Unser +Zelt+, das Lieutenant +Ryder+ in Kopenhagen mir freundlich

verschafft hatte, ließ ich so einrichten, daß es in fünf Stücken

voneinander genommen werden konnte, -- es bestand aus zwei

Seitenstücken, zwei Endstücken und dem Boden, der aus wasserdichtem

Segeltuch verfertigt war. Bei dieser Einrichtung war ich darauf

bedacht gewesen, alle Theile des Zeltes während einer Segelfahrt als

Segel für unsere Schlitten benutzen zu können, aber die Seiten- und

Endstücke des Zeltes waren von so dünnem, leichtem Baumwollstoff, daß

ich fürchtete, der Wind könne sie zerreißen, und es würde, gelinde

gesagt, unangenehm gewesen sein, auf die Weise das Zelt einzubüßen,

obendrein bei einer solchen Kälte und einem solchen Schneegestöber, wie

wir es hatten. Der Baumwollstoff, aus dem das Zelt bestand, leistete

uns übrigens vorzügliche Dienste, sowohl gegen Regen als auch gegen

Wind und Schnee, und da es nothwendig ist, daß das Zelt des Gewichtes

halber aus so dünnem Stoff wie möglich angefertigt ist, so möchte ich

künftigen Expeditionen den Rath geben, das ganze Zelt mit dem Fußboden,

der freilich gleich dem unseren aus wasserdichtem Segeltuch bestehen

muß, zu einem einzigen zusammenhängenden Stück zusammennähen zu lassen;

dies erhält so die Form eines Sackes und hat nur eine einzige Oeffnung,

nämlich die Zeltthür, und zwei Löcher im Boden für die Zeltstangen,

welche durch diese hindurch in den Schnee festgerammt werden. Ist

das Zelt auf diese Weise eingerichtet, so kann man den starken

Segeltuchboden ebenso gut als Segel benutzen, indem man das übrige

dünne Zelttuch zusammengebunden an der Vorderseite herabhängen läßt;

hierdurch vermeidet man die Unannehmlichkeit, unter der wir litten,

daß nämlich durch die Ritzen, welche infolge des Zusammenschnürens

der verschiedenen Stücke entstehen, der Schnee ins Zelt hineindringt.

Bei uns war das weniger praktisch eingerichtet, und es konnte bei

Schneegestöber vorkommen, daß wir, wenn wir am Morgen die Köpfe aus

den Schlafsäcken heraussteckten, diese vollständig mit Schnee bedeckt

fanden. Der Raum in unserem Zelt war gerade groß genug, daß unsere

beiden dreischläfrigen Schlafsäcke Platz auf dem Fußboden hatten, wenn

sie so hingelegt wurden, daß die Oeffnung des einen nach derselben

Richtung hin lag wie der Boden des anderen Sackes. Die Zeltstangen,

drei an der Zahl, zwei aufrecht stehende und eine, welche längs des

Firstes lag, waren aus Bambusrohr und erwiesen sich als sehr brauchbar,

-- die beiden kleineren wurden natürlich auch zu Skistäben verwendet.

Die Pardunen wurden vermittels eiserner Haken befestigt, die eine

breite blattförmige Klammer hatten, welche Widerstand gegen den Schnee

leisten konnte. Das genaue Gewicht unseres Zeltes, nachdem ich es durch

verschiedene Aenderungen bedeutend verringert hatte, ist mir leider

entfallen. Ich entsinne mich jedoch, daß es mit Pardunen, Zelthaken und

Stangen ein Gewicht von 8 Kilogramm nicht überstieg.

Es stand sehr fest im Schnee, bei stürmischem Wetter befürchteten wir

freilich mehrfach, daß es springen würde, und ich möchte deswegen gute

Sturmpardunen empfehlen, -- wir hatten allerdings auch einige, aber ein

paar davon sprangen oben beim Befestigungspunkt und waren nachher nicht

wieder auszubessern.

