Bei dieser Sachlage ist es wichtig, daß die allgemeine Aufmerksamkeit

auf den schlechten Zustand der sehr schlechten Schlafzimmer gelenkt

wird, welcher heute in 99 von 100 Fällen vorkommt. In den meisten

Schlafzimmern findet man weit weniger Kunst, als in der roh zubehauenen

Holzhütte eines Südsee-Insulaners. Es ist seltsam, daß wir nach

Jahrhunderten des Fortschritts in anderen Dingen ein so geschmackloses

und achtloses Volk geblieben sind in Bezug auf die Dinge, die unserem

persönlichsten Gebrauch dienen.

Was soll ein Schlafzimmer sein? Ein paar praktische Betrachtungen

werden die Besonderheiten klarlegen.

1. Man kann annehmen, daß der Raum, der einem zur Verfügung steht,

klein ist, wie in den meisten Schlafzimmern. Man wird daher mit den

Dimensionen das Möglichste tun, um den Eindruck von Geräumigkeit und

Luftigkeit hervorzubringen. Der Raum soll nicht nur angenehm sein für

den Schlafenden, sondern auch für das Erwachen.

[Illustration: Herrenzimmer (Arbeitszimmer) von Arch. Petru Balan.]

2. Ein Schlafzimmer ist nicht nur ein Raum um darin zu schlafen,

sondern auch ein Raum, in welchem eine kranke Person für Wochen, ja

Monate liegen kann, und deshalb soll sich nichts Übertriebenes in der

Ausstattung vorfinden, nichts das sich dem Auge mit ermüdender und

langweiliger Beharrlichkeit aufdrängt. Aus demselben Grunde ist es

gut, das Bett so zu stellen, daß die kranke Person auf das Winterfeuer

im Kamin blicken kann und angeregt und erfreut wird von seinem

lustigen und hellen Flackern. Man mag vielleicht lächeln über diese

Kleinigkeiten, aber sie sind sehr wichtig.

[Illustration: Bureau von Arch. M. Herrgesell.]

3. Die bisherigen Betrachtungen haben rasch über die Grundzüge

des Entwurfes belehrt. Die Notwendigkeit, die man fühlt, das

Zimmer weiter, geräumiger und luftiger erscheinen zu lassen als es

wirklich ist, führt mit der Logik des gesunden Menschenverstandes zu

verschiedenen praktischen Lösungen. Man entscheidet sich zum Beispiel,

keine gemusterte Tapete zu nehmen. Wenn eine Wand über und über

gemustert ist, so lockt sie von allen Standpunkten die Aufmerksamkeit

auf sich, sie scheint sich dem Auge dadurch näher zu bringen und dem

Raum einiges von seiner Länge und Breite zu rauben. Man entscheidet

sich auch dafür, daß die Einrichtung nicht mehr Raum einnehmen darf,

als unbedingt erforderlich ist; daher muß die handwerkliche Leistung

die höchsten konstruktiven Vorzüge aufweisen, damit man den höchsten

Grad von Annehmlichkeit und Zweckmäßigkeit mit dem geringsten Aufwand

von Holz erreicht. Nachdem das Zimmer ein Schlafzimmer ist, hat man

ganz recht, das Bett als das wichtigste Möbelstück zu betrachten, und

es aus Holz herzustellen, teils weil gut gearbeitetes Holz so schön

und ruhig harmonisch wirkt, teils weil Messingbetten nicht immer

mit den Farben übereinstimmen, welche man im Auge hat, und endlich,

weil sich Metall zu frostig anfühlt. Das Bett wird nicht so niedrig

sein, daß sich die Magd versucht fühlen könnte, die Reinigung des

Fußbodens darunter zu vernachlässigen, noch wird es so hoch sein, daß

der Raum zwischen Matratze und Fußboden als Speicher für Schachteln

und für Staubansammlung geeignet erscheint. Wenn man zum Schluß das

Schlafzimmer als Krankenzimmer auffassen will, ist der Grundsatz

der Wohnlichkeit unerläßlich, ebenso eine ruhige Heiterkeit in der

Farbengebung.

[Illustration: Bureau der österr. Bedburger Linkrusta Werke Alfred

Hoffmann, von Architekt Max Benirschke.]

