlassung zu
großer Heiterkeit. Er verstand sich nämlich nicht auf die Uhr und wußte
infolgedessen nicht, wann seine zwei Stunden abgelaufen waren. Der
Sicherheit halber patrouillirte er deswegen gewöhnlich vier oder fünf
Stunden, ehe er seinen Nachfolger weckte um zu fragen, ob nun die zwei
Stunden wohl um seien.
„Um 7½ Uhr des Morgens weckt +Dietrichson+ uns mit der Meldung, daß das
Eis sich zertheile. Zwischen den Eisschollen befindet sich zwar noch
Schlampeis, aber es hat doch den Anschein, als ob wir hindurch kommen
können. Nachdem wir die Böte beladen und wegen einer Verdichtung im
Eise noch eine halbe Stunde gewartet haben, gelangen wir endlich an
einige eisfreie Stellen. Nun geht es eine Weile schnell vorwärts. Ehe
wir die Eisscholle mit unserem Nachtquartier verließen, flog eine Schar
Trauerenten an uns vorüber, nach Norden zu, -- es war gleichsam ein
Gruß vom Lande her und genügte, um unsere Hoffnungen zu bestärken. Im
übrigen ist es ganz auffallend, wie arm an Vögeln die Gegend hier ist,
nicht einmal eine Möve läßt sich blicken.
„Wir treiben nun den ganzen Tag der Küste zu, warten geduldig, wenn das
Eis sich verdichtet, arbeiten dafür desto angestrengter, sobald es sich
vertheilt.
„Wir nähern uns dem Lande, unsere Hoffnung steigt. Von Südwesten her
kommt ein Rabe und zieht in nördlicher Richtung über uns hin, ein neuer
Gruß vom Lande.
„Mehrere große Seehunde -- ausgewachsene Klappmützen -- lassen sich
rings um uns her auf den Eisschollen blicken. Die Versuchung wird zu
groß für ein Jägerherz. +Sverdrup+ und ich müssen hin und ein altes
Klappmützenmännchen schießen, das ganz in unserer Nähe lagerte.
Nachdem ich mich an das Thier herangeschlichen habe, schieße ich es
auch. Als wir zu ihm herankommen, ist es nicht ganz todt, -- in meinem
zoologischen Eifer will ich die Gelegenheit benutzen, um Beobachtungen
über die Farbe der Augen und die Form der Mütze bei einer lebendigen
Klappmütze anzustellen, Dinge, die den Zoologen noch nicht hinreichend
bekannt sind. Während ich ganz hiervon in Anspruch genommen bin, wälzt
sich der Seehund an den Rand der Eisscholle, und ehe ich mir’s versah,
gleitet er ins Wasser. Im selben Augenblick, als er fällt, treibe ich
ihm einen Seehundshaken, den ich in der Hand halte, und +Sverdrup+ den
Bootshaken in den Leib. Nun entsteht ein heißer Kampf zwischen dem
Thier und uns; -- wir versuchen, seinen Schwanz und seinen Hinterkörper
in die Höhe zu halten, so daß er damit nicht ins Wasser gelangen kann,
denn in diesen Gliedern liegt seine Stärke. Eine Weile gelingt es uns
auch, aber er war stark im Todeskampf. Als ich sehe, daß wir ihn
schlecht gefaßt haben, rufe ich +Sverdrup+ zu, er solle die Büchse
nehmen und ihn erschießen; er meint aber, er hat ihn besser gefaßt als
ich, ich solle ihn todtschießen. Im selben Augenblick aber entgleitet
er uns, -- macht einige kräftige Schläge mit dem Hinterkörper und
verschwindet auf Nimmerwiedersehn. Ganz betroffen standen wir da und
schauten einander in die langen Gesichter und dann in die dunkle Tiefe
hinab, wo einzelne Luftblasen langsam aufstiegen, um an der Oberfläche
zu zerspringen, -- das war sein letzter Gruß. Obwohl wir gar keine
Verwendung für das Thier hatten, wirkte es doch recht abkühlend auf
uns, eine so große und stolze Beute auf so erbärmliche Weise einbüßen
zu müssen. Sverdrup meinte, es sei der größte Seehund gewesen, den er
je gesehen hätte. Für mitleidige Seelen sei es gesagt, daß er nicht
lange mehr hat leiden müssen, -- es waren nur die letzten Zuckungen im
Todeskampf. Die Kugel war freilich nur von feinem Kaliber (9 ~mm~) aber
sie hatte die richtige Stelle im Kopf getroffen.
