Das ist rein alles, was wir in unserem Junggesellenheim brauchen, wenn

wir nicht musikalisch sind und ein Klavier haben müssen (in Bezug auf

deren Schönheit wir übel daran sind), und wir können nur sehr wenig

zu diesen notwendigen Dingen hinzufügen, wenn wir nicht sowohl beim

Arbeiten wie beim Nachdenken und Ausruhen gestört sein wollen. Wenn

diese Dinge für die geringsten Kosten, für die sie gut und dauerhaft

ausgeführt werden können, hergestellt würden, würden sie nicht viel

Auslagen verursachen, und sie sind so wenig, daß die, welche die Mittel

haben, sie überhaupt anzuschaffen, sich auch bemühen könnten, sie

gut ausgeführt und schön anzuschaffen, und alle die, denen die Kunst

am Herzen liegt, sollten sich sehr bemühen, dies zu tun, und dafür

sorgen, daß keine Scheinkunst sie umgibt, nichts, dessen Herstellung

oder Verkauf einen Menschen herabgewürdigt hat. »Und ich bin fest

überzeugt, daß, wenn alle, denen die Kunst am Herzen liegt, sich

dieser Mühe unterzögen, dies einen großen Eindruck auf das Publikum

machen würde.« Mit diesen Worten entwirft der englische Kunstgewerbler

und Dichter William Morris, der als Apostel der neuen und eigentlich

uralten Glaubenssätze allerortens eine sich täglich mehrende Gemeinde

hat, einen solchen einfachen Raum und sagt: »Diese Einfachheit können

Sie andererseits so kostbar herstellen wie Sie wollen oder können;

Sie können Ihre Wände mit gewirkten Tapeten behängen, statt sie

zu weißen oder mit Papiertapeten zu bekleben; oder Sie können sie

mit Mosaikarbeiten verdecken, oder auch durch einen großen Maler

Freskomalerei darauf anbringen lassen -- all dies ist nicht Luxus,

wenn es um der Schönheit willen und nicht zum Zwecke der Schaustellung

geschieht.« Das kann man der Liebhaberei des Bestellers überlassen. Im

allgemeinen wird die größte Einfachheit auch hier das Zweckdienlichste

sein. Es gibt allerdings Leute, die sich ein prächtiges Studio

einrichten und darin allen erdenklichen Luxus anhäufen, um sich

Stimmung zur Arbeit zu machen. Sicher ist, daß in solchen Studios kaum

jemals ernstlich studiert wird. Wer ernst arbeitet, weiß, das man

im Arbeitszimmer nicht Zerstreuung braucht, sondern Sammlung. Hier

soll aber die größte Einfachheit walten. Man kann auf das Beispiel

Goethes hinweisen, das sich in diesem Zusammenhang einstellt. Den

meisten Besuchern Weimars einst und jetzt dürfte die Schlichtheit

seines Arbeitszimmers unliebsam aufgefallen sein, und man hört oft

Äußerungen der Verwunderung darüber, daß einem so großen Geiste die

Dürftigkeit des Raumes genügen mochte. Herr Dr. W. Bode spricht in

seinem Buche: »Goethes Lebenskunst« darüber aus: »Wir sind nicht wenig

erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch

dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des

»Werther« und »Götz«, das einzige Heim war. So bescheiden hätten

wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares

Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wände Pläne von

Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei

Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen

Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten

steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch,

daranschließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafzimmer, in dem

noch die Bettstelle steht, die zusammengeklappt und so als Koffer auf

die Reise mitgenommen wurde...

[Illustration: Rauchtisch von Architekt Franz Messner.]

[Illustration: Salontischchen von Architekt Max Benirschke.]

So ist das Gartenhaus eingerichtet. Aber auch vom Stadthause hat man

keinen anderen Eindruck. Nichts deutet auf einen vornehmen reichen

Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf,

würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für

»standesgemäß« würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit

bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren; kein Sopha, kein

bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux.

Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind

auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten

Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein

Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen -- ein kleines

Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische lag ein

Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenübersitzenden

Schreiber diktierte....« Zu Eckermann äußerte Goethe einmal: »Prächtige

Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt,

fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will weiter nichts.

Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung,

wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich untätig und faul. Geringe

Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein

wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich

das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus

mir selber zu schaffen.« Und ein andermal sagte der Achzigjährige:

»Sie sehen in meinem Zimmer kein Sopha, ich sitze immer in meinem

alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art

von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen

anspruchsvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen

passiven Zustand.« Einen Schmuck besaß die einfache Studierstube aber

doch, den höchsten und herrlichsten zugleich, der alle Dürftigkeit

überglänzte: Goethes Geist, der in diesem Raume schuf.

[Illustration: Entwürfe für ein Damenzimmer und ein Herrenzimmer von

Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Salonschrank von Architekt Max Benirschke.]

[Illustration: Damensalon von Arch. Franz Exler.]

Ein Zusammenhang zwischen Junggesellenwohnung und Herrenzimmer ist

durch den Umstand gegeben, daß auch das letztere Wohn- und Arbeitsraum

oder auch Salon des Hausherrn ist, wie der Name »Herrenzimmer«

überdies schon sagt. Es kommt im Hauswesen dort vor, wo die Hausfrau

entweder ihren »Damensalon« oder ihr »Boudoir« hat, oder wo man

aus Ökonomie auf den »Salon« überhaupt verzichtet und das eine zu

erübrigende Gesellschaftszimmer vorzugsweise auf die Bedürfnisse des

Hausherrn hin zurechtmacht. Massive, dunkel gebeizte oder polierte

Möbel mit einfachen blanken Beschlägen finden sich darin, ein großer

Bücherschrank, ein entsprechender Arbeits- oder Schreibtisch, große

gepolsterte Sitzmöbel mit grauem oder braunem Lederüberzug, alles ernst

und einfach und von der gewissen Vornehmheit, die in der Gediegenheit

überhaupt liegt. Ist der Hausherr Waffensammler, so findet sich ein

Waffenschrank vor, überhaupt Möbel, die seinen besonderen Liebhabereien

oder Berufszwecken dienen. In einfachen Rahmen hängen Bilder oder

Stiche, manche kühne Modernität, »le Nu au Salon«, warum nicht? Ein

Tropfen Pikanterie vermengt sich mit dem Duft schwerer Zigarren. So

findet man es häufig. Aber das dominierende, ehrfurchteinflößende Möbel

ist der große Schreibtisch. An ihn werden heute die persönlichsten

Anforderungen gestellt, nicht weniger als an den guten Sessel. Hier

hat eine gute Tradition mitgearbeitet. Aus dem Anfang des neunzehnten

Jahrhunderts sind große, sorgfältig erdachte Schreibtische überliefert,

große Diplomatenschreibtische mit verschließbarem Pultdeckel, einfach

geistreich kombiniert, dem amerikanischen roll desk nicht unähnlich,

ferner eine Unzahl verschiedenartiger Damensekretäre mit zahlreichen

Fächern und durchaus verschließbar, als ein glänzendes Zeichen einer

geistig ungeheuer regsamen Zeit. Man schrieb fleißig Tagebücher,

unterhielt mit allen Zeitgenossen regen, brieflichen Verkehr. Auch

der Schreibtisch von damals bildet gewissermaßen ein menschliches

Dokument. Was so ein verwittertes Möbel nicht für Geheimnisse verbirgt,

und was so einem Kasten für anmutige Rätsel abzulesen sind, diesen

Läden, die einst vollgestopft waren mit Gedichten, Liebesbriefen,

Prozessen und Romanzen, schweren Locken und anderen Liebeszeichen,

gleich einem Riesensarg, der mehr Tote enthielt als mancher Gräberhain.

Sentimentalitäten, nicht wahr? Aber ein Persönlichkeitszug ging

durch die Dinge des Hausrats, das wollte festgestellt sein. Und

einen Persönlichkeitszug will man den Dingen heute wieder geben. Der

Schreibtisch sollte seinem Besitzer angemessen sein wie ein Kleid.