4. Man wird vielleicht Bilder in diesem Schlafzimmer anbringen wollen.

Man hänge keine goldenen Rahmen auf den Grund der Tapete, sondern

treffe eine solche Anordnung, daß die Malerei einen tektonischen Teil

der Wand selbst bildet. In andern Worten, man wähle einen Fries oder

ähnliche andere dekorative Malereien, die man seinem Urteile nach für

gut findet. Das Werk muß einigermaßen mehr sein als interessant; es muß

beitragen zur frischen und ursprünglichen Farbengebung, die man als

passend für ein Schlafzimmer findet, und man führt sie daher so durch,

daß die Malerei nicht aus der Mauer hervorspringt, sondern flächig

wirkt, und im ganzen eine ebenso wirkungsvolle als bescheidene Rolle

spielt.

[Illustration: Briefkassette von Architekt Otto Prutscher.]

5. Welches Holz soll man verwenden? Es ist klar, daß die dekorative

Verwendung von Materialien zwingt, streng und einfach zu sein; aber

der Strenge des Stils kann durch eine glückliche Wahl des Holzes

entgegen gewirkt werden. Nußholz würde zu schwer im Ton sein und Eiche

zu steif und unbiegsam in Substanz und Masse. Was man braucht, ist ein

leichteres Holz, freundlicher von Aussehen, und so scheint es nach

mancher Überlegung und manchen Versuchen empfehlenswert, Zuflucht zu

Kirschholz zu nehmen. Es hat eine schöne Textur, der Ton ist hell,

warm, freundlich und es hat auch eine Art von häuslicher Eleganz. Von

ebenso glücklicher Wirkung sind weißlackierte Möbel. Zu ihrem Lobe kann

nicht genug gesagt werden. Und wenn nun das Werk vollendet ist und die

Morgensonne in das Zimmer tritt, so wird man das Zimmer heimlich und

traut finden, als einen freundlichen Raum, sich darin anzukleiden und

dem Tag einen guten Anfang zu geben.

Glücklicherweise gewinnt diese gesunde Auffassung wieder Raum. Man

fühlt sich wieder, die Persönlichkeit wächst. Man hat persönliche

Bedürfnisse. Das Schlafzimmer braucht kein Thronsaal zu sein, auch kein

Tempel. Aber luftig soll es sein. Wir sind alle Fanatiker der Hygiene

geworden. Mit Luft, Licht, Sauberkeit und Einfachheit bestreiten wir

unsere Interieurstimmungen. Und siehe da, es wirkt ganz famos. Was

dem Körper zugute kommt, gibt auch der Seele Nahrung. Wenn wir auch

zum guten Glück auf das Ornament verzichtet haben, so gibt es für den

künstlerischen Geschmack doch noch sehr viel zu tun. Vielleicht mehr

als früher. Denn das Einfache, das ist doch das Allerkomplizierteste.

Die Anordnung der Massen, die Gliederung des Raumes, die Behandlung

der Farbe, die zwecklich formale Erfüllung der Bedürfnisse, das sind

Dinge, in denen sich das Persönliche klar ausspricht. Ist Harmonie in

der Persönlichkeit, dann wird sie auch im Raum sein. Und, das ist das

Allerwichtigste, der Einzelne, der angefangen hat nachzudenken, muß mit

seinem Tischler, mit seinem Architekten arbeiten, wenn er das Seine

haben will.

[Illustration: Herrenzimmer aus Wiener Kunst im Hause.]

Auf Licht und Luft also kommt es an. Man wird sich daher helle Farben

wünschen, die Wände ganz licht, die Betten und Schränke in hellgelbem

Kirschholz, oder weiß lackiert, oder in unverhüllter Naturfarbe, wobei

man die Flächen durch Einsetzen anders färbiger Holzstücke beleben

kann. Sonst hat man gerne eine Ottomane dem Bette am Fußende vorgelegt,

ja mit diesem auch in einem konstruktiv verbunden. Hat man einen

besonderen Toilettenraum, dann brauchen Wäsche- und Kleiderschränke

nicht im Schlafraume stehen. Die Einrichtung der modernen Schränke

dieser Art ist für den Inhalt genau ausgemessen. Der Hängeraum muß so

hoch sein, um die Röcke gut aufnehmen zu können. Oberhalb derselben im

Inneren befindet sich häufig auch ein Brett für die Hüte. Die Hosen und

Westen werden in die breiten Laden gelegt. Eine Lade für das Schuhwerk

befindet sich zu unterst. Kleinere separate Laden und Fächer sind da

für Spitzen, Bänder, Kravatten, Handschuhe, Krägen, Manschetten etc.