„Gegen Abend stockt unsere Fahrt. Wir sind in eine ungewöhnlich unebene
und dichte Anhäufung von Eisschollen gerathen, so daß an ein Vordringen
mit den Böten nicht zu denken ist. Das Zelt wird auf dem Eise
ausgebreitet, ohne ausgespannt zu werden, wir legen die Schlafsäcke
oben auf, um gleich bei der Hand zu sein, sowie das Eis nachläßt. Wir
stellen wie gewöhnlich eine Wache auf und kriechen in die Säcke. Aber
das Eis zertheilt sich nicht. In der Nacht fällt starker Thau, so daß
die Schlafsäcke am nächsten Morgen ganz naß sind.
„24. Juli. Am Morgen liegt das Eis noch immer ebenso fest. Wir
entschließen uns, die Böte und Schlitten zu ziehen. Den größten Theil
der Bagage laden wir auf die Schlitten, die dann, wo wir auf eisfreies
Wasser stoßen, auf die Böte gesetzt werden können. Gerade als wir im
Begriff sind, abzugehen, läßt das Eis nach, so daß wir uns eine gute
Strecke durchstängeln können, -- dann müssen wir ziehen. Das geht nur
langsam, da das Eis nicht von bester Art ist, aber etwas ist besser als
nichts, und dem Lande nähern wir uns beständig. Unser Muth steigt, --
vor uns liegt das Land nördlich von +Igdloluarsuk+, wir fangen schon
an zu berechnen, wie lange wir von hier bis nach Pikiudtlek gebrauchen
werden, wo die Wanderung über das Inlandseis ihren Anfang nehmen
könnte. Auch heute sehen wir mehrere Vögel, einen Raben und eine Schar
von 8 kurzschwänzigen „Tyvejoer“. Es ist immerhin ein Trost, Vögel zu
sehen, es macht das Leben freundlicher.
[Illustration: Das Boot wird über das Eis gezogen.
(Von E. Nielsen nach Photographie.)]
„Da das Eis ungünstig ist und die Sonne mitten am Tage warm scheint,
machen wir Halt, schlagen unser Zelt auf, bereiten unser Mittagsmahl
und richten es an. Es wird unter folgenden Verhältnissen bereitet. Von
der Pferdekeule, die im Boote lag, schnitt ich so viel ab, wie ich für
6 Mann ausreichend hielt; ich hackte es auf einem Ruderblatt, schüttete
es in den einen Absatz des Kochapparats, that Salz hinzu, öffnete dann
ein paar Büchsen mit Marrofat-Erbsen, schüttete sie auf das Fleisch,
rührte das Ganze tüchtig um, und das Mittagessen war fertig. +Balto+
hatte während der ganzen Zeit neben mir gestanden und jede Bewegung
aufmerksam verfolgt, er war mir sogar behülflich gewesen. Er war -- wie
er sagte -- hungrig und freute sich auf ein gutes Mittagessen. Obwohl
er wie alle Lappen und die meisten weniger aufgeklärten Menschen ein
großes Vorurtheil gegen Pferdefleisch hatte, meinte er doch, als ich
die Erbsen zu dem gehackten Fleisch schüttete, dies schiene ja „ganz
herrlich“ zu werden.
„Als es fertig war, trug ich die Schüssel auf und setzte sie vor
die Anderen, die vor der Zeltthür saßen, und sagte, sie sollten nur
zulangen, -- das Gesicht aber, das +Balto+ da aufsetzte, wird wohl
Niemand, der es gesehen, so leicht wieder vergessen. Anfangs drückte es
den höchsten Grad fragender Verwunderung aus, und -- als er entdeckte,
daß es Ernst war -- einen Abscheu und ein so grundkomisches Entsetzen,
daß es uns unmöglich war, unsere Lachmuskeln im Zaum zu halten. +Balto+
theilte nun +Ravna+ auf Lappländisch mit, was hier vor sich ging, und
dieser, der bis dahin ein uninteressirter Zuschauer gewesen war, wandte
sich mit einem Ausdruck von noch größerem Abscheu ab.
„Ohne uns den Appetit dadurch stören zu lassen, langten wir übrigen
vier in die Schüssel und nahmen gehörig von der kräftigen Kost zu uns,
die uns Allen vorzüglich mundete. Die Lappen drückten eine stumme
Verzweiflung darüber aus. Wäre es nicht aus anderm Grunde, hätten wir
gern etwas Fleisch für sie kochen können; aber wir mußten sparsam
mit dem Spiritus umgehen. Nur ganz ausnahmsweise während unserer
Fahrt durch das Eis gestatteten wir uns den Luxus zu kochen, wir
würden späterhin noch genügend Verwendung für den Spiritus haben.
