besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, erhielt ich einzelne werthvolle
Mittheilungen über die Geschichte der Schneeschuhe in Norwegen, und
ich will einiges davon hier wiedergeben. „Soweit ich es beurtheilen
kann,“ -- sagt Prof. Storm in einem Schreiben an mich -- „müssen die
Norweger und Schweden das Schneeschuhlaufen von den Lappen erlernt
haben.“ Die ältesten historischen Nachrichten sind jedenfalls auf
diese Richtung zurückzuführen. In der Mitte des 6. Jahrhunderts gaben
zwei südeuropäische Schriftsteller, der Grieche Prokop und der Gothe
Jordanis den Lappen einen Namen, welcher die Auffassung unserer
ältesten Vorfahren verräth. Beide erwähnen den Stamm der Normannen,
welcher auf dem 67°-68° n. Br. lebt, also die Nordländer, und der seine
nomadischen Nachbarn als +Skridfinnen+ bezeichnet. Die Nordländer
haben also den Finnen oder Lappen den Beinamen +Skrid+ gegeben, weil
sie fanden, daß das „+Skrida+“ charakteristisch für sie war; aber dies
„Skrida“ (gleiten) ist gerade in der alten Sprache der bezeichnende
Ausdruck für das sich Fortbewegen auf Schneeschuhen („~skrida á
skidum~“, -- „~Finnr skridr~“.)
Der Name +Skrid+finnen wurde in Norwegen und Schweden bald vergessen;
denn hier erlernte man gar bald die Kunst; der Name war aber südwärts
gedrungen und wurde auch später von den Schriftstellern anderer
germanischer Völker zur Bezeichnung der Lappen benutzt, so von
+Paulus Diaconus+ in seiner longobardischen Geschichte (ca. 790), vom
englischen König +Alfred+ (ca. 890), von +Adam von Bremen+ (ca. 1070)
und von +Saxo Grammaticus+ (ca. 1200).
In ganz alten Zeiten betrachteten die Norweger und die Nordländer
überhaupt die Lappen als die tüchtigsten Schneeschuhläufer und das
Schneeschuhlaufen als für sie charakteristisch. So läßt Snorre
Sturlassön die Königin Gunhild, die in Finnmarken von zwei Lappen
(ca. 920) erzogen wurde, von diesen sagen, „daß sie so tüchtig auf
Schneeschuhen sind, daß ihnen nichts entwischen kann, weder Mensch
noch Thier, und worauf sie zielen, das treffen sie“. In Magnus Barfods
Sage wird als altes Sprichwort angeführt: „Es sieht nach Schneewetter
aus, Knaben, sagten die Finnen, sie hatten „+Aandrer+“ zu verkaufen.“
Also pflegten die Norweger damals (1006) ihre Schneeschuhe bei den
Lappen zu kaufen, die nach Stephanius (Kommentar zum Saxo) noch im
17. Jahrhundert Meister im Verfertigen von Schneeschuhen sind. Die
~Historia Norwegiae~ (von ca. 1200) schildert die Lappen als tüchtige
Jäger, die in Fellzelten wohnen. Wenn sie umziehen, nehmen sie diese
auf den Rücken, befestigen glatte, hölzerne Stangen, „welche sie
+Aandrer+ nennen“, unter die Füße und eilen schneller als Vögel über
den Schnee und die Berge dahin. Der ungefähr gleichzeitige Saxo sagt
ebenfalls von den Lappen, „daß sie während der Jagd auf krumm gebogenen
Hölzern über die schneebedeckten Berge dahin eilen“, -- und als er die
Sage von König Harald und Toke erzählen will, läßt er den König sich
seiner Tüchtigkeit in der Kunst rühmen, „vermittels welcher die Finnen
(Lappen) über schneebedeckte Abhänge dahin eilen“. In der isländischen
Sage „Graagaasen“ (ca. 1250) heißt es u. a., daß der Geächtete so weit
fortgetrieben werden soll „wie der Lappe auf seinen Schneeschuhen
läuft, wie die Fichte wächst, wie der Adler an einem Frühlingstag
fliegt, wenn er den Wind unter beiden Flügeln mit sich hat.“ Dies ist
ganz zweifelsohne eine alte norwegische Gesetzformel, die nach Island
hinübergekommen ist.