Für die Schmutzwäsche gibt es einen truhenähnlichen Behälter, der im

Vorzimmer steht und häufig als Sitzgelegenheit ausgenützt ist, mit

einem Deckel oben zur Aufnahme der Schmutzwäsche und der von unten

aufklappbaren Vorderseite zur Herausnahme derselben; alles versperrbar,

natürlich.

[Illustration: Bett von Prof. Kolo Moser.]

Das Nachtkästchen gibt ebenfalls Möglichkeiten zu neuen sinngemäßen

Lösungen. Man kann einen kleinen, glasschrankartigen Aufsatz damit

verbinden, der die Hausapotheke aufzunehmen hat. Leichte, helle

Vorhänge, seitlich aufzuziehen, schützen das Gemach gegen Blicke von

außen her, sperren aber nicht das Licht aus. Vor dem Fenster steht die

Toilette: ein vertikaler Spiegel mit zwei im Winkel stehenden Flügeln,

ein Gesimse davor, und links und rechts vom Sitz kleine Laden für die

gesammte Kosmetik. Das alles ist sehr zierlich, sehr einfach, sehr

elegant.

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.]

Das Bad ist in unmittelbarer Nähe des Schlafzimmers zu halten. Jede

bessere Stadtwohnung hat ihr Badezimmer. Ein regelrechtes Bad,

mit seinen weißen glänzenden Kacheln, der vertieften Wanne, den

blankgeputzten Hähnen in der Marmorverschalung, den glänzenden

Apparaten, den technisch vorzüglich eingerichteten Waschtischen sieht

immer einladend aus. Im Schlafzimmer kann man sodann den Waschtisch

entbehren. Gerade was die Badeeinrichtung angeht, so haben wir eine

unbescholtene Vergangenheit. In den glanzvollen Zeiten des Hausrats

von der Gothik bis zum Rokoko ist keine Rede von Badeeinrichtungen.

Die »Kunst« befasste sich nicht damit, es blieb eine rein technische

Angelegenheit der neueren Zeit, darum haben wir es heute in vollkommen

von Stilarchitekturen unbeirrten, praktischen Formen vorgefunden.

Nur römische Vorbilder existieren und die sind sicherlich auch

mustergiltig. Früher war man weniger heikel in dieser Hinsicht. Heute

ist das Bad tägliches Bedürfnis für einen Menschen, der reine Wäsche

trägt.

[Illustration: Bett von Arch. Hans Stubner.]

Man sieht, ein vollkommener Wandel in der bürgerlichen Wohnung ist

im Zuge. Die Nutzräume treten wieder in den Vordergrund. Gesund zu

schlafen ist eine Vorbedingung des persönlichen Wohlseins. Man wird

wieder den geeignetesten Raum als Schlafzimmer einrichten, und die

anderen Räume in zweiter Linie und nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit

bedenken. Bei diesen anderen Räumen aber ist Einschränkung am Platze.

Man muß keinen Salon haben; man kann das Wohnzimmer als solchen

benützen oder man kann das Wohnzimmer mit dem Speisezimmer verquicken,

den Salon mit dem Arbeitszimmer, was gewiß das allerrichtigste ist,

oder es kann auch, wenn es nicht anders geht, ein Raum für drei dienen,

Wohnzimmer, Salon und Speisezimmer in einem sein. Das Schlafgemach

muß hingegen ungeteilt bleiben, den Fremden verschlossen, der Ort

der Ruhe und der Träume. Der wahre Kulturgrad zeigt sich in seiner

Beschaffenheit.

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Hans Stubner.]

Das Kinderzimmer.

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Hans Stubner.]

Ein Zimmer kenne ich, das eitel Freude ist. Kunst im vornehmen Sinne

hat wenig dort zu schaffen, aber das ist ganz recht. Die Kinder, denen

dieser Raum zum Aufenthalt dient, brauchen nicht zu fürchten, irgend

einen kostbaren Gegenstand zu beschädigen. Nichts hemmt die Freiheit

ihrer Bewegung. Sie müssen sich nicht benehmen, wie jene biblischen

vierzig Kinder, die sich samt und sonders betrugen wie eines, sondern

hier darf sich jedes Kind betragen, wie vierzig. Und das ist gut. Luft,

Licht und Freiheit muß das Kinderzimmer gewähren. Entweder die kleine

Schar tollt im Raum umher und erfüllt ihn mit fröhlichem Lärm, oder sie

hocken still zusammen, betrachten die kindlich einfachen Darstellungen

an dem herumlaufenden Wandfries, wo allerlei Tiere dargestellt sind, in

jenen primitiven flächig behandelten Formen, die der rege schaffenden

Phantasie der Kleinen noch genug freien Spielraum zur Selbstbetätigung

geben. Diese Bilder, ebenso wie das Spielzeug, das auf ähnliche

Weise primitiv und der kindlichen Anschauungsweise angemessen sein

muß, wollen die Sinne erziehen und vor allem das Auge. Darum ist im

Kinderzimmer die Farbe von so großer Wichtigkeit. Gottfried Keller’s

Wort gilt: »Die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit des Auges«.

