Die Jungen auf dem Dorfe kennen den Steinbaukasten und seine zwei bis

drei Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Sie kennen nur den Lehmhügel am

Bach und den Sandhaufen, die der Baulust keine Grenze setzen. Hier hat

es der Formsinn leicht. Brücken entstehen, Wälle, Befestigung, Minen,

Werke der augenblicklichen Eingebung, die im nächsten Augenblicke

wieder anderen weichen. Immer ist es kurzweilig und zweckvoll. Der

willige Baustoff fügt sich jeder Regung des Schaffenstriebes. Und

die ungestörte Phantasie bevölkert alle diese Bauten, die Gruben

und Löcher, mit spukhaften Geheimnissen. Es ist die Zeit, da das

Märchen zur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit zum Märchen. Das

Spielzeug verhält sich zu den Dingen des Alltags wie das Märchen

zur Wirklichkeit. In beiden ist die reale Welt vorgebildet, aber

zugleich auf die einfachsten, sinnfälligsten Elemente reduziert. Die

gemeine Logik reicht gar nicht aus, um diese Elemente zu würdigen.

Man müßte denn die Welt mit den Augen des Kindes ansehen, naiv,

voraussetzungslos sagen wir künstlerisch. In diesem Betrachte ist auch

das Spielzeug künstlerisches Neuland. Es erfordert einfach organisierte

Seelen, wie es der Toymaker Caleb Plummer und seine blinde Tochter

in Dickens »Heimchen am Herde« sind. Solche Seelen wissen, daß eine

Reihe von Sardinenbüchsen, mit einem Bindfaden zusammengehalten, dem

Volk der Kleinen eine bessere Illusion von einem Eisenbahnzug gibt,

als das technisch vollkommenste Modell. In unseren Straßen gehen

arme Slovaken herum mit billigem Spielzeug, das sie selbst aus Holz

schneiden, nach ihrer eigenen unverbildeten, kindlichen Anschauung.

Der blasierte Großstädter kann diesen Dingen keinen Reiz abgewinnen,

er sagt, »es ist nichts d’ran«. Es ist allerdings nichts d’ran, als

eine entzückende Naivität, eine überraschende Kindlichkeit, die uns

Großen abgeht. Die Kleinen haben wohl ein anderes Urteil darüber, und

wie mich dünkt, ein weit richtigeres. Nehmen wir ihnen doch nicht schon

von der Kinderstube an jene Kindlichkeit, die ihr gutes Recht ist,

ihre Kraft und Schönheit. Sie zu hüten und für das Leben zu bewahren,

ist ein wichtiger Teil der Erziehung. Und im Dienste dieser Erziehung

steht das Spielzeug. Ferdinand Andri hat den immerhin interessanten

Versuch gemacht, Spielzeugtypen grotesker Art zu schaffen, die an den

primitiven Charakter der besprochenen alten volkstümlichen Spielsachen

anknüpfen.

[Illustration: Bad von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Badezimmer von Arch. Karl Bräuer.]

[Illustration: Waschgeschirr von Frl. Jutta Sicka. Porzellanmanufaktur

Joseph Böck, Wien.]

Das Mädchenzimmer.

[Illustration: Kinderschlafzimmer von Arch. Leopold Bauer.]

[Illustration: Badezimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Kinderarbeitszimmer von Arch. Leopold Bauer.]

[Illustration: Mädchenzimmer-Ecke von Arch. Max Benirschke.]

