1 +Hypsometer+ oder +Kochbarometer+ mit zwei dazu gehörigen feinen

Thermometern. Das Prinzip dieses Barometers beruht auf einer

genauen Bestimmung von dem Siedepunkt des reinen Wassers, der sich

ja bekanntlich mit dem Luftdruck verändert und infolgedessen auch

mit der Höhe. Ich fand dies Barometer sehr bequem, und infolge

seines unbedeutenden Gewichts eignet es sich ganz vorzüglich für

eine Expedition wie die unsere, wo ein Quecksilber-Barometer

selbstverständlich zu schwer und zu umständlich zu transportiren ist.

6 +Schwingethermometer+. Diese sind darauf eingerichtet, an eine

Schnur gebunden und mit großer Schnelligkeit in der Luft herum

geschwungen zu werden. Hierdurch kommt die Thermometerkugel mit so

viel Luft in Berührung, daß die Einwirkung der Sonnenstrahlen auf sie

verhältnißmäßig gering wird, und man so mit Leichtigkeit selbst mitten

im Sonnenschein die Temperatur der Luft messen kann.

Bindet man einen ganz dünnen Stoff wie Gaze oder dergl. über die

Kugel eines Schwingthermometers, so hat man, indem man diesen Stoff

anfeuchtet, ein gutes Mittel, den Feuchtigkeitsgrad der Luft durch

Vergleichung mit einem andern Thermometer zu messen.

1 +Minimumthermometer+ und

1 +Spiritusthermometer+.

4 +Ankeruhren+, sog. Halbchronometer; gewöhnliche Taschenchronometer

eignen sich kaum für derartige Expeditionen, da sie in gewissen

Stellungen leicht stehen bleiben. Wir hatten übrigens ein merkwürdiges

Unglück mit unseren Uhren, indem eine infolge eines Falles stehen

blieb, -- eine zweite ging, wahrscheinlich aus demselben Grunde, ein

wenig unzuverlässig, -- eine dritte, nämlich eine ältere, mir gehörige

Uhr, blieb wahrscheinlich infolge von Schmutz stehen, -- nur die vierte

hielt sich die ganze Zeit hindurch gut und erwies sich als vorzügliche

Uhr.

Ich glaube, daß die Expedition in betreff der Instrumente besonders

gut ausgerüstet war, und dies hatten wir im wesentlichen Herrn

Professor +H. Mohn+, dem Direktor des meteorologischen Instituts in

Kristiania, zu verdanken. Mit unermüdlichem Eifer nahm er sich unserer

wissenschaftlichen Ausrüstung an, und wenn wir werthvolle Observationen

zu machen im stande waren, so haben wir ihm dafür zu danken.

Infolge einer Aufforderung von Professor +Petterson+ in Stockholm

nahm ich die nothwendigen Instrumente mit, um für ihn auf der

Reise Luftproben zu sammeln. Diese Proben werden in einer Menge

mittelgroßer Glascylinder genommen, die sorgfältig von Luft gereinigt

und zugeschmolzen sind. Sobald sie geöffnet wurden, füllten sie

sich natürlich sogleich mit Luft, und wenn man sie dann sorgfältig

zuschmilzt, was vermittelst einer Spirituslampe und eines eigens dazu

eingerichteten Blaserohrs leicht geschehen kann, so enthalten sie Luft,

die man nun so weit man will transportiren kann.

Ein unentbehrlicher Artikel auf allen modernen Entdeckungsreisen

ist ein Photographir-Apparat. Ich hatte einen kleinen Apparat mit

zwei Rollkassetten für Papierrollen mit empfänglicher Gelatinfilm

mitgenommen.[12]

Es wäre zu schwer und unpraktisch gewesen, wenn ich hätte Glasplatten

transportiren wollen. Um die Papierrollen zu wechseln, führte ich auch

zwei rothe Laternen mit, eine aus Papier und eine aus Glas. Hierzu nahm

ich fünf Stearinlichte mit.

