und sich dabei den Magen hielten. Ob sie nicht auch eine Schwere
im Kopfe fühlten? Ach ja, ganz frei davon wären sie nicht. Ob sie
nicht eine schlechte Verdauung hätten und an Verstopfung litten?
Ja, das käme wohl vor. Nun gut, das Unwohlsein wäre eine Folge der
Lebensweise an Bord, sie führten ein viel zu faules Leben und äßen
zu viel. Sie sollten dies unterlassen, sollten weniger essen und am
besten frisches Fleisch, z. B. Seehundsfleisch, sie sollten sich mehr
in der frischen Luft oben auf dem Deck bewegen, sich ein wenig mehr
Bewegung verschaffen. Wenn das alles nicht helfen wollte, müßten sie
wiederkommen, dann wollte ich ihnen eine Dosis englisches Salz oder
Ricinusöl geben. Ich hörte nie wieder von ihnen.
Andere kamen und klagten, daß sie so entsetzliche Kopfschmerzen hätten,
und daß sie zuweilen tiefe Schwermuth beschleiche. Dann fragte ich sie,
wie es mit ihrem Magen stände, ob sie nicht an Verstopfung litten. Ja,
mit der Verdauung wäre es nur schlecht bestellt. -- Das sei ja ganz
natürlich, bei dem faulen Leben und dem vielen Essen; mehr Arbeit und
weniger Essen würde eine gute Wirkung haben, und im übrigen lautete das
Rezept genau so wie oben. Zuweilen verordnete ich auch Magenmassage, --
und sehe die Burschen noch vor mir, wie sie in ihren Kojen lagen und
sich ihren Magen bearbeiteten.
Eines Tages kam ein Matrose von einem der anderen Fahrzeuge mit großer
Beschwerde an Bord. Eine hektische Röthe, wie sie Schwindsüchtigen
eigen ist, färbte seine Wangen. Er klagte über Lungenleiden. Es
unterlag keinem Zweifel, er war schwindsüchtig. Ich konnte nichts
machen, der Fall war hoffnungslos. Das einzige, was er thun konnte,
war, so fett wie möglich zu leben. Er solle Speck essen und Thran
trinken, das war der ganze Trost, den ich ihm geben konnte. Er
hatte auch in der letzten Zeit Thran getrunken, aber das war
Bottlenose-Thran, und der bekam ihm nicht. Der arme Kerl! Dieser
Bottlenose-Thran hat einen starken Einfluß auf den Magen, indem er
Diarrhoe verursacht, und damit hatte sich der Aermste in der letzten
Zeit abgeplagt! Das verringerte das Uebel natürlich nicht.
Ein wenig Nutzen konnte ich doch schaffen, nämlich bei Behandlung von
Wunden. Diese wurden im allgemeinen ganz unverantwortlich behandelt und
verursachten oft schlimme Geschwülste. Erst wenn es ganz schlimm damit
aussah, kamen sie, um sich Rath zu holen. Dann erhielten sie vor allen
Dingen eine tüchtige Moralpredigt für ihre Unreinlichkeit, darauf wurde
die Wunde von wochenaltem Schmutz gereinigt und mit antiseptischen
Mitteln behandelt. In der Regel erholten sie sich dann bald. Einen
ziemlich ernsten Fall hatten wir indes an Bord.
Eines Tages kam ein Mann von unserer Schiffsbesatzung und klagte,
daß er sich durch und durch elend fühle. Er habe Schmerzen in allen
Gliedern und Gelenken. Ich fragte ihn, wo er die meisten Schmerzen
fühle, und er antwortete: im Rücken. Aergerlich über alle diese
Menschen, die bald hier, bald da Schmerzen hatten, antwortete ich ihm,
es würde wohl Rheumatismus sein, und dagegen sei nicht viel zu machen.
