„Alle Mann an Platz? Stoßt ab!“ und indem die Böte unter den ersten

kräftigen Ruderschlägen durch das dunkle Wasser dahinschießen, hallt

die Luft wider von den drei kräftigen Hurrahrufen der 64 Mann,

während zwei weiße Rauchsäulen aus „Jasons“ beiden Kanonen uns ihren

letzten Gruß nachsenden. Dumpf rollt ihr Donner durch die dunkle,

regenschwangere Luft und erstirbt. Die letzte Brücke hinter uns ist

abgebrochen. -- -- Lebt wohl! Und unsere Böte gleiten unter den

taktfesten Ruderschlägen durch das Eis, um die erste, kalte Umarmung

der Natur zu empfangen, die uns nun für eine Zeit lang behausen soll.

Wir hatten Alle das beste Zutrauen zu unserem guten Stern, -- daß

Anstrengungen und Gefahren unser harrten, wußten wir, aber waren

überzeugt, daß wir sie zu überwinden im stande sein würden.

Kapitel VIII.

Gegen Land. -- Das Treiben im Eise.

Nachdem wir eine Strecke in das Eis eingedrungen waren, kam uns ein

Boot mit 12 Mann von dem zweiten Steuermann geleitet nach. Es war von

Kapitän +Jakobsen+ ausgesandt worden, um uns wenn möglich das erste

Stück durch das Eis hindurchzuhelfen durch Bahnbrechen oder Schleppen

der Böte. Sie begleiteten uns eine Weile, als ich aber sah, daß sie uns

nur wenig nützen konnten, dankte ich ihnen für ihre gute Absicht und

sandte sie wieder zurück.

Wir fanden eine ganze Strecke Schlampeis, wehten dem Boote ein Lebewohl

zu und steuerten direkt hinein.

Im Anfang ging es ganz gut mit uns. Das Eis lag so lose, daß wir fast

immer zwischen den Schollen hindurchrudern konnten, sonst mußten

Brechstangen und Aexte einen Weg bahnen. Nur an wenigen Stellen waren

wir gezwungen, die Böte über kleinere Schollen zu ziehen. Schon ehe

wir den „Jason“ verließen, hatte es angefangen, ein wenig zu regnen,

jetzt nahm der Regen zu, während der Himmel sich verdunkelte und eine

gewitterartige Stimmung annahm. Es war ein eigenthümlich wirkungsvoller

Anblick, diese Männer in ihren dunkelbraunen Waterproofs, die spitzen

Kapuzen gleich den Mönchen über den Kopf gezogen, sich sicher und

schweigend in ihren beiden Böten, von denen das eine dem andern im

Kielwasser folgte, durch die weißen, ruhigen Eisschollen hindurch

arbeiten zu sehen, die einen starken Kontrast zu dem dunklen,

gewitterschwangeren Nachthimmel bildeten. Ueber den zerrissenen

Felsen am Sermilikfjord lagerten dunkle Wolkenbänke, -- von Zeit zu

Zeit zerriß dieser Wolkenvorhang und durch die Spalten schaute man

in einen Himmel hinein, der in dem anhaltenden Strahlenglanz eines

arktischen Sonnenunterganges glühte und einen milden Wiederschein auf

die Ränder des dunklen Vorhanges warf. Es währte nicht lange und der

Vorhang schloß sich, dunkler als je, während wir uns Schlag auf Schlag

unverdrossen weiter arbeiteten und der Regen uns peitschend ins Gesicht

schlug. War dies ein Vorzeichen unseres eigenen Schicksals? Nein, gewiß

nicht, aber die Menschenseele ist schwach und abergläubisch, sie glaubt

so leicht, daß sich die Elemente und das Universum um ihr großes Selbst

-- den Mittelpunkt des Ganzen -- drehen.

Das Eis wurde ein wenig schwieriger, oft mußte man auf einen Eishügel

hinauf, um den besten Weg auszukundschaften, und von dem Gipfel eines

solchen Eishügels winkte ich dem „Jason“ mit der norwegischen Flagge

unser letztes Lebewohl zu, und der „Jason“ antwortete, indem er die

seine senkte. Dann ging es wieder vorwärts -- ohne Aufenthalt, denn

hier ist keine Zeit zu verlieren.