Dazu gehört, daß man alles Häßliche, Verlogene und Imitierte aus der

Kinderstube fern hält. Eine Mutter stellte die Frage, wann sie mit

der Erziehung ihres vier Jahre alten Kindes beginnen sollte. Sie ist

aber nicht die Einzige, die es nicht weiß, daß mit der Erziehung des

Kindes vom ersten Schrei an, den es in der Welt tut, begonnen wird, und

daß die Umgebung, die Kinderstube, auf rein sachliche Art erziehlich

wirken muß. Die Erziehung der Farbenfreude beginnt hier, damit das Auge

einmal der getreue Hüter und Wächter des Paradieses der farbenvollen

Weltherrlichkeit werde, an dem die Meisten wie Ausgestoßene blind

vorübergehen. Darum wird es gut sein, im Kinderzimmer, dessen Wände

im einfachen Farbenton und sehr hell gehalten sein müssen, farbige

Wandbilder aufzuhängen, die in Rahmen zum Auswechseln angebracht sind,

damit man den Kindern von Zeit zu Zeit etwas Neues bieten und den

Kreis ihrer Anschauungen erweitern kann. Der schönste Märchen- und

Tierfries, der an die Wand gemalt ist, wird auf die Dauer langweilig

und die geheime Wirkungskraft, so groß sie auch Anfangs immer sein

mag, versagt schließlich ganz. Auf die Wandbilder, die im Verlage von

Teubner und Voigtländer, Dresden, Leipzig, erschienen sind, sei bei

dieser Gelegenheit empfehlend hingewiesen. Die Unternehmung bringt

farbige Original-Steinzeichnungen von hervorragenden Künstlern zu

wohlfeilen Preisen auf den Markt und man kann ihnen das Zeugnis eines

vortrefflichen, volkstümlichen Erziehungsmittels ausstellen. Die

Heimatkunde, die Sage, das Märchen, das Tierleben, Bilder aus Dorf und

Stadt bringen sie in gelungener Weise zur Anschauung und geben dem

kindlichen Gemüt reichen Vorstellungsinhalt.

[Illustration: Kleider- und Wäscheschrank von Architekt Hans Stubner.]

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. A. Hollmann.]

[Illustration: Toilettegarnitur von Prof. Kolo Moser.]

Während der untere Teil der Wände eines Kinderzimmers am besten in

lichtem Holz getäfelt wird, entweder hell gebeizt oder lackiert oder

auch im Naturton gehalten, um abgerieben zu werden, setzt oberhalb

des Getäfels der farbige Fries ein, oder eine Reihe von Wandbildern,

in Leisten gefaßt, ziemlich außerhalb des Bereiches der Hände; die

Wand setzt sich oberhalb bis zur Decke in hellen Farben fort und

trägt ganz oben ein Blumenfries. Aber nicht einmal das ist nötig;

Wand und Decke können weiß bleiben. Zur Blumenpflege soll man Kinder

früh anregen, sie ist das beste Mittel zur Erziehung der Naturfreude

und der Beobachtungsgabe. Deshalb wird man gut tun, unterhalb des

Fensters ein Brett anzubringen, wo die Blumentöpfe stehen, die von den

Kindern selbst gewartet werden. Das Licht soll von oben her auf die

Pflanzen fallen, Tische und Stühle läßt man am besten nur säuberlich

gehobelt ohne Anstrich herstellen, um sie stets gut waschen und reiben

zu können, was im Kinderzimmer sicherlich sehr häufig notwendig ist.