Er solle sich warm anziehen und sich dem Wind nicht mehr aussetzen,
als es geradezu nöthig sei. Ein paar Tage später aber kam der Mann
wieder und sagte, nun müsse ich wirklich etwas für ihn thun, er könne
es nicht mehr aushalten vor Schmerzen. Es habe sich auf den rechten Arm
geschlagen, und der sei ganz geschwollen. Ich faßte sofort Verdacht und
fragte ihn, ob er nicht eine Wunde an der rechten Hand gehabt hätte; er
verneinte das jedoch. Das kam mir merkwürdig vor, da ich an dem einen
Finger einen Lappen erblickte; ich fragte ihn also, was das zu bedeuten
habe. Ach, das sei nichts -- erwiderte er --, er habe sich vor einigen
Tagen etwas Haut von dem einen Knöchel abgeschürft. Ich fragte, ob er
ihm nicht ein wenig geschmerzt hätte? Ja, das könne wohl sein, meinte
er. Ich erklärte ihm darauf, daß diese kleine Wunde die Veranlassung zu
dem schlimmen Arm sei, und daß er selber die Schuld trage. Er sollte
jetzt den Finger ordentlich waschen und den Arm entblößen, dann wollte
ich kommen und ihn mir ansehen. Es stellte sich denn auch wirklich
heraus, daß es eine stark entwickelte Blutvergiftung war. Der Arm war
über dem Ellenbogen nicht unbedeutend geschwollen. Vorläufig konnte ich
jedoch nichts thun, als den Arm in eine Binde legen und ihm strengste
Ruhe einschärfen. Aber es verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Der
Arm schwoll auf und die Schmerzen nahmen zu; er mußte in seiner Koje
bleiben. Zur Linderung der Schmerzen bekam er nasse Umschläge um den
Arm. Er hatte heftiges Fieber und konnte wenig oder nichts genießen.
Zuletzt hatte der Arm den Umfang eines gewöhnlichen Mannesschenkels.
Nun war es an der Zeit, einen Schnitt zu machen; aber ich kann nicht
leugnen, daß ich mich nur sehr ungern dazu entschloß. Alle meinten,
er müsse sterben, und ich könne ihn mit der Operation verschonen. Ich
war mehrmals täglich bei ihm. Nie werde ich diese Scene vergessen, --
eine Mannschaftskajüte, in welcher sich ungefähr 60 Mann befinden, die
alle durcheinander schreien und lärmen und allerlei Späße treiben, --
nein, das ist keine gute Krankenstube. Hier lag der Kranke in einer
engen, eingeschlossenen Koje, stöhnend und sich in seinen Schmerzen
windend, so daß der ganze Raum von seinem Jammergeschrei wiederhallte.
Dunkel und niedrig war es hier, ringsumher standen Schiffskisten,
überall lag oder hing das Arbeitszeug der Leute, der Fußboden war glatt
und schmutzig, und die Luft schlecht und beklommen. Von Zeit zu Zeit
prallte das Schiff gegen das Eis an und erbebte in seinen Fugen. Der
Kranke wurde von der einen Seite der Koje auf die andere geworfen,
es durchzuckte ihn jedesmal schmerzhaft, und sein Schrei klang noch
herzzerreißender als sonst.
In einer solchen Umgebung mußte ich die Operation vornehmen, -- sie
konnte nicht länger hinausgeschoben werden. Ein Federmesser, das auf
einem rauhen, groben Schleifstein gewetzt wurde, war das einzige
passende Instrument, was aufzutreiben war. Bei dem flackernden Schein
einer kleinen elenden Laterne sollte die Operation vor sich gehen, aber
es war eine ganz schwierige Sache, Jemanden zu finden, der mir die
Laterne halten wollte; -- Niemand wollte zusehen. Endlich waren jedoch
alle Vorbereitungen getroffen. Der Stahl drang ins Fleisch und wurde
vorwärts bewegt, um einen langen Schnitt zu bilden. Der Kranke schrie
außer sich vor Schmerzen, ob ich ihn denn tödten wolle! -- Dann kamen
ein paar Tropfen Blut und nun floß der weiße Eiter in dicken Strömen
aus der Wunde. Es war für Den, der zusah, gleichsam eine Erleichterung.
Der Kranke aber lag stöhnend, halb betäubt da, nach wenigen Minuten
begann er zu phantasiren. Er hatte das Bewußtsein verloren.