Der +Kochapparat+ spielt auf einer Schlittenexpedition eine äußerst

wichtige Rolle, denn er soll uns, wenn alles gefroren ist, jeden

Tropfen Trinkwasser liefern, den wir nicht vermittelst unserer

Leibeswärme schmelzen können. Vor allen Dingen kommt es bei dem

Kochapparat darauf an, daß er das Brennmaterial vollständig ausnützt,

das heißt, daß es so vollständig wie möglich verbrennt und so die

dadurch entwickelte Wärme bis aufs Aeußerste ausgenutzt wird. Das

Gewicht eines der wichtigsten Theile der Bagage kann dadurch auf ein

Minimum reducirt werden.

Als Brennmaterial steht zweifelsohne der reinste Spiritus unübertroffen

da. Außer anderen Vorzügen wie Reinlichkeit etc. hat er den --

wenigstens in der Praxis -- im Verhältniß zu seinem Gewicht die größte

Wärme zu geben. Zwei Schattenseiten sind jedoch damit verknüpft,

einmal, daß er infolge seiner Eigenschaft als Flüssigkeit leicht

verschüttet werden kann, was jedoch durch sichere Behälter und starke

Hähne, sowie eine vorsichtige Behandlung zu vermeiden ist, -- ferner

daß er trinkbar ist und unter kritischen Verhältnissen zu einer großen

Versuchung, selbst für den Besten werden kann. Dies läßt sich freilich

verhindern, indem man ihn durch Zusatz von Methyl-Alkohol unschmackhaft

macht, wie wir es thaten.

[Illustration: Kochapparat.]

Die Idee zu unserem Kochapparat hatte ich ursprünglich demjenigen

entnommen, der bei +Greelys+ Expedition (s. seinen Bericht S. 207)

angewandt wurde, und nach mehreren mit meinem Freund Kand. +L.

Schmelek+ in dessen chemischem Laboratorium angestellten Versuchen

blieben wir bei dem in obenstehender Figur abgebildeten Apparat

stehen. Die Einrichtung wird aus dieser Zeichnung hoffentlich leicht

ersichtlich sein. Der unterste Raum enthält eine Spirituslampe mit

sechs Dochten. Die Luft dringt durch im Boden befindliche Oeffnungen

in solcher Menge ein, daß sie eine vollständige Verbrennung bewirkt,

gleichzeitig muß sie durch die Flammen oder in der Nähe derselben

passiren und wird auf diese Weise verbrannt oder erwärmt, so daß

keine kalte Luft in den Apparat hinein kommen kann. Ist letzteres

aber nothwendig, z. B. falls der Wärmeraum oder der Spiritusbehälter

zu stark erhitzt wird, was leider oft bei uns der Fall war, so läßt

sich durch Oeffnen von drei Löchern in den Seiten des Wärmeraums

kalte Luft neben den Flammen zuführen. Das Kochgeschirr, das auf

den Wärmeraum gesetzt wird, ist aus verzinntem Kupfer. Es ist hoch

und cylinderförmig, durch die Mitte geht ein gleichfalls aus Kupfer

bestehender Schornstein, durch den die erwärmte und verbrannte Luft

aus dem Wärmeapparat bis unter den Boden eines breiten, flachen

Kupfergeschirres aufsteigt, das auf dem Kochgeschirr steht und nur zum

Schmelzen von Schnee dient. Nachdem die Luft jedenfalls einen großen

Theil ihrer Wärme dem Schornstein im Kochapparat und dem Boden des

Gefäßes, das darüber steht, mitgetheilt hat, entweicht sie dann wieder

durch Löcher an den Seiten unter diesem Geschirr.

Der untere Kochtopf wie das obere Gefäß sind an den Seiten durch dicken

Filz beschützt, das obere Gefäß ist außerdem mit einem Deckel bedeckt.

Bei Schnee von ungefähr -40° ~C.~ und einer Luft von ungefähr gleicher

Temperatur bedurfte es etwa einer Stunde, bis ich das Kochgefäß mit

kochender Schokolade und das obere Geschirr mit Wasser gefüllt hatte,

dessen Temperatur ein wenig über dem Schmelzpunkt betrug. Ich hatte

dann volle 5 Liter Schokolade und nicht ganz 4 Liter Wasser. Hierzu

hatte ich, wenn ich vorsichtig war, ungefähr 0,35 Liter Spiritus oder

ein wenig mehr verbraucht.

