betrieben worden. Man begann zuerst im Jahre 1876 damit, und während
der ersten acht Jahre wurde er mit kolossalem Erfolg von vielen
norwegischen[32] Fahrzeugen betrieben. Man fand überall Seehunde und
schoß sie zu Tausenden nieder. In jenem Zeitraum wurden ungefähr
500000 Stück geschossen und wenigstens ebenso viele sind durch Kugeln
getödtet, ohne daß man ihrer hat habhaft werden können. Dann trat
jedoch ein Umschlag ein; in den nun folgenden Jahren wurden fast gar
keine Klappmützen gefangen, beinahe alle Fahrzeuge sind Jahr für Jahr
erfolglos gewesen. Was kann der Grund dazu sein? Seehundsfänger haben
es auf den Wind, auf den Seegang, die ungünstigen Eisverhältnisse
geschoben, aber in dem allen liegt doch keine beruhigende Erklärung, so
daß man die Hoffnung auf bessere Fangjahre aufrecht erhalten könnte;
die Verhältnisse können wohl ein, immerhin zwei Jahre ungünstig sein,
tritt aber in einem Zeitraum von vier oder fünf Jahren keine Aenderung
ein, da kann man die Eisverhältnisse nicht mehr als stichhaltigen Grund
ansehen. In dem Maße können sich die Verhältnisse auf dem Eismeer nicht
verändert haben.
Außerdem waren wir mit dem „Jason“ zweifelsohne mehrmals in ebensolches
Eis hineingekommen, wie das, was wir in früheren Jahren als gutes
Eis betrachteten, ohne daß wir jetzt auch nur einen einzigen Seehund
erblickt hätten. Wenn wir Seehunde fanden, so lagen sie immer weiter
hinein auf dem dicken Eis, wurde das Eis morsch, so zogen sie sich
weiter zurück, dorthin, wo das Eis fest war.
Der Unparteiische kann nicht darüber in Zweifel sein, daß die Zahl
der Klappmützen ganz bedeutend abgenommen hat und zwar infolge der
hartnäckigen Verfolgung, deren Gegenstand sie gewesen sind. Für mich,
der ich zu zwei verschiedenen Zeitpunkten Gelegenheit gehabt hatte, das
Fangterrain hier oben zu besuchen, war der Unterschied zwischen früher
und jetzt sehr auffallend. Hier oben, wo ich im Jahre 1882 überall
Seehunde sah, sobald wir nur ein Stück ins Eis hineinkamen, -- hier war
im Jahre 1888 fast keine lebende Seele mehr zu erblicken. Anfangs hielt
ich diese Verringerung der Seehunde jedoch noch für bedeutend größer,
als sie in Wirklichkeit war.
Am 3. Juli sollte ich jedoch anderer Ansicht werden, denn -- wie später
ausführlicher erzählt werden wird, -- erblickte ich an dem Tage tiefer
ins Eis hinein so viele Klappmützen, wie ich mich kaum entsinne jemals
gesehen zu haben. Sie lagen aber auf so dicht zusammengestautem Eis, wo
man früher nicht nach ihnen gesucht hatte.
Was aber ist denn der Grund, daß der Klappmützenfang jahraus, jahrein
so schlecht ist? Das ist ein Räthsel, über das man wieder und wieder
grübeln kann, ohne doch zu einem sicheren Resultat zu kommen. Die
Auffassung, zu der ich allmählich gelangt bin, geht dahin, daß
einerseits der allzu starke Fang keine unwesentliche Rolle spielt, daß
es aber noch einen anderen Grund von vielleicht ebenso großer Bedeutung
giebt.
Dieser Grund kann doppelter Art sein. Er kann in einer Veränderung
der Natur und der Gewohnheiten zu suchen sein, die entweder auf
Erziehung oder auch auf direkte, natürliche Wahl im Kampf ums Dasein
zurückzuführen ist.
[Illustration: Eisbär und Klappmütze.]