Die Stellung der Frau im heutigen Leben ist ein Kampf, ihr Kampf

ist ein Suchen. Ihr Streben ist Gleichberechtigung mit dem Manne in

sozialen, beruflichen und politischen Dingen. Auf allen Gebieten

wetteifert sie mit ihm als ebenbürtige Genossin -- oder Rivalin. Das

spürt man schon im Mädchenzimmer. Die Nervositäten des Tages vibrieren

bis in die Stille des jungfräulichen Gemaches. Der Studiengang ist von

fast männlicher Strenge und Härte, auf den künftigen Struggle for life

vorbereitend. Und dennoch liegt über den Dingen ein milder Abglanz

weiblicher Grazie, die die Frau auch in den Härten des Berufes als

unschätzbares Gut bewahren will. Die Zwittererscheinungen des dritten

Geschlechts gehören einer kurzen Uebergangsperiode an und sind mit dem

Fluche der Lächerlichkeit beladen von der Bildfläche verbannt. Das

Mädchenzimmer vor fünfzig Jahren ist gegen das heutige eine friedvolle

Welt. Das war damals ein liebliches Hindämmern an Bändern und Kram,

bis der Großvater kam und die Großmutter nahm. Vielleicht gleicht

das heutige Mädchenzimmer dem damaligen sehr stark an äußerlichen

Stimmungselementen, aber innerlich ist es von ganz anderem Leben

erfüllt. Eine satte, lavendelschwere Luft lag in dem Raum, wo durch

weiße Gardinen der Tag hell herein schien, der Schreibtisch mit den

dicken zylindrischen Füßen barg Schleifen und Andenken, himmelblaue

Vergißmeinnichtlyrik auf antikisierenden Wunschkarten gedruckt, ein

Päckchen Briefe voll lispelnder Ach!, in steifer Schrift geschrieben,

abgestandene Parfums entsendend, wie ein altes leeres Flacon, und aus

dem spindeldürren Spinet entstiegen in dünnen gebrechlichen Tönen

Mozarts graziöse Menuetts, Schuberts kindlich fröhliche Weisen, während

durch die Straßen die sentimentalen Klänge zogen: »wann’s Mailüfterl

säuselt...« Die Lavendelstimmung ist heute auch aus dem Mädchenzimmer

entschwunden. Im Notenständer neben dem Klavier finden wir Richard

Wagner, Hugo Wolf, Richard Strauß, Schubert und Beethoven sind

geblieben. Auf dem Tische häufen sich Bücher, sogar Zeitschriften,

Maeterlincks »Leben der Bienen« liegt da; es liegt nicht nur da, es

wird auch gelesen. Was unter dem Titel »Mädchenliteratur« einstens

beliebtes Lesefutter war, ist nicht vorzufinden. Das Nähtischchen im

Fenster mit dem Strickkörbchen im Fuße ist ebenfalls verschwunden, es

ist samt der »Mädchenlekture« in der Rumpelkammer der Vergangenheit

begraben. Blumen stehen am Fenster, wie es auch einst war, Rosen im

Glas und, wenn es die Jahrzeit will, auch weiße Lilien. Das ganze

Gemach ist darauf gestimmt, eine Symphonie in Weiß. Das Bett steht

unsichtbar hinter den weißen Vorhängen, die vom Plafond heruntergehen

und tagsüber zugezogen sind. Weiße feine Vorhänge, seitlich zu öffnen,

verhüllen das Fenster, weiß sind Decke und Wände, durch die bandartig

ein Fries geht, und an den Wänden hängen, in schmalen, glatten Rahmen

Reproduktionen nach Burne Jones, trauernde Frauengestalten mit

keuschem Leib und sehnsüchtigen Blicken, »love in ruins« und andere

schmachtende Legenden, die der knospenhaft unerschlossenen Gestalten

präraffaelitischer Meister, die nun seit einigen Jahren modern sind.

Schmalhüftige hochgezogene Möbel stehen herum, fußfrei, so daß man

unten bis zur Wand blickt, was den Raum größer erscheinen läßt,

ein weiter Bücherschrank, zierliche Schränkchen und Stühle, ein

Toilettetisch mit fazettiertem Glas ohne Rahmen und mit Laden, die

Toiletteartikel darin zu versperren, im übrigen alles blitzblank und

sauber anzusehen, hie und da ein erlesenes Stück eigenen Kunstfleißes,

ein Tischläufer, eine Schutzdecke, sauber ausgenäht, mit modernem

Muster. Der Bodenbelag ist einfärbig ohne Dessin, oder fast ohne

solchen, graublau im Ton und die Möbel sind lackirt. Blau steht zu

weiß sehr schön. Dunkles Rot kann auch verwendet werden. Hellgelbes

Kirschholz ist von bezwingender Anmut. Ein solches Gemach wirkt schon

durch die Farbe wie ein Frühling. Stehen ein paar feine Gläser am

Schränkchen, einige kleine Kunstgegenstände gut verteilt, Vasen,

Porzellan aus Kopenhagen, blank und schimmernd, dann mutet es an wie

ein Festtag im Mai.