Wo es möglich ist, läßt man ein kleines Turngerät anbringen. Ein

Arbeitstisch mit allerhand Werkzeugen ist hier gut am Platze, denn

zu bauen und zu arbeiten fangen Kinder frühzeitig an. Im Allgemeinen

soll aber das Kinderzimmer kein Kramladen sein. Namentlich mit

Spielsachen soll es nicht überhäuft werden. Sonst erzieht man zur

Sprunghaftigkeit und Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Zu zeichnen

haben Kinder immer. Das ist die erste bildnerische Regung, die man

an ihnen beobachtet. Die Eindrücke auf die Kinderseele sind so stark

und plastisch, daß sie alle unwillkürlich ihre Gedanken graphisch

darzustellen streben. Dieser Kunsttrieb, der wie eine schwache Saat

aufsproßt und umsichtiger, sorgfältiger aber unaufdringlicher Pflege

bedürfte, wird leider selten mit Verständnis behandelt und verkümmert

allzufrüh. Man wird daher sehr gut tun, an einer Wandstelle eine

große Tafel mit Kreide und Schwamm anbringen zu lassen, daran der

bildnerische Sinn der Kleinen sich austoben mag. Vor allem aber lasse

man sie mit Farbe und Pinsel arbeiten. Nicht pedantisch nach Vorlagen

oder Vorbildern, sondern nach ihrer eigenen Lust und Wahl. Man lasse

ihnen darin volle Freiheit; sie sollen ihre Welt darstellen, so, wie

sie sie sehen. Was dabei herauskommt, ist das erste schwache Pflänzchen

eines künstlerischen und zugleich ursprünglichen Schaffens. Daß dieses

Pflänzchen nicht verkümmere oder erstickt werde, ist Sache einer

weiteren kunstpädagogischen Umsicht, die freilich schon außerhalb des

Kinderzimmers liegt. Feldblumen, bunte Steine, alles was die Kinder

im Freien sammeln und als kostbare Schätze daheim ausbreiten,

bringen die Märchenstimmung in das kleine Reich, das sie mit den

Gestalten ihrer ungebrochenen Phantasie bevölkern. Von der Zeit der

ersten Gehversuche bis zum zwölften Jahre ungefähr währt die fröhliche

Herrschaft. Wenn das Kind älter wird, tritt die illusionschaffende

Seite der Phantasie zurück, das Vorstellungsgewebe füllt sich immer

mehr aus und die Ansprüche werden größer. Sobald das Mädchen nicht mehr

den Schemel als Puppenbett verwenden will, die Knaben aus umgestürzten

Stühlen nicht mehr eine »wirkliche« Eisenbahn herstellen mögen oder

in einem Brett ein Schiff und im Fußboden das Meer erblicken, sobald

die Kinder sich nicht mehr mit Eifer in die Rolle eines Tieres

versetzen, seine Stimme und Bewegung nachahmen wollen und aufhören,

sich gelegentlich als Lokomotive oder Dampfschiff zu fühlen, wird ihnen

das Puppenheim zu eng. Sie fangen an, die Kinderschuhe auszutreten.

Das zwölfjährige Mädchen fühlt sich als Fräulein und bekommt ein neues

Zimmer, eine neue Welt. Die Buben »studieren«. Weit hinten liegt die

Kindheit, wie eine selige Insel und an ihr gestrandet eine ganze Arche

Noah’s voll Kindersächelchen, entseelt und entzaubert. Ein Reich in

Trümmern. Fernab und vergessen.

[Illustration: Toilette von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Schlafzimmer v. Arch. Georg Winkler.]

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Schlafzimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]

Das Spielzeug.

[Illustration: Kinderspielzeug v. Maler Ferdinand Andri.]