Während mehrerer Tage phantasirte er zeitweilig. Die Leute fürchteten
sich fast, bei ihm in der Kajüte zu sein, sie glaubten, er läge
im Sterben. Gleichzeitig war ein Anderer von der Schiffsbesatzung
wahnsinnig geworden, -- vor ihm fürchteten sie sich noch mehr. Viel
kann man wohl im Grunde nicht dazu sagen. In einer engen Kajüte einen
Kameraden zu haben, der wahnsinnig ist und einen zweiten, der in
Fieberphantasien rast, das ist nicht gerade gemüthlich.
Noch einmal mußte ich meinen Patienten schneiden. Der Eiter, der ihm
abging, hätte nach Litern bemessen werden können. Es zog sich mit ihm
in die Länge, denn er war sehr entkräftet, als ich aber das Schiff im
Juli an der Ostküste von Grönland verließ, hatte ich doch die Freude,
ihn wieder außerhalb seiner Koje zu sehen. Seinen dankbaren Blick, als
wir uns trennten, werde ich niemals vergessen.
Eine Wiedergabe meiner Tagebuchnotizen aus jener Zeit würde höchstens
für die Eismeerfahrer von Interesse sein, denn sie drehen sich im
wesentlichen nur darum, wie wir am Eise entlang und dann wieder aus
demselben herausfuhren, wie das Eis bald dünn, bald dick war, wie wir
bald mehr, bald weniger Seehunde auf dem Eise sahen und zuweilen sogar
große Scharen weiter hinein in dem dichten Eis erblickten, -- wie wir
uns mit den anderen Fahrzeugen um die Wette durch das Eis arbeiteten,
auf ganze Scharen von Seehunden zusteuernd, die jedoch im Wasser
verschwanden, sobald wir in ihre Nähe kamen, etc. etc.
Am 28. Juni waren wir weit in das Eis hineingelangt und befanden
uns ungefähr auf dem 66° 24′ N. B. und dem 29° 45′ W. L. Hier
erblickten wir in nördlicher Richtung Land (N.-O. ¼ O nach dem
Abweichungskompaß); besonders deutlich traten zwei Felsspitzen hervor.
Ihre wirkliche Form konnte man indessen nicht sehen, da sie bei der
diesen Eisfeldern eigenen Täuschung, welche durch die Strahlenbrechung
in den verschiedenen warmen und kalten Luftschichten über dem Eise
hervorgerufen wird, stark verändert waren und den quer abgeschnittenen
Zacken einer mit Schießlöchern versehenen Mauerkante glichen. Es
müssen die Felsspitzen an der Blosseville-Küste sein, aber sie lagen
westlicher als die auf der Karte angegebenen Berge.
Ich sprach später mit Kapitän +Iversen+ auf dem „Staerkodder“, der
weiter nördlich in das Eis vorgedrungen war als wir. Er konnte dort
ganz deutlich Land erkennen. Es sei ein äußerst gebirgiges Land, --
sagte er -- nicht flach wie weiter nach Süden zu an der Küste, wo er
im Jahre 1884 gewesen war (das war wahrscheinlich etwas nördlich vom
67° N. B.). Diese Angaben stimmen auch mit den Berichten überein, die
Kapitän +Holm+ in Angmagsalik von den Eskimos erhielt, und wonach er
seine Skizze von der nördlichen Ostküste entwarf. Diese Küste gehört,
wie wir wissen, zu den unbekanntesten Theilen unseres Erdballes.
[Illustration: Seehunde! Der Kapitän auf dem Ausguck.