[Illustration: Mädchenzimmer von Arch. Alois Hollmann.]

[Illustration: Toilette von Arch. Karl Bräuer.]

Solcherart erscheint das Mädchenzimmer als ein Spiegel der

Persönlichkeit, die darin lebt.

Und nicht nur der Persönlichkeit, sondern auch ihrer Zeit. Was die

Ideale, Wünsche und Hoffnungen der Gegenwart sind, kann und soll man

ja auch an diesem Ort verspüren. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei,

wo die Mädchenerziehung kein anderes Ziel kannte, als unter die Haube

zu kommen. Nichtsdestoweniger ist es sehr erfreulich, wenn sich im

heutigen Mädchenzimmer auch ein Kochbuch vorfindet. Die genaue Kenntnis

des Hauswesens auf Grund eigener Betätigung ist auch für jede gebildete

Dame eine selbstverständliche Voraussetzung. Die Vorbereitung auf

irgend einen selbständigen Beruf und auf das Leben, das draußen harrt,

soll unter allen Umständen auch der Entwicklung häuslicher Tugenden

Raum gewähren. Was immer die Zukunft erheischen möge, das Leben dürfte

in diesen Raum nichts hereintragen, was irgendwie geschmackswidrig,

schmutzig und anstößig ist. Man muß nicht hausbacken und prüde sein,

aber man muß in allen Fällen auf _seelische Hygiene_ bedacht

sein, sowohl im Umgang mit Menschen, als mit Büchern und Dingen.

Im allgemeinen dürfte das Mädchenzimmer in allen Verhältnissen den

oben geschilderten Charakter empfangen, bald einfacher, bald reicher

ausgestattet, je nach den persönlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Seine besondere Prägung wird es natürlich von dem Geiste erhalten, der

darin haust. Die Wohnungspsychologie kann nicht leicht Fehlschlüsse

ziehen. Man wird es auf den ersten Blick erkennen, ob die Inwohnerin

Kunstgewerblerin, Beamtin oder Studentin ist. Die Individualität soll

ja in den Dingen der Häuslichkeit am stärksten sprechen. Reinheit und

Nettigkeit machen hier, wie überall den Hauptschmuck aus. Die Grazien

werden sicherlich auch das Gemach erfüllen, wenn sie die Inwohnerin mit

ihren Gaben beglückt haben, was natürlich nicht zu bezweifeln ist. Wenn

auch die junge Dame ein angehendes »Fräulein Doktor« ist, braucht ihre

Stube nicht auszusehen wie eine Studentenbude. Es ist eine bedenkliche

Atmosphäre, wo Parfum mit Zigarettenqualm vermischt ist.

[Illustration: Mädchenzimmer von Arch. Maurice Herrgesell.]

Blumen am Fenster.

Die Hausgärten sind aus unserer Stadt ziemlich verschwunden. Der

Utilitarismus der Bauunternehmer hat nicht bedacht, daß die Naturfreude

mit zu den täglichen Lebensbedürfnissen der Stadtmenschen zählt. In

dem Maße aber, als Garten und Feld zurückwichen und die Natur den

ungastlichen Mauern entfloh, erwuchs in der Trostlosigkeit dieser

Steinwüste eine seltsame, bleiche Stubenpflanze, die Natursehnsucht,

die recht eigentlich ein Großstadtprodukt ist. Und zugleich ein

wichtiger Faktor der Kultur. Wie tief diese Sehnsucht wurzelt, kann

man an Sonn- und Feiertagen sehen, wenn die Menge »aus der Straßen

quetschender Enge« ins Freie drängt, wenn sie an Waldungen und

Feldrainen Blumen errafft, um sie in die traurigen Stuben zu stellen,

wo sie sterbend noch einen Abglanz von Sonnenfreude und Sommerlust

verbreiten. Wenn es irgend ein Vollkommenes gibt, so ist es gewiß das

schöne, stille Sein der Pflanze und die Reinheit ihres Lebens. Und was

die Menschen für das Feinste ansehen, ist ihre Schönheit und ihr Duft.