Es könnte aus unseren Sagen noch mehr in Bezug auf das
Schneeschuhlaufen der Lappen angeführt werden, doch glaube ich, daß das
hier Erwähnte genügen wird, um zu beweisen, daß das Schneeschuhlaufen
in Norwegen von den Lappen eingeführt worden ist.
Wir verdanken es Storm, daß wir mit Sicherheit sagen können, daß das
Schneeschuhlaufen schon im 10. Jahrhundert in Norwegen betrieben
wurde, jedenfalls im Nordlande und wahrscheinlich auch überall in
den nördlichen Berggegenden, wahrscheinlich auch in den „Oplanden“.
In einer Reihe von Skaldengesängen aus dem 10. Jahrhundert werden
„Skid“ und „Oendurr“ (mit Fell bezogene Schneeschuhe) in poetischen
Bildern benutzt, die das Segeln des Schiffes über das Meer mit dem
Dahingleiten der Schneeschuhe vergleichen. Guthorm Sindre zu Haakon
des Guten Zeit nennt beispielsweise das Schiff „Svanevangens Ski“ (der
Schneeschuh des Meeres). Dies zeigt ganz deutlich, daß die Anwendung
von Schneeschuhen ganz allgemein gewesen sein muß, denn sonst würde
das Bild nicht zu verstehen gewesen sein. Noch wichtiger ist es, daß
der Schneeschuhsport seine Repräsentanten unter den Göttern hatte.
Der Nordländer Eyvind Skaldespilder (aus Helgeland) nennt in einem
Gedicht aus dem Jahre 990 Thasses Tochter Skade „Oendur-dís“ (d. h.
Schneeschuhgöttin), und der Isländer Einar Skaaleglam, der ungefähr im
Jahre 980 einen Lobgesang auf Haakon Jarl auf Lade dichtete, giebt Ullr
den Beinamen „Aanderguden“, (Oendur-jálkr, eigentlich Aandrernes Odin).
Zu bemerken ist noch, daß Skade vom Jotun-Stamme ist; wenn man nun
bedenkt, daß für die Norweger häufig Lappen und Kobold gleichbedeutend
waren, so liegt die Annahme nicht fern, daß Eyvind sie sich als von
lappländischer Abstammung gedacht hat. Von Ullr ist zu bemerken, daß
er in Dänemark nicht der Gott des Schneeschuhlaufens, sondern der Gott
des Schlittschuhlaufens ist, denn Saxo sagt von „Ollerus“, daß er statt
sich eines Schiffes zu bedienen, auf einem Bein über das Meer zu setzen
pflegte, über das er Hexengesänge gesungen hatte, d. h. er ging auf
„Islegger“, welches diejenige Form von Schlittschuhen ist, die unsere
Vorfahren anwendeten und die auch, wie aus zahlreichen archäologischen
Funden nachzuweisen ist, in Deutschland schon in sehr frühem Zeitalter
ganz allgemein gewesen sind. Sowohl in Norwegen, wie in Deutschland
finden sie zum Theil noch heute Verwendung.
Also wahrscheinlich erst im nördlichen Norwegen ist Ullr zum
Schneeschuhgott geworden, während das Schneeschuhlaufen wohl niemals
bis nach Dänemark gelangt ist, wo ja auch die Naturverhältnisse nicht
sehr dazu ermuntern. Die Sage von dem dänischen König Harald Blauzahn
und Toke, die vor dem Vorgebirge Kullen in Schoonen auf Schneeschuhen
stehen mußten, hat in dieser Beziehung keine weitere Bedeutung, da sie
zweifelsohne aus Norwegen stammt, wo genau dasselbe von einem König
Harald und „Hemingen den ungje“ erzählt wird.
In den historischen Sagen wird u. a. erzählt, daß als Egil
Skallagrimsön eines Winters (ca. 950) im Auftrag des norwegischen
Königs nach Vermland ziehen sollte, die Sendboten des Königs ihn
westlich von Eidskogen verließen, ihre Schneeschuhe nahmen, sie
anschnallten und Tag und Nacht liefen, bis sie an die Oplande und
nördlich von Doorefjeld bei dem König anlangten (Egils-Saga Kap. 71).