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)]
Am Abend des 28. Juni erblickten wir sehr viele Seehunde tiefer ins
Eis hinein. Wir sahen sie nun täglich während längerer Zeit, ohne
zu ihnen hingelangen zu können. Am 3. Juli kamen wir endlich weit
ins Eis hinein, wo viele Seehunde waren, das Eis lag aber so dicht
zusammengestaut, daß es nicht möglich war, die Böte hindurch zu
bekommen, und daher konnte kein Fang vor sich gehen. In der Nacht, wenn
die Sonne den Horizont erreicht, hat man einen weiten und scharfen
Blick über die Schneeflächen hier oben. Ich stieg in die Ausgucktonne,
um die Seehunde zu sehen. Ich hielt das Fernrohr vors Auge und richtete
es auf das Eis, und nun erblickte ich, wie bereits früher erwähnt,
solche Unmassen von Seehunden, wie ich nie früher auf einem Fleck
versammelt sah. Sie lagen -- wie der Steuermann sich ausdrückte --
so dicht wie Kaffeebohnen über das Eis gestreut. Wohin der Blick
auch schweifen mochte, überall hier auf dem Eise, von Nordosten bis
Nordwesten, lagen die Seehunde dicht wie Sand bis an den Horizont hin
und wahrscheinlich noch länger. Je weiter der Blick reichte, desto
dichter schien die Schar zu werden.
Am nächsten Tag hatten wir Nebel und noch dichteres Eis. Auch die See
war bewegt. Am Nachmittage verließen wir das Eis wieder.
Am 11. Juli machte sich eine starke Bewegung im Eise bemerkbar. Wir
waren in heftige Strömungen gerathen. Einige von uns, darunter ich,
saßen in der Messe, als der „Jason“ plötzlich von einer Eisscholle
einen solchen Stoß gegen den Bug bekommt, daß er sich hinten über
bäumt. Wir springen auf und erblicken nun quer vor dem Schiffe eine
zweite große Eisscholle, die mit sausender Fahrt gerade auf „Jasons“
Hintertheil lossteuert. Und wirklich, sie prallt dagegen, das ganze
Schiff erbebt und neigt sich auf die Seite, ein Krach ertönt, das
Steuer war gebrochen, aber glücklicherweise geschah nichts Schlimmeres.
Hätten wir die Eisscholle gegen die Seite bekommen, so hätte es
schlimm um uns gestanden, denn die Seiten sind der schwache Punkt der
Seehundsfänger.
Der nächste Tag verging damit, das Reservesteuer, das man immer
mitführt, einzusetzen. Damit war der Schaden kurirt.
Wir waren inzwischen so weit in den Sommer hineingekommen, daß nur
wenig Aussicht vorhanden war, mehr Seehunde zu fangen. Am 13. Juli
wurde deshalb zur allgemeinen Befriedigung der Entschluß gefaßt, aus
dem Eise herauszugehen und den Kurs westwärts auf Grönland zu zu nehmen.
[Illustration: Schlächterei an Bord. (Speck und Fleisch werden von den
Fellen gelöst.)
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
An jenem und dem darauf folgenden Tage wurden jedoch noch einige
Seehunde gefangen, denen wir draußen am Rande des Eises begegneten.
Alles in allem fingen wir ungefähr 100 Stück.
In der Nacht zwischen dem 14. und 15. Juli hatte der Steuermann Land
gesehen, ebenso am Morgen, und zwar meinte er, es sei gar nicht so weit
entfernt. Am Vormittag war es jedoch nebelig, und wir können nicht
beurtheilen, wie nahe wir sind.
Unsere Bagage wird auf Deck getragen und alles zur Abreise bereit
gehalten. Korrespondenzen, Briefe etc. werden geschrieben.
Als ich gegen Mittag unten sitze und Briefe nach Europa schreibe,
ertönt oben auf Deck das Zauberwort „Land!“ Ich springe auf. Welch
ein Anblick! Vor mir unter der Nebelwölbung lag das sonnenbeschienene
Grönland. Es war wiederum das Land bei Ingolfsberg.
Wir mochten ungefähr 8 Meilen vom Lande entfernt sein. Da wir vor uns
Eis erblickten, nahmen wir einen südlicheren Kurs, indem wir uns der
Küste mehr und mehr näherten.
Auf dem Wege nach Süden zu kamen wir an mehreren mächtigen Eisbergen
vorüber. Auf einigen derselben erblickten wir einzelne Blöcke. Wenn
man dieser Kolosse von weitem ansichtig wird, so sehen sie aus wie
ganze Strecken Landes und es kam mehrmals vor, daß wir sie für Inseln
hielten, die vor uns lägen. Weiter südlich von Kap Dan standen
besonders viele dieser Eisriesen auf Grund.
