Wir können auch ganz sicher annehmen, daß +tokh+ dasselbe Wort ist wie

+soks+, da s und t bekanntlich eine große Neigung haben, ineinander

überzugehen. Wahrscheinlich ist es wohl auch, daß der Stamm +kok+ in

+koklaske+ -- der Name für Schneeschuhe bei den +Tscheremissen+, dem

anderen Zweig der Wolga-Bulgaren, -- den gleichen Stamm hat wie tokh.

Diese Möglichkeit wird weiter unten bekräftigt werden.

Damit haben wir schon ein wahrscheinliches Alter von mindestens 1700

Jahren für die Schneeschuhe nachgewiesen, indem nämlich die gemeinsamen

entlehnten Benennungen aus der Zeit, als diese Stämme zusammen waren,

älter sein müssen, als altnordische und gothische.[18]

Mit völliger Bestimmtheit können wir jedoch die Möglichkeit einer

in späterer Zeit geschehenen Entlehnung noch nicht zurückweisen. Die

großrussische Bevölkerung, welche die Trennung bildet, besteht im

wesentlichen aus Finnen, die erst in den letzten 600 Jahren slavisirt

sind, und die Wolga war schon zu sehr früher Zeit ein stark befahrener

Verkehrsweg. Verfolgen wir indessen den Stammbaum weiter aufwärts,

so finden wir bei dem nächsten Seitenzweig, dem +permischen+ oder

+bjarmischen+, u. a. scheinbar isolirten Schneeschuhbenennungen

bekannte Stämme in Namen wie +artakh+ bei den +Permiern+, wo der Stamm

+takh+ ganz deutlich dasselbe ist wie die mordwinsche Zweigform +tokh+

und +kok+ bei den +Syrjänern+ in dem Worte +kört-kok+. Dies kok ist

dasselbe wie dasjenige, welches wir in koklaske bei den +Tscheremissen+

fanden.

[Illustration: Schneeschuhlauf im alten Stil. (Zeichnung von E.

Nielsen.)]

Hierdurch sind wir wieder eine bedeutende Strecke weiter hinauf in die

Urzeit des finnischen Stammes gelangt; bedeutend weiter aber kommen

wir, wenn wir tief im Innern Sibiriens bei den Ostjaken, die dem

+ugrischen+ Hauptzweig angehören, abermals auf das Wort +tokh+ stoßen.

Hiernach mußten die Schneeschuhe also schon in Asien bekannt sein,

ehe sich der asiatische Völkerstamm in +Finnen+ und +Ugrer+ getheilt

hatte, -- und dies muß lange vor unserer Zeitrechnung geschehen sein.

Weiter zurück können uns die Untersuchungen der finnisch-ugrischen

Sprachen kaum führen. Wenn wir indessen unsere Wanderung östlich

über Sibiriens Schneefelder fortsetzen, so stoßen wir auf viele

fremdklingende Benennungen für die Schneeschuhe, bis wir plötzlich bei

den beiden samojedischen Stämmen, den +Karagassen+ und +Sojoten+ im

südlichen Sibirien, die Formen +hok+ und +kok+ wiederfinden. Gehen wir

noch weiter östlich, so treffen wir bei den Tungusen im östlichsten

Sibirien wohlbekannte Wortstämme in +suksylta+ oder +soksalta+, bei den

+Golden+, +suksildä+ bei den +Manikow-Tungusen+ und +huksille+ bei den

+Kondogiri-Tungusen+. In dem ersten Theil dieser Wörter: +suk+ oder

+sok+ (das bei dem letztgenannten Völkerstamm in huk übergegangen ist),

werden wir ja, wie +Castrén+ bereits angedeutet hat, direkt auf +suks+

zurückgeführt, auf das Wort, mit welchem wir unsere Wanderung bei den

baltischen Finnen begannen. Hier, wenn nicht schon früher, erhalten wir

die direkte Bekräftigung, daß +suk+ dasselbe Wort sein kann wie +kok+,

indem wir sehen, daß suk in suksildä, in huk, in huksille übergegangen

ist; bei den Karagassen fanden wir außerdem die Form hok und bei den

Sojoten kok, und damit ist ja der Uebergang gegeben, denn es unterliegt

keinem Zweifel, daß diese Formen dieselben sind.[19]

Wie aber ist es zu erklären, daß so weitgetrennte Völkerstämme, wie die

finnischen Stämme an der Ostsee und die tungusischen Stämme am Stillen

Ocean, die durch ein Viertel des Umkreises der Erde getrennt sind,

dieselbe Benennung für die Schneeschuhe haben?