Daß Schneeschuhe auch schon früh auf Romerike benutzt wurden, erscheint
sehr wahrscheinlich, wenn wir hören, daß Harald Haardraade, der von
seinem 15. bis zum 31. Jahr (1030-46) im Süden war, schon in seiner
Jugend auf Ringerike das Schneeschuhlaufen erlernt hat.
Aus seiner Zeit stammt auch der Stoff zu den über das ganze Land
verbreiteten Heldengesängen von +Heming+, dessen wunderbares
Schneeschuhlaufen im Nordlande auch im Flatöbuche (ca. 1390) erwähnt
wird. Der Refrain lautet: „Hemingen das junge Blut auf Schneeschuhen
lief gar gut“, und dem Umstand, daß er eine so große Tüchtigkeit in dem
Lieblingssport des Volkes besaß, hat er es wahrscheinlich zu verdanken,
daß sein Name noch heute im Volksliede weiterlebt.
Später werden Schneeschuhe und Schneeschuhläufer an vielen Stellen in
den nordischen Sagen erwähnt, und daraus ist deutlich zu ersehen, daß
das Schneeschuhlaufen sich mit der Zeit zu einem allgemein in Norwegen
betriebenen Sport entwickelte.
Es ist ganz selbstverständlich -- sagt Storm --, daß das öffentliche
Postwesen während des Winters, wenn keine Schlittenbahn war und man
auch zu Pferd nicht durchzukommen vermochte, sich der Schneeschuhe
bediente, -- dies ist bereits aus Briefen von den Jahren 1525 und 1535
ersichtlich. Im letzteren heißt es, daß „der Bursche“ Anfang Dezember
auf Schneeschuhen „über Doorefjeld und alle Wälder nördlich nach
Throndhjem laufen mußte“.
Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß die Norweger in früheren
Zeiten eine größere Gewandtheit im Schneeschuhlaufen besessen haben,
als dies jetzt der Fall ist, und wenn wir u. a. lesen, daß Arnljot
Gelline (ca. 1000) zwei Männer hinter sich auf seinen Schneeschuhen
stehen hatte und trotzdem so geschwind lief, als sei er los und ledig,
da wird jeder Schneeschuhläufer wissen, daß dieser Bericht in das
Reich der Phantasie zurückzuführen ist. Die Erzählung stammt von einem
Isländer, Snorre, und ist eine isländische Tradition; wie wir später
sehen werden, waren aber die Isländer durchaus nicht in der Kunst des
Schneeschuhlaufens bewandert.
Heutzutage haben sich die Schneeschuhe in ganz Norwegen eingebürgert,
vom Nordkap bis Lindesnäs, am wenigsten Verwendung hat man im Westlande
für diesen Sport, da die Schneeverhältnisse an manchen Stellen nicht
günstig dafür sind. Faßt man das ganze norwegische Volk zusammen, so
giebt es wohl verhältnißmäßig wenig Männer oder Knaben, welche die
Schneeschuhe nicht kennen und nicht auf ihren Gebrauch angewiesen
sind. Auch ein nicht unwesentlicher Theil der weiblichen Bevölkerung
versteht heutzutage die Führung der Schneeschuhe ebenso gut wie
zu Olaus Magnis Zeiten (1555), „da man Frauen mit ebenso großer
Gewandtheit -- wenn nicht gar mit noch größerer -- wie Männer auf Jagd
gehen sah“. Zum Glück für die Nation ist der Schneeschuhlauf in steter
Entwickelung begriffen.
Von Telemarken und Kristiania und Umgegend pflegen die tüchtigsten
Schneeschuhläufer zu kommen, aber in Oesterdalen, in Oplandene, in
Numedalen, Hallingdalen, Valders, Gudbrandsdalen, in der Gegend von
Drontheim und in Nordland und Finnmarken findet man ebenfalls tüchtige
Schneeschuhläufer.
In Schweden, wo die Schneeschuhe von den Lappen zwar zur selben Zeit
wie in Norwegen eingeführt wurden, ist das Schneeschuhlaufen weit
weniger entwickelt, -- es ist ja auch ganz natürlich, daß Norwegen
mit seinen zahlreichen Gebirgsdörfern bessere und zahlreichere
Schneeschuhläufer hervorbringen mußte, als das weit flachere Schweden,
wo die Schneeschuhe fast ausschließlich nur in den nördlichen Gegenden
bis zu Helsingeland, Dalarne und dem nördlichen Vermland bekannt sind
und benützt werden. Das Aufblühen dieses Sports in Norwegen während der
letzten Jahre hat jedoch dazu beigetragen, daß man auch in südlicher
gelegenen Städten mit Stockholm an der Spitze begonnen hat, den
Schneeschuhsport einzuführen.