An weiteren Instrumenten, Geräthschaften etc. führten wir mit uns: 2

Aluminium-Fernröhre, 2 Podometer, 1 Axt, diverses kleineres Werkzeug

wie Messer, Feile, Pfriem, Pechdraht etc., Nähnadeln, Kneifzange,

Schraubenzieher, kleine Schrauben für die Stahlplatten unter den

Schlittenschienen etc. Außerdem Gewichte zum Auswägen des Proviants,

sog. Steigeisen aus Tyrol, Zacken, die in die Stiefelsohlen geschroben

werden, Manilla-Alpenseile, diverse Reserveleinen für Schlitten

etc., Eispickel mit Schäften aus Bambusrohr -- diese wurden auch zu

Skistäben verwendet --, einen Stahlspaten, der auf einen der Stäbe

geschraubt werden konnte und der zum Schneeschaufeln benutzt werden

sollte, hauptsächlich, um einen guten Zeltplatz zu schaffen oder

um Schneehütten zu bauen, falls das Zelt vernichtet würde, mehrere

Bambusstangen zu Masten und Steuerstangen während der Segelfahrt mit

Schlitten wie mit Böten; ein starkes Ziehtau, um Boot und Schlitten

über schwierige Stellen hinwegzuziehen, Zeichengeräthschaften,

Skizzenbücher und Notizbücher, Logarithmentabellen, Seekalender für

d. J. 1888 und 1889 etc. Ein großes Brennglas, Feuerstein, Stahl und

Lunte, Zündhölzer, die zum Theil in luftdicht verschlossenen Blechdosen

an verschiedenen Stellen der Bagage aufbewahrt waren, damit wir selbst,

wenn einige verloren gingen, doch genug hätten. Drei 10literhaltige

Spiritusfässer, Persennings, theils aus wasserdichtem Segeltuch,

theils aus Oeltuch über jeden Schlitten zu breiten, große Tragsäcke,

die im wesentlichen bestimmt waren, um bei schwierigem Terrain,

wo man nicht ziehen konnte, benutzt zu werden, die indessen als

Mantelsäcke für unsere Privatgarderobe Verwendung fanden. Verschiedene

Bootsgeräthschaften, wie lange Bootshaken (aus Bambusrohr), kurze

Bootshaken mit breiten Blättern versehen, so daß sie gleichzeitig

zum Wricken benutzt werden konnten, was in engem Fahrwasser zwischen

Treibeis, wo andere Ruder zu lang sind, sehr zweckmäßig ist, -- ferner

gewöhnliche Ruder, Reservedollen, Handpumpen mit Schläuchen, um das

Boot auszupumpen, wenn es belastet ist u. dergl. m. Ferner hatten wir

eine kleine Apotheke mitgenommen, in der sich Schienen und Bandagen

zum Verbinden bei Arm- und Beinbrüchen befanden, -- Chloroform,

Kokainauflösung zur Linderung von Schmerzen bei Schneeerblindungen,

Zahntropfen, Magenpillen, Vaselin etc. etc. Es ist selbstverständlich,

daß dies alles auf ein Minimum reduzirt war.

Im April unternahmen wir eine kleine Probeexpedition nach einem Wald

in der Nähe von Kristiania. Die Mitglieder der Expedition waren damals

mit Ausnahme eines Einzigen versammelt. Diesen Ausflug schildert

+Balto+ folgendermaßen:

„Eines Abends zogen wir vor die Stadt in einen Wald, um dort die Nacht

über zu bleiben und einen Versuch mit den Schlafsäcken zu machen, die

aus Rennthierfell verfertigt waren. Am Abend, als wir in den Wald

gelangten, wo wir die Nacht zubringen wollten, schlugen wir unser

Zelt auf. Darauf mußten wir Kaffee mit einer Maschine kochen, die mit

Spiritus kochen sollte. Der Maschinenkessel wurde mit Schnee gefüllt,

und wir zündeten Feuer darunter an. Es brannte mehrere Stunden, kam

aber nicht zum Kochen. Da mußten wir versuchen, von dem lauwarmen

Wasser zu trinken, zu dem Kaffeeextrakt gegossen wurde. Es schmeckte

aber nach nichts, denn es war fast kalt. Am Abend, als wir uns schlafen

legen wollten, krochen die vier Norweger in Schlafsäcke. +Nansen+

sagte, wir sollten uns auch in die Säcke legen, aber wir meinten, es

würde uns zu heiß werden. Wir brauchten nicht in die Säcke zu kriechen,

meinten wir, deshalb schliefen wir draußen. Am Morgen erwachte ich,

als die Uhr wohl sechs war, und da sah ich, daß unsere Leute in ihren

Säcken lagen und wie die Bären schliefen. Ich legte mich wieder hin und

schlief bis um 9 Uhr. Da weckte ich sie, denn ich wußte, daß ein Wagen

für uns um 10 Uhr bestellt war.“

Diese Schilderung bezeugt, daß einzelne Theile unserer Ausrüstung,

wie z. B. der Kochapparat, noch nicht so gut waren, wie sie wohl sein

konnten, aber wir hatten noch Zeit zu Verbesserungen. Diese wurden auch

vorgenommen, und als wir endlich in den ersten Tagen des Mai auszogen,

nachdem wir in der elften Stunde mehrere wichtige Dinge erhalten

hatten, war wenigstens das Meiste in der erwünschten Ordnung, und was

noch fehlte, das konnte während der Reise beschafft werden.

Fußnoten:

[5] Ueber die Skikjälker in Sibirien siehe u. a. Nicolaes Witsen „~Nord

en ost Tartarye.~“ ~Amsterdam 1705~ (Seite 820).

[6] ~Lieutenant Greely. Three Years of Artic Service. London 1886. Vol.

I.~ S. 199.

[7] Aus Xenophons Anabasis ersieht man übrigens, daß schon 400 Jahre

v. Chr. die Bewohner der armenischen Gebirge die Sitte kannten, den

Pferden Truger oder etwas ähnliches unter die Hufe zu binden.

[8] Schuhe aus roh gegerbten oder auch ganz rohen Ochsenhäuten mit

Haaren darauf. Sie werden ebenso wie die Finnenschuhe der Lappen in

Norwegen ganz allgemein zum Skilaufen verwendet.

[9] Die von Greely angegebenen Daten über den Kochapparat, der auf

der von ihm geleiteten Expedition in Anwendung kam, lauten ein wenig

sonderbar und die angeführten Zahlen müssen unkorrekt sein; denn

danach müßte man bei diesem Kochapparat 95% von dem Brennwerth des

verbrauchten Alkohols ausnützen können, was eine Unmöglichkeit ist.

Noch sonderbarer sind die von Payer mitgetheilten Daten; denn nach

diesen sollte man mit dem Kochapparat auf der Tegethof-Expedition mehr

als 100% von dem Brennwerth des Alkohols ausgenützt haben.

[10] Die Wirkung war bei Allen, selbst bei den Lappen, ganz auffallend

und ist sicher auf die empyreumatischen Oele, Kafëon, zurückzuführen,

deren starke giftige Wirkung bekannt ist. Wahrscheinlich enthält der

Kaffeeextrakt infolge seiner Zubereitungsweise diese Stoffe in weit

höherem Maße als der auf gewöhnliche Weise bereitete Kaffee, während

gleichzeitig der Mangel des als beruhigendes Mittel wirkenden Kafëin

ebenfalls durch die Zubereitungsweise verringert wird.

[11] Eine Reihe von Versuchen, die mit englischen Soldaten vorgenommen

wurden, sind in dieser Beziehung sehr bezeichnend. Eine Abtheilung

Soldaten erhielt den Befehl, eine bestimmte Strecke in möglichst kurzer

Frist zu marschiren; einigen von ihnen wurde Cognac in verschiedenen

Quantitäten mitgegeben, während Andere nur Wasser erhielten. Es stellte

sich dann heraus, daß, je mehr Alkohol während des Marsches genossen

war, desto mehr Zeit gebraucht wurde.

[12] Ich verwendete die sog. ~Eastman’s American Stripping Films~.

