weit ausladen, damit die Lehnen die Wand nicht abschrammen können.
Auch bei dem Tisch sind die Querstangen zur Festigung nicht nötig und
daher nur dort zu dulden, wo ihre Abnutzung nicht stört, wie etwa in
der Bauernstube, wo das Holz gewaschen werden kann und das Aufstellen
der Füße keinen Schaden anrichtet. Die Reise um das Zimmer ließe sich
bequem fortsetzen und von Gegenstand zu Gegenstand der Beweis führen,
wie unpraktisch das für die Bedürfnisse der Massen hergestellte
Marktmöbel in jedem besonderen Falle ist. Die Offiziersfrau, die sich
in jedem einzelnen Falle darauf besinnt, was ihrer Wohnung zum Vorteil
gereicht, wird keine Einrichtung haben wie eine Krämersfrau, auch
nicht wie eine Banquiersfrau. Sie wird ein Heim haben, das sich von
allen anderen unterscheidet als die standesgemäße Offizierswohnung.
Und sicherlich wird jeder, der eine solche Wohnung sieht, anerkennen
müssen, daß es eine tapfere und geschmackvolle Dame ist, die den
Mut hat, durchaus zu scheinen, was sie sein soll, nämlich wahrhaft
standesgemäß. Dazu gehört sicherlich eine vornehme Gesinnung und ein
selbstbewußter Charakter, der an all der erborgten und verlogenen
Eleganz, die man heute sieht mit einem Lächeln der Geringschätzung
vorübergeht und tut, was seiner Art gemäß ist.
[Illustration: Offizierswohnung von Arch. Alois Hollmann.]
Die Arbeiterwohnung.
[Illustration: Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Auf meiner Suche nach einer wahren Volkskunst innerhalb der
ausgestalteten Häuslichkeit stieg ich tiefer hinab zu jenen breiten
Volksschichten, denen nicht um den Schein, sondern um das Sein zu tun
sein muß, um die bloßen Kräfte, die in den Mauern, Bögen, Fenstern,
Pfeilern, wirksam sind, also um den nackten Zweckbegriff, um das rohe
Gerüst praktischer Schränke, Tische und Stühle, denen als einziger
Schmuck die natürlichen Eigenschaften des Materials, die Struktur
des Holzes etc. zugute kommen, zu jenen Volkskreisen also, die nicht
Zeit und Geld haben, ihr Leben mit Schmuck und Tand herauszuputzen,
sondern die auf das Gesunde, Primitive, Einfache losgehen. Dort
dürften Anregungen und die Offenbarung einer wahren Volkskunst zu
erwarten sein. Mit diesem Gedanken kehrte ich beim Kleinbürger ein,
bei jenen besseren Handwerksleuten, die überhaupt Anspruch auf ein
geordnetes Hauswesen erheben. Nichts von dem, was ich erwartete,
habe ich dort gefunden. Alles wollte mehr scheinen, als es wirklich
war, mit einem erborgten Schein über die grinsende Nacktheit und
Armseligkeit der Wohnräume hinwegtäuschen. Bei Leuten war ich, die sich
neu eingerichtet hatten. Kalt und hart standen ein paar Möbelstücke im
Raum; fabriksmäßig schleuderhaft gearbeitete, vom Händler um schweres
Geld gelieferte Betten, Tische und Stühle, in diesem oder jenem »Stil«,
neuestens gibt es auch solche im »Sezessionsstile«. Der Stolz der
Leute hing an ihnen, sie saßen in der Küche, um das einzige schöne
Zimmer zu schonen und lauschten am Abend ängstlich auf das mörderische
Krachen des zerlechzenden Holzes, wobei es ihnen jedesmal wie ein
Dolchstoß durchs Herz fuhr. Die Ärmsten waren gewiß am schlimmsten
daran; sie hatten am teuersten gekauft und konnten an ihrem Heim keine
rechte Freude haben. Da lobe ich mir die ärmste Bauernhütte, wo man
Blumen im Fensterrahmen stehen sieht. Hier offenbart sich wenigstens
die Liebe zur Natur, welche gleichzeitig die Liebe zur Heimat und zum
Heim ist und der eigentliche Anfang aller Kultur und Kunst. Mehr als
aller Trödlerkram ladet ein solcher Raum den Gast zum behaglichen
Verweilen ein, wenngleich seine Geräte, Tisch und Bank nur aus blankem
Holze roh gezimmert wären.