Von dem Ans-Land-gehen wurde jedoch weder an diesem noch an den
folgenden Tagen etwas; der Eisgürtel war zwischen 4 und 5 Meilen breit
-- da war es besser, die Verhältnisse weiter südwärts zu untersuchen.
Am 16. passirten wir Kap Dan, das mit seiner runden Kuppelform leicht
zu erkennen war. Das Eis lag noch in ziemlicher Entfernung vom Lande
ab, der Eisgürtel war noch ungefähr 4 Meilen breit. Weiter nach Westen
zu hatte es jedoch, nach der blauen Luft über dem Eise zu urtheilen,
den Anschein, als wenn eine Bucht tief in das Land hineinschneide. Wir
setzten unsere Hoffnung darauf, steuerten in der Richtung und kamen im
Laufe der Nacht auch wirklich in diese Bucht hinein.
Als ich am Morgen des 17. an Deck kam, sah ich ganz deutlich, daß
die Landung an diesem Tage versucht werden müsse. Eine Tour in die
Tonne hinauf konnte mich hierin nur bestärken. Die den Sermilikfjord
umgebenden Felsen lagen verlockend vor mir. Weiter westwärts konnte
man das Inlandseis, -- das Ziel unserer Sehnsucht -- erblicken, gleich
einer unermeßlichen weißen Fläche wölbte es sich dort drüben.
Es konnte nicht viel über 2½ Meilen bis zum Lande sein. Die erste
Strecke des Eises erschien einigermaßen passirbar, tiefer hinein war es
anscheinend freilich dichter zusammengestaut, aber ich konnte doch hie
und da einige kleinere offene Stellen erblicken, und außerdem schien
mir das Eis nicht von der schlimmsten Art zu sein. Es waren viele
kleine Schollen darunter, die freilich das Fortkommen erschweren, wenn
man die Boote über das Eis ziehen soll; will man aber mit den Booten
auf dem Wasserwege vordringen, so ist es weit besser, mit den kleinen
Schollen zu thun zu haben als mit den großen, die sich nur schwer vom
Fleck bewegen lassen. Von der Tonne aus konnte ich eine Luftspiegelung
von offenem Wasser auf der Innenseite des Eises, zwischen diesem und
dem Lande erblicken. Deswegen würde man wahrscheinlich, wenn man durch
das Herz des Eisgürtels hindurchgedrungen war, abermals nach dem
offenen Wasser auf der Innenseite zu weicheres Eis finden.
Für ein Fahrzeug wie der „Jason“ würde es zweifelsohne ein Leichtes
gewesen sein, sich durch diese Kleinigkeit von Eis eine Bahn zu
brechen; wie oft waren wir nicht schon durch weit stärkeres Eis
vorgedrungen, -- aber damals handelte es sich um Seehunde, um das
eigene Interesse des Schiffes, hier stellte sich das Verhältniß anders.
Hätte das Schiff mir gehört, würde ich mich keinen Augenblick besonnen
haben, es durch das Eis zu führen, aber nun waren wir Gäste an Bord
und das Schiff war nicht auf ein Anlaufen von Grönland versichert.
Die Strömungs- und Tiefenverhältnisse in diesem Fahrwasser waren noch
unbekannt. Verlor das Schiff seine Schraube im Eise, so war es aller
Wahrscheinlichkeit nach rettungslos verloren, da dieselbe durch keine
neue ersetzt werden konnte, und das Schlimmste war, daß wenn das Schiff
hier verlassen werden sollte, es schwierig für die 64 Mann, aus denen
die Besatzung bestand, sein würde, sich mit dem wenigen Proviant, den
wir an Bord hatten zu behelfen, bis sie an bewohnte Stätten kamen. Da
ich nun außerdem der Ansicht war, daß wir uns mit Leichtigkeit selber
durchhelfen würden, so fiel es mir keinen Augenblick ein, den Kapitän
zu ersuchen, uns weiter als bis an den Rand des Eises zu führen, so gab
ich denn den Befehl, unsere Habseligkeiten in die Böte zu schaffen und
diese klar zu machen.