Kapitel III.

Das Schneeschuhlaufen, die Entwickelung und die Geschichte dieser Kunst.

Die Expedition, welche wir hier zu schildern gedenken, hat ihre

Entstehung einzig und allein dem norwegischen Schneeschuhlaufen zu

verdanken. Der Verfasser selber ist von seinem vierten Jahr an mit den

Schneeschuhen vertraut gewesen, wie auch jeder einzelne Theilnehmer ein

geübter Schneeschuhläufer war, und die Ausführung der ganzen Expedition

war auf der Ueberlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf

Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet.

Da liegt es denn sehr nahe, mit einer kurzen Schilderung der

Schneeschuhe zu beginnen, um so mehr, als nur wenige Menschen außerhalb

der vereinzelten Länder, in denen die Schneeschuhe benutzt werden, eine

Ahnung davon haben, was Schneeschuhlaufen ist, und ohne eine solche

Kenntniß Mancherlei in dieser Reisebeschreibung schwerlich zu verstehen

sein würde.

[Illustration: Schneeschuhläufer auf der Ebene.]

Schon der Verfasser des Königsspiegels (Kongespeilet) hat vor

ungefähr 640 Jahren darauf hingewiesen, daß es für Alle, die das

Schneeschuhlaufen nicht gesehen haben, höchst wunderbar erscheinen

muß, weil man auf zwei dazu eingerichteten Holzstücken so schnell über

Schneefelder dahin gleiten kann. Er behandelt unter anderem die Frage

über das Vorhandensein gezähmter Drachen in Indien und meint, daß

dies freilich wunderbar genug klingen mag, daß es aber auch bei uns

zu Lande Verhältnisse giebt, die den Völkern anderer Länder noch weit

wunderbarer erscheinen müssen. Er sagt:

„Weit mehr Verwunderung aber wird das erzeugen, was von den Männern

erzählt wird, die ein Holzstück oder dünne Bretter so zähmen können,

daß ein Mann, der nicht schneller zu Fuß ist als Andere, wenn er

nur Schuhe an den Füßen hat oder wenn er barfuß ist, -- daß dieser

Mann, sobald er 7-8 Ellen[13] lange dünne Bretter unter seine Füße

bindet, Vögel im Fluge oder die schnellsten Windhunde und Rennthiere

im Lauf überholt, welche letztere doch doppelt so schnell laufen wie

ein Hirsch, denn es giebt eine ganze Anzahl von Männern, die ihre

Schneeschuhe so gut zu gebrauchen wissen, daß sie im Lauf mit ihrem

Spieß Rennthiere und noch mehr zu treffen vermögen. Nun wird diese

Sache in allen den Ländern unglaublich, unwahrscheinlich und merkwürdig

erscheinen, in denen man nicht weiß, mit welcher List oder Kunst

es geschieht, daß dünne Bretter zu einer so großen Geschwindigkeit

abgerichtet werden können, daß oben in den Bergen nichts, was sich

auf der Erde bewegt, im schnellen Lauf dem Manne entgehen kann, der

Bretter an den Füßen hat; sobald er diese aber abnimmt, ist er nicht

geschwinder als andere Männer. In anderen Gegenden, wo die Leute nicht

an so Etwas gewöhnt sind, wird sich kaum ein Mann finden, er mag noch

so gewandt sein, der nicht alle Gewandtheit einbüßt, sobald solche

Holzstücke an seine Füße gebunden werden. Wir verstehen diese Sache

aus dem Grunde und haben im Winter, sobald Schnee liegt, Gelegenheit

genug, Männer zu sehen, welche diese List oder Kunst verstehen.“[14]

Die Schneeschuhe werden aus Holz angefertigt und sind in Norwegen in

der Regel 3-4 Zoll breit und ungefähr 8 Fuß lang, zuweilen länger,

zuweilen kürzer. Sie sind flach und glatt auf der Unterseite. Nach

vorne zu sind sie mehr oder weniger in die Höhe gebogen, zuweilen auch

am hinteren Ende ein wenig. Sie werden vermittelst eines Zehen-Riemens

befestigt, der ungefähr in der Mitte des Schneeschuhs angebracht ist,

und in den man die Fußspitzen steckt. Für alle guten Schneeschuhläufer

kommt dann ein Fersenband hinzu, das, von dem Zehenriemen ausgehend, um

die Ferse läuft.