Sie wirkt mit der Kraft eines Symbols. Ein einziger Zweig ins Zimmer

gebracht, und ein ganzer Frühling ist zu Gast!

[Illustration: Kassette von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Rauchtisch von Architekt Max Benirschke.]

[Illustration: Blumenständer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]

Die unklare Natursehnsucht des Städters gibt einen klaren

Fingerzeig. Etwas sehr wertvolles liegt darin, vielleicht ein neuer

Zivilisationsfaktor, den man nur zu organisieren braucht. Anfänge

sind vorhanden, um in die naturverlassene Stadt wieder die Gärten

einzuführen. Jedermann in der Stadt kann seinen Garten vor dem Fenster

haben. Einen winzigen allerdings, aber ein Gärtchen immerhin. Einen

Meter lang, ein Drittel breit, nicht größer als es das Fenstergesimse

erlaubt, und die grün oder weiß gestrichene Einfassung, die dort

aufzustellen ist. Für wenig Geld liefert der Markt die schönsten

Blumen, und zwar je stärker die Nachfrage, desto billiger. Die Sache

hat auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein wichtiger Zweig der

Landwirtschaft käme ins Aufblühen, die Blumenzucht. Man bedenke, was

die Blumenkultur in Holland und in Frankreich wirtschaftlich bedeutet.

Keine Stadt hat größeren Blumenbedarf als Paris und nirgends sind die

Blumen billiger. Die Blumenmärkte von Paris sind eine Sehenswürdigkeit.

Bei uns ist kaum noch der Sinn dafür aufgegangen, welche reiche Quelle

von Freuden ein solches Blumenbrett ist, ein gut bestandenes und

schön gepflegtes, natürlich. Wenn aus dem Gesimse eine Blumenwildnis

hervorblüht, die duftet und leuchtet in den prangendsten Farben, ist

die Stube mit einemmal verwandelt. Die freundlichen Hausgötter der

Traulichkeit und Wohnlichkeit sind plötzlich eingekehrt und walten mit

Zaubermacht, mag auch der Hausrat noch so ärmlich sein. Es ist nicht

nur eine liebliche Augenweide, o, noch viel mehr! Öffnet man am Morgen

das Fenster, dann wälzt der Lufthauch ganze Wolken von Wolgerüchen

herein, die das Gemach erfüllen. Und welche Labsal ist es, abends

hinter diesem Hausgarten zu sitzen! Eine Fülle von Segen strömt vom

Fenster her in die Stube und in das Herz der Inwohner und hilft wol

irgend ein Gutes im Leben zu fördern. Diese Blumenwildnis vor dem

Fenster ist zwar kein vollkommener Garten, nicht einmal eine Laube,

wie man sie einst hatte, aber sie ist etwas, was unter Umständen noch

viel mehr sein kann, weil sich ein persönliches damit verbindet. Denn

die Liebe, die auf dem Grunde eines jeden guten Werkes ist, muss sich

auch hier betätigen. Wer hier nicht säet, wird auch nicht ernten.

Die Blumen am Fenster gedeihen nicht ohne aufmerksame Pflege. Das

verursacht zwar eine kleine Mühe morgens und abends, aber was tut’s?

Kann man denn etwas lieben, um was man sich gar nicht zu bemühen

braucht? Zumindest ist hier die Mühe eine Freude, die man nicht dem

Dienstmädchen überlassen soll. Der bloße Pflichtbegriff ist giftiger

Mehltau für die Blumenpracht am Fenster. So etwas merkt man gleich.