Wir hatten von Anfang an in westlicher Richtung einen großen Eisberg

vor uns gehabt. Seit längerer Zeit hatten wir uns ihm jedoch in

auffallender Weise genähert, obwohl wir uns nicht in der Richtung

vorwärts bewegten. Unser Kurs war bedeutend östlicher. Die Strömung

mußte uns westwärts führen. Und so verhielt es sich, -- mit

unwiderstehlicher Fahrt riß sie uns fort; es ward uns bald klar, daß

keine Rede davon sein konnte, diesen Eisberg an der östlichen Seite

zu umschiffen. Wir mußten uns in die Leeseite desselben begeben. Hier

geriethen wir jedoch plötzlich in einen reißenden Malstrom, der die

Eisschollen gegeneinander trieb, so daß sie sich krachend überschlugen

und droheten, unsere beiden Böte zu zerschmettern. +Sverdrup+ zog

das seine auf eine Scholle hinauf und befand sich in Sicherheit. Wir

arbeiteten uns zu einer eisfreien Stelle durch, schwebten aber in

Gefahr, jeden Augenblick zwischen den Eisschollen zerschmettert zu

werden. Da galt es aufmerksam zu sein, das Boot an allen gefährlichen

Punkten klar zu halten, es auf den „Fuß“ oder in die „Bucht“[33] eines

Eisberges zu retten, wenn das Eis preßte; aber dies war keine leichte

Aufgabe in den unwiderstehlichen Wirbeln. Mit vereinten Kräften gelang

es uns indessen. Wir kamen in die große eisfreie Stelle, in den Schutz

des Eisberges und waren vorläufig in Sicherheit. Nun handelte es sich

um +Sverdrup+. Ich winkte ihm zu, daß er versuchen sollte uns zu

folgen, er that es, und es gelang ihm, indem er sein Boot in ruhigerem

Fahrwasser hielt als wir.

Jetzt fanden wir eine eisfreie Stelle nach der anderen. Nur ein paarmal

verdichtete sich das Eis wieder, dies war besonders jedesmal der Fall,

wenn der Strom uns an einen der zahlreichen Eisberge, die ringsum auf

dem Grunde lagen, trieb, das Fahrwasser wurde aber regelmäßig freier,

sobald wir an ihnen vorbei passirt waren. Unsere Aussichten waren

Licht, unser Sinn war leicht. Der Regen hatte aufgehört und gerade

jetzt stieg die Sonne über dem zackigen Hintergrund des Sermilikfjords

empor, den noch wolkenbedeckten Himmel in Brand steckend und auf den

Gipfeln und Zinnen Feuer entzündend.

Vor uns lagen lange, eisfreie Strecken, ich glaubte schon vom Boote aus

das offene Wasser auf der Innenseite des Eises sehen zu können. Wir

hatten uns dem Lande auf der Westseite des Fjords sehr genähert, ich

konnte deutlich die Steine und die Unebenheiten der Klippen und Felsen

sehen. Nichts schien uns jetzt aufhalten und unsere Landung verhindern

zu können, wir sprachen schon davon, wo und wann wir den Kaffee an Land

kochen wollten.

Da verdichtete sich das Eis wieder, wir sahen uns genöthigt, die

Böte auf eine Scholle hinaufzuziehen. Mein Boot war in einer Enge

in eine ungünstige Stellung gekommen, und als das Eis sich wieder

mehr vertheilte und das Boot ausgesetzt werden sollte, schnitt eine

scharfe Eiskante in eine Planke an der einen Seite ein. Das Boot

konnte nicht schwimmen, da war nichts zu machen, als es abzuladen und

zur Reparatur wieder auf die Eisscholle zu ziehen. +Sverdrup+ mit

+Kristiansen+ als Assistent machten sich an die Arbeit und brachten mit

den verhältnißmäßig schlechten Hülfsmitteln, die ihnen zur Verfügung

standen, alles in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit wahrer Meisterschaft

wieder in Ordnung. Als Material benutzte er ein Tannenbrett, das auf

dem Boden des Bootes gelegen hatte, einige große Nägel, eine Axt und

eine Holzkeule.