Wie bereits erwähnt, hatte die Expedition ein eigens zu diesem Zweck
in Kristiania angefertigtes Boot mitgebracht, da dies aber allein
durch die recht umfangreiche Ausrüstung der Expedition so ziemlich
belastet werden würde, nahm ich mit Dank das freundliche Anerbieten des
Kapitäns an, uns eins von Jasons kleinsten Fangböten zu überlassen. Die
beiden Böte wurden heruntergelassen und neben das Schiff gelegt, und
nun entstand ein reges Leben und Treiben an Bord; wir öffneten unsere
sämtlichen Kisten und packten den Inhalt in die Böte. Es ist schwer zu
sagen, wer bei der Hülfeleistung am eifrigsten war, -- die Mitglieder
der Expedition oder die Schiffsmannschaft.
Wir legten die letzte Hand an unsere Korrespondenzen, an die Briefe in
die Heimath etc. etc. Und wer einen Freund oder eine Freundin hatte,
denen er ein letztes Lebewohl zu sagen wünschte, der that das jetzt,
-- man konnte ja nicht wissen, was die Zukunft uns bringen würde. Die
Stimmung unter den Mitgliedern der Expedition schien indessen eine
sehr heitere zu sein; man hatte von dieser kleinen Schar keineswegs
den Eindruck, als bereite sie sich zu einem ernsten Strauß vor.
Nach sechswöchentlichem Warten und Sehnen sollte nun endlich die
Erlösungsstunde schlagen. Wir hatten ein erhebendes Gefühl, als begeben
wir uns zu einem Tanz, wo wir die Geliebte treffen sollten. Nun ja, es
wurde ja auch ein Tanz, wenngleich nicht auf so vielen Rosen, wie wir
erwartet hatten, und die Auserwählte ließ gar lange auf sich warten.
An das norwegische „Morgenblatt“ schrieb ich vor unserer Abfahrt in
aller Eile folgenden Brief:
An Bord des „Jason“, den 17. Juli 1888.
Am 15. wurde nichts aus der Landung, ebensowenig gestern. Zwischen uns
und dem Lande lag ein 4-5 Meilen breiter Eisgürtel. Derselbe bestand
zwar theilweise aus offenem Eise, durch das wir hindurchrudern konnten,
aber wir wünschten weiter nach Westen zu am Kap Dan vorbei in der
Gegend von Inigsalik westlich vom Sermilikfjord zu landen, wo die Küste
weniger zerklüftet ist als im Osten. Das Land nördlich vom Kap Dan ist
nämlich die wildeste, zerrissenste Felsgegend, die ich jemals gesehen
habe, -- die wildesten norwegischen Felspartien, ja selbst die Alpen
können sich, was phantastische, himmelanstrebende Formen betrifft,
nicht damit messen. Die Höhen sind freilich nicht so beträchtlich, --
eine der höchsten Spitzen, der Ingolfsberg, mißt nur ungefähr 1885
~m~. Es ist ein scharfer, sehr hervortretender Felsen, den wir während
unserer ganzen Fahrt an der Küste entlang bis gestern Abend nicht
außer Sicht verloren. Es schien mir jedoch, als könne man weiter nach
Norden zu und wahrscheinlich tiefer ins Land hinein, Berge sehen, die
beträchtlich höher waren.
Das Land nördlich vom Kap Dan ist jedoch noch nicht untersucht und noch
von keines Europäers Fuß betreten worden. Gestern passirten wir Kap
Dan und in diesem Augenblick befinden wir uns nur noch 2 Meilen vom
Lande entfernt, gerade vor dem Sermilikfjord, bereit, sobald alles in
Ordnung ist, den „Jason“ zu verlassen, um, so viel wir sehen können,
durch Schlampeis und offenes Eis an Land zu kommen. Links von uns liegt
das Inigsalikland, und wir können hier hinter den Bergen zum erstenmal
den Rand des Inlandseises sehen, dieser mystischen Eiswüste, die nun
für die nächste Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach für mehr als einen
Monat unser Tummelplatz sein soll.