Viele Menschen sind der Ansicht, daß sich die Thiere nicht
entwickeln können, daß sie keine Erfahrungen machen und daraus ihre
Schlußfolgerungen ziehen können. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht,
-- ich glaube, daß die Thiere, die wilden sowie die zahmen, Augen zum
Sehen und Ohren zum Hören haben, sie sammeln ihre Erfahrungen und
lernen so gut wie die Menschen, wenn auch nicht in so hohem Grade. Und
ein gutes Beispiel hiervon geben uns vielleicht gerade die Klappmützen
in der Dänemarkstraße. In früheren Zeiten lebten die Klappmützen ein
herrliches Leben hier oben auf dem Eise. Sie aßen und schliefen, hatten
ihre Liebesabenteuer und vermehrten sich. Nur einen einzigen wirklichen
Feind kannten die Klappmützen in jenem goldenen Zeitalter, nämlich den
Eisbären, und auch von ihm wurden sie nicht allzu häufig heimgesucht,
denn der Bär zieht sich, da er kein besonderer Schwimmer ist, gern
dahin zurück, wo das Eis fester ist; aus dem Grunde pflegten sich die
Klappmützen mehr am Rande des Eises in dem offenen Eis aufzuhalten.
Im Sommer des Jahres 1876 aber kam eine andere Art Eisbär aus dem
Meere her in die Dänemarkstraße geschwommen, und der war raubgieriger
und größer. Er war der norwegische Seehundsfänger „Eisbär“, der von
dem Veteranen der norwegischen Seehundsfänger, +Svend Foyn+, in diese
Gegend entsandt war. Dieser „Eisbär“ fand hier Unmassen von Seehunden
und brachte das eine Mal mehrere Tausend mit nach Hause. Seit jenem
Tage hatte das ruhige ungestörte Leben der Klappmützen hier oben
ein Ende. Jeden Sommer kamen Ende Mai und Anfang Juni Scharen von
norwegischen Seehundsfängern hier herauf, und da die Thiere zahm und
leicht zu fangen waren, nahm man gleich große Mengen mit. Ja, in den
ersten Jahren waren sie so zahm (sie ahnten ja nichts Böses), daß man
nicht nöthig hatte, sie zu schießen, man konnte sie auf den Eisschollen
todtschlagen, ja auf verschiedenen Schiffen ließ man die Leute gar
keine Flinten in die Boote mitnehmen, sondern ließ die Seehunde einfach
todtschlagen. Das goldene Zeitalter für die Seehundsfänger nahm jedoch
bald ein Ende. Die Klappmützen hatten bis dahin nicht geahnt, welche
Gefahr ihnen von diesen Fahrzeugen mit dem Ausguck auf dem Großmast
drohte, die einen ganzen Schwarm von Booten gegen sie aussandten, aber
sie machten bald ihre Erfahrungen, und es währte nicht lange, bis sie
scheu wurden. Jetzt mußte man sie aus weiter Entfernung schießen. Das
Merkwürdige dabei war, daß nicht allein die alten, erfahrenen Seehunde
scheu wurden, sondern auch bei den ganz jungen machte sich dies in
auffallender Weise bemerkbar. Entweder müssen also die alten Seehunde
ihrem Nachwuchs die gemachten Erfahrungen auf irgend eine Weise
mitgetheilt haben, oder auch müssen diese ihre Erfahrungen vermittelst
Erbschaft erhalten haben. Wie sich die Sache nun auch verhalten mag, so
ist es doch Thatsache, daß die Klappmützen, alte wie junge, mit jedem
Jahr scheuer geworden sind, -- sie haben es gelernt, sich vor einem
Feind in acht zu nehmen, den sie früher nicht kannten, und zwar haben
sie dies in dem kurzen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren gelernt. Ich
glaube aber, daß die Weisheit der Klappmützen weitergeht. Sie haben
auch die Erfahrung gemacht, daß sie gerade dort, wo sie sich früher
am sichersten fühlten, nämlich am Rande des Eises -- jetzt am meisten
gefährdet waren; sie haben gelernt, daß, wenn sie in der Zeit des
Haarwechsels, wo sie gern auf dem Eise liegen, ungestört sein wollten,
sie sich auf das dichte Eis weiter hinein zurückziehen müßten. Hier
sind sie freilich den Angriffen des Eisbären ausgesetzt, entgehen aber
den weit schlimmeren der norwegischen Seehundsfänger.