Dies schadhafte Boot sollte indessen über unser Schicksal entscheiden.

Während der Ausbesserung desselben verdichtete sich das Eis, der Himmel

bedeckte sich mit Wolken, und der Regen stürzte in Strömen herab,

alles ringsumher verhüllend. Da war denn nichts anderes zu machen, als

das Zelt aufzuschlagen und zu warten. Wir schrieben den 18. Juli, und

es war 10 Uhr des Vormittags. Das Beste, was wir thun konnten, war, in

unsere Schlafsäcke zu kriechen und den Schlaf nachzuholen, der uns nach

fünfzehnstündiger, anstrengender Arbeit im Eise nicht unerwünscht war.

Ehe wir uns zur Ruhe begaben, klärte es sich über dem Meere ein wenig

auf, und wir gewahrten in weiter Entfernung den „Jason“, der gerade

anheizte und eine Stunde später in See ging, wahrscheinlich im guten

Glauben, daß wir längst wohl behalten am Lande angelangt seien. „Als

+Ravna+ das Schiff zum letztenmale sah,“ schreibt +Balto+ in seiner

Reisebeschreibung, „sagte er zu mir: „Ach, wie dumm sind wir gewesen,

daß wir das Schiff verließen, um hier zu sterben. Es ist keine

Aussicht, daß wir lebendig davonkommen. Das große Meer wird unser Grab

werden.“ Ich antwortete ihm, daß es nicht richtig gewesen wäre, wenn

wir beiden Lappen zurückgekehrt wären. Wir würden keine Bezahlung

erhalten haben, und vielleicht hätte uns der norwegische Konsul auf

Kosten der Armenkasse nach Karasjok zurückbefördern müssen. Das wäre

doch eine große Schande gewesen.“

Während wir schliefen, mußte stets einer von uns Wache halten, um

zu melden, falls sich das Eis öffne, daß wir weiter kommen könnten.

+Dietrichson+ erbot sich gleich, die erste Wache zu übernehmen. Aber

der Zustand des Eises veränderte sich wenig oder gar nicht. Nur einmal

hatte es den Anschein, als würde es ein wenig loser, gleich darauf aber

schob es sich wieder mehr zusammen. Es war nicht daran zu denken, die

Böte über dies Eis zu ziehen, -- es war zu uneben und bestand aus zu

kleinen Schollen. Solange der Regen anhielt, mußten wir warten und

konnten voraussichtlich länger schlafen, als uns lieb war. Wir waren

bereits in die verkehrte Strömung gerathen.

Mit reißender Geschwindigkeit führte uns die Strömung westwärts in den

breiteren Eisgürtel auf der Westseite des Sermilikfjordes. Hier nahm

sie eine südlichere Richtung und führte uns vom Lande fort und zwar

schneller, als wir uns durch das Eis hindurcharbeiten konnten. Wären

wir nicht durch das beschädigte Boot aufgehalten, so würden wir aller

Wahrscheinlichkeit nach innerhalb des Gürtels gelangt sein, wo die

Strömung am reißendsten war, und in das ruhigere Wasser unterhalb des

Landes.

Die Schnelligkeit der Strömung, in die wir hier gerathen waren, zeigte

sich bedeutend größer, als man bis dahin allgemein angenommen hatte.

Daß hier starke Strömungen waren, wußte ich allerdings, und ich hatte

das auch berechnet, hätte ich aber eine Ahnung von ihrer wirklichen

Stärke gehabt, so wäre ich sicher ein wenig anders zu Werke gegangen.