[Illustration: Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
[Illustration: Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Ein Begriff beherrscht die Anschauungen aller Klassen, der die Lebens-
und Wohnverhältnisse bis in die tiefsten Schichten der arbeitenden
Bevölkerung herab, vergiftet hat, der Begriff: Luxus. Es ist im Vorigen
wiederholt dargelegt worden: Luxus, als das schlechthin Überflüssige,
und darum eigentlich Schädliche. Das Wort und die Sache, die es
deckt, kam eigentlich dadurch auf, daß eine reiche Lebenshaltung auf
Kreise übertragen wurde, die keine Bedürfnisse in dem angemessenen
Maßstabe besaß, und die sich der übernommenen Dinge nur bedienten, den
Anschein von Vornehmheit und Größe zu erwecken. Die Sache ward Mode,
und wer sich nicht mit kostbaren Dingen umgeben konnte, begnügte sich
mit billigem Kleinkram und den rohen, effekthaschenden Zierraten,
die man sogar an der erbärmlichen Trödelware entdecken kann. Dieser
uneigentliche »Luxus« brachte die gesunde Anschauung, die auf das rein
Zweckliche ausgeht und in deren Erfüllung alle Schönheitsmöglichkeiten
liegen, zum Verfall. Die ganze moderne Bewegung bezweckt letztenendes
die Wiedererweckung jener gesunden Grundsätze. Die große Menge, die
sich zu kalt anstauendem Besuch in unsere Ausstellungen drängt,
verharrt in ihrem Heim gewöhnlich in den kulturwidrigsten Verhältnissen
und verbarrikadiert sich gegen alle Sanierungsversuche mit dem viel
verbreiteten Vorurteil, daß die moderne Einrichtungsfrage sich
lediglich auf die Formel zuspitze, »Thu’ nur Geld in Deinen Beutel!«
Die große Masse, die sich heute noch aus Oekonomie mit dem vom Trödler,
Ratenhändler oder Möbelfabrikanten gelieferten, roh ornamentierten
Plunder begnügt, ist nicht zur Einsicht erzogen, daß die solide,
zeitgemäße Ausgestaltung des Heimwesens durchaus mit keinem Mehraufwand
verbunden sein muß. Der Luxus mag sich dann je nach der Börse und den
persönlichen Ansprüchen richten und kann der Hauptsache nach nur in
der Verwendung von mehr oder weniger kostbarem Material bestehen. Im
Prinzip aber werden alle in den vorigen Kapiteln dargelegten Grundsätze
auch für die Arbeiterwohnung gelten müssen und eine Verschiebung nur in
Bezug auf größere Schlichtheit und beschränktere Wohnungsräumlichkeiten
eintreten können.
[Illustration: Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Auch die Arbeiterwohnung kann ein Schmuckkästchen sein, was Nettigkeit
und Ordnung betrifft, ein trauter Raum, in dem man gerne verweilt,
der nicht nur bewohnbar, sondern auch wohnlich ist und dem Kneipen
und Tingltanglwesen wirksam entgegenarbeitet. Der Andrang in Kneipen
und Tingltangln, die rohe Duzbrüderschaft lassen unfehlbar auf ein
zerrüttetes Hauswesen schließen. Soll man also die arme volkreiche
Stadt, wo sich die Wohnungen aneinander und übereinander bauen,
zahllos wie die Zellen eines Bienenkorbes, wohnlich finden und das
Gefühl der Heimatlosigkeit verlieren, so muß von dem Innern der Häuser
her, aus den Wohnungen der Eindruck verschwinden, daß fast alle, ob
arm oder reich, Fremdlinge im eigenen Heim geworden sind. Nun bilden
die erfreulichen Bildungsbestrebungen der modernen intelligenten
Arbeiterschaft freilich die sicherste Gewähr dafür, daß sich der
Ausbau einer inneren Kultur langsam vollzieht, der sich denn auch nach
außen hin in höheren Geschmacksanforderungen da und dort geltend macht.