Auf diesen Schneeschuhen kommt man durch eine eigene gleitende

Bewegung der Beine und des Unterkörpers vorwärts. Die Anfangsgründe

sind eigentlich nicht schwer zu erlernen, aber die Fertigkeit kann zu

einem hohen Grad von Vollkommenheit entwickelt werden. Man darf die

Schneeschuhe nicht aufheben und durch den Schnee stampfen, wie man es

oft von Stümpern sieht, -- sie gehen, als wenn sie barfuß durch ein

Moor wanderten. Es kommt im Gegentheil darauf an, die Füße gleitend

über den Schnee zu führen. Man hält sie immer ein wenig vorwärts, indem

der Körper elastisch und leicht der Bewegung folgt. Die Schneeschuhe

werden in paralleler Richtung so nahe wie möglich aneinander

vorbeigeführt, also nicht nach den Seiten wie die Schlittschuhe, was

gewiß Viele glauben, die das Schneeschuhlaufen nie gesehen haben.

Folglich bilden die Spuren, die ein tüchtiger Schneeschuhläufer

im Schnee hinterläßt, zwei parallele Linien. In der Hand hält man

gewöhnlich einen Stab, mit dem man sich während des Laufens hilft, und

der in einzelnen Gegenden eine ungewöhnliche Länge erreicht. Bei diesem

Vorwärtsgleiten kann ein guter Schneeschuhläufer auf der Ebene eine

große Geschwindigkeit erlangen.

[Illustration: Bergauf und bergab.]

Bergaufwärts geht es natürlich langsamer, aber auch hier wird ein

tüchtiger Schneeschuhläufer jedem Anderen überlegen sein. Ist der

Berg steil und hoch, so geht er nicht geradeaus, sondern nähert sich

dem Gipfel Schritt für Schritt kreuzend, oder auch er erklimmt ihn

seitwärts Schritt für Schritt und bildet so gleichsam eine Treppe

im Schnee. Ist der Hügel niedriger, und sind die Schneeschuhe nicht

zu lang, kann er auch auf die Weise, wie sie links auf umstehender

Zeichnung ersichtbar ist, direkt bergauf gehen. Man wendet die

Schneeschuhe auswärts, bis sie einen so großen Winkel gegeneinander

bilden, wie es der Abfall des Berges erfordert, und führt sie so, daß

das hintere Ende des einen in die Höhe gehoben und vor den anderen

hingesetzt wird. Die Spur im Schnee hat viele Aehnlichkeit mit dem

Hexenstich der Nähterinnen. Ein Hügel, den ein Schneeschuhläufer nicht

erklimmen könnte, ohne die Schneeschuhe abzuschnallen, muß wunderbar

aussehen. Schon +Olaus Magni+ sagt i. J. 1555: „Es giebt keinen

Berg, er mag noch so hoch sein, den er nicht auf listigen Umwegen zu

erklimmen vermöchte.“

Bergabwärts geht es ganz von selber, denn die Schneeschuhe gleiten

leicht über den Schnee dahin. Man muß sich nur auf denselben halten und

die Herrschaft über sie bewahren, so daß man nicht gegen Bäume oder

Steine läuft oder in einen Abgrund stürzt. Je steiler der Berg ist,

desto geschwindere Fahrt hat man, und nicht ohne Grund heißt es im

Königsspiegel, daß man auf Schneeschuhen den Vogel im Fluge überholt

und nichts, was sich auf der Erde bewegt, dem Schneeschuhläufer

entgehen kann.