Ich hätte mich dann bedeutend östlicher gehalten, gerade vor Kap Dan;

wir würden, indem wir uns quer durch die Strömung durchgearbeitet

hätten, aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Eisgürtel gelangt sein,

ehe wir westlich an der Mündung der Sermilikbucht vorbei und in den

breiteren Eisgürtel hineingerathen waren, wo die Strömung eine südliche

Richtung nimmt. Wie die Sache jetzt lag, blieb uns nichts übrig als

das tröstliche Bewußtsein, wie schön es hätte sein können. Eine Stunde

bei günstigem Fahrwasser und wir wären hindurch. Aber die Pforten

des Paradieses waren verschlossen und wir wurden gegen südlichere

Breitengrade getrieben. --

Inzwischen hatten wir genug zu thun, das Regenwasser, das durch die

Schnürlöcher in der unteren Zeltwand hineinsickerte, von dem Boden

des Zeltes aufzuschöpfen. Nachdem wir ungefähr 24 Stunden wesentlich

hiermit beschäftigt in unserm Zelt verbracht hatten, zertheilte sich

das Eis so weit, daß wir mit neuem Muth und erneuten Kräften unsere

Landungsversuche abermals beginnen konnten. Dies geschah am Morgen des

19. Juli ungefähr um 6 Uhr. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen,

und durch eine Lichtung in den Regenwolken konnten wir das Land am

Sermilikfjord erkennen. Wir waren über doppelt soweit davon entfernt

als im Anfang -- ungefähr vier Meilen --, schauten aber voller Hoffnung

vorwärts, denn wenn wir auch die Küste nicht bei Inigsalik (westlich

vom Sermilikfjord) erreichten, so hatten wir doch alle Aussicht,

südlich bei Pikiutdlek an Land zu gehen. Es galt jetzt nur, sich

unverdrossen quer durch den Strom zu arbeiten, dann mußten wir das

Ziel einmal erreichen. An Unverdrossenheit fehlte es uns freilich

nicht, und wir arbeiteten mit Lust. Bald kamen wir in den Schutz eines

mächtigen Eisberges, fanden lange eisfreie Stellen und gelangten ein

gutes Stück vorwärts. Da verdichtete sich plötzlich das Eis wieder,

und wir mußten uns abermals auf eine Eisscholle zurückziehen. Von

Zeit zu Zeit brach die Sonne durch, wir zogen die Böte ganz auf das

Eis herauf, schlugen unser Zelt auf und richteten uns so gemüthlich

wie möglich ein, zogen zum Theil trockenes Zeug an und trockneten die

durchnäßten Kleidungsstücke. Besonders für mich war dies letztere sehr

wünschenswerth, da ich am Tage bei der Arbeit ins Wasser gefallen war.

Ich wollte von der vorstehenden Kante einer Eisscholle in unser Boot

springen, als das Eis brach. Derartige unfreiwillige Bäder gehörten

übrigens zu den fast täglichen Begebenheiten auf unserer Expedition. Im

Laufe des Tages brach die Sonne völlig durch, und wir labten uns recht

gründlich an ihren milden Strahlen. Den Konserven, die uns Stavangers

Hermetische Fabrik geschenkt hatte, ließen wir volle Gerechtigkeit

widerfahren, auf den Eisschollen war vollauf des herrlichsten

Trinkwassers zu haben und in dem Bierfaß, das zu dem Boot vom „Jason“

gehörte, war noch Bier übrig. In jedem Fangboot eines Seehundsfängers

befindet sich nämlich ein Bierfaß und eine Brotkiste, die mit Brot und

Speck gefüllt ist. Diese Behältnisse hatte der Kapitän uns wohlgefüllt

und in bestem Zustande überlassen, und das kam uns jetzt zu gute.

Wir konnten draußen am Rande des Eises eine ziemlich starke Brandung

vernehmen, aber wir legten kein weiteres Gewicht darauf. Dem Anschein

nach trieben wir mehr und mehr vom Lande ab, die Berggipfel am

Similikfjord wurden kleiner und kleiner.