[Illustration: Norwegische Schneeschuhläuferin.]
Von den Norwegern wurde das Schneeschuhlaufen schon in alten Zeiten
in +Island+ eingeführt, doch scheint es dort fast ganz wieder
in Vergessenheit gerathen zu sein, denn nirgends wird es in den
isländischen Sagen erwähnt, während die Isländer, die nach Norwegen
kommen, häufig das Schneeschuhlaufen schildern. Im vorigen Jahrhundert
war das Schneeschuhlaufen dort dermaßen in Verfall gerathen, daß eine
königliche Resolution vom Jahr 1780 eine Prämie für einen einzigen
norwegischen Mann, der die „Kunst besaß“, aussetzte, nämlich für den
Handelsgehülfen Buch auf Husavik, damit er 3 andere darin unterweisen
sollte. Das Schneeschuhlaufen wird dort oben jedoch niemals eine hohe
Stufe erreichen, so z. B. pflegt man die Schneeschuhe dort nicht an
den Füßen festzubinden, was ganz nothwendig ist, wenn man die volle
Herrschaft über dieselben erlangen will. Man hat mir freilich gesagt,
daß dort oben im Nordlande einzelne Isländer eine ziemliche Tüchtigkeit
erlangt haben sollen, -- ich möchte indessen nicht dafür einstehen, daß
bei dieser Beurtheilung der norwegische Maßstab angelegt worden ist.
Nach den Mittheilungen, die ich vom Kandidaten A. Hansen erhalten habe,
der Island im Jahre 1882 bereiste, liegen in der Mitte der Insel Höfe,
die den ganzen Winter von der Außenwelt abgeschnitten sind, weil die
Leute die Benützung der Schneeschuhe nicht kennen.
In +Grönland+ ist das Schneeschuhlaufen wahrscheinlich erst sehr spät
von Norwegern eingeführt worden. Es scheint dort nirgends bekannt
gewesen zu sein, als +Egede+ im Jahre 1721 nach Grönland kam; aber
seine gewandten Söhne, die ja aus dem Nordlande stammten, führten die
Schneeschuhe bereits im Jahre 1722 ein. In +Paul Egedes+ Tagebuch heißt
es: „Die grönländische Jugend mochte uns gern zum Besten haben. Dagegen
konnten wir uns rühmen, daß wir auf Schlittschuhen oder Schneeschuhen
laufen konnten -- -- --“
Das Schneeschuhlaufen wird jetzt theils von den dort ansässigen Dänen,
theils von den Eskimos betrieben, aber zu etwas besonderem hat es bis
dahin Niemand gebracht. Die Schneeschuhe haben dort niemals festen
Fuß gefaßt, sie werden mehr als Spielzeug zum Zeitvertreib in müßigen
Stunden betrachtet. Nur selten werden sie während des Winters zur Jagd
benutzt. Der Eskimo, der sich hauptsächlich auf der See aufhält, hat
den großen Vortheil nicht begriffen, der ihm dadurch erwachsen kann,
und es geschieht nur ganz ausnahmsweise, daß er ein Rennthier auf
Schneeschuhen verfolgt; einigemale kam es allerdings vor, während ich
mich in Grönland aufhielt.
In Amerika kannte man die Schneeschuhe ursprünglich nicht, in
letzterer Zeit sind sie freilich von den Skandinaviern in mehreren
Gegenden, besonders in den nördlichen, eingeführt worden. So erzählte
mir der bekannte norwegische Reisende, Kapitän +A. Jakobsen+, daß
„die Bevölkerung in einem Theil der Rocky-Mountains, wo im Winter
viel Schnee fällt, und besonders die Bergleute, seit langer Zeit
Schneeschuhe verwendet haben, hauptsächlich zur Beförderung der Post
zwischen entlegenen Bergwerkscompagnien und Dörfern. Die meisten dieser
Postboten sollen Skandinavier sein.“
In Wisconsin, Minnesota und den benachbarten Gegenden ist das
Schneeschuhlaufen durch Norweger eingeführt, an manchen Orten werden
sogar jährliche Wettrennen veranstaltet. In Kalifornien sind die
Schneeschuhe jetzt ebenfalls bekannt und eingebürgert.