Wie einleuchtend diese Erklärung auch erscheinen mag, so kann man sich
doch nicht verhehlen, daß es auch eine andere Erklärungsweise geben
kann. Geht man davon aus, daß nicht alle Seehunde von Anfang an gleich
scheu sind, was unleugbar der Fall ist, dann wird die Schlußfolgerung
nahe liegen, daß wenn man mit der Jagd beginnt, naturgemäß die am
wenigsten Scheuen, sowohl junge wie alte Seehunde, sich zuerst tödten
lassen, während die Scheueren entfliehen und sich vermehren können.
Auf diese Weise muß ja die Scheuheit sich in immer stärkerem Grad auf
das Geschlecht vererben. Hierdurch erhält man eine Erklärung, weshalb
die Klappmützen scheuer werden, nicht aber, weshalb sie sich weiter auf
das Eis zurückziehen als früher. Nimmt man indessen an, daß ebenso wie
es Seehunde giebt, die scheuer sind, auch solche existiren, die sich
mit Vorliebe draußen in dem offenen Eis aufhalten, während sich andere
gern weiter zurückziehen, -- so ist es ja ganz selbstverständlich, daß
diejenigen, die sich dort aufhalten, wo die Fahrzeuge am leichtesten
hinkommen, zuerst fortgeschossen werden, während die anderen verschont
bleiben und das Geschlecht vermehren können, das dann mehr und mehr die
erbliche Gewohnheit annimmt, sich weiter zurück auf dem dichten Eis zu
halten.
Welcher von den hier angeführten Erklärungsgründen die größte
Wahrscheinlichkeit für sich hat, ist nicht so ganz leicht zu
entscheiden. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß sie alle beide
ihre Berechtigung haben, daß nämlich sowohl Erziehung und Erfahrung
als auch die natürliche Wahl im Kampf ums Dasein, mit anderen Worten
das Ueberleben der am glücklichsten Ausgerüsteten, die Ursache sind,
daß die Klappmützen, nachdem einmal Jagd auf sie gemacht wurde, ein
furchtsameres Naturell erhalten und ihre Gewohnheiten verändert haben.
Daß dies wirklich der Fall ist, wird Niemand bestreiten wollen, der
Gelegenheit gehabt hat, dem Fange beizuwohnen.
Fußnoten:
[30] Wenn +Robert Brown+ behauptet, daß auch das Weibchen bei den
Klappmützen eine Mütze hat, so ist dies ein vollständiger Irrthum.
[31] Die westgrönländische Klappmütze begiebt sich wahrscheinlich zum
Treibeise in die Gegend von Labrador, wo im Frühling viele gefangen
werden.
[32] Ein paar englische und amerikanische Schiffe versuchten den Fang,
nachdem die Norweger damit begonnen hatten, ebenfalls.
[Illustration: Der „Jason“ bahnt sich seinen Weg durch das Eis.
(Von Th. Holmboe nach einer Photographie.)]
Kapitel VI
An Bord des „Jason“.
Unser Leben an Bord des „Jason“ verging ganz angenehm, ohne große
Begebenheiten und Erlebnisse. Ueber die pekuniäre Seite des
Seehundsfanges, sowie die Aussichten für dessen Zukunft ließen wir uns
keine grauen Haare wachsen. Mit Ausnahme vereinzelter Fälle, wo der
Schuß nicht ganz so gut traf, wie er es hätte thun können, gab es nicht
viel dunkle Wolken an dem Horizont unseres Daseins.
Für die meisten Theilnehmer ist dies Leben ganz neu. Es giebt viel zu
sehen und zu beobachten, sowohl im Eise, wie auf dem Meer, und wenn man
Jäger ist, ermangelt man der Zerstreuung nicht. Hat man keine Seehunde
zu schießen, so kann man Alke schießen, denn deren giebt es genug.
In ganz kurzem Zeitraum kann man oft mehr als fünfzig dieser Thiere
erlegen, und wenn man sie nur im Fluge schießen will, ist es ein guter
Sport; wenigstens habe ich es häufig erlebt, daß Leute mehr als einen
Fehlschuß thun. Will man sie auf dem Wasser mit Kugeln schießen, so ist
auch das ein angenehmer Sport.