Das Inigsalikland scheint ein verhältnißmäßig ebenes Land zu sein, das
zur Erklimmung des Eises geeignet sein wird. Kapitän +Holm+, der Führer
der dänischen „Frauenbootsexpedition“, empfahl mir dies Land, und
von hier aus macht es den Eindruck, als wenn meine Erwartungen nicht
getäuscht werden sollten.
Aber unsere beiden Böte liegen schon zur Abreise bereit.
Da das Eis hier so dünn ist, habe ich außer dem Boot, das wir für die
Expedition mitnahmen, eins von „Jasons“ Fangböten erhalten. Es ist
nämlich weit bequemer, zwei Böte zu haben und außerdem ist es auch
sicherer für den Fall, daß das eine von dem Eise zerschlagen werden
sollte.
Und so bricht denn der Augenblick an, an dem wir „Jasons“ tapferem,
braven Führer, Kapitän +Jakobsen+, und der ganzen braven Besatzung
Lebewohl sagen sollen. Wir nehmen manch eine liebe Erinnerung an gute
Freunde und angenehme Stunden mit uns. Wir besteigen unsere Böte mit
der festen Zuversicht auf einen glücklichen Ausfall der bevorstehenden
Reise. Ein griechischer Weiser hat irgendwo einmal gesagt, die Hoffnung
sei der Traum der Wachenden! wohl an, Träume gehen auch zuweilen in
Erfüllung und ich glaube, das wird mit diesem Traum der Fall sein.
Ich hoffe, Kristianshaab erreichen zu können, bevor das letzte dänische
Schiff im September fährt, da würden wir noch im Herbst wieder zu Hause
sein; gelingt uns das nicht, dann kommen wir im nächsten Sommer. Auf
Wiedersehn!
Ihr
+Fridtjof Nansen+.
Ungefähr um 7 Uhr des Abends war alles zur Abreise bereit. Der
Sermilikfjord lag nun gerade vor uns. Nach Berechnung durch
Kreuzpeilung mußten wir uns 2½ geographische Meilen von der Mündung der
Bucht befinden. Ich kletterte zum letztenmal in die Tonne, um zu sehen,
welchen Kurs wir einzuschlagen hatten. Die Luftspiegelung des offenen
Wassers an der Innenseite des Eises war jetzt noch deutlicher sichtbar
als zuvor. In etwas westlicher Richtung von King Oskars Hafen schien
das Eis am dünnsten zu sein, weshalb ich mich für den Kurs entschied.
Siegesgewisser denn je zuvor stieg ich wieder auf Deck hinab, und nun
schlug die Abschiedsstunde. „Jasons“ ganze Mannschaft war auf Deck
versammelt. Trotz der Freude über die Aussicht auf einen glücklichen
Anfang unserer Fahrt bemächtigte sich unser aller doch ein wehmüthiges
Gefühl, als wir Abschied von diesen derben Seeleuten nahmen, unter
denen wir wohl Alle treue Freunde gewonnen hatten; jetzt setzten sie
freilich eine etwas bedenkliche Miene auf oder wandten sich mit einem
bezeichnenden Kopfschütteln ab. Man konnte sich wohl des Gedankens
nicht erwehren, daß man sich zum letztenmale sah. Zu allerletzt
drückten wir Kapitän +Jakobsen+ die Hand zum Abschied, und nie werde
ich die ruhige, einfache Art und Weise vergessen, mit der dieser
Urtypus eines norwegischen Seemannes uns sein wohlgemeintes Lebewohl
sagte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß es uns gut ergehen möge.
Dann das Fallreb hinab und in die Böte. Während ich mich an das Steuer
des Bootes setzte, das uns vom „Jason“ überlassen war, und in dem
+Dietrichson+ und +Balto+ jeder ein Ruder führten, übernahm +Sverdrup+
den Oberbefehl des zweiten Bootes mit +Ravna+ und +Kristiansen+ als
Ruderer.