Auch für die Eisenbahnanlagen in den Cordilleras zwischen Argentinien
und Chili suchte man vor kurzem norwegische Schneeschuhläufer.[15]
Im Kriege haben die Schneeschuhe in Skandinavien häufig Verwendung
gefunden. Das ist ja auch ganz selbstverständlich, da die Schneeschuhe
auf einem Winterfeldzug natürlich große Vortheile bieten müssen.
+Olaus Magni+ stellt auf seiner berühmten Karte über den Norden aus dem
Jahre 1539 die Finnen auf Schneeschuhen mit den Helsingern zu König
+Frodes+ Zeit kriegführend dar.
Der Erste, der sie bei der Kriegsführung verwandt hat, ist aller
Wahrscheinlichkeit nach König +Sverre+, und es gereicht seinem
Feldherrntalent sehr zur Ehre, daß er es verstanden hat, sie zu
benutzen, ja daß er sogar unter den Bewohnern der Hochlande ein
Schneeschuhläufercorps gebildet hat. In der Schlacht bei Oslo, im
März 1200, befiehlt König +Sverre+ bei der Musterung auf dem Eise
+Paul Belte+ und seiner Hochländerschar, ihre Schneeschuhe und
Stäbe zu ergreifen, die Schneeschuhe zu besteigen und die Ryenberge
hinaufzulaufen, um die Stärke des Feindes zu untersuchen. Aus den
Worten geht deutlich hervor, daß diese Schar mit Schneeschuhen zum
Kriegsgebrauch ausgerüstet gewesen ist. (Sverres-Saga Kap. 163.)
Seit jener Zeit sind die Schneeschuhe gewiß sehr häufig von den
Skandinaviern während ihrer Kriegszüge benutzt worden. Aber auch
hier tauchen die Lappen wieder auf; ich will nur an jenen Lappen aus
Finnmarken erinnern, der vor ungefähr 400 Jahren -- so lautet die
Erzählung -- gezwungen wurde, einer Abtheilung Russen als Wegweiser
über das Gebirge zu dienen. Es war in der Nacht und er zog auf
Schneeschuhen, die Fackel in der Hand, vor dem Feinde her, der in von
Rennthieren gezogenen Schlitten hinter ihm her kam. In blitzschneller
Fahrt eilte er in der Finsterniß der Nacht einem Abgrunde zu, die
Rennthiere folgten ihm im vollen Galopp, und indem er selber voran ging
und freiwillig den Todessprung that, zog er das ganze Gefolge nach sich
in die Tiefe. Einer anderen Sage zufolge soll er am Rande des Abgrundes
Halt gemacht und nur die Fackel hinab geworfen haben, worauf denn die
Russen, die dem Fackelschein folgten, in der Tiefe verschwanden. Noch
eine andere Sage berichtet, daß es keine Russen in Schlitten, sondern
Schweden auf Schneeschuhen waren, die er in das Verderben führte. Diese
Sage wird im Tysfjord in Nordland in die Zeit +Friedrich III.+ (ca.
1650) verlegt, in Snaasen im Drontheimschen in die Kriege mit +Karl
XII.+ Auch aus Solör kennt man die Sage. Wie dem auch sein mag, --
überall ist es ein +Lappe+ auf Schneeschuhen, der in den verschiedenen
Formen dieser Geschichte wiederkehrt.
Hieraus ist zu ersehen, daß die Lappen auch zu jener Zeit als
Schneeschuhläufer großes Ansehen genossen.
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Norwegen besondere
Schneeschuhläufer-Compagnien errichtet, die jeden Winter ihre
Uebungen abhielten, und die Erzählung von der Oesterdalschen
Schneeschuhläufer-Compagnie wird sicher jedem Norweger bekannt sein.