So schwierig die Beantwortung dieser Frage auf den ersten Blick

erscheinen mag, so liegt doch die Erklärung nahe genug, wenn man

die Wanderungen dieser beiden Hauptstämme ins Auge faßt. Beide

müssen nämlich, so weit wir wissen, aus der Gegend um Baikal und dem

Altaigebirge gekommen sein. Aus dem Umstande, daß man bei den Quellen

des Jenisei und des Ob eine ganze Reihe von Ortsnamen findet, die

sich nur aus dem finnischen Wörterschatz erklären lassen, hat man

geschlossen, daß die Finnen hier gewohnt haben müssen. Die Tungusen

ihrerseits sind von den Jakuten und Mongolen östlich und nördlich von

ihrem ursprünglichen Wohnsitz vertrieben worden.

Hierdurch werden wir also direkt in eine ferne Zeit zurückgeführt,

in der die finnisch-ugrischen und die tungusischen Stämme in der

Gegend des Altaigebirges und bei Baikal Nachbarn waren. Hier müssen

wir deswegen aller Wahrscheinlichkeit nach den Ursprung von +suks+

für Schneeschuh suchen, hier haben diese Völker jedenfalls die

erste Anwendung derselben gelernt. Hier wohnen auch noch heutzutage

Karagassen und Sojoten, deren Bezeichnungen für Schneeschuhe dem

entsprechend sind.

Hiermit haben wir die größten der Hauptgruppen untersucht, auf welche

die Benennungen der Schneeschuhe zurückgeführt werden können. Gehen wir

indessen weiter und vergleichen wir die übrigen sibirischen Namen für

Schneeschuhe, so werden wir noch zwei Gruppen finden, die uns beide auf

denselben Ausgangspunkt zurückführen.

Die eine dieser Gruppen ist hauptsächlich bei den +Samojeden+

am Ob in den Wörtern +tolds+, +told+, +tolde+ und +toldö+

repräsentirt,[20] dieselben Wörter finden wir in dem goldischen

+sok-solta+ oder +suk-sylta+ und dadurch in dem tungusischen Wort

+suk-sildä+ und +huk-sille+, ja wahrscheinlich sogar in dem +a-sil+

der Jenisei-Ostjaken wieder. +Solta+ kann zu +tolda+ verändert sein

und dies wieder zu +toldö+, während +sylta+ in +sildä+ und weiter in

+sille+ und +sil+ übergegangen ist.

Um uns zu erklären, wie die so weit voneinander getrennten Stämme der

Ostjaksamojeden und Tungusen dieselbe Benennung für Schneeschuhe haben

können, müssen wir uns wieder nach dem Altaigebirge und der Gegend um

Baikal wenden, da man annimmt, daß alle Samojeden früher auf diesem

Wege zu ihren jetzigen Aufenthaltsstätten gelangt sind.

Die dritte Hauptgruppe für Schneeschuhnamen bilden die Worte +sana+

und +hana+ bei den um den Baikalsee ansässigen +Burjäten+, +sana+ bei

den halbsamojedischen +Koibalen+ an den sanischen Bergen und +taña+

bei den +Tassoo-Samojeden+ in der Nähe der Mündung des Ob.[21] Um eine

Erklärung zu finden, wie diese gleichfalls fern voneinander lebenden

Völker, die auch zwei ganz verschiedenen Völkerstämmen angehören, zu

demselben Namen für Schneeschuhe gekommen sind, wenden wir uns zum

drittenmale jener Gegend zu, wo die Burjäten noch heute wohnen.