Konstruktiv besitzt der amerikanische verschließbare Schreibtisch

viele Vorteile, für das Privatzimmer ist er aber allzu bureaumäßig. Im

Halbkreis geht die Tischplatte um den Sitzenden, auch die äußersten

Enden in den Bereich seiner Hände rückend. Van de Velde’s Schreibtisch,

der diese Form aufwies, war eine Sensation.

[Illustration: Sitzgelegenheit mit seitlichen Schränken von Architekt

Max Benirschke.]

[Illustration: Billardzimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Rauchzimmer.]

[Illustration: Spielzimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Zimmerecke von Arch. Franz Exler.]

Allein er war kein Vorbild. Van de Velde’scher Stil hat nur für

einen einzigen Menschen in der Welt Berechtigung, für van de Velde

selbst. Er drückt ein allzu Persönliches aus, das, wenn es Mode

wird, aufs nachdrücklichste bekämpft zu werden verdient. Für die

Allgemeinheit hat van de Velde keine brauchbaren Typen geschaffen. Mit

dem Schreibtisch geht es uns wie mit dem Sessel. Wer einen passenden

Schreibtisch sucht, findet ihn nicht. Er muß mit seinem Architekten

oder Tischler beraten, um zu finden, was für seine Person das Beste

ist. Es ist der einzige Weg, der zum Rechten führt. Der Konsument

müßte in allen Dingen, die seine persönlichen Bedürfnisse angehen,

Mitarbeiter des Künstlers sein, was aber wohl voraussetzt, daß er ein

wohlunterrichteter, einsichtsvoller Mensch sei. Sieht er sich dann nach

einem passenden Schreibzeug um, dann hat er wieder seine liebe Not. Die

Dinge dieser Art, die sich im Handel vorfinden, sind fast nie sachlich

gelöst. Im besten Falle müssen Bureau-Utensilien herhalten. Ebenso

ergeht es einem mit den Rauchrequisiten. Hier ist fast alles erst zu

tun. Ein weites Feld steht für den Künstler der Kleinplastik offen,

wenn erst der Publikumsgeschmack zur strengen Sachlichkeit erzogen sein

wird. Einstweilen sind es nur einige moderne Architekten, die sich

ihrer erziehlichen und kulturellen Aufgabe vollends bewußt sind.

[Illustration: Salonschrank von Architekt Max Benirschke.]

Das Musikzimmer.

[Illustration: Klavier von Arch. K. Bräuer.]

[Illustration: Pianino von Arch. Georg Winkler.]

[Illustration: PIANINO SAMMT EINLEGEARBEIT

Arch. Max Benirschke.]