In der Regel waren unsere sämmtlichen Speisen kalt, und als Getränk
benutzten wir entweder reines Wasser, wovon stets ausreichend in
kleineren und größeren Lachen auf den Eisschollen vorhanden war,
oder auch wir vermischten das Wasser mit kondensirter Milch, was ein
sehr erquickendes Getränk abgab. -- Diesmal erhielten die Lappen
präservirtes Beef, was sie völlig für die erlittene Täuschung tröstete,
denn das war, wie +Balto+ sich ausdrückte „eine reinliche und kräftige
Speise“.
Als sehr bezeichnend will ich eine Antwort anführen, die +Balto+ gab,
als er einmal nach unserer Rückkehr nach Norwegen gefragt wurde, welche
Zeit auf der Reise ihm als die schlimmste erschienen sei.
„Am schlimmsten war es,“ -- antwortete +Balto+, -- „als wir im Treibeis
lagen und im Begriff waren, in den atlantischen Ocean hinauszutreiben.
Ich fragte Nansen, ob er glaube, daß wir an Land kommen würden, und er
antwortete „Ja“. Und dann fragte ich ihn, was wir denn eigentlich thun
sollten, und er antwortete, wir müßten nach Norden hin rudern, aber
ich fragte, wovon wir leben sollten, wenn wir nicht nach der Westküste
hinüber kämen, und er sagte, dann müßten wir Wild schießen. Da fragte
ich, womit wir denn das Wild kochen wollten, und Nansen antwortete, das
müßten wir roh essen, -- da wurde Balto sehr betrübt.“
„Gegen Abend ziehen wir wieder weiter, da aber das Eis nicht ganz fest
ist, die Bewegung stärker wird und das Wasser am Fuße der Schollen
einen für die Böte unheimlichen saugenden Zug hat, beschließen wir
bald, die Nacht über still zu liegen, um bessere Zeiten abzuwarten.
Uns umhüllte ein dichter, feuchter Nebel, der unsere Kleider völlig
durchnäßte, dazu wehte ein beißender Nordwestwind, der, wie ich hoffte,
das Eis zertheilen würde.
[Illustration: Der Bär macht Halt und betrachtet uns.
(Von E. Nielsen.)]
„25. Juli. Am Morgen ungefähr um 4½ Uhr weckt mich der Ruf des
wachthabenden +Kristiansen+, indem er in die Zeltthür hineinruft:
„Nansen, da kommt ein Bär.“ Ich sage ihm, er soll eine Büchse aus dem
Boot holen, fahre in meine Schuh und springe in ziemlich leichtem
Kostüm heraus. Der Bär kommt in vollem Galopp direkt auf unser Zelt zu,
als aber +Kristiansen+ mit der Büchse naht, macht er plötzlich Halt,
betrachtet uns einen Augenblick und ergreift die Flucht. Das war sehr
ärgerlich, aber die Anderen bekamen doch einen Eisbären zu Gesicht, und
danach hatten sie sich lange gesehnt.
„Nachdem wir unser Frühstück eingenommen hatten, begannen wir wieder,
unsere Böte vorwärts zu ziehen, mußten es aber schon auf der nächsten
Scholle aufgeben wegen der zunehmenden Bewegung im Wasser, die uns seit
dem Tage, als wir uns draußen in der Brandung befanden, noch nie ganz
verlassen hatte, und die das Eis dicht zusammenhielt, so daß wir nicht
ans Land kommen konnten.
„Im Laufe des Tages zertheilte sich das Eis mehrmals ein wenig, schob
sich aber immer gleich wieder zusammen. Ich will nicht versuchen,
vorzudringen, weil sich zwischen den Eisschollen viel Schlampeis
befindet und man bei dieser Bewegung keinen sicheren Hafen finden kann,
wenn sich das Eis plötzlich mit so rasender Fahrt zusammenschiebt, wie
das jetzt der Fall ist.
„Da wir nichts zu thun haben, beschließen wir, die Schlittenschienen
vom Rost zu reinigen, so daß sie leichter übers Eis gleiten können. Als
dies gethan ist, bereiten wir unser Mittagessen; -- Bohnensuppe wird
mit den Ueberresten von der rohen Fleischmahlzeit von gestern zusammen
mit etwas frisch abgeschnittenem Fleisch gekocht. Währenddessen
benutzen wir die Zeit, um die Breite zu nehmen, die 63° 18′ N.
beträgt; die Länge, welche wir am Nachmittage bemessen, ist 40° 15′.
Wir befinden uns also ungefähr 18 Minuten (4½ Meilen) vom Lande
entfernt. Wir sind bedeutend weiter vom Lande abgetrieben als wir
gestern waren, und unsere lichten Hoffnungen trüben sich wieder ein
wenig. Ein Rabe bringt uns indessen auch heute ein wenig Trost.