Bei einigen Versuchen, die von Professor +Sophus Torup+ nach unserer

Rückkehr auf dem physiologischen Laboratorium in Kristiania angestellt

sind, hat es sich gezeigt, daß unser Kochapparat selbst unter

günstigen Verhältnissen nur 52% von dem Brennwerth des verbrauchten

Alkohols ausnutzt, -- was eine sehr schlechte Ausnutzung des

Brennmaterials bedeutet. Frühere Expeditionen sind doch in dieser

Beziehung kaum günstiger gestellt gewesen.[9] Es unterliegt keinem

Zweifel, daß der Spiritusverbrauch durch fortgesetzte Verbesserungen in

bedeutendem Grade verringert werden könnte.

Um auch die Körperwärme zum Schmelzen zu verwerthen, hatte jeder Mann

eine Flasche von dünnem Eisenblech zum Füllen mit Schnee bei sich, die

man infolge ihrer flachen, abgerundeten Form ohne alle Beschwerde auf

der Brust tragen konnte.

Der +Proviant+ einer Schlittenexpedition muß im wesentlichen aus

getrockneten Nahrungsmitteln bestehen, da diese im Verhältniß zu ihrem

Gewicht am nahrhaftesten sind. Hermetische Sachen sind zwar gesunder

und leichter zu verdauen, haben aber ein zu großes Gewicht, so daß man

sie nur in geringem Maßstabe verwenden kann.

Ich hatte im voraus berechnet, daß wir pro Tag ¼ ~kg~ oder etwas mehr

gedörrtes Fleisch, ein eben solches Quantum Fett, sowie ein etwas

größeres Quantum gedörrtes Brot gebrauchen würden, dazu kamen dann

verschiedene andere Sachen wie Schokolade, Zucker, Fleischpepton,

Erbsensuppe etc., so daß sich die Ration pro Kopf täglich auf ein

Kilogramm oder ein wenig mehr feste Nahrung belaufen würde.

Unsere Tagesration pro Mann würde ungefähr folgendermaßen lauten: 200

~gr~ Albuminstoff, 240 ~gr~ Fett, 230 ~gr~ Mehlstoff und Zucker. Nun

berechnet man nach zahlreichen angestellten Versuchen, daß ein stark

arbeitender Mann, z. B. ein preußischer Soldat bei strengem Dienst zu

seiner Ernährung

191 ~gr~ Albuminstoff,

63 ~gr~ Fett,

607 ~gr~ Mehlstoff und Zucker

gebraucht.

Zieht man in Betracht, daß 100 ~gr~ Fett an Nährwerth 230 ~gr~

Mehlstoff oder Zucker entsprechen, so würde unsere Tagesration sich im

Vergleich hiermit folgendermaßen gestellt haben:

200 ~gr~ Albuminstoff,

63 ~gr~ Fett,

637 ~gr~ Mehlstoff und Zucker.

Da nun infolge der starken Kälte, der wir ausgesetzt waren, das

Bedürfniß nach Kohlehydraten stieg, dürfte unbestritten bleiben, daß

unsere Tagesrationen nicht als überreichlich angesehen werden können,

doch glaube ich, daß sie trotzdem ausreichend gewesen wären, wenn wir

nur die verschiedenen Stoffe in dem angegebenen Verhältniß gehabt

hätten. Aber infolge eines Mißverständnisses schlich sich in unsere

Verproviantirung ein Fehler in Form eines Mangels an Fettstoff ein, der

uns auf höchst unangenehme Weise fühlbar werden sollte. Herr +Beauvais+

in Kopenhagen, der uns unser Pemikan (gedörrtes Fleisch mit Fett

vermischt) liefern sollte, hatte mir mitgetheilt, daß er Pemikan auf

amerikanische Weise zubereite. Ich hatte keine Gelegenheit, mündlich

mit ihm hierüber zu sprechen, da ich aber von der Voraussetzung

ausging, daß sein Pemikan wie das gewöhnliche amerikanische zur Hälfte

oder zum Dritttheil aus Fett und im übrigen aus gedörrtem Fleisch

bestehe, so bestellte ich das berechnete Quantum bei ihm. Im letzten

Augenblick auf der Durchreise durch Kopenhagen erfuhr ich indessen, daß

sein Pemikan sorgfältig von allem Fett gesäubert sei. Dies war eine

unangenehme Ueberraschung, da ich aber ein ziemliches Quantum Butter

und Leberpastete mitgenommen hatte, so dachte ich, daß wir trotzdem

fertig werden könnten. Das hielt jedoch ziemlich schwer, und so kam

es denn, daß wir von einem förmlichen Heißhunger nach Fett verzehrt

wurden, von dem sich Niemand, der es nicht durchgemacht hat, eine

Vorstellung machen kann. +Beauvais’+ gedörrtes Fleisch war übrigens

vorzüglich.