Der Zufall spielt mir die Reproduktion eines Bildes von Schwind in

die Hände. Schubert-Abend ist es betitelt. Eine Stimmung strömt

aus dem Blatt, zart wie der Duft verdorrter Rosen; ein Hauch der

legendären liebenswürdigen Wiener Geselligkeit weht durch den Raum. Es

ist ein Altwiener Bürgersalon, großväterischer Hausrat steht umher,

Gastlichkeit und Gemütlichkeit, der genius loci winkt aus allen Winkeln

hervor, ein Klavier steht in die Mitte des Zimmers herein, eines jener

spinettartigen Instrumente, zierlich und schlank, im wohltuenden

Gegensatz zu den Monstren unserer heutigen Klaviere, Schubert davor

und ein Kreis von Kunstsinnigen um ihn herum, die Schwestern Fröhlich,

selbstverständlich auch Grillparzer, dann der gefeierte Opernsänger

Vogel und alles, was damals zur geistigen Elite gehörte. Damals war

noch die Glanzzeit der Hausmusik. Die vielen Duos, Trios, Quartette und

Quintette, von den berühmten Tonkünstlern jener Zeit zu diesem Zwecke

verfaßt, und die Zusammenstellung der Instrumente sind an und für sich

ein sprechender Beweis für den eifrigen Betrieb der Hausmusik. Bach

und Händel waren in jedem Hause gekannt und geliebt. Finden wir heute

noch gute Hausmusik? Die Frage dürfte nicht ohneweiters zu bejahen

sein. Zwar findet sich in jeder Wohnung ein Klavier vor, fingerübende

Musikbeflissene bilden mehr denn je die Verzweiflung nervöser Nachbarn,

aber die Pflege der Hausmusik ist heutzutage seltener geworden. Man

geht lieber in den Konzertsaal, der in früheren Zeiten nicht so viel

des Abwechslungsreichen und Interessanten bot als die Neuzeit, die

jeden Tag eine beliebige Anzahl musikalischer Berühmtheiten auf das

Podium stellt. Da kann man auch Toiletten zeigen und sehen, und selber

gesehen werden. Bei den meisten weiß man kaum, was sie antreibt, die

Musik oder das andere. Die biedere, hausbackene, ehrsame Hausmusik

kommt in Verfall. Daran ist aber in Wahrheit nicht so sehr der

Konzertsaal schuld, als vielmehr der Verfall des Hauswesens selbst.

Die freundlichen Genien der Gemütlichkeit und Gastlichkeit, die man

vor fünfzig Jahren bei viel geringeren Lebensansprüchen noch unter

jedem Dache finden konnte, sind aus den Städten, Großstädten zumal,

meist entschwunden. Und in der Provinz? Die verzehrt sich in Sehnsucht

nach der gleißenden Pracht der Großstadt, der sie ihre besten Kräfte

abgibt. Kalt und ungastlich ist es fast an jedem Herde geworden. Hier

bringen auch die besten Tonwerke keine Harmonien hervor. Irgend ein

Gassenhauer, wild und gehackt, eine beliebte Nummer aus dem Varieté

deckt in der Regel das Bedürfnis nach musikalischen Genüssen. Bachs

gravitätische Gavotten, ein liebliches Adagio Mozarts, eine Sonate

Beethovens sind im Hause der Disharmonien bloßer Lärm. Verständnis und

Pflege guter Musik sind ebenso sehr Sache des gebildeten Geschmacks wie

gute Manieren und vorteilhafte gesellschaftliche Haltung. Also Teil der

persönlichen Kultur, die auch in der häuslichen Umgebung und in allen

Dingen, die im Bereich der Persönlichkeit liegen, zum Ausdruck kommt.

Man sollte glauben, daß ein feines Gefühl für die Ästhethik der Farben

und der Formen von vorneherein die Bedingungen zum Verständnis edler

Musik besitzen müßte. In einem Hauswesen, wo die edle Farbe herrscht

und die edle Linie, und der Sinn, der aus dem Zweckmäßigkeitsprinzip

des Alltags die Schönheit abzuleiten weiß, wird man in der Regel

auch gute Musik antreffen. Denn ein gemeinsamer künstlerischer

Grundzug führt von der sichtbaren Harmonie auf die hörbare. Eine nach

vernünftigen modernen Grundsätzen eingerichtete Stadtwohnung braucht

aus bloß ästhetischen Grundsätzen durchaus kein eigenes Musikzimmer

zu besitzen, abgesehen davon, daß Raum und Mittel hiefür selten

bereitstehen. Es wird mit den äußeren Merkmalen unserer mit edlem

Geschmack eingerichteten Wohnung nicht im Widerspruch stehen, wenn

wir im Speisezimmer oder im Raume, den wir gewöhnlich Salon nennen,

den unsterblichen Werken der höheren Tonkunst lauschen und in einem

dieser Zimmer das Klavier und den Notenschrank aufstellen. Aber da

sind wir schon in arger Verlegenheit. Das Klavier in seiner heutigen

ungeheuerlichen Form paßt zu den schlanken, raumsparenden Möbeln noch

viel weniger als es zu den altdeutschen oder sonstigen »stilgerechten«

Einrichtungen gepaßt hat. Es verstellt in den verhältnismäßig kleinen

Wohnzimmern den besten Raum, steht breit und sperrig da und zerstört

jede irgendwie versuchte harmonische und zweckvolle Gliederung des

Gemaches. Es ist überhaupt ein Möbel, das, zwar, wenn seine Seele

ausklingt, der