Außer den bereits erwähnten Namen für Schneeschuhe giebt es bei den

sibirischen Völkern noch einige wenige und, wie es scheint, isolirter

dastehende Benennungen. Es ist nicht möglich gewesen, wenigstens

nicht mit irgend welcher Sicherheit, dieselben auf einen gemeinsamen

Ursprung zurückzuführen, und deshalb wollen wir hier nicht näher

darauf eingehen; man wird sie alle auf der Karte sehen können. Zum

größten Theil gehören diese Benennungen Völkern an, die in sprachlicher

Hinsicht isolirt stehen, und von deren Stammverhältnissen und

Wanderungen wir nichts oder doch nur wenig Bestimmtes wissen.

Wenn wir nun indessen, wie oben nachgewiesen ist, finden, daß die

meisten Benennungen der Schneeschuhe in drei Hauptgruppen getheilt und

auf einen von drei Urstämmen oder Wurzeln zurückgeführt werden können,

wenn wir ferner, indem wir die Erklärung für die Ausbreitung dieser

drei Hauptgruppen suchen, immer wieder in dieselbe Gegend zurückgeführt

werden, aus der alle drei ursprünglich stammen müssen, da muß es uns

scheinen, daß wir kaum irren können, wenn wir annehmen, daß die Völker,

die sich jetzt dieser Wörter bedienen, sie ursprünglich gleichzeitig

mit dem Gebrauch der Schneeschuhe kennen gelernt haben, und zwar

ungefähr in derselben Gegend. Von hier aus haben sie die Schneeschuhe

dann mit verschiedenen Wandlungen an ihre jetzigen Wohnorte geführt.

Aus der Geschichte ersehen wir ferner, daß die arischen Völker, der

größte der Völkerstämme, deren Benennung für Schneeschuhe keiner

der drei Hauptgruppen angehört, erst in verhältnißmäßig später Zeit

die Kunst des Schneeschuhlaufens von den Lappen oder Finnen gelernt

haben, die ihrerseits wieder einen Hauptzweig der Völker bilden,

welche die ursprünglichen Wörter haben. Außerdem sahen wir, daß ihre

Benennungen für die Schneeschuhe neue Wörter arischen Ursprungs sind.

Da muß denn die Schlußfolgerung nahe liegen, daß die Schneeschuhe ihre

jetzige Verbreitung über die Erde verschiedenen Völkern zu verdanken

haben, welche die Benutzung in derselben Gegend erlernten, und die

dann auf ihren Wanderungen nach verschiedenen Richtungen hin die

Schneeschuhe mitgenommen und weiter verbreitet haben. Dieser gemeinsame

Ausgangspunkt aber ist die Gegend um das Altaigebirge und von Baikal.

Daß eine Grenzgegend wie diese das Geburtsland der Schneeschuhe sein

sollte, erscheint schon aus dem Grunde wahrscheinlich, weil die Völker,

als sie von Süden nach Norden zogen, wahrscheinlich dort, wo der Winter

anfängt, lang zu werden, und wo der Schnee tief liegt, Mittel erfanden,

über die Schneefelder zu gelangen, um nicht auf ihrer Wanderung gehemmt

oder während des Winters eingeschlossen zu werden.

Zu welcher Zeit die Schneeschuhe erfunden wurden, davon können

wir uns nicht einmal annähernd eine Vorstellung machen, von den

Sprachverhältnissen ist uns ebenfalls nichts bekannt, nur so viel

wissen wir, daß es sehr lange her sein muß.

Schon im Anfang unserer Zeitrechnung wohnten nach +Tacitus+ Finnen an

der Ostsee. Es ist klar, daß die Wanderung des Stammes nach Westen

zu sehr lange gewährt hat, während sich ein Zweig nach dem anderen

abtrennte, und die Zeit, in der die finnisch-ugrischen Völker noch tief

in der Mitte von Sibirien bei einander wohnten, ist sicher lange vor

der historischen Zeitrechnung zu suchen.