[Illustration: Seehunde in Sicht. „Hart Steuerbord!“
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)]
Der Hauptsport hier oben ist und bleibt jedoch die Seehundsjagd. Es ist
eine ganz vorzügliche Uebung, die in ungewöhnlichem Maße dazu angethan
ist, zum ruhigen und kaltblütigen Büchsenschützen auszubilden. In der
Regel ist freilich der Abstand nicht sonderlich groß, -- er beträgt
gewöhnlich zwischen hundert und hundertundfünfzig Ellen, -- aber das
Ziel, auf das man schießt, ist nur klein. Es handelt sich nämlich
darum, den Seehund in den Kopf oder zur Noth in den Hals zu treffen;
trifft man ihn in den Körper, so springt er ins Wasser. Zuweilen, wenn
die Seehunde scheu sind, kann die Entfernung eine ganz beträchtliche
sein. Bedenkt man ferner, daß man von einem Boot aus schießen muß,
das in Bewegung ist, und daß die Beleuchtung hier oben über dem
glitzernden schneebedeckten Eise oft sehr störend wirkt, so wird man
verstehen können, daß nicht so ganz wenig dazu gehört, um ein guter
Seehundschütze zu werden. In der That giebt es deren auch nur sehr
wenige. Ich habe Leute gesehen, die ihre Büchse vorzüglich zu führen
wußten, wo es ein festes Ziel galt, die aber trotzdem, sobald es sich
um Seehunde handelte, regelmäßig vorbeischossen. Die Seehundjagd ist
auch nicht ohne Abwechselung, und ist man in der glücklichen Lage,
Schütze eines Bootes zu sein, und sich einem guten Fang gegenüber
zu befinden, glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können, daß die
Meisten gleich mir die Augenblicke, die man hier oben in seinem kleinen
Fahrzeug verbringt, dessen Schütze, Anführer und Alleinherrscher man
ist, -- zu den schönsten ihres Lebens zählen werden. Man ist von der
herrlichsten, aus Eis, Himmel und Meer bestehenden Natur umgeben. Rings
umher auf den Eisschollen liegen die Seehunde, und ihr Anblick läßt das
Jägerblut schneller durch die Adern der meisten Menschen rollen, --
oft vielleicht ohne daß sie es wissen. Das Auge wird geschärft, alle
Kräfte werden angespannt und gleichsam auf das Gesicht und die Arme
konzentrirt, die die Büchse und die Ruder führen sollen; der Sinn ist
von dem einen Gedanken beseelt, Seehunde zu fangen und das Boot durch
das Eis zu schaffen, so daß man so viele Thiere wie möglich fangen kann.
Möglicherweise tritt in einem solchen Augenblick die wilde Natur des
Menschen in den Vordergrund. Es ist das Erbtheil unserer nomadischen,
von Jagd und Fischfang lebenden Vorfahren; sei dem, wie ihm wolle, eins
steht fest, es ist dies ein herrliches, freies Leben, das Geist und
Körper erquickt.
Wenn wir aber nicht auf Jagd gehen können und uns an Meer, Himmel und
Eis müde gesehen haben, so müssen wir uns irgend eine Abwechselung
suchen, denn wie schön dies alles auch ist, und wie sehr man sich auch
von Kindheit an die Ueberzeugung von der großartigen Schönheit des
mächtigen, rollenden, stets wechselvollen Meeres eingeprägt, so läßt
es sich doch nicht leugnen, daß man, wenn man es Wochen und Monate
angestaunt hat, schließlich entdeckt, daß es doch ein wenig einförmig
ist und man sich nach ein wenig Abwechselung sehnt.
Eine unserer größten Vergnügungen, die stets allgemeine Heiterkeit
erregte, war das Lassowerfen. Von dem Bootsmann bekamen wir, wenn
wir recht freundlich baten, eine dünne Leine, die ungefähr 10 bis 12
Klafter lang war. An dem Ende dieser Leine brachten wir eine Schlinge
an und damit war unser Lasso fertig. Die Lappen waren natürlich Meister
in der Benützung dieser Fangschnur, und von ihnen lernten wir es, --
sie bedienen sich derselben ja täglich, um ihre Rennthiere einzufangen.
Besonders der alte +Ravna+ hatte es bis zu einer erstaunlichen
Fertigkeit gebracht. Es war ein stolzer Anblick, ihn mit einer sicheren
Miene, die keinen Zweifel an seinem Erfolg aufkommen ließ, die Leine in
der rechten Hand aufrollen zu sehen. Dann beugte er den Kopf ein wenig
vornüber, heftete das Auge scharf auf das unglückliche Opfer, machte
ein paar Schritte über das Deck hin, leicht und geschmeidig wie eine
Katze, dann eine schnelle Bewegung mit dem gespannten rechten Arm, --
und blitzschnell rollt sich die Leine ab, und nie ihr Ziel verfehlend,
fällt die Schnur um den Kopf der Beute, die, mit Armen und Beinen
fechtend, sich von der beengenden Umarmung zu befreien sucht.
+Balto+ ist als festansässiger Lappe natürlich weniger geübt in dem
Gebrauch des Lassos, sein Stolz will dies aber nicht einräumen und
es giebt stets Veranlassung zu großer Heiterkeit, wenn Einer von
uns ihm die Schnur mit der Bemerkung fortnimmt, daß man sich besser
darauf verstehe als er; trifft es sich dann gar, daß man ihn wirklich
überwindet, so ist seine erstaunte und verdrießliche Miene ganz
unbezahlbar.
Mancherlei Spiele und Kraftproben werden auch an Bord betrieben. Mit
besonderer Leidenschaft betrieben wir ein Spiel, das darin bestand,
Figuren und Vierecke auf das Deck zu zeichnen, welche letztere
verschiedene Werthe repräsentiren und in welche man aus einer gewissen
Entfernung mit flachgeschlagenen Bleistücken werfen muß, ohne jedoch
eine Figur, den sogenannten „Narrenkopf“, zu berühren; geschieht dies
doch, so büßt man alles ein, was man durch die anderen Würfe gewonnen
hat. Oft bei gutem, stillem Wetter konnte man mehrere Partien dies
Spiel auf verschiedenen Theilen des Deckes betreiben sehen. Der Einsatz
war gewöhnlich ein Stück Kautabak.
Hatte dies Spiel seine Anziehungskraft verloren, so zogen wir uns wohl
hinten in die Kajüte zurück und nahmen unsere Zuflucht zum Kartenspiel,
und obwohl Einige von uns gar kein Interesse am Kartenspiel hatten,
konnten wir doch oft den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht
hinein spielen, -- ja oft begannen wir sogar schon am Vormittage.
Hauptsächlich spielten wir Whist; doch auch Treffknecht u. dergl.
Wir hatten nur ein einziges Spiel Karten, und das war zu Ende der Reise
so schmutzig, daß man kaum unterscheiden konnte, woraus die Karten
bestanden, aus Schmutz oder aus Papier. Wenn wir, was das gewöhnliche
war, bis Mitternacht aufsaßen, da mußten wir um die Zeit der Hundewache
nothwendigerweise etwas genießen. Dieser nächtliche Imbiß bestand
entweder aus Kaffee oder „Dänge“, besonders das letztere Gericht, das
aus aufgeweichtem, in Zucker und Butter gebräuntem Brot bestand, war
sehr beliebt.
Um diese Zeit erhielt auch die Mannschaft Kaffee, und man konnte dann
Nacht für Nacht den schönen Anblick genießen, Balto schlaftrunken und
in äußerst leichter Toilette die Treppe, die zu seinem Schlafraum
führte, heraufkommen zu sehen, um sich zu den Leuten zu begeben und
seinen mitternächtlichen Kaffee zu holen. Als Lappe war er so versessen
auf Kaffee, daß er unmöglich eine Gelegenheit vorübergehen lassen
konnte, dies herrliche Getränk zu genießen, selbst wenn er schon längst
in seine Koje gegangen war.
Lektüre war nur sehr wenig an Bord. Ich hatte nicht auf einen so
langen Aufenthalt auf dem Schiffe gerechnet und deshalb für keine
Reisebibliothek gesorgt. Dank einem Freunde der Expedition, Herrn
Buchhändler +Cammermeyer+ in Kristiania, waren wir doch mit einigen
Büchern versehen. Diese waren indessen bald gelesen, und jetzt entstand
ein geistiger Heißhunger an Bord, der geradezu bedrückend war. Man
machte Jagd auf alles mögliche, selbst die schlechtesten Räuberromane
und Indianererzählungen, die man bei der Mannschaft auftreiben konnte,
wurden mit Begier verschlungen. Es waren solche wie „Der blutige
Handschuh im Thale“, „Der rothe Hauptmann“, „Die schwarze Schlange“
u. dergl. Zuweilen unternahmen wir einen Kaperzug an Bord der anderen
Fahrzeuge.
Eine Einladung an Bord der anderen Fahrzeuge war eine sehr willkommene
Abwechselung, ebenso ein Besuch der fremden Kapitäne an Bord des
„Jason“. Ein eigenartiges, ganz sommerliches Bild gewährte es zuweilen,
diese Eismeerschiffer sich im Sonnenschein auf Deck gruppiren zu sehen.
Da saßen sie und tranken ihren Kaffee oder Wein, rauchten ihre Pfeifen
oder Cigarren und starrten auf das Meer hinaus oder auf die weißen
Eisschollen, die im Sonnenschein schaukelnd dalagen, während die Zeit
unter Lachen und Schwatzen schnell verstrich.
Zuweilen probirte man seine Schießkunst auch an den auf dem Wasser
schwimmenden Eisstücken aus, und manch guter Schuß wurde da ausgeführt.
Der einzige, der sich nicht recht wohl an Bord zu fühlen schien, war
unser alter Freund +Ole Nielsen Ravna+, der ältere der beiden Lappen.
Er war daran gewöhnt, mit seinen Rennthierscharen auf den Hochebenen
umherzustreifen, und das Leben an Bord auf dem engen, schaukelnden
Schiff gefiel ihm nicht. Er sehnte sich danach, wieder Land unter
den Füßen zu haben. +Balto+ dagegen scheint sich völlig dem Seeleben
acclimatisirt zu haben. Mit seinem munteren, aufgeweckten Sinne stets
bereit, irgend einen Narrenstreich auszuführen, war er bald der
Liebling der ganzen Besatzung geworden. Glücklicherweise war jetzt auch
sein rechtes Knie wieder vollständig geheilt.
Das Pferd, das wir von Island mitgebracht hatten, war der allgemeine
Liebling. Dies hatte indessen die unangenehme Folge, daß dem Thier
trotz des strengsten Verbots mehr Futter gebracht wurde, als wir
verantworten konnten, und eines Tages entdeckte ich zu meinem
Schrecken, daß der größte Theil des Heues verbraucht war. Von nun an
war das Pferd eine Quelle steter Sorge. Es mußte an allen Ecken und
Kanten mit dem Futter gespart werden, und wir zerbrachen uns den Kopf,
um ein Futtermittel zu finden. Wir gaben ihm rohes Seehundsfleisch,
eine Weile fraß es das, dann war es aus damit. Wir versuchten es mit
gedörrtem Fleisch, -- es ging genau ebenso. Nun gaben wir ihm Alke, die
mochte es im Anfang gern. Dann sammelten wir Tang, wovon eine Menge in
der See trieb, -- eine gewisse Tangart fraß es auch gern. So hielten
wir es eine Weile hin. Es gedieh anscheinend ganz gut und wurde ein
tüchtiger Seemann.
Der 9. Juli wurde indessen ein Tag der Trauer für die Expedition.
Da hatten wir nichts mehr, was es fressen wollte, und wir mußten es
erschießen. Es war, als verlören wir einen Freund. Der letzte Dienst,
den es uns leistete, war, daß es uns ein gutes Beefsteak lieferte, und
eine der Keulen nahmen wir später mit uns ins Boot, nachdem wir den
„Jason“ verließen, um an der Ostküste zu landen.
Wie rein die Luft hier oben ist, ersieht man daraus, daß ein solches
Stück Fleisch eine lange Zeit im Takelwerk hängen kann, ohne zu
verderben. Hier giebt es keine Bacillen, und infolgedessen kann kein
Verwesungsprozeß vor sich gehen, wenn er nicht durch den Schmutz an
Bord, der von Hause mitgebracht ist, herbeigeführt wird.
Das Vorurtheil der Leute, gewisse Dinge zu essen, ist oft geradezu
lächerlich. Davon erhielt ich bei dieser Gelegenheit einen guten
Beweis. Als das Pferd erschossen und nach allen Regeln der
Schlachtkunst zerlegt war, kam „Jank“ -- wie er an Bord genannt wurde
-- ein norwegischer Amerikaner, und fragte, ob er etwas Fleisch
bekommen könne. Er erhielt soviel er haben wollte und war sehr froh
darüber. Er schnitt sich gleich einige Stücke ab, die er roh verzehrte,
aber das Entsetzen und der Unwille, den diese ebenso unschuldige als
natürliche Handlungsweise erregte, war geradezu lächerlich. Da viel
mehr Fleisch vorhanden war, als die Expedition verwerthen konnte, bot
ich den Leuten davon an, aber nicht ein einziger wollte es haben, weil
es Pferdefleisch war. Später kam indessen einer von ihnen und fragte,
ob er das Fleisch bekommen könne, was übrig bliebe, dann wolle er es
einsalzen. Ich freute mich, doch +einen+ vernünftigen Menschen zu
finden, und fragte ihn, ob er nicht gleich etwas davon haben wolle, um
es frisch zu essen, da sei es ja viel wohlschmeckender. Er erwiderte,
das sei ja möglich, aber ich solle nur nicht glauben, daß er die
Absicht habe, das Pferdefleisch als Menschennahrung zu verwenden, --
nein, er wolle es als Schweinefutter gebrauchen.
Man ist oft wirklich nahe daran zu verzweifeln, wenn man sieht, wie
dumm und halsstarrig die Menschen sein können. Hier befinden sich
diese Leute an Bord eines Seehundsfängers, essen gesalzenes Fleisch
und klagen über Druck vor der Brust, wie sie es nennen, d. h. sie
haben Verdauungsbeschwerden infolge einer schlechten Ernährung, und
lassen dabei täglich Unmassen von frischem Seehundsfleisch auf dem Eise
liegen, das an der Küste von Grönland eine ganze Gemeinde beglücken
würde. Es ist aber eine Unmöglichkeit, die Leute dazu zu bewegen, es zu
essen, sie sterben lieber Hungers, als daß sie solche „unreinlichen“
Speisen essen. Ich vergesse ihr Entsetzen nicht, als ich einmal
das Blut eines eben geschossenen Seehundes auffing und den Steward
Schwarzsauer daraus machen ließ. Es hielt schwer, Jemanden zum probiren
zu bewegen. Diejenigen, welche es schließlich thaten, mußten einräumen,
daß es ganz vorzüglich schmeckte, und doch konnten sie nichts davon
herunterbringen, weil sie wußten, daß es aus Seehundsblut bereitet war.
Dafür aßen mehrere von den Mitgliedern der Expedition desto mehr davon,
ja, es geschah einmal, daß Einer von uns, nachdem er sein gewöhnliches
Abendbrot verzehrt hatte, wovon er eigentlich satt werden sollte, noch
18 -- sage achtzehn! -- Blutpfannkuchen aß. Da konnte freilich von
keinem Vorurtheil die Rede sein!
In gewisser Hinsicht hatte ich an Bord mehr zu thun als mir eigentlich
lieb war, -- nämlich als Arzt. Der Grund hierzu war der unselige
Umstand, daß sie mich „Doktor“ nannten, denn Doktor und Arzt ist ja für
gewöhnliche Menschen dasselbe. Und natürlich waren sie jetzt, wo sie
so leicht eines Doktors habhaft werden konnten, sämtlich krank. Ich
behandelte nicht allein die 64 Mann des „Jason“, sondern auch von den
anderen Fahrzeugen ringsumher kamen sie zu uns an Bord, um den Doktor
zu konsultiren, der einen solchen Ruf hatte. Der Versuch, diesen Leuten
klar zu machen, daß ein Doktor und ein Arzt nicht immer dasselbe ist,
würde völlig zwecklos gewesen sein. Doktor war ich, und Doktor mußte
ich sein, und wenn ich kein Doktor für sie sein wollte, so war es nur
böser Wille. Hier war nichts zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel
zu machen, und außerdem ist ja zu allen Zeiten soviel Humbug in der
Heilwissenschaft betrieben, daß es ihrem Ansehen wohl kaum sonderlich
schaden konnte, wenn ich ihr ein wenig ins Handwerk pfuschte, und
außerdem heißt es ja so oft und sicher mit Recht, daß der wichtigste
Einfluß, den ein Arzt auf seine Patienten besitzt, durch das Vertrauen
bedingt ist, das seine Persönlichkeit erweckt, -- und daran schien
es in diesem Falle nicht zu fehlen. Es handelte sich nur darum, dies
Vertrauen zu benutzen, eine ernste, wichtige Miene aufzusetzen und
unverzagt ans Werk zu gehen.