Am Abend blieb ich noch lange, nachdem die Anderen in ihre Schlafsäcke

gekrochen waren, auf, um Skizzen zu entwerfen. Es war ein herrlicher,

nordischer Abend mit jenen wunderbar weichen Farbentönen, die sich

gleichsam liebkosend an uns schmiegen, mit jener träumerischen, lichten

Melancholie, die sich so wohlthuend über unser Gemüth senkt und die

den nordischen Nächten so charakterisch ist. Die wilde, zerklüftete

Landschaft im Norden am Sermilikfjord hebt ihre kühngeschwungenen

Linien scharf gegen den glühenden Abendhimmel ab, während die mächtigen

Flächen des Inlandseises den Horizont im fernen Westen begrenzen und

sanft in den gelben Hintergrund mit seinen weichen Linien übergehen.

Es war alles so nahe, -- ärgerlich, daß nur ein Stückchen Treibeis uns

so hartnäckig von dem Ziel unserer Sehnsucht zu trennen vermochte!

Während ich so dasaß und zeichnete, vernahm ich plötzlich ein heftiges

Dröhnen im Eise. Es ist der wachsende Seegang, der sich Bahn bricht.

Ich schaue auf das Meer, der Himmel war da ein wenig dunkel. Mit dem

Gedanken, daß da draußen wohl ein Unwetter heraufzieht, daß uns dies ja

aber im Grunde nichts angeht, krieche ich endlich in den Schlafsack zu

meinem schlummernden Kameraden.

Am nächsten Morgen (den 20. Juli) erwachte ich infolge einiger heftiger

Stöße, welche unsere Eisscholle erhielt. Der Seegang mußte bedeutend

zugenommen haben. Wir krochen aus unseren Säcken und sahen, daß

unsere Eisscholle, in geringer Entfernung vom Zelte quer geborsten

war, die Lappen, welche sofort auf den höchsten Punkt der Scholle

geklettert waren, um sich umzusehen, riefen, daß sie das Meer erblicken

können. Und so verhielt es sich auch wirklich. Glänzend im Schein der

Morgensonne breitete sich das Meer in der Ferne aus; wir hatten es

nicht gesehen, seit wir den „Jason“ verließen.

In meinen Tagebuchaufzeichnungen von diesem Tage und von den folgenden

Tagen heißt es weiter:

„Der Seegang wächst, er bricht sich immer gewaltiger an unserer

Scholle; Eisstücke und zu Schnee zerriebenes Eis thürmen sich am Rande

der Scholle auf und bilden einen Wall, der dem ersten Anprall der

Wellen Widerstand leistet. Das Schlimmste ist jedoch, daß wir uns dem

Meere mit unheilverkündender Schnelligkeit nähern. Wir beladen unsere

Schlitten und versuchen sie über das Eis zu ziehen, entdecken aber gar

bald, daß die Schnelligkeit, mit der wir hinausgetrieben werden, uns zu

stark ist. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als uns nach einer

sichereren Eisscholle umzusehen, auf der wir unser Domizil aufschlagen

können, denn diejenige, auf der wir uns jetzt befinden, erscheint uns

ein wenig gebrechlich. Im Anfang war es eine runde Eisscholle von

ungefähr 30 ~m~ Durchmesser, aber in der Nacht barst sie einmal und nun

berstet sie abermals in anderer Richtung, so daß sie schließlich klein

wird. Dicht neben uns befindet sich eine große, dicke Eisscholle, die

noch unberührt ist, -- auf diese ziehen wir hinüber.

„Inzwischen nähern wir uns der Brandung mehr und mehr, der Lärm wächst,

die Wellen prallen gegen unsere Scholle an und treiben an allen Ecken

und Kanten darüber hin. Die Situation fängt an, kritisch zu werden.