Wir müssen aber noch viel weiter zurückgehen, wenn wir die Zeit suchen

wollen, in der die verschiedenen Hauptstämme, der finnisch-ugrische,

der samojedische, der echt mongolische, der tungusische (die gewöhnlich

unter der gemeinsamen Bezeichnung mongolische Rasse zusammengefaßt

werden), Nachbarvölker waren oder gar +einen+ Stamm bildeten; hier

kommen wir an einen Zeitraum, den auch nur annähernd zu messen

uns jegliches Mittel fehlt. Aber bereits damals sollen also die

Schneeschuhe bekannt gewesen sein.

Wir Norweger sind bis dahin sehr geneigt gewesen, unser eigenes Land

als Wiege und Heim unseres liebsten Sports, des Schneeschuhlaufens,

zu betrachten. Eine mehr wissenschaftliche Untersuchung des Themas,

wie sie hier zum erstenmale in größerer Ausdehnung unternommen ist,

zwingt uns indessen zu der Annahme der vielleicht nicht willkommenen

Thatsache, daß wir zu den jüngeren der zahlreichen Stämme gehören,

welche diesen Sport aufgenommen haben und ihn betreiben, und daß wir

am äußersten Rande des unermeßlichen Striches liegen, auf welchem die

Benutzung der Schneeschuhe sogar noch fast allgemeiner zu sein scheint

als bei uns. Aber wenngleich wir das Schneeschuhlaufen erst spät

erlernt haben, so können wir uns doch damit trösten, daß wir gelehrig

gewesen sind, und um so besser ist es, daß wir diesen Sport zu einer

Blüthe gebracht haben, wie kein anderes Volk es vermochte.

+Wie+ aber sah denn der erste Schneeschuh aus? Diese Frage hat sich

gewiß Mancher gestellt, hat sie aber von sich gewiesen, in der Meinung,

daß sie nicht zu lösen sei, und wenn wir das ehrwürdige Alter der

Schneeschuhe in Betracht ziehen, mag es gar hoffnungslos erscheinen,

über die Beantwortung dieser Frage nachzugrübeln. Man kann nur die

wenigen Spuren verfolgen, die zu entdecken sind.

Die Kulturgeschichte hat eine ganze Reihe von Beispielen aufzuweisen,

daß sich Geräthschaften und dergl. nach Gesetzen entwickeln, die

vollkommen denjenigen entsprechen, welche die Entwickelung im Thier-

und Pflanzenreich beherrschen.

Nun ist es ein allgemein anerkanntes Gesetz in der Biologie, daß sich

die vollkommensten lebenden Formen dort entwickelt haben, wo große,

zusammenhängende Landstrecken den Kampf ums Dasein begünstigten,

während einfachere, primitivere Formen sich in isolirten oder

entlegeneren Gegenden erhalten oder selbständig entwickeln. Ein

ähnliches Gesetz muß auch in der Entwickelung der Geräthschaften

wiederzufinden sein; wir wollen versuchen, ob es sich nicht auch in den

Entwickelungsverhältnissen der Schneeschuhe nachweisen läßt.

Das Bedürfniß, über tiefen und losen Schnee hinwegzukommen, hat die

verschiedenen Einrichtungen ins Leben gerufen, die das Einsinken

verhindern sollen. Dort, wo der Schnee am tiefsten und am längsten

liegt, wird das Bedürfniß am fühlbarsten, wird man am eifrigsten um ein

Hülfsmittel bemüht sein.

Die größte, zusammenhängende Landstrecke, in welcher ein langer

Schneewinter herrscht, ist der nördliche Theil der alten Welt. Hier ist

es denn auch, wo wir die vollkommenste Entwickelung der Geräthschaften

finden, welche dazu dienen, über den Schnee hinwegzugleiten -- nämlich

der +Schneeschuhe+. Bei näherer Betrachtung finden wir, daß die Gegend,

in welche wir aus anderen Gründen den Ursprung der Schneeschuhe verlegt

haben, vollständig central in dieser Landstrecke liegt, die ziemlich

genau von den Jahresisothermen +6° C. abgegrenzt wird. Wie wir früher

gesehen haben, ist es nicht unmöglich, daß die Völker hier zuerst bei

ihrer Verbreitung über die Erde auf Naturverhältnisse stießen, welche

Mittel, um über die Schneeflächen zu gelangen, erforderlich machten.