Auf Kapitän +Hovgaards+ Rath machte ich einen Versuch mit +Beauvais’+

Leberpastete, die ich jedoch ganz unzweckmäßig für eine Schlittenreise

fand, denn erstens ist sie im Verhältniß zu ihrem Nahrungswerth zu

schwer, und zweitens enthält sie Wasser, welches friert und sie in

der Kälte so hart macht, daß wir mehrere Messer daran zerbrachen

und schließlich unsere Zuflucht zu der Axt nahmen, doch mußten wir

dann herumlaufen, um die Stücken aufzusammeln, die weit über die

Schneefläche hinsprangen.

Aeußerst zweckmäßig ist +Rousseaus Fleischpulver-Schokolade+,

welche die beiden guten Eigenschaften, nahrhaft und schmackhaft zu

sein, verbindet. Ich führte davon 20 Kilogramm mit mir, die bei dem

Fabrikanten in Paris bestellt waren. Nach der angegebenen Analyse

soll diese Schokolade nicht weniger als 20% Fleischpulver enthalten;

wir verzehrten sie in kleinen Portionen während des Marsches, und sie

wirkte außerordentlich belebend auf uns. Mit genügend Fett daneben

müßte sie ausgezeichnet sein. Sie ist nach meiner Erfahrung sehr

leicht verdaulich, was das Pemikan nicht ist. Dies hat sowohl seine

Schattenseiten wie seine Vortheile. Ist ein Stoff zu leicht verdaulich,

so wird er gleich in den Körper aufgenommen, und der Magen ist bald

wieder leer, man hat das Gefühl wieder hungrig zu sein, deshalb muß man

häufiger essen. Auf der anderen Seite ist ein Stoff wie das Pemikan

sicher für manchen Magen zu schwer verdaulich, infolgedessen geht eine

Menge Nahrung durch den Ernährungskanal, ohne ausgenutzt zu werden.

Im ganzen muß es als absoluter Vorzug für eine arktische Expedition

betrachtet werden, daß die Nahrungsmittel so leicht verdaulich

wie möglich sind, man muß daher bestrebt sein, sich solche in so

ausgedehntem Maße wie möglich zu verschaffen. Der Nutzwerth der

verdaulichen Stoffe ist im Verhältniß zu ihrem Gewicht weit größer als

der von weniger leicht verdaulichen Stoffen.

Als Brot verwandten wir theils schwedisches „Knäkkebröd“, das sehr

leicht ist und den Vorzug hat, nicht trocken zu schmecken und dadurch

die Empfindung des Durstes zu erregen, theils Fleischkakes, die wir

extra in England bestellen mußten, und die außer Mehl noch einen

bestimmten Prozentsatz Fleischpulver enthalten. Diese Kakes sind

wohlschmeckend und zugleich sehr nahrhaft.

Als warmes Getränk, was zwar keine Nothwendigkeit, aber doch eine große

Annehmlichkeit ist, verwendeten wir des Morgens gewöhnlich Schokolade

und des Abends Erbsensuppe. Die Schokolade wurde selbstverständlich

nicht aus Fleischschokolade bereitet, die nur roh verzehrt wurde,

sondern ausschließlich aus Vanilleschokolade. Zur Erbsensuppe benutzten

wir die deutsche Erbswurst von +A. Schörke & Co.+ in Görlitz. Auch

Bohnenwurst und Linsenwurst benutzten wir. Diese Präparate enthalten

außer gemahlenen Erbsen, Bohnen oder Linsen auch Speck und Schinken.

Ich versuchte ein ähnliches Londoner Fabrikat, doch war es nicht wie

das deutsche mit Fett gemischt, was dies so wohlschmeckend für uns

machte.