Nein, die Blumenpflege gehört der Dame des Hauses zu. Dann wird das

Blumenbörtel zum Symbol, wo jede Pflanze von der Sorgfalt und Liebe der

gewiss liebenswerten Gärtnerin erzählt. Oft kommt man an einem Hause

vorbei, wo an einem der Fenster Hortensien stehen und Nelken und Rosen,

Pelargonien und brennende Liebe und je nach der Jahreszeit manche

andere schöne Pflanze. Die schönen weißen Hände, die sichtbar werden,

um mit so viel Liebe den Blumenstand am Fenster zu pflegen, zur eigenen

Herzenslust und zur stillen dankbaren Freude des Vorübergehenden,

geben ein sehr edles Beispiel. Eine neue Schönheit zieht in unsere

Straßen ein. Da und dort bricht aus den Gesimsen eine solche blühende

und duftende Blumenwildnis hervor. Und nun denke man sich diesen

Blumenreichtum über alle Fenster, an allen Häuserreihen, bis ins

höchste Stockwerk verbreitet: er müsste die Stadt in einen reizenden

Garten verwandeln. Es müsste ein Segen sein fürs Auge und fürs Herz und

auch für die Gesundheit. Die lebt ja bekanntlich vom Schönen, ebenso

wie das Gute.

[Illustration: Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.]

[Illustration: Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.]

[Illustration: Blumenkübel. Prag-Rudniker Korbfabrikation.]

[Illustration: SALONKASTEN UND DIE DAZUGEHÖRIGE EINLEGEARBEITEN.

Arch. Max Benirschke.]

Aber nicht nur nach außen hin würde der Wandel eintreten, sondern

auch nach innen. Eine Revolution hat die Blume in den Wohnungen

hervorgebracht. Der Fall ist typisch: Ist in irgend einem Hause

die Blumenfreude intensiv geworden, dann spürt man die Woltat der

Blumenherrschaft in allen Räumen. Die schweren Stoffgardinen, welche

die vordem so beliebte Rembrandt’sche clair-obscur-Stimmung erzeugen

sollten, werden entfernt. Luft und Licht strömen nun in vollen

Fluten herein. Nun zeigt es sich auf einmal, welch’ ein lichtscheues

Gesindel von Nippes und lächerlichem Aufputz die Wohnung verunstaltete,

vom Makart-Bouquet angefangen bis zu den japanischen Schirmen und

Photographieständern, wie viel unkontrollierbare Staubwinkel allen

Wänden und Möbeln entlang vorhanden sind. Die Umwälzungen, die von

der stillen selbstgenügsamen Blume ausgehen, füllen ein lustiges

Kapitel. Wir wollen uns einmal flüchtig daran erinnern, daß unsere

Großeltern eine solche feine Kultur besaßen, zu der wir jetzt erst

wieder den Anfang machen. Treten wir in die Tür unserer Großväter,

dann finden wir ein helles Gemach mit weißen Gardinen, einfarbigen

oder weißen Wänden, hellgelbe Kirschholzmöbeln, und als Herrscherin

und Hüterin dieser einladenden, traulichen Stimmung die Blumen, unsere

heimatlichen Bauernblumen in weißen Töpfen, lieblich anzuschauen. In

der Blumenliebe liegt etwas sehr Edles. Der Anfang von Kunst liegt

in ihr. Was die Blumenpflege für die Kultur bedeutet, mag man in der

ausgezeichneten Schrift »Makartbouquet und Blumenstrauß« von Alfred

Lichtwark nachlesen. Von den Blumen der Heimat muß man ausgehen, sie

passen zu unserem Dasein. Wir finden sie in den beliebten Blumenstücken

der früheren Zeit, in den Vorgärten der alten Landhäuser und in den

Bauerngärten. Nur die Modesucht hat sie verachtet. Darum sollen sie zu

Ehren gebracht werden.

Blumenkörbe.

[Illustration: SALONKASTEN UND DIE DAZUGEHÖRIGE TREIBARBEIT

Arch. Max Benirschke.]

Das wissen alle Hausfrauen ganz gut, daß die reichlich verwendeten

Blumenkörbe fast immer absolut geschmacklos und unpraktisch waren. Daß

Niemand in seinem Hause einen praktischen und ästhetisch befriedigenden

Blumenkorb aufweisen konnte, hatte einen ganz einfachen Grund. Es gab

keinen also beschaffenen Blumenkorb. Was bislang für geschmackvoll

galt, war ein Blumenkorb mit einem aus imitiertem Astwerk gefertigten

Gestelle, womöglich braun gestrichen oder gar bronziert oder sie

waren geflochten und hatten Voluten und andere stilvolle Ornamente

aus Weidenruten und Flechtwerk aufgesetzt, die als wahre Staubfänger

in kurzer Zeit ein scheußliches Aussehen bekamen und ob ihrer

augenscheinlichen Zwecklosigkeit in das Gebiet des lächerlichsten

Unfugs gehören. Künstler und Kunstgewerbler haben sich in letzter Zeit

mit den Formen des Blumenkorbes befaßt. Soweit diese Lösungen bekannt

geworden und in den Handel gekommen sind, läßt sich ein bedeutender

Schritt zur Zweckmäßigkeit und wohltuenden Einfachheit konstatieren.