Der entsprechende Strich in Nordamerika hat keine Schneeschuhe

hervorgebracht. Dies sekundäre Entwickelungscentrum hat dagegen einen

selbständigen Typus geschaffen oder vielmehr aus unvollständigeren

aus der alten Welt stammenden Urformen entwickelt -- nämlich den

+indianischen+ oder +kanadischen Schneeschuh+, der mit seinen

eleganten, harmonischen Formen von vielen, wenngleich irrthümlich,

unserem Schneeschuh (Ski) völlig gleichgestellt, ja sogar demselben oft

vorgezogen wird.

Man wird wenig Aussicht auf Erfolg haben, wenn man nach Formen, welche

den Urtypen des Ski oder Schneeschuhes gleichen, in den Gegenden sucht,

wo diese entwickelt sind. Gleich dem Naturforscher muß man sich, um

dergleichen Formen zu finden, weit lieber den isolirten Gebieten

zuwenden. Wir müssen uns auf Gebirgszüge begeben, die außerhalb des

Schneeschuhstriches liegen, die aber bis an die Temperaturgrenze des

Schneeschuhes reichen. Hier finden wir verschiedene Arten von +Trugern+.

In der alten Welt kennt man diese Truger aus Tibet, aus Armenien,

dem Kaukasus und verschiedenen Orten in Europa, und innerhalb des

Schneeschuhstriches findet man diese primitive Form neben dem Ski u. a.

in Skandinavien und bei den +Tschukschenen+ und Ainos (siehe Seite 96).

Schon in der klassischen Litteratur werden primitive Formen von Trugern

erwähnt. Im Jahre 400 v. Chr. lernte +Xenophon+ (wie bereits in der

Anmerkung S. 42 erwähnt), von den Eingeborenen in den armenischen

Bergen, Säcke (σακιά) über die Beine der Pferde zu binden, „da diese

sonst bis an den Bauch versanken“. Der Schnee lag klaftertief (Anabasis

IV., 5). -- +Strabo+ erzählt ungefähr i. J. 20 v. Chr. (XI., 5),

daß „die Bergbewohner am südlichen Abhang des Kaukasus sich Platten

(πλατεῖα) gleich Tamburins von ungegerbtem Ochsenfell mit Nägeln

versehen unter die Füße binden“. Das sollen sie auch noch jetzt thun.

In Armenien werden (nach demselben Schriftsteller), auch „runde

Scheiben (τροχίσκοι) von Holz mit Nägeln verwendet“. Nach +Suidas+

soll +Arrianos+ (ungefähr i. J. 140 n. Chr.) in einem jetzt verlorenen

Werk erzählt haben, „daß Brutios während eines Marsches in den Bergen

(Armenien?), wo der Schnee 17 Fuß tief lag, den Bewohnern der Gegend,

die an einen Verkehr während des Winters gewöhnt waren, befahl, vor dem

Heere herzugehen. Da banden sie runde Geräthe von Weiden (κύκλοι ἐκ

λύγων) unter die Füße.“

In diesen Schilderungen von antiken Trugern haben wir bereits

Andeutungen, die uns auf den Weg zu der Entwickelungsgeschichte der

Schneeschuhe (Ski) führen können.

Es handelt sich darum, daß man sich oben auf dem Schnee hält, indem man

die Sohle, mit der man auftritt, vergrößert. Das Umbinden der Beine

mit Säcken wurde wohl, falls diese Stelle bei +Xenophon+ richtig ist,

jedenfalls doch nur bei Thieren angewendet; die Tungusen und andere

Polarvölker pflegen das bei ihren Schlittenhunden zu thun, um sie gegen

Verletzungen durch den harten Schnee zu schützen. Am nächsten scheint

es zu liegen, daß man sich hölzerne Scheiben unter die Füße bindet. Um

den Gang zu erleichtern, werden diese dann länglich gemacht.