Wir hatten ferner Kaffee und Thee mitgenommen, den ersteren in Form

von Kaffeeextrakt in einem Quantum von ungefähr 1½ Liter. Nachdem wir

uns desselben ein paarmal des Nachmittags und des Abends bedient und

die Erfahrung gemacht hatten, daß man sich allerdings sehr wohl und

neubelebt durch das Getränk fühlt, daß man aber die Nacht darauf desto

schlechter oder garnicht schläft,[10] so beschränkte ich den Gebrauch

des Kaffees auf einzelne Morgen, da er uns aber auch dann nicht

sonderlich bekam, so wurde er zum Schreck und Kummer der Lappen völlig

verbannt, bis wir in die Nähe der Westküste gekommen waren.

Thee ist nach meiner Erfahrung weit weniger schädlich als Kaffee,

+löscht außerdem den Durst+ bedeutend besser. Dünner Thee mit

kondensirter Milch und Zucker wurde daher häufiger verwendet, besonders

des Morgens, als unsere Schokolade verbraucht war.

Im ganzen geht meine Erfahrung völlig gegen den Gebrauch narkotischer

Genußmittel, sei es Kaffee, Thee, Tabak oder spirituöser Getränke.

Eine gesunde Lebensregel ist, daß man zu allen Zeiten so natürlich

und einfach wie möglich leben soll, vor allem aber gilt dies, wo es

sich um ein Leben mit starken Strapazen, besonders in einem kalten

Klima handelt. Glaubt man etwas zu erreichen, indem man Körper und

Seele durch künstliche Mittel stimulirt, so verräth man, meiner

Meinung nach, außer einer Unkenntniß der einfachsten physiologischen

Gesetze entweder einen Mangel an Erfahrung oder auch einen Mangel an

Fähigkeit, seine Erfahrungen auszunutzen. Es scheint doch so einfach

und selbstverständlich, daß man im Leben nichts erhält, ohne auf irgend

eine Weise dafür bezahlen zu müssen, und daß infolgedessen künstliche

Reizmittel, selbst wenn sie keine direkte schädliche Wirkung hätten,

was zweifelsohne der Fall ist, doch keinen andern Zweck haben als

ein zeitweiliges Aufflackern mit einer nachfolgenden Erschlaffung.

Künstliche Reizmittel, mit Ausnahme von Schokolade, die nahrhaft

und sanft stimulirend ist, führen dem Körper keine nennenswerthen

Nährstoffe zu, und was man für den Augenblick an Kräften auf Vorschuß

erhält, muß man im nächsten Moment mit entkräftender Erschlaffung

bezahlen. Von Einzelnen wird sicher der Einwand erhoben werden, daß

es Fälle giebt, wo es nur darauf ankommt, für einen kurzen Augenblick

Kräfte zu haben; hierauf muß ich jedoch erwidern, daß ich nicht

einsehen kann, auf welche Weise ein solcher Fall auf einer langen

Schlittenexpedition eintreten sollte, wo es sich im Gegentheil um eine

so regelmäßige und sichere Arbeit wie nur möglich handelt.

Dies Alles mag Vielen so selbstverständlich erscheinen, als bedürfe es

der Erwähnung nicht, trotzdem aber sieht man bis in die neuesten Zeiten

arktische Expeditionen, versehen mit großen Ladungen nicht allein

von Tabak, sondern auch von schädlichen Reizmitteln wie spirituösen

Getränken, ausziehen. Charakteristisch ist z. B. das Verzeichniß über

die Getränke, welche die zweite deutsche Nordpolexpedition (siehe den

Bericht derselben, Einleitung S. 44 und 46) auf den beiden Schiffen

„Germania“ und „Hansa“ mit sich führte. Es ist traurig, wenn diese

verkehrte Auffassungsweise solche Folgen nach sich zieht, wie dies bei

der +Greely+-Expedition, der letzten großen Tragödie in der arktischen

Entdeckungsgeschichte, der Fall war. Wenn man hier sieht, wie z. B. der

kühne Sergeant +Rice+, ausgehungert, todtmüde und erfroren, sich durch

ein Quantum Rum, dem er sogar noch Ammoniak, das Schlimmste, worauf

er verfallen konnte, zufügt, retten zu können glaubt und wie er dann

unmittelbar darauf in den Armen seines Freundes +Friedericks+ stirbt,

während sich dieser seiner Kleider bis auf das Hemd beraubt, um die

erstarrenden Glieder seines Freundes zu erwärmen, -- da kann man nicht

umhin, sich eigenartig durch den Gedanken berührt zu fühlen, daß so

viel Energie, so viel Muth und so viele edle Selbstaufopferung nutzlos

verschwendet werden soll. Ich will nicht einmal der unheimlichen

Bacchanale Erwähnung thun, welche die Theilnehmer jener Expedition

in diesen ungastlichen Gegenden, vom Tode umringt, veranstalteten.