Außer in Skandinavien sind die Schneeschuhe in +Finnland+ seit den
ältesten Zeiten gebräuchlich gewesen. Dies geht ganz deutlich aus dem
dreizehnten Gesang in der alten finnischen Dichtung Kalevala hervor,
wo +Lemminkäinens+ Jagd auf Schneeschuhen auf den Hiisihirsch in sehr
poetischer Weise geschildert wird. Der Anfang lautet:
„Jetzt mein Spieß ist scharf und zugespitzet,
Alle meine Pfeile sind bereit,
Auch gespannt die Sehne meines Bogens,
Nur die Schneeschuh’ fellbekleidet
Fehlen mir noch für die Fahrt.“
Sehr bezeichnend ist es auch, daß hier von „fellbekleideten
Schneeschuhen“ (im Plural) die Rede ist und daß Lemminkäinen -- wie
im zweiten Vers geschildert wird -- zu einem Lappen, „zu dem schönen
Käuppi aus Lappland“ geht, um sich von ihm ein Paar gute Schneeschuhe
anfertigen zu lassen. Hiernach scheint es also, daß auch die Finnen die
Lappen zu Lehrmeistern gehabt haben.
Diese Dichtung ist in ihrer jetzigen Form von verhältnißmäßig spätem
Datum, doch stammt sie möglicherweise schon aus dem 12. und 13.
Jahrhundert.
In +Rußland+ finden wir die Schneeschuhe außer bei den Großrussen, den
Letten und einem Theil der Polen auch bei sämtlichen finnischen Völkern
bis an die Wolga hinab. Bei den +Permiern+ werden sie von +Herbenstein+
im Jahre 1549 erwähnt (~Rerum moscov. commentaria~).
In +Asien+ finden wir die Schneeschuhe über den ganzen nördlichen
Theil, nördlich von dem großen Steppen- und Wüstenzug -- bei sämtlichen
Völkern. Nach den Mittheilungen, die mir Kapitän +A. Jakobsen+ gemacht
hat, werden sie bei den Golden, Giljaken und Ainos merkwürdigerweise
hauptsächlich bei der Fahrt auf Hundeschlitten benutzt.[16] Der Kojure
(Kutscher) sitzt quer über seinem schmalen Schlitten und stützt sich
mit den Beinen, unter denen er Schneeschuhe hat.
+Jakobsens+ Kutscher erzählte ihm, daß die Tungusen sich der
Schneeschuhe zuweilen bedienen, daß sie sich, auf denselben stehend,
von Rennthieren ziehen lassen, indem sie in der linken Hand einen
Riemen halten, der an dem Rennthier befestigt ist, während sie mit
der Rechten steuern. Etwas Aehnliches muß nach der japanischen
Zeichnung, die Nordenskjöld in seiner Vega-Reise (II. Band, Seite 107)
wiedergiebt, auch bei den Ainos Sitte sein.[17] Wie mir Professor
+Fries+ erzählt, sollen auch die Lappen die Rennthiere zuweilen auf
diese Weise benutzen (er hat in seinem Buch „Laila“ eine Schilderung
davon gegeben), doch kann -- wie man ihm sagte, -- dies Kunststück nur
von den tüchtigsten und gewandtesten Schneeschuhläufern ausgeführt
werden.
Wie man sieht, führen die Aufklärungen über das Schneeschuhlaufen,
die wir in der Litteratur finden, nicht sehr weit zurück. Etwas
weiter gelangt man, wenn man seine Zuflucht zu der vergleichenden
sprachwissenschaftlichen Methode nimmt. Wenn sich derselbe Name für
Schneeschuhe bei jetzt weit voneinander getrennt lebenden Völkerstämmen
findet, muß eine Wahrscheinlichkeit vorhanden sein, daß diese
Völkerstämme einmal nahe bei einander wohnten, oder sogar +ein+ Volk
gebildet haben.
Mein Freund, der Bibliotheksamanuensis +Andr. M. Hansen+, hat mir in
dieser Hinsicht einen nicht zu unterschätzenden Beistand geleistet,
er hat u. a. in sehr schwer zugänglichen Schriften nach den Namen
geforscht, welche die Schneeschuhe in den Sprachen der verschiedenen
nordasiatischen und nordeuropäischen Völker haben. Diese Untersuchungen
haben durch bloßes Zusammenstellen der Namen zu sehr interessanten,
wenn auch nicht entscheidenden Resultaten geführt, die ich gern in
ihrer ganzen Ausdehnung hier wiedergeben möchte; das Thema ist aber
von zu specieller Natur, deswegen will ich mich damit begnügen, das
Wichtigste dieser Untersuchungen anzuführen.