Das Schneeschuhlaufen ist der nationalste aller nordischen Sports und

ein herrlicher Sport ist es; -- wenn irgend einer den Namen des Sports

aller Sports verdient, so ist es dieser. Nichts stählt die Muskeln so

sehr, nichts macht den Körper elastischer und geschmeidiger, nichts

verleiht eine größere Umsicht und Gewandtheit, nichts stärkt den

Willen mehr, nichts macht den Sinn so frisch wie das Schneeschuhlaufen.

Kann man sich etwas Gesunderes oder Reineres denken, als an einem

klaren Wintertag die Schneeschuhe unter die Füße zu schnallen und

waldeinwärts zu laufen? Kann man sich etwas Feineres oder Edleres

denken als unsere nordische Natur, wenn der Schnee ellenhoch über Wald

und Berg liegt? Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken,

als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten,

während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und

Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten

Hinderniß auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg

stellen kann? Ist es nicht, als wenn das ganze Kulturleben auf einmal

aus unseren Gedanken verwischt wird und mit der Stadtluft weit hinter

uns zurückbleibt, -- man verwächst gleichsam mit den Schneeschuhen und

der Natur. Es entwickelt dies nicht allein den Körper, sondern auch

die Seele, und hat eine tiefere Bedeutung für ein Volk als die Meisten

ahnen.

[Illustration: Bergabwärts im Walde.]

Wohl nirgends eignet sich die Natur besser für den Schneeschuhlauf

als in Norwegen; Hügel giebt es dort zur Genüge, und auch der

Schnee ist reichlich vorhanden. Von Kindesbeinen an werden wir an

die Schneeschuhe gewöhnt -- ein guter Haken krümmt sich bei Zeiten

--, und die Natur selbst zwingt die Knaben, ja auch die Mädchen in

manchen Gebirgsgegenden Norwegens, die Schneeschuhe zu gebrauchen,

sobald sie gehen können. Tief und weich liegt der Schnee den ganzen

Winter hindurch vor den Thüren der Häuser. Früh im Herbst kommt

er, um erst spät im Frühling wieder zu verschwinden. Wege sind in

manchen Gegenden nur sehr spärlich vorhanden, und Jeder -- es sei

Mann oder Frau --, der von einem Hof zum andern gelangen will, muß

die Schneeschuhe anschnallen, denn ohne sie versinkt man bis über die

Hüften im Schnee. Man wächst sozusagen mit den Schneeschuhen auf,

-- es ist nicht selten, daß man Mädchen und Knaben von 3-4 Jahren

sich üben sieht. Von dem Alter an oder vielleicht ein wenig später,

halten sich die Bauernknaben in steter Uebung. Berge haben sie in der

Regel gerade vor dem Hause und überall zu beiden Seiten der engen

Thäler, auf Schneeschuhen müssen sie ihren Schulweg zurücklegen

und auf Schneeschuhen verbringen sie die freie Zeit zwischen den

Unterrichtsstunden. Der Lehrer ist oft selbst mit dabei und stellt sich

an die Spitze der kleinen Schar. Und dann des Sonntagsnachmittags,

-- welch ein Fest ist es nicht den ganzen Winter hindurch, wenn sich

die ganze Dorfjugend, Kinder und Erwachsene, der Verabredung gemäß

versammelt, um in edlem Wettstreit sich miteinander zu messen und sich

zu amüsiren, solange das Tageslicht ausreicht. Und auch die Mädchen

sind dabei, aber sie wollen den Burschen lieber zuschauen, obwohl auch

sie die Schneeschuhe zu gebrauchen wissen und mancher gute Sport auf

Schneeschuhen von norwegischen Mädchen betrieben wird, ohne daß viel

Redens davon gemacht wird.

So gestaltet sich das Winterleben der Jugend in manchem norwegischen

Dorf. Die Knaben zählen noch nicht viele Jahre, und sie wissen schon,

welche Form ein guter Schneeschuh haben muß, wie das beste Holz für die

Schneeschuhe aussieht und wie man eine Weide biegen muß, um sie zum

Befestigen der Ski verwenden zu können; ein Jeder lernt es, ohne die

Hülfe Anderer fertig zu werden, er wächst heran und wird ein Mann für

sich selbst, wie sein Vater es war. -- Möge sich dies erhalten, möge

das Schneeschuhlaufen sich entwickeln und gedeihen, so lange es Männer

und Frauen in den norwegischen Thälern giebt!