Außer der erschlaffenden Wirkung, welche der Alkohol auf die Ausdauer

ausübt, indem er durch ein Herabsetzen der Körpertemperatur und eine

Verringerung der Verdauungsthätigkeit geradezu schädlich wirkt, -- so

schwächt er auch die Energie und die Unternehmungskraft, und zwar in

erhöhtem Maße, wenn die Leute, wie es auf der +Greely+-Expedition der

Fall war, ausgehungert und fast erfroren sind.

Was soll man aber sagen, wenn ein so erfahrener Polarreisender wie

+Julius Payer+ in seinem Buch über die österreichisch-ungarische

Nordpolexpedition (1872-74) sagt, daß eine tägliche geringe Ration

Rum auf einer längeren Schlittenreise, besonders bei sehr niedriger

Temperatur, fast unentbehrlich ist (s. S. 224), während doch Branntwein

gerade bei einer niedrigen Temperatur am schädlichsten wirkt und

bekanntlich eine Verringerung der Körperwärme statt eine Erhöhung

derselben hervorbringt. Freilich sind sehr viele Menschen in diesem

Irrthum befangen, weil sie nach dem Genuß von Branntwein fühlen, daß

er „inwendig erwärmt“, und weil sie nach einem guten Mittag mit vielen

starken Weinen warm werden.

Viele sind der Ansicht, daß man den Branntwein, selbst wenn man ihn

nicht zu den täglichen Rationen benutzt, doch mitnehmen sollte, um

ihn als Medizin zu verwenden. Ich würde dieser Auffassung beistimmen,

wenn man mir einen einzigen Fall nachweisen könnte, wo der Genuß

von Branntwein zweckmäßig ist, so lange dies aber nicht geschieht,

beharre ich bei meiner Ansicht, daß +selbst der Vorwand, Branntwein

mitzunehmen, an und für sich schon verwerflich ist+.

Es ist entschieden das Richtigste, den Alkohol als Getränk von den

arktischen Expeditionen völlig auszuschließen.[11]

Weniger schädlich als spirituöse Getränke auf den Expeditionen ist der

+Tabak+, aber auch er (sowohl der Rauch- wie der Kautabak) wirkt bei

starken Anstrengungen in hohem Grade schädlich, selbstverständlich

nicht am wenigsten auf Expeditionen, wo Speisen und Getränke

nicht allzu reichlich vorhanden sind. Er hat nicht allein einen

ungünstigen Einfluß auf das Verdauungssystem, sondern er erschlafft

auch die Körperkräfte und verringert die Nervenkraft, die Ausdauer

und Zähigkeit. Bei der völligen Ausschließung des Tabaks von den

Expeditionen muß indessen ein Umstand in Betracht gezogen werden,

der in Bezug auf den Alkohol wegfällt (da man wohl nicht in die

Verlegenheit kommt, Trinker mitzunehmen), -- nämlich der, daß die

meisten Menschen so an den Tabak gewöhnt sind, daß sie ein völliges

Entbehren desselben sehr schmerzlich empfinden würden. Aus diesem Grund

ist es gewiß nicht rathsam, einen allzu krassen Uebergang zu machen,

man soll lieber den Verbrauch des Tabaks successive vermindern. Auf der

anderen Seite aber soll man es auch vermeiden, allzu starke Raucher

oder Kauer mitzunehmen.

Vier von den Theilnehmern an unserer Expedition rauchten (der

alte Lappe +Ravna+ und ich selber waren Nichtraucher), aber unser

Tabaksvorrath war nur klein. Auf der Wanderung durch Grönland wurde nur

jeden Sonntag und außerdem bei feierlichen Veranlassungen eine Pfeife

geleistet.