„Die armen Lappen sind nicht in der besten Laune. Am Vormittage waren

sie gänzlich verschwunden, ich konnte nicht begreifen, wo sie geblieben

waren, da es auf dieser kleinen Eisscholle gerade nicht allzuviele

Stellen gab, an denen man sich voreinander verstecken konnte. Da fiel

es mir auf, daß einige Persennings sorgfältig über das eine Boot

gebreitet waren. Ich hob sie leise in die Höhe und sah die beiden

Lappen auf dem Boden des Bootes liegen. Der Jüngere, +Balto+, las dem

Aelteren auf Lappländisch aus dem neuen Testament vor. Ohne daß sie es

bemerkten, deckte ich die kleine Kirche, die sie sich so eingerichtet

hatten, leise wieder zu. Sie hatten das Leben aufgegeben und bereiteten

sich zum Tode vor.“ -- Wie mir +Balto+ lange nachher einmal gestand,

hatten sie einander dort unten im Boote ihre Herzen ausgeschüttet und

ihre blutigen Thränen vergossen, sich selbst und Andere mit bitteren

Vorwürfen überhäufend, daß sie je ihre Heimath verlassen hatten. Man

kann sich nicht verwundern, daß sie ängstlich waren; es war ihnen ja

alles so fremd. --

„Es ist das herrlichste Wetter mit sengendem Sonnenschein, so daß

wir die Schneebrillen herausholen müssen. Wir benutzen die Sonne,

um eine Ortsobservation vorzunehmen und durch Kreuzpeilung (des

Landes) bestimmen wir, daß wir uns auf dem 65° 8′ N. B. u. dem 38°

20′ W. L. befinden, also 30 Minuten (7½ Meilen) von der Mündung des

Sermilikfjordes und 23 bis 25 Minuten (ungefähr 6 Meilen) von dem

nächstgelegenen Lande.

„Das Mittagsessen wird wie gewöhnlich zubereitet, nur, daß wir in

Rücksicht auf die Verhältnisse Erbsensuppe kochen, -- die Verschwendung

hatten wir uns nämlich bis dahin nicht erlaubt, etwas zu kochen.

Während wir hiermit beschäftigt waren, wird die Bewegung indessen

stärker und stärker, so daß unser Kochapparat mehrmals fast umgeworfen

wird.

„In tiefem Schweigen nehmen die Lappen das Mittagsessen ein, die

anderen schwatzen und scherzen wie gewöhnlich und die heftigen Stöße

der Wellen geben Veranlassung zu Witzen, die bei den Lappen freilich

nicht auf dankbaren Boden fallen, sie sind scheinbar der Ansicht, daß

Zeit und Ort nicht recht passend zum Scherzen seien.

„Von der höchsten Spitze unserer Eisscholle kann man ganz deutlich

sehen, wie das Meer über die anderen Eisschollen dort draußen hinspült,

während der aufspritzende Schaum gleich weißen Wolken hoch in die blaue

Luft geschleudert wird, -- dort kann sich wohl schwerlich ein lebendes

Wesen auf dem Eise halten. Und es scheint unvermeidlich, daß auch wir

da hinausgetrieben werden! Aber unsere Scholle ist dick, wir hoffen,

daß sie eine Weile aushalten wird, und wir beabsichtigen nicht, sie

zu verlassen, ehe wir dazu gezwungen sind; tritt aber der Fall ein,

daß wir uns nicht mehr halten können, so müssen wir als letzten Ausweg

versuchen, unsere Böte durch die Brandung zu bringen. Das wird ein

feuchtes Vergnügen, aber unser Entschluß, den Kampf auf Tod und Leben

zu kämpfen, steht unerschütterlich fest.

„Eins der beiden belasteten Böte bei der heftigen Sturzsee und

den rollenden Eisschollen ins Wasser zu setzen, ohne daß es ganz

gefüllt oder ganz zerschmettert wird, das ließe sich allenfalls

bewerkstelligen, da wir ja die Besatzung der beiden Böte (alle 6

Mann) dazu verwenden können, -- schwieriger dagegen wird es für die

zurückbleibende Besatzung, das zweite Boot ins Wasser zu setzen. Wir

überlegen, wie sich das am besten einrichten läßt, kommen aber zu dem

Resultat, daß wir das Allernothwendigste in das +eine+ Boot nehmen

müssen, damit dies so leicht wie möglich wird, und daß wir dann im

Nothfall nur an dies denken wollen, -- im übrigen können wir nichts

thun, als abwarten, wie sich die Verhältnisse gestalten, wenn wir in

die Brandung hineingerathen.