Formen sind im Handel, die aus Pfefferrohr und Flechtwerk hergestellt,

die Ansprüche des guten Geschmackes wohl erfüllen. Aber es liegt

immerhin noch ein weites Feld für die Erfindung schöner und praktischer

Formen, sowie für die Anwendung geschmackvoller Farben offen. Der

große Anreger auf kunstgewerblichem Gebiete, Alfred Lichtwark, erzählt

in seinem Buche »Blumenkultur« (das jedermann lesen sollte, ebenso wie

alle seine anderen Schriften), daß ihm berichtet wurde, in Hamburg

hätte man früher statt der Blumentöpfe vor jeden Fensterflügel einen

langen, eckigen Korb gestellt, als Hülle für vier oder fünf Töpfe.

Diese Körbe wären innen und außen gestrichen gewesen. Gesehen hat er

sie nicht mehr.

[Illustration: Zusammenlegbares Buffet einer Offizierswohnung v. Arch.

Exler.]

Diese Einrichtung ist schön und praktisch und Lichtwark knüpft daran

die Erörterung der Farbe. »Es ist nichts im Wege, daß man neben dem

Grün auch Weiß -- was sehr günstig ist -- und unter Umständen auch Rot

verwendet oder Weiß mit grünen, Grün oder Rot mit weißen Querstreifen.

Auch Blau, Purpur, Orange und Gelb sind denkbar, aber schwieriger zu

verwenden, sobald man es mit mehr als einer Blume zu tun hat. Für

größere alleinstehende Zimmerpflanzen sind Topfhüllen in Gestalt schön

bewegter und geschmackvoll gefärbter runder Körbe -- Korbvasen --

ausgezeichnet zu verwenden. Sie sehen gut aus und haben den Vorzug,

nicht zu zerbrechen«.

Die Offizierswohnung.

Die Frau des Offiziers beginnt heute einzusehen, daß es für ihre

Wohnung nichts unpraktischeres geben kann, als den billigen Prunk und

lächerlichen Zierrat, der in den durchschnittlichen Stadtwohnungen

einen täuschenden Schein von Luxus und Eleganz erwecken soll. Der

Begriff: standesgemäß, für den militärischen Beruf bindender, als für

jeden anderen, hat in Bezug auf die Offizierswohnung eine seltsame

Umwertung durch das Beispiel jener bürgerlichen Wohnungen erfahren, die

von einer gedankenlosen marktlichen Massenfabrikation beherrscht, einen

nicht mehr zu unterbietenden Tiefstand des Geschmackes bezeichnen.

[Illustration: Offizierswohnung von Arch. Alois Hollmann.]

Standesgemäß, das sollte ursprünglich wohl heißen zweckgemäß, lebt

heute nur der ledige Offizier. Er hat die typische Offizierswohnung

ausgebildet, die in ihrer Einfachheit und Mobilität auf das Zelt

zurückweist. Da steht sein eisernes Bett, ein Bücherbrett, ein paar

Feldstühle, ein großer zusammenklappbarer Tisch, darauf er bequem

Pläne, Skizzen, Bücher und Schreibzeug ausbreiten kann. Ordnung und

Nettigkeit geben dem Raum den einzigen, aber auch wirksamsten Schmuck.

Sobald der Offizier verheiratet ist, verliert seine häusliche Umgebung

in der Regel ihren typischen Charakter. Die Frau des Hauses, welche in

der Wohnungsfrage zu entscheiden hat, hält sich an das Beispiel, das

die Masse gibt. Sie richtet die Wohnung so ein, wie sie Geschäftsleute

und Beamte haben, die nie oder nur selten in die Lage kommen, ihren

Wohnsitz zu wechseln. Dann sieht man an den Möbeln jene schleuderhaften

Schmuckformen, deren Daseinszweck nur darin besteht, die unsolide Mache

zu verkleiden und ein Übermaß täglicher Reinigungsarbeit zu verursachen.