Außer dem oben erwähnten Proviant führten wir mit uns: Butter, gedörrte

Scholle (Queite), die sehr fett ist und daher sehr geschätzt wurde, ein

wenig Schweizerkäse, ein wenig „Myseost“, zwei Dosen Haferkakes, einige

eingemachte Preißelbeeren, gedörrten Kerbel, ein wenig Fleischpepton,

eine ganze Anzahl von Dosen mit kondensirter Milch etc.

Außerdem erhielten wir als Geschenk von der Hermetischen Fabrik in

Stavanger eine ganze Reihe von Sachen, die mitgenommen wurden und uns

während unseres Lebens im Treibeise und in den Böten an Grönlands

Ostküste vorzüglich mundeten, und diesen extra hinzukommenden

Leckerbissen hatten wir es zu verdanken, daß unser Proviant, der, wie

aus meinem Plan (s. S. 10) ersichtlich ist, auf 2 Monate berechnet

war, doch für die 2½2 Monate ausreichte, die vergingen von dem

Augenblick an, als wir den „Jason“ verließen, bis zu dem Tage, wo

+Sverdrup+ und ich Godthaab erreichten, -- ja wir behielten sogar noch

etwas Proviant, besonders gedörrtes Fleisch, übrig, wovon Mehrere von

uns noch lange nachdem wir nach Godthaab gekommen waren, aßen. Selbst

in der Weihnachtszeit verzehrten wir noch gedörrtes Fleisch, das die

Reise über das Inlandseis gemacht hatte.

Als zu der Verproviantirung gehörig können auch zwei doppelläufige

Gewehre mit Munition genannt werden. Jedes Gewehr hatte einen

Büchsenlauf von 9 ~mm~ Durchmesser und einen Hagellauf (Kaliber 20).

Bei einem Kaliber von so geringer Dimension erzielt man, daß das

Gewicht der erforderlichen Munition bedeutend reduzirt wird, und ich

fand es völlig ausreichend, sowohl für Seehunde als für Seevögel.

Sie genügen in den Händen eines sicheren Schützen auch für die

Eisbärenjagd. Das Wichtigste ist hier wie überall das, was sich hinter

dem Kolben befindet.

Der Zweck dieser Gewehre war ein doppelter -- einmal wollten wir uns

vermittelst derselben Proviant an der Ostküste verschaffen, besonders

falls eine Ueberwinterung nothwendig sein sollte; aus dem Grunde

beabsichtigte ich auch eine Büchse mit Munition an der Ostküste zu

deponiren, -- ferner wollten wir uns auf diese Weise mit frischem

Proviant versehen, falls wir die Westküste erreichten, ohne gleich

Menschen zu treffen, denn wenn man nur die Küste, eine Büchse und etwas

Munition hat, so kann es nicht an Lebensmitteln fehlen.

An wissenschaftlichen Instrumenten führte die Expedition folgendes mit:

1 +Theodolit+, ein vorzügliches vom Instrumentenmacher +Olsen+ in

Kristiania angefertigtes Instrument. Es war jedoch ein wenig schwer

(es wog ungefähr 3,2 ~kg~) und hatte ein nicht viel leichteres Stativ,

dafür gab es aber ausgezeichnete Observationen, sowohl terrestrische

als astronomische. Für künftige Expeditionen möchte ich allerdings

empfehlen, sowohl dies Instrument, als auch andere aus Aluminium

anfertigen zu lassen. Das Gewicht würde sich dadurch bedeutend

verringern lassen.

1 +Sextanten+ mit künstlichem Horizont. Es war dies ein kleiner

Taschensextant von +Perken, Son & Rayment+ in London, ein feines

kleines Instrument, das uns vorzügliche Dienste leistete. Zum Horizont

verwendeten wir Quecksilber, -- um die Mittagsstunde war es niemals so

kalt, daß dies fror. Da Quecksilber sehr schwer ist, glaube ich, daß

z. B. Oel zweckmäßiger für den Horizont zu verwenden wäre.

1 +Peilscheibe+ mit drei Bussolen (Kompassen) zur Messung der

Abweichung, sowie zu trigonometrischen Messungen.

5 +Taschenkompasse+.

3 +Aneroidbarometer+ von +Perken, Son & Rayment+ in London.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band · 第 3 / 25 段