Wir haben oben gesehen, wie unsere alten mythologischen Berichte und
Sagen darauf schließen lassen, daß wir gleich anderen europäischen
Völkern die Kunst des Schneeschuhlaufens wahrscheinlich von den
Lappen erlernt haben. Untersuchen wir nun aber unsere Benennungen für
Schneeschuhe, so können wir nichts Lappisches daran finden; +Ski+ sowie
+Aander+ (schwedisch +Skida+ und +Andor+) müssen beide echt arischen
Ursprungs sein, sie sind wahrscheinlich gleichzeitig mit der Einführung
der Schneeschuhe von alten Wortstämmen abgeleitet worden.
Wenden wir uns anderen arischen Sprachen zu, so finden wir auf russisch
+lysja+, auf polnisch +lyzwa+, auf lettisch +lushes+. Auch diese
Wörter müssen arischen Ursprungs sein, wenngleich sie auch nichts
mit den skandinavischen Benennungen gemein haben. In Bezug auf den
skandinavischen Zusammenhang der Schneeschuhbenennungen kommen wir
mit diesen arischen Sprachen kaum weiter als bis zu einem negativen
Resultat.
Wir sehen uns da der schwierigen Aufgabe gegenübergestellt,
die Schneeschuhe auf den unbekannten und unsicheren Wegen der
finnisch-ugrischen und sibirischen Sprachen zu verfolgen.
Beginnen wir bei unseren Nachbarn, den +Lappen+, so finden wir bei
ihnen die Worte +savek+ (fellbekleideter Schneeschuh) und +golas+
(längerer, unbekleideter Schneeschuh).
Die +Finnen+ haben mehr Benennungen: +hiiden+ und +suksi+ für
Schneeschuhe im allgemeinen; +lyly+ und +kalhu+ für die linken,
+sivakka+ und +potasma+ für die rechten Schneeschuhe.
Hiervon ist +lyly+ dasselbe Wort, was für Fichtenholz gebraucht wird,
+potasma+ bedeutet dasjenige, womit man ausschlägt, es sind dies also
abgeleitete Worte und infolgedessen von wenig Bedeutung für unser
Thema. +Kalhu+ ist regelrecht aus dem lappischen +golas+ umgebildet,
das seinerseits wahrscheinlich dem russischen +golysja+ entlehnt ist,
da das Wort unbekleidete (golo) Schneeschuhe (lysja) bedeutet. Nach
dieser Entlehnung zu urtheilen, könnte es den Anschein haben, als ob
die Lappen die Benutzung der unbekleideten Schneeschuhe von den Russen
erlernt hätten, aber dies ist doch wohl sehr zweifelhaft. +Savek+
und +sivakka+ gehören zweifelsohne zusammen und sind wahrscheinlich
erweiterte Formen von suk(si), +welches die einzige ursprüngliche
finnische Benennung für Schneeschuhe ist+.
Diese Annahme erhält eine Bestätigung, wenn wir uns südwärts zu den
übrigen Zweigen der baltischen Finnen zwischen dem Ladoga und Lithauen
wenden, zu den +Voten+, +Vespen+, +Esthen+ und +Liven+, bei denen wir
die Schneeschuhbenennungen +suhsi+, +suksi+, +suks+ und +soks+ finden.
Daß sich das Wort nach verschiedener Richtung hin erweitert hat,
spricht dafür, daß es das gemeinsame Erbe aus einer Zeit ist, in
welcher diese Finnen +ein+ Volk bildeten, aber die Möglichkeit einer
späteren Entlehnung ist doch nicht ganz ausgeschlossen.
Wenden wir uns indessen weiter nach Osten, so gelangen wir durch
ungefähr 1000 Kilometer russischer Bevölkerung zu den nächsten
Verwandten der Ostsee-Finnen, den Wolga-Bulgaren. Wenn wir hier bei
den +Mordwinen+ neben der Form +tokh+ dasselbe +soks+ wiedertreffen,
so muß die Annahme berechtigt erscheinen, daß die +Soks+ (Ski) bereits
gebraucht wurden, als die Wolga-Bulgaren und die baltischen Finnen noch
nicht getrennt waren.