Eine mittelalterliche Sage erzählt von einem zauberkräftigen Beryll,

der in seinem Spiegel alle vergangenen und künftigen Dinge zeigte, alle

Schönheit der Erde, ferne Länder und Meere. Doch bedurfte er eines

reinen gläubigen Gemüts, das von dem Weltgift des Zweifels noch nicht

angenagt war, um das holde Wunder zu sehen, sonst blieb der wundersame

Stein trüb und dunkel. Noch geschehen Wunder. Kinder erleben sie

täglich aufs Neue. Nicht einmal ein Beryll oder sonst ein kostbarer

Edelstein ist nötig, es genügt ein ganz wertloser Stein, den sie mit

der jungen Kraft ihrer ungebrochenen Phantasie begaben, das Mirakel zu

bewirken. Mit staunendem Ergötzen sehen sie in dem schillernden Ding

Sonnenaufgang und -untergang, eine große farbenreiche Welt von Wundern,

mit einem Wort, ihre eigene Welt. Mit Verwunderung sieht man sie oft

an kostbarem, mühsam ersonnenem Spielzeug achtlos vorübergehen und

an irgend ein unscheinbares Ding ihre Liebe hängen. Ein unbedachtes

Wort, Spott oder Vorwurf und die holde Wundergläubigkeit ist dahin,

das zauberhafte Juwel wird blind und taub und erscheint nur mehr

als das, was es ist, als wertloser Stein oder Glasscherben. Und ein

Stück Unschuld geht damit zugrunde. Man begnügt sich in der Regel,

zu sagen, daß Kinder leicht zufrieden zu stellen seien. Das ist ein

sehr oberflächliches Urteil. Ich bin viel eher geneigt zu glauben,

daß es kein schwerer zu befriedigendes Publikum gibt, als gerade die

Kleinen. Der Witz der Großen, die für sie denken und bilden, wird

an ihnen gewöhnlich zu schanden. Die schönsten Spielsachen finden

zumeist dann erst Wert in ihren Augen, wenn sie sie zertrümmert haben,

um sie in ihrem Sinne wieder aufzubauen. Sowohl diese als viele

andere Erscheinungen sind Beweise, daß das Kind in dem Spielzeug

das _Rohmaterial_ sucht, mit dem seine Phantasie freischaffend

verfährt. Der Wert des Spielzeuges liegt nicht in dem, was es ist,

sondern in dem, was es werden kann, was das Kind mit ihm machen soll.

Bedeutung und Beseelung, gleichsam den künstlerischen Ausbau, empfängt

es aus dem kindlichen Schaffenstrieb. Diesen anzuregen, zu heben und zu

kräftigen, ihm die rechten Mittel bereit zu stellen, ist der Zweck des

Spielzeuges.

[Illustration: Toilette v. Arch. Georg Winkler.]

[Illustration: Toilette von Arch. Georg Winkler.]

Auch die Kinderstube ist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Eine Welt für

sich, die aber ihren Inhalt aus dem großen Leben empfängt und jeden

Kulturwandel mitmacht. Der Naturalismus der letzten Jahrzehnte

hat auch in dieser kleinen Welt ein Echo gefunden und in der

Spielzeug-Manufaktur jenen konsequenten Wirklichkeitssinn erzeugt,

der wohl den Verstand nährt, aber das Herz leer läßt. Puppen werden

erzeugt von panoptikumartiger Wirklichkeitstreue, den Babies zum

Verwechseln ähnlich, »stilgerechte« Steinbaukästen, Spielschiffe

und Eisenbahnen mit kompliziertem Betrieb, die ein getreues Modell

dieser Verkehrseinrichtungen darstellen. Wir leben ja im Zeitalter der

Technik, so mag der künftige Ingenieur schon in der Kinderstube sein

Talent an solchen Modellen nähren. Das ist die Meinung so mancher

Eltern, die bei der Geburt des Kindes schon seinen Beruf vorbestimmen

und den Fachmann bilden wollen, ehe sie den Menschen gebildet haben.

Von den Großen wird das Spielzeug gewählt, anstatt von den Kleinen.

Aber was das sentimentale Kindlichkeitsgefühl der Großen gutheißt,

billigt nicht immer der naive Sinn der Kleinen. Diese armen Kinder der

Reichen! In eine Kinderstubenwelt werden sie gestellt, die fertig ist

und ausgebaut und die nichts übrig läßt zu vollenden. Und nun heißt

es: spiele! Spielen um des Spielens willen? Für das Kind ist das Spiel

notwendige Arbeit, daran es seine Kräfte übt und entwickelt. In dieser

fertigen Welt beginnt die Arbeit mit dem Zertrümmern. Zertrümmern, um

neu aufzubauen. Um wie viel reicher sind oft die Kinder der Armen!

Ein Stück Holz wird zur Puppe, von der kleinen Mutter sorgfältig in

armselige Lappen gehüllt und aufs zärtlichste betreut. Mit der Sorge

wächst die Liebe. Man sage der Kleinen nicht, das ist keine Puppe,

das ist nur ein Stück Holz! Wo gewöhnliche Augen nur ein Stück Holz

sehen, da hat die kindliche Phantasie bereits ein Wunder bewirkt.

An dem selbsterschaffenen beseelten Gegenstand übt das junge Herz

seine Fähigkeiten. Und dieser Gegenstand hat alle Bedeutung, die es

hineinlegt. Er ist das rechte Spielzeug geworden.

[Illustration: Bad von Arch. Leopold Bauer.]

Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung · 第 6 / 8 段