Von dieser länglichen Form kann die Entwickelung zwei Richtungen

einschlagen. +Entweder+ geht man von der ganz aus Holz bestehenden

Platte zu dem leichteren Weidengeflecht über, so wie +Arrianos+ es

schildert -- und damit haben wir gleich die norwegischen Truger

und wahrscheinlich den Ausgangspunkt, von welchem die Truger in

ihrer Allgemeinheit sich entwickelt haben, wahrscheinlich auch die

indianischen, wenn nicht ähnliche Einrichtungen selbständig für

sich an verschiedenen Gegenden der Erde erfunden sind -- +oder+ --

und das lag nahe in einer Zeit, in der man Thierhäute weit häufiger

verwandte als heute, -- man überzog die Platten mit Leder, um sie

stärker zu machen. Dies mag dann zuweilen ungegerbte Ochsenhaut mit

Eisnägeln gewesen sein, wie +Strabo+ es aus dem Kaukasus berichtet;

denn auf steilen Felsabhängen kam es sehr darauf an, daß man nicht

ausglitt. Bei weniger steilen Abhängen und auf der Ebene hat es

sich dann bald herausgestellt, daß es weit vortheilhafter war, die

Truger zum Gleiten einzurichten; da lag es denn sehr nahe, sie von

unterwärts mit Fell zu bekleiden, an dem die Haare noch festsaßen und,

indem sie sich umlegten, eine Gleitfläche bildeten. Man liest oft in

Reisebeschreibungen, daß die Naturvölker sich der Thierfelle bedienen,

um bergab zu fahren. +Strabo+ berichtet dies aus dem Kaukasus. Die

Indianer pflegen z. B. Fell unter ihre Truger zu legen, wenn es bergab

geht. Die Bezeichnung, welche die Eskimos für Schneeschuhe (Ski) haben,

bedeutet wörtlich „Fell zum Gleiten“ (nach +Kleinschmidt+). Ihre Ski

sind fast immer mit Fell bekleidet.

+Aber von dem Augenblick an, wo die Bewegung ins Gleiten übergeht,

haben sich die Truger zu Ski entwickelt.+

Um eine Stütze für die Annahme dieser Entwickelungsweise der Ski zu

erhalten, müssen wir untersuchen, ob es möglicherweise noch Skiformen

giebt, die durch ihre größere Breite und verhältnißmäßig geringe Länge

an die Trugerform erinnern.

Wenden wir uns ostwärts nach Sibirien, so werden, wie Kapitän +A.

Jakobsen+ mittheilt, die Skiformen immer kürzer und breiter. Ganz im

Osten, bei den Golden und Giljaken, sind sie nur 1,40-1,60 ~m~ lang und

16 ~cm~ breit.[22] Das Verhältniß zwischen der Länge und der Breite ist

folglich 9 : 1. Der Sprung bis zu langen, fellbekleideten Trugern ist

durchaus nicht groß, jedenfalls nicht größer als zum Beispiel bis zu

Drontheimschen oder Österdalschen Ski mit einem Verhältniß bis zu

30 : 1.

Einen deutlichen Eindruck, wie klein der Sprung vom Truger bis zum

Ski sein kann, erhält man, wenn man die Zeichnungen betrachtet, die

+Nordenskjöld+ in seiner Beschreibung der Vegareise (B. II., S. 106)

von einem Truge und einem Ski der +Tschukschen+ giebt. Der Uebergang in

der Form von dem einen bis zum anderen ist nicht groß; man mache den

Truge ganz von Holz und beziehe ihn mit Fell, und man hat einen Ski.

Geht man nach der amerikanischen Seite der Behringsstraße hinüber,

so findet man auch bei den Alaschka-Indianern lange, schmale Truger,

ähnlich denen der +Tschukschen+, die auffallend an die kurzen, kleinen

Ski erinnern, die man bei vielen ostsibirischen Völkern findet. Ski

findet man dagegen nicht bei den amerikanischen Völkern, falls sie

nicht später eingeführt worden sind.