„Wir haben jetzt kaum mehr als 300 ~m~ vor uns. Niemand von uns

zweifelt daran, daß wir uns vor Ablauf von wenigen Stunden entweder in

südlicher Richtung an dem Eise entlang auf dem Meere schaukeln oder im

Begriff sind auf den Grund des Meeres zu versinken.

„Der arme +Ravna+ verdient jedenfalls das größte Mitleid -- er ist noch

nicht an das Meer und an dessen Launen gewöhnt. Er geht schweigend

umher, steht von Zeit zu Zeit oben auf den höchsten Spitzen der

Eisscholle, starrt bekümmert in die Brandung hinaus, während die

Gedanken sicher hinüberschweifen zu der Rennthierheerde und zu dem Zelt

mit Frau und Kindern auf der finnmarkischen Hochebene, wo jetzt alles

Sonne und Sommer ist.

Ach ja, +Ravna+, --

„Leb’ wohl ist stets ein bitt’res Wort, --

Die Heimath ist der schönste Ort.“

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es ist menschlich, in solchen Stunden die Erinnerung zu dem

zurückschweifen zu lassen, was uns als das Schönste im Leben

erschienen ist, und auf schönere Erinnerungen als auf die sonnigen Tage

oben auf den Bergen kann wohl kaum Jemand zurückblicken.

„Aber auch hier scheint die Sonne und zwar ebenso milde und friedlich

wie nur irgendwo, hier auf dem rollenden Meer und der tosenden

Brandung, die uns umbraust. Die Abendsonne ist herrlich, -- ebenso

roth wie gestern geht die Sonne unter, den westlichen Himmel in Feuer

tauchend und Land, Eis und Meer einen langen, glühenden Abschiedskuß

zusendend, ehe sie hinter dem Rande des Inlandseises verschwindet, --

kein Lüftchen regt sich, die Meeresfläche rollt uns gelb und blank wie

ein Schild unter dem Abendhimmel entgegen. Unwillkürlich fallen mir die

ersten Zeilen des alten bekannten Liedes ein:

„Schön ist das Meer, wenn still es sich wölbet

Blank wie ein Schild ob des Vikingers Grab. --“

„Ja, wahrlich, es ist ein erhebender Anblick, -- sieh diese mächtigen,

langen Wogen, wie sie uns gewaltsam entgegenrollen, als könne nichts

sie anhalten, dann schlagen sie krachend gegen das weiße Eis, erheben

ihre feuchten bläulich-grünen Schwingen, treiben Eisstücke und Schaum

vor sich her über den weißen Schnee und schleudern sie hoch empor zu

der blauen Luft. Der Gedanke an Untergang bei einem solchen Wetter

erscheint uns fast unglaublich, -- doch -- einmal muß es ja sein, und

eine schönere Abschiedsstunde kann man sich wohl kaum wünschen.

„Hier ist aber keine Zeit zu verlieren, wir nähern uns der Brandung mit

Windeseile. Die See geht so hoch, daß wir unten im Wellenthal nichts

von dem Eis um uns her erblicken, -- wir sehen sonst nur den Himmel

über uns, die Eisschollen prallen gegeneinander an, zerschellen und

zerstieben rings um uns her, auch unsere Scholle ist geborsten. Wen

wir binnen kurzem das Meer erreichen, werden wir alle unsere Kräfte

nöthig haben, denn wir müssen voraussichtlich mehrere Tage und Nächte

ununterbrochen rudern, um aus dem Bereiche des Eises zu gelangen.

Deswegen werden alle Mann zum Schlafen ins Zelt geschickt, das noch

nicht in die Böte gepackt wurde. +Sverdrup+ soll als der Erfahrenste

und Ruhigste die erste Wache übernehmen und uns im entscheidenden

Augenblick wecken. Nach Verlauf von 2 Stunden soll +Kristiansen+ ihn

ablösen.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 14 / 25 段