Eine absolute Nothwendigkeit sind die Schneeschuhe hier in Norwegen

wie in ganz Nordeuropa und in Sibirien für die Winterjagd, auf der die

tüchtigsten Schneeschuhläufer in den Gemeinden ihre Ausbildung erhalten

haben.

Früher war es in Skandinavien ganz allgemein, daß man im Winter

die größeren Thiere, Elen- und Rennthiere, auf den Schneeschuhen

verfolgte. Wenn der Schnee tief ist, pflegt es für einen tüchtigen

Schneeschuhläufer nicht schwierig zu sein, das Wild einzuholen und zu

fällen, da es einsinkt und nur mit Mühe vorwärts kommen kann. Es war

eine spannende Jagd, die sowohl Stärke, wie Ausdauer und Gewandtheit in

der Benutzung der Schneeschuhe erforderte. Der Art und Weise, wie man

Rennthiere fällte, geschah schon in dem früher mitgetheilten Bruchstück

aus dem „Königspiegel“ Erwähnung.

Jetzt, wo diese Thiere im Winter geschont werden, hat damit diese Jagd

ein Ende; doch wird sie gewiß noch von Wilddieben in vielen Theilen

Skandinaviens, besonders in den flachen Walddistrikten Schwedens, wo

sie am leichtesten ist, betrieben.

Die Jagd, zu welcher der norwegische Bauer jetzt hauptsächlich die

Schneeschuhe benutzt, ist das Schneehuhnschießen und der Dohnenfang im

Gebirge. Diese Jagd ist friedlicher und weniger anstrengend, aber auch

sie hat ihre eigene Anziehungskraft. Das Umherstreifen in den Bergen im

Winter, wenn das Weidendickicht von der Schneelast tief herabgedrückt

liegt, wenn die Schneehühner, die so weiß sind, daß man sie nur

mit Mühe von ihrer Umgebung unterscheiden kann, im Birkengestrüpp

umherflattern und gackern, da kann Einem wohl der Sinn frei und leicht

werden, während das Auge über die weiße Fläche schweift. Und wenn man

dann mit der Büchse und dem Jagdnetz auf dem Rücken in sausender Fahrt

die langen, offenen Abhänge hinabgleitet, da braust das Blut weit

schneller durch die Adern!

Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich der norwegische Bauer auch auf der

Hasenjagd der Schneeschuhe bedient, und es kommt auch wohl vor, daß er

auf Schneeschuhen den Bären in seiner Höhle aufsucht, oder wenn der

Schnee tief und lose ist, den Luchs, den Vielfraß oder einen einzelnen

Bären verfolgt, der zufällig aufgeschreckt worden ist. Dem Lappen ist

es etwas ganz Gewöhnliches, auf Schneeschuhen seinem ärgsten Feind, dem

Wolf, nachzusetzen und ihn zu verfolgen, bis er ihn schießen oder mit

dem Skistab todtschlagen kann. Die meisten sibirischen Völker betreiben

ihre Winterjagd auf Schneeschuhen, und da der Winter den größten Theil

des Jahres ausmacht, ist es sehr begreiflich, welche Nothwendigkeit,

ja, man kann wohl sagen welche Lebensbedingung die Schneeschuhe für

viele dieser Völker sind.

Das Schneeschuhlaufen ist alt in Norwegen, -- wie alt ist nicht

zu sagen, es geht weiter in die graue Urzeit zurück als unsere

Aufzeichnungen reichen. In den Sagen von unserm Stammvater Nor

heißt es sehr charakteristisch, daß er und seine Begleiter auf

Schneeschuhen dahergezogen kamen. Sie warteten in Finnland, bis es

gute Schneeschuhbahn wurde, und zogen dann gen Westen weiter um den

Botnischen Meerbusen in das Land hinein. Diese Sagen sind jedoch

verhältnißmäßig späten Datums.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 4 / 25 段