Wie dies Schmalerwerden und dies Verlängern nach der Skiform zu im

westlichen Amerika zu erklären ist, und ob es irgend einer indirekten

Verbindung mit den Ski oder einer Beeinflussung derselben zuzuschreiben

ist, darüber wage ich mich im Augenblick nicht auszusprechen.

Im westlichen Sibirien gleichen die Ski in ihrer Form mehr den

gewöhnlichen europäischen Ski. Im „Museum für Völkerkunde“ in Berlin

hat man ein Paar Samojeden-Ski (mit Seehundsfell bezogen), die nach

einer von Kapitän +A. Jakobsen+ vorgenommenen Messung 2,20 ~m~ lang und

15 ~cm~ breit sind.[23]

Die älteste zuverlässige Zeichnung[24] von norwegischen Ski, die

wir besitzen, ist die von +Stephanus+ in seiner Ausgabe des Saxo i.

J. 1644. Diese Zeichnung, von der ich hier eine Kopie wiedergebe,

ist äußerst interessant, weil sie in hohem Grade an die Abbildungen

erinnert, die wir von tungusischen und ostsibirischen Ski haben. Sie

stellt möglicherweise eine jetzt verschwundene Skiform dar, die der

ursprünglichen bedeutend näher gestanden hat als die jetzige. Zuweilen

kann man sogar jetzt noch, besonders in den entlegneren Gegenden

Norwegens, eigenthümliche und scheinbar veraltete Formen antreffen.

[Illustration: Alter norwegischer Ski. (Nach einer Zeichnung aus dem

Jahre 1644.)]

Die fellbekleideten Ski scheinen demnach die ursprünglichste Form

gewesen zu sein; sie ist auch über ganz Sibirien verbreitet und scheint

dort die gebräuchlichste zu sein. In den ältesten norwegischen Sagen

und Skaldengedichten bedient man sich, wie wir bereits gesehen haben,

ursprünglich nur des Wortes Aander,[25] das jetzt zur Bezeichnung der

kurzen, fellbekleideten Ski der Lappen und Nordländer verwendet wird.

Nach dem russischen Ableitungswort +golos+ zu urtheilen, könnte es,

wie bereits bemerkt wurde, den Anschein haben, als ob die Lappen die

Benutzung der Ski ohne Fell erst von den Russen erlernt hätten. Dies

ist jedoch nicht wahrscheinlich, wenn wir sehen, daß solche Ski auch

häufig ganz östlich in Sibirien, bei den Tungusen, benutzt werden.

(Nach Mittheilung von +Jakobsen+.) Freilich haben sie hier dieselbe

Form wie die fellbekleideten Ski und sind wohl häufig nur eine Folge

von dem Mangel an Fellen.

Es hat überhaupt den Anschein, als wenn sie ihre hauptsächliche

Entwickelung in Europa erhalten haben, wo man wohl auch weniger Vorrath

an Fellen, dafür aber eine desto größere Auswahl von Holzsorten zum

Verfertigen von guten, unbekleideten Ski hatte.[26]

Indem man die schwere Fellbekleidung fortließ, konnte man den Ski

länger machen und ihm dadurch eine größere Tragfläche geben, so daß

er weniger einsank und desto leichter über den Schnee dahinglitt. In

Skandinavien und besonders in Norwegen hat diese Skiform ihre höchste

Entwickelung erreicht, und wo das Dahingleiten über den Schnee und das

Vorwärtskommen die Hauptsache sind, da muß diese Skiform wohl als die

vollkommenste angesehen werden.

Um einen kurzen Ueberblick über die Entwicklungsgeschichte des Skis zu

geben, so wie wir sie auf Grundlage des oben aufgestellten betrachten,

mag folgender Stammbaum aufgestellt werden:

Nicht mit Fell bekleidete Ski (27 : 1)

│

Aandrer (18 : 1)

│

tungusische Ski (9 : 1) indianische Schneeschuhe

│ │

ovale, fellbekleidete Platten Weidenplatten, Truger

╲_________________________________│

runde Holzplatten.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 6 / 25 段