Im Allgemeinen aber sieht es noch ziemlich schlimm aus. Aber auch
dem einfachsten Manne, der von diesen geheimen Triebkräften berührt,
Aufklärung sucht, wie er es in seiner Wohnung anfangen müsse, kann
geholfen werden. Aus den Andeutungen der früheren Kapitel müßte sich
eigentlich alles ableiten lassen, was der kleinen Wohnung des Arbeiters
oder Handwerkers frommt. Die Wände des Zimmers und der Kammer werden
jedenfalls ganz weiß getüncht sein, ein einfaches Fries tragen und
jedes Jahr mit wenig Kosten nachgetüncht werden können. Einfaches,
helles Zeug hängt als Zuggardine, seitlich aufzuziehen, in schlichten
Falten von den Fenstern herab, wo Blumen stehen und dem ganzen Raum
eine freundliche Stimmung geben.
[Illustration: Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Die Möbel sind ganz einfach, aus weichem Holz, gut und sorgfältig
gemacht, in geraden Leisten und Brettern zusammengefügt. Reines,
einfaches Tischlererzeugnis -- ohne Künstelei. Die Farbe kann an
solchen Möbeln, wofern sie nur in guten und richtigen Verhältnissen
hergestellt, alle Schönheit hervorbringen. Überhaupt müßte die
Schönheit des Raumes zum Teil in der farbigen Wirkung gesucht werden.
Das weiche Holz läßt sich auf verschiedenartige Weise beizen und man
könnte zu dem Weiß der Wände einen graublauen Holzton oder einen
dunkelblauen oder kirschroten vorteilhaft verwenden, von zahllosen
anderen Abstufungen nicht zu reden. Man vermeide durchaus, irgend
ein Zierrat anbringen zu wollen. Schönheit kommt aus der zweckvollen
Durchbildung, aus der schönen Proportion der Masse und endlich aus der
glücklichen Farbenwirkung. Nur ein paar Haupttöne sollen vorherrschen.
Nebst dem Weiß der Wände irgend ein kräftiger farbenfroher Ton an den
Möbeln, der auch die einfachsten Stücke bedeutsam macht und den Sinnen
näher rückt. Man ahnt für gewöhnlich gar nicht, wie leicht die Sinne
auf die farbige Erscheinung reagieren. Weißlackierte Möbel, wie die
hier abgebildeten, sind das Kennzeichen einer ganz feinen Kultur. Für
billigen und echt künstlerischen Wandschmuck hat der Verlag Teubner und
Voigtländer, Leipzig, in vorzüglicher Weise gesorgt.
In allen Städten sind die Künstler am Werke, auch dem kleinen Mann
zu geben, was des kleinen Mannes ist. Eine wesentliche Aufgabe aller
Jener, die am Ausbau der modernen Kultur betätigt sind, ist es, das
Interesse des Volkes auf die Dinge zu lenken, die sein eigenes Wohl
betreffen und zur Mitarbeit an diesem Kulturgedanken anzuregen. Jeder
kann an der Schönheit der Erde und des Lebens mittun und Kulturarbeit
verrichten. Jeder tut es, der sein eigenes Feld wohlbestellt und bei
seinem Hause, bei seiner Wohnung, seinem Heim anfängt. Im Sinne dieses
Kulturgedankens wolle auch dieses Buch verstanden und als Freund und
Führer benützt werden.
Druckfehler-Berichtigung.
Seite 22 statt: „wie der“ zu lesen: wieder
„ 23 „ „Krimkskrams“ „ „ Krimskrams
„ 25 „ „Artelierstils“ „ „ Atelierstils
„ 28 „ „künstlich“ „ „ künstlerisch
„ 28 „ „die“ „ „ diese
„ 31 „ „trübe“ „ „ liebe
„ 36 „ „Künstlerschulen“ „ „ Kunstschulen
„ 56 „ „Falche“ „ „ Falke
„ 59 „ „Hellmann“ „ „ Hollmann
„ 63 „ „Förderung“ „ „ Forderung
„ 64 „ „Dekorationssteller“ „ „ Dekorationsteller
„ 122 „ „mehr als“ „ „ wie ein
„ 122 „ „durchans“ „ „ durchaus
„ 128 „ „betrachten“ „ „ zu betrachten
„ 129 „ „dem“ „ „ den