Man kann sich leicht die Verwirrung vorstellen, wenn die Notwendigkeit

eines Garnisonswechsels eintritt, auf den der aktive Offizier gefaßt

sein muß. Trotz der ungeheuren Verpackungsmühen und der erforderlichen

unverhältnismäßig großen Anzahl von Transportwägen, welche die

Transferierungskosten enorm erhöhen, ist das Mobilar, das einer

solchen Inanspruchnahme nicht gewachsen ist, schweren Beschädigungen

unterworfen.

[Illustration: SPEISE ZIMMER

Offizierswohnung von Arch. Alois Hollmann.]

Man mußte sich erst über alle Unzulänglichkeiten klar werden, um

wieder die Möglichkeiten einer standesmäßigen, das heißt, zweckmäßigen

Offizierswohnung auf Grund einer klaren Erkenntnis der Bedürfnisse zu

finden.

Das praktische Möbel ist selten teuerer, meistens sogar billiger,

als die schleuderhaft und gedankenlos fabrizierte Marktware. Raum,

Zeitersparnis und Bequemlichkeit muß die Möbelkonstruktion für die

Offizierswohnung gewähren, vor allem die Möglichkeit kompendiös zu

packen, so daß vier Zimmer in einem Transportwagen ohne die Gefahr der

Beschädigung gut untergebracht werden können. Zusammenlegbarkeit nach

Art der amerikanischen Missionärmöbel oder der einfache Kofferstil

werden in diesen Fällen zu den besten Lösungen führen. Auf Schmuck

kommt es beim praktischen Möbel nicht an. Er ist auch keine Bedingung

der Schönheit.

Schönheit entsteht hier nicht durch die äußerliche Zutat von

Schmuckformen, sondern kann im Wesentlichen nur aus der Zweckmäßigkeit

entwickelt werden. Auch die übrige Dekoration des Zimmers mit Vasen

und Kleinplastik müßte sehr zurückhaltend, aber so gediegen als

möglich sein. Was nicht den prüfenden Blick aushalten kann, hat keine

Berechtigung im Raum zu existieren. An Stelle der Schmuckform würde die

edle, feinempfundene Farbe treten. Diese einfachen, geradlinigen und

augenscheinlich gediegenen und praktischen Möbel würden, koloristisch

behandelt, im Verein mit weißen, waschbaren Gardinen und einigen

Blumen am Fenster in jedem Raum, der nur weiße, kalkgeputzte Wände

hat, die traulichste Stimmung erzeugen und zugleich ein Beweis für den

höheren Geschmack der Offiziersfrau sein, die ein auf den besonderen

Berufserfordernissen beruhendes Studium der Möglichkeiten nicht

gescheut hat. Von einem modernen Architekten, den sie etwa zu Rate

gezogen, unterstützt oder im persönlichen Kontakt mit dem Handwerker,

dem sie Angaben macht und dessen Arbeiten sie wachsam verfolgt, müßte

sie zu einer Einrichtung gelangen, von der man nicht behaupten dürfte,

daß sie paßt, wie schlechtsitzende Kleider. Sie würde ebenso wie bei

den Kleidern auch das Maß der Stühle und Tische bis auf den Millimeter

durchprobieren und den Bedürfnissen des Körpers anpassen lassen. Der

gute Stuhl in ihrem Hause müßte alle Bequemlichkeiten bieten und

den darauf Sitzenden dennoch elegant erscheinen lassen. Querleisten

zwischen den Beinen würde man an diesen Stühlen nicht finden, weil

sie überflüssig und unpraktisch sind. Denn erstens will man die Füße

unter den Stuhl bequem einziehen können und dann kommen Sporen mit den

Querleisten leicht in Kollision. Überall würde darauf geachtet sein,

daß nicht mehr Material zur Verwendung kommt, als unbedingt nötig ist,

um den Formen keine unnötige Schwere zu geben.

[Illustration: SCHLAF Z.

Offizierswohnung von Arch. Alois Hollmann.]

Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung · 第 7 / 8 段