Strömung in diesem Fahrwasser. Die ganze Nacht hatten wir unter einem
starken östlichen Wind in nordöstlicher Richtung gekreuzt. Am nächsten
Vormittag bekamen wir wieder Land in Sicht, aber in ungefähr derselben
Richtung wie am vorhergehenden Tage.
In den folgenden Tagen kreuzen wir nordöstlich an der Eiskante entlang,
kommen aber nur wenig vorwärts, da der Wind und der Strom uns sehr
entgegen sind. Auch jetzt erblicken wir viele Rüsselwale, sowie
mehrere große Bartenwale, meistens wahrscheinlich Blauwale, die sich
fast alle in westlicher Richtung bewegen, vielleicht gegen Grönland.
Wahrscheinlich haben die Walfische ihre ganz bestimmten Wanderungen,
aber wir wissen bis dahin nur sehr wenig Bestimmtes darüber. Hin
und wieder erblickten wir eine kleinere Art des Bartenwales, -- die
Seehundsfänger nennen sie zuweilen Klappmützenwale, sie behaupten
nämlich, daß sich diese Thiere in der Nähe des Klappmützenfanges
aufhalten. Dem Anschein nach konnte es derselbe Wal sein, der an
den Küsten von Finnmarken vorkommt und dort Seiwal (~Balenoptera
borealis~) genannt wird. Ein paarmal sah ich den Speckhauer (Butzkopf)
(~Orca gladiator~), diese kleine Walfischart, die so leicht an ihrer
rechten Rückenflosse zu erkennen ist und die aus dem Grunde von den
norwegischen Fischern Staurhynning, Staurhval genannt wird. Es ist
ein selten kräftiger Schwimmer mit schnellen Bewegungen und einem
gefährlichen Gebiß. Er ist der Schrecken sämtlicher großer Wale, --
wo er sich zeigt, da fliehen sie über Hals und Kopf, und ein einziger
der kleinen Gladiatoren genügt, um die großen Riesen vor sich her zu
jagen, zuweilen sogar bis auf das Land. Die Angst, welche die großen
Walfische vor ihnen haben, ist nicht so ganz ohne Grund, denn sie
verfolgen sie und greifen sie von hinten an. Es pflegen ihrer mehrere
zu sein, mit ihren schnellen Bewegungen fahren sie auf ihre Feinde ein
und reißen ihnen große Stücke Speck aus den Seiten, -- daher der Name.
Von Schmerzen und Verzweiflung getrieben, peitschen die großen Wale
das Wasser und schießen mit Blitzesschnelle davon, von den kleinen
Ungeheuern verfolgt, die nicht nachlassen, bis die Feinde, ermattet von
der Anstrengung und dem Blutverlust, sich ergeben müssen. Aber nicht
Wale allein greifen die Butzköpfe an, auch die Seehunde sind Gegenstand
ihrer Raublust. Die Eskimos haben mir erzählt, daß sie gesehen haben,
daß diese Thiere (Ardluk, wie sie sie nennen) einen Seehund mit einem
einzigen Biß verschlingen.
An unseren Küsten scheint der Butzkopf zum Theil ein friedlicheres
Leben zu führen. Er wird viel von unseren Heringsfischern gesehen und
scheint hier nur von Heringen und Seien zu leben. Er scheint keine
Neigung zu haben, die großen Walfische anzugreifen, mit denen er
fortwährend in Berührung kommt, und sie ihrerseits scheinen keine Angst
vor ihm zu haben.
Was der Grund hierzu sein kann, ist noch nicht aufgeklärt. Vielleicht
findet er hier genug Fischnahrung, so daß er sich nichts aus dem Speck
der Wale macht, die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß die
großen Bartenwale, welche auf die Heringsbänke kommen, nämlich der
Finnwal (~Balenoptera musculus~) und der Spitzenwalfisch (~Balenoptera
rostrata~) nicht die Wale sind, welche er anzugreifen pflegt. Ich
möchte zu der Annahme neigen, daß ihm diese zu schnell sind, weshalb
er den größeren, aber weniger schnellen Blauwal und möglicherweise auch
den Narwal (~Megaptera boops~) vorzieht.
Hin und wieder sah man die Seehunde im Wasser schlafen. Auf den Wellen
auf- und niederschaukelnd, gleichen sie zum Verwechseln den Korkbojen,
die auf dem Wasser schwimmen. Einzelne Seehunde lagen auch auf den
zerstreut umhertreibenden Eisschollen. Dies konnte möglicherweise ein
Zeichen sein, daß sich Seehunde im Eise vor uns befanden, aber die
Luft war dick, und wir hatten keine Ruhe, auf so etwas zu achten. Wir
sehnten uns danach, die anderen Fangschiffe wiederzusehen.
Endlich hatten wir ein wenig westlichen Wind, und eine zweitägige Fahrt
brachte uns wieder mit den anderen Schiffen zusammen. Man seufzte an
Bord des „Jason“ erleichtert auf, als es sich herausstellte, daß sie,
seit wir sie verlassen, nichts gefangen hatten.
Bis lange über Johannis hinaus lagen wir da und trieben uns außerhalb
des Eises in Nebel und schlechtem Wetter herum, von den Wellen hin und
hergeschaukelt, -- von Seehunden aber war keine Spur zu erblicken.
Nach Johannis würde es anders werden, meinte man, aber der St.
Johannisabend und der St. Johannistag und noch viele andere Tage
vergingen, ohne irgend welche Veränderung mit sich zu führen, --
nur das Wetter war besser geworden, -- wir hatten jetzt herrlichen,
herzerquickenden Sonnenschein. Dies verschönerte uns das Dasein ganz
bedeutend. So lange man die Sonne hat, darf man ja nicht klagen. Alle
Fahrzeuge, die sich in der Dänemarksstraße befinden, ungefähr 14-15
Stück, sind jetzt hier versammelt. Die ganze Schar fährt hintereinander
her in die Buchten hinein und wieder hinaus gleich einer Schafherde.
Sobald eines der Schiffe sich in eine Bucht hinein begiebt, folgen ihm
alle anderen, späht dann das erste Schiff nach Fang aus, so folgen alle
anderen seinem Beispiel, -- wendet es, so wenden auch die anderen und
dann gehts wieder in die offene See hinaus. Und dies wiederholt sich
Tag für Tag, Woche auf Woche.
Es wird vielleicht einzelne Leser interessiren, ein vollständigeres
Bild von dem Leben, den Wanderungen und dem Fang der Klappmützen zu
erhalten.
Da ich mehr Gelegenheit als die Meisten gehabt habe, Beobachtungen in
dieser Richtung anzustellen, will ich es versuchen, in einem besonderen
Kapitel eine kurzgefaßte Darstellung davon zu geben, soweit meine
Erfahrungen mir das gestatten.
Vieles, besonders die Wanderungen der Klappmützen betreffend, ist noch
in Dunkel gehüllt und bedarf deswegen einer gründlicheren Untersuchung.
Kapitel VI.
Die Klappmütze (~Cystophora cristata~).
Die Klappmütze (~Cystophora cristata~) ist eine sehr große Seehundsart,
die den See-Elephanten an der Westküste Amerikas und in den
antarktischen Meeren am nächsten verwandt ist, -- gleich diesen hat
das Männchen eine Mütze über der Nase, wodurch es sich auffallend von
allen anderen arktischen Seehunden unterscheidet. Das Weibchen hat
keine solche Mütze zum Aufblasen, obwohl die Haut über der Nase auch
bei ihm ein wenig lose und faltig ist.[30] Die Klappmütze kann eine
beträchtliche Größe erreichen und ist nächst dem blauen Seehund die
größte Seehundsart, die in unserem nordischen Fahrwasser vorkommt.
Gleich, wenn sie zur Welt kommt, ist sie bereit, ins Wasser zu gehen
und hat ein aus glatten Seehundshaaren bestehendes Fell, das am
Bauche ziemlich hell, beinahe weiß, auf dem Rücken aber grau ist.
Nach dem ersten Häuten ist es ein wenig gefleckt, und je mehr die
Klappmütze heranwächst, je mehr steigert sich dies, bis es schließlich
eine gräulich weiße Farbe mit zahlreichen größeren und kleineren
unregelmäßigen, über den ganzen Körper verbreiteten Flecken hat. Am
kleinsten sind die Flecken auf dem Kopf, aber sie sitzen hier so dicht,
daß der Kopf fast schwarz zu sein scheint. Das Männchen kann seine
Mütze zu ganz erstaunlichen Dimensionen aufblasen, wodurch der Kopf ein
ganz eigenthümliches Aussehen erhält. Dies geschieht jedoch nur selten.
Ich habe es nur gesehen, wenn es heftig gereizt wird, z. B. wenn es
angeschossen war. Gewöhnlich hängt die Mütze schlaff herunter und ragt
dann gleich einem ganz kurzen Rüssel über dem Rücken der Nase hervor.
Welchen Zweck diese Mütze hat ist nicht leicht zu verstehen. Es könnte
fast so aussehen, als wenn sie ein Vertheidigungsmittel zum Schutz
ihres empfindlichsten Punktes, nämlich der Nase sein sollte; diese ist
nämlich bei den Männchen im Laufe der Zeiten infolge ihres Kampfes
um die Weibchen sehr entwickelt worden, indem die bestbeschützten
siegreich aus diesem Kampfe hervorgegangen sind und Gelegenheit zur
Vermehrung gehabt haben.
[Illustration: Altes Klappmützenmännchen.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
Diese Erklärung erscheint mir jedoch lange nicht überzeugend; freilich
führen die Männchen in der Brunstzeit heftige Kämpfe miteinander, aber
ich kann nicht einsehen, weshalb gerade die Nasen dabei so ausgesetzt
sein sollten.
Die Klappmütze ist groß und ungewöhnlich stark. Sie ist auch muthig,
und wenn sie sich zur Wehr setzt, was oft geschieht, ist nicht mit ihr
zu spaßen, denn selbst auf dem Eise ist sie nicht so ganz unbehülflich
und im Wasser ist sie geradezu gefährlich. Die Eskimos, welche sie von
ihren schmalen Kajaken (Fellböten) aus fangen sollen, haben deshalb
nicht ohne Grund Respekt vor ihnen; haben sie doch mehr als einem
Eskimo das Leben geraubt! Im Jahre 1882 wurde mein Boot von einem
verwundeten Männchen angegriffen, das sich auf den Bootsrand stürzte
und mit den Zähnen auf mich loshieb, statt meiner aber den Bootsrand
traf, wo es tiefe Spuren hinterließ.
[Illustration: Klappmützenweibchen und Junge.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
Die Klappmütze ist ein ganz vorzüglicher Schwimmer und Taucher. Um ihre
Nahrung zu holen, die hauptsächlich aus Fischen besteht, kann sie bis
auf ganz erstaunliche Tiefen hinabtauchen, -- wie tief, läßt sich nicht
genau angeben. Einen ungefähren Begriff kann man sich jedoch daraus
machen, daß ich etwa in der Mitte zwischen Spitzbergen und Jan Mayen
in dem Magen einer Klappmütze einen Rothfisch (~Sebastes Norvegicus~)
gefunden habe; derselbe ist ein Tiefwasserfisch und lebt in einer Tiefe
zwischen 50 und 90 Klaftern. Wenn man bedenkt, welch starker Druck --
wenigstens über 4 Atmosphären -- in einer solchen Tiefe ist, so kann
man verstehen, daß die Burschen kaum eine schwache Brust haben können.
Als Beweis von der ungeheuren Kraft der Thiere kann auch angeführt
werden, daß sie im stande sind, direkt auf den Rand einer Eisscholle
hinaufzuspringen, die 6-8 Fuß über dem Wasser liegt.
Die Klappmütze ist eine fast vollständig pelagische Seehundsart, d. h.
sie hält sich nicht zu den Küsten, sondern folgt im wesentlichen dem
Treibeis auf ihren Wanderungen, und erscheint in dessen Gefolge überall
im Eismeer und dem nördlichen Theil des atlantischen Ozeans zwischen
Spitzbergen und Labrador und der Baffinsbucht. Ihre östliche Grenze
scheint ungefähr bei Spitzbergen zu sein, denn bei Novaja-Semlja kommt
sie nicht mehr vor.
Die Klappmütze ist sehr gesellig und unternimmt in größeren oder
kleineren Scharen mehrmals im Jahr bestimmte Wanderungen, die jedoch
nur noch wenig bekannt sind. An der Westküste von Grönland, wo die
Eskimos den Fang betreiben, sieht man freilich, daß sie zu bestimmten
Zeiten verschwinden; Niemand aber weiß mit Bestimmtheit zu sagen, wo
sie in der Zwischenzeit gewesen sind. Ich halte es für wahrscheinlich,
daß sie, wenn sie zum erstenmal im Winter oder im Frühling ganz
verschwinden, fern von der Küste liegendes Treibeis aufsuchen,[31] um
dort in Ruhe und Frieden ihre Jungen füttern zu können, die ungefähr
Ende März geboren werden. Ende April oder Anfang Mai zeigen sie sich
dann wieder an der Küste von Grönland. Wenn sie im Juni oder Anfang
Juli abermals verschwinden, so geschieht dies ebenfalls, um das
Treibeis aufzusuchen. Dann kommt nämlich die Zeit, wo sie ihr Haar
wechseln, und während dieses Prozesses gehen sie ungern ins Wasser. Am
liebsten liegen sie auf den Eisschollen und sonnen und wälzen sich.
Man kann auf solchen Eisschollen oft ganze Haufen von Haar finden. In
dieser Zeit fressen sie wenig und im Juli werden sie sehr mager.
Die Jagd pflegt im Juni zu beginnen, wenn die Fangschiffe nach der
Dänemarksstraße kommen, nachdem sie in der Gegend von Jan Mayen Jagd
auf eine andere Seehundsart, den sogenannten grönländischen Seehund
(~Phoca grönlandica O. F. M.~) gemacht haben. Einige von ihnen sind
auch vorher auf den Fang von Entenwalen, ~Bottlenose~ (~Hyperoodon
diodon~) nordöstlich von Island gegangen.
Es handelt sich vor allen Dingen darum, den Seehund zu finden, und
das ist oft schwierig genug, denn man darf sich nicht einbilden, daß
er über dem ganzen Eis dort oben zerstreut liegt. Um ihn zu finden,
müssen die Fahrzeuge oft wochenlang suchen. Sie gehen dann an dem
äußeren Rande des Treibeises entlang, und überall, wo sich Buchten oder
Oeffnungen im Eise befinden, dringen sie ein, -- während die Eismassen
nach allen Richtungen hin ununterbrochen mit dem Fernrohr von der auf
dem Großmast angebrachten Ausgucktonne untersucht werden. Entdeckt
man dann endlich nach längerem Spähen weiter ins Eis hinein Scharen
von Seehunden, und ist dies Eis nicht allzu dicht zusammengestaut, so
handelt es sich darum, die Maschinen so stark wie möglich zu heizen und
auf das Eis zu gehen, um so schnell wie möglich zu den Seehunden zu
gelangen, da man sonst Gefahr läuft, daß ein anderes Fangschiff Einem
den Rang ablaufen kann, was selbstverständlich nicht geschehen darf.
Beim Kartenspiel hören alle verwandtschaftlichen Rücksichten auf, heißt
es im Volksmunde, und dasselbe gilt in vollem Umfange auf dem Eismeer;
denn hier sucht man einander nach besten Kräften zu übervortheilen.
Liegen mehrere Schiffe in der Nähe, wenn man Seehunde erblickt, und
sie noch nicht aufmerksam darauf geworden sind, so kommt es natürlich
darauf an, sie durch List zu entfernen, so daß man den Fang für sich
allein hat. Zu diesem Zweck werden die unglaublichsten Kunstgriffe
angewandt; man dampft unter vollen Segeln nach einer ganz anderen
Richtung ab und thut, als sähe oder erwarte man dort Seehunde, um auf
diese Weise die Anderen mitzulocken, um dann, -- sobald sie folgen
und eine Strecke weit gekommen sind, zurückzuschleichen und allein
die Seehunde aufzusuchen, -- ja, das gehört zu den ganz gewöhnlichen
Manövern dort oben.
Wenn man sich dann mit aller Macht durch das Eis Bahn bricht und es
unter der Mannschaft auf Deck verlautet, daß man von der Tonne aus
Seehunde sieht, da läßt sich an Bord ein merkwürdiges Leben verspüren.
Alles kommt auf die Beine, Alle müssen auf das Vordertheil des Schiffes
hinauf, um zu sehen, ob sie die Seehunde nicht schon von Deck aus
erblicken können, -- man hat alle Hände voll zu thun, die Böte in Stand
zu setzen, zu untersuchen, ob im Bootskasten Brot und Speck, ob in den
Biertonnen Bier und ob Patronen in der Patronentasche sind. Man sieht
nach, ob die Büchsen auch ordentlich geputzt sind, denn jetzt muß man
sich vergewissern, daß alles zum Fang in Ordnung ist, und wenn man
weiter nichts zu thun hat, so schleift man sein Messer, damit es scharf
genug ist, um allen Seehunden, die man fängt, das Fell abzuziehen. Dann
geht’s abermals auf das Vordertheil des Schiffes hinauf, um nach den
Seehunden auszuspähen. Bald schweift das Auge zur Masttonne hinauf,
um zu sehen, nach welcher Richtung hin das lange Fernrohr zeigt, bald
wieder über die Eisfläche hin in derselben Richtung wie das Fernrohr,
und gewahrt man dann wirklich einen Seehund, so entsteht ein Leben, ein
Zeigen, ein lautes Durcheinanderreden; -- bald erblickt man mehrere,
gleich schwarzen Punkten tauchen sie weit vor uns im Eise auf; jeder
Seehund wird mit Jauchzen begrüßt.
Inzwischen arbeitet sich das Schiff ruhig und sicher durch das Eis. Aus
der Tonne erschallen Kommandorufe, bald heißt es „hart Backbord“, bald
„hart Steuerbord“ oder „~steady~“; die Zwei, welche am Steuer stehen,
arbeiten so, daß ihnen der Schweiß von der Stirn tropft und lassen das
Steuerrad herumdrehen wie an einem Spinnrocken. Das Schiff prallt mit
donnerähnlichem Getöse gegen die mächtigen Schollen an, so daß man oft
alle Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Unten im Maschinenraum
wird ununterbrochen nachgeheizt, während sich die Schraube am Kiel
des Schiffes dreht und das Kielwasser bläulich aufwirbeln läßt, bis
die Eismassen es wieder bedecken. Oben in der Tone sitzt der Kapitän
und weidet sein Auge an den Seehundsmassen vor sich, wobei er seine
Pläne macht und den Weg sucht, den das Schiff gehen soll. Eine solche
Fahrt durch das Eis ist sehr spannend. Auf dem ganzen Schiffe herrscht
Erwartung und Unruhe. Endlich fällt das erlösende Wort: „Macht die Böte
klar!“
[Illustration: Klappmützenfang.
(Von E. Nielsen nach einer Skizze des Verfassers.)]
Ein Jubelgeheul tönt über das ganze Schiff, am schlimmsten ist es
unten in den Mannschaftskojen, wo jetzt keiner mehr schlafen darf.
Alle ziehen ihre Fangkleider an, und in der Schiffsküche wird gekocht
und gebraten, damit die Mannschaft noch eine gute Mahlzeit zu sich
nehmen kann, ehe sie in die Böte geht. Oft fährt man dann noch einen
halben Tag ruhig weiter, bis man tiefer in das Lager der Seehunde
hineingekommen ist und mehr und mehr Thiere auf den Eisschollen
erblickt. Man macht erst Halt, nachdem man sich mitten im Herzen des
Fanges befindet, dort, wo sie ganz dicht nebeneinander liegen. Jetzt
endlich erschallt aus der Tonne das Kommando: „Fertig zum Fall!“, und
alles stürzt in die Böte, die zu beiden Seiten des Schiffes in den
Davids hängen. Dann erhält der Schütze jedes Bootes, -- es befindet
sich nur +ein+ Schütze in jedem Boot, -- der auch das Kommando
übernimmt, seine Befehle, in welcher Richtung er vorgehen soll, und
endlich heißt es: „Die Böte herab!“, und während das Schiff seine
Fahrt mäßigt, werden die Böte in aller Eile ins Wasser gelassen. Man
stößt ab und vertheilt sich nach der vorgeschriebenen Richtung hin.
Es ist ein stolzer Anblick, wenn die zehn Böte eines Fangschiffes auf
einmal vom Fahrzeuge abstoßen und jedes in seiner Richtung durch das
Eis dahinrudert. Aufgerichtet und spähend steht der Schütze vorne
in dem Boote, während der Steuermann hinten am Steuer steht und die
übrigen drei bis vier Mann die Ruder nach besten Kräften führen. Dann
kommt man in das Seehundslager hinein, und es beginnt ein Schießen
und Knallen nach allen Richtungen hin, -- es klingt oft, als würde
eine ganze Schlacht geschlagen. An einem hellen Sonnentag, wenn Massen
von Seehunden rings umher auf den Eisschollen liegen und sich sonnen,
ruht oft ein zauberhafter Schimmer über diesem Leben, das Demjenigen,
der es einmal mitgemacht hat, stets verlockend vor der Seele schweben
wird. Es kommt natürlich für jeden Schützen darauf an, der erste zu
sein, der mit beladenem Boot zum Schiffe zurückkehrt. Er sucht seine
Leute zu demselben Ehrgeiz zu entflammen und treibt die Böte so schnell
wie möglich vorwärts. Kommt man in die Nähe der Seehunde, so muß man
sorgfältig vermeiden, hinter einen Eisblock zu kommen, so daß der
Seehund das Boot aus dem Gesicht verliert, nachdem er es erst einmal
erblickt hat. Man muß versuchen, so direkt wie möglich auf den Seehund
loszurudern, damit er das Boot so lange wie möglich sehen kann. Wird
er plötzlich überrascht, so verschwindet er gleich. Sobald er das
Boot erblickt, erhebt er den Kopf, ist es aber noch weit entfernt,
so legt er sich gewöhnlich wieder hin und liegt ruhig auf dem Eise.
Inzwischen kommt das Boot heran, von vier kräftigen Rudern getrieben,
abermals erhebt er den Kopf und sieht nun viel bedenklicher aus. Er
schaut das Boot an, und er schaut ins Wasser hinab, er wird unruhig,
wälzt sich ein wenig dichter an den Rand hin, reckt den Hals und macht
sichtbare Anstalten zu verschwinden, da plötzlich bricht auf Kommando
des Schützen die ganze Bootsmannschaft in ein fürchterliches Geheul
aus; der Seehund stutzt, lauscht verwundert dem sonderbaren Geräusch,
nimmt sich dann aber wieder zusammen, macht noch eine Bewegung auf
den Rand der Eisscholle zu und will verschwinden. Da erhebt sich ein
noch stärkeres, langgezogeneres, unheimlicheres Geheul als das erste;
abermals reckt er den Hals, lauscht erstaunt und verwundert, indem er
das Boot anstarrt, das jetzt mit großer Geschwindigkeit herangeflogen
kommt, dann beugt er sich über den Rand, krümmt den Rücken und reckt
den Hals nach dem Wasser aus. Trotz des teuflischsten Geheuls will
er jetzt doch hineinspringen, und man hat die Schußweite noch nicht
erreicht. Da ist nichts weiter zu thun, als daß der Schütze schnell die
Flinte in die Höhe hebt und eine Kugel in den Eisrand gerade unterhalb
des Thieres sendet, so daß ihm Schnee und Eisstücke an Brust und Nase
fliegen. Das ist etwas Neues, -- erschrocken zieht er sich auf die
Eisscholle zurück und starrt auf den Rand des Eises. Während er noch
über dies neue Räthsel grübelt, ist das Boot mit schneller Fahrt in
Schußweite gelangt; die Ruder werden losgelassen und, in den Dollen
hängend, gleiten sie an der Seite entlang, Alle müssen regungslos still
sitzen, der Schütze erhebt die Flinte, ein Krach -- und in die Stirn
getroffen, fällt der Kopf des Seehundes wieder aufs Eis, diesmal, um
sich nicht wieder zu erheben.
Liegen mehrere Seehunde auf derselben Eisscholle oder ringsumher, so
kann man viele schießen, aber es gilt vor allen Dingen, die ersten
Seehunde, auf die man schießt, gleich so zu treffen, daß sie todt
wie ein Stein da liegen. Ich erinnere mich, im Jahre 1882 eine ganze
Bootsladung an einer Stelle geschossen zu haben, und ich hätte noch
mehrere Boote voll schießen können, wenn ich hätte fortfahren können,
denn wenn man sich erst so in das Seehundslager eingeschossen hat,
daß ringsumher an allen Ecken und Kanten todte Seehunde liegen, dann
liegen die anderen auch ruhig. Sie starren ihre todten Kameraden
an, die sie für lebendig halten und denken, können sie, denen der
Unruhestifter so nahe ist, ruhig liegen, so dürfen wir es immerhin
wagen.
Ist man dagegen so unglücklich, den ersten oder die ersten Seehunde
nicht sofort auf eine tödtliche Stelle (z. B. den Kopf) zu treffen,
so daß das Thier verwundet auf der Eisscholle umherspringt oder sich
mit einem Geplätscher ins Wasser stürzt, dann kann man ziemlich sicher
sein, daß die meisten anderen auch unruhig werden und seinem Beispiel
folgen. Deshalb muß man lieber einen Fehlschuß thun, als daß man einen
Seehund anschießt, und da liegt es denn auf der Hand, daß es von großer
Wichtigkeit ist, tüchtige Schützen auf der Seehundsjagd zu haben.
Sobald der Seehund geschossen ist, wird ihm das Fell abgezogen; es
handelt sich nun darum, den Thieren das Fell so schnell wie möglich
abzuziehen, um weiterzukommen und von den anderen Booten nicht überholt
zu werden. Deshalb kommt es auch sehr darauf an, daß der Schütze
tüchtige und geschickte Leute in seinem Boot hat.
Ein geübter Mann kann einem Seehund in ganz unglaublich kurzer Zeit
das Fell abziehen. Ich sah es oft in zwei Minuten ausführen. Erst wird
ein langer Schnitt vom Kopf bis zum Schwanz am Bauch entlang gemacht,
dann einige Schnitte an jeder Seite zwischen der Speckschicht und dem
Fleisch, dann einige Schnitte oben vom Kopf herunter und einige unten
beim Schwanz und den Hinterbeinen, und das Fell ist herunter! Darauf
zieht man die Vorderbeine, die noch festsitzen, heraus und befreit sie
mit ein paar Schnitten von der Haut, die jetzt ins Boot gebracht werden
kann. Man verwendet nur das Fell und die unter demselben liegende
dichte Speckschicht, die daran festhängt. Das Uebrige läßt man auf
dem Eise liegen als Speise für die Möven.
[Illustration: Das Häuten junger Klappmützen auf einer Eisscholle.
(Zeichnung von E. Werenskjold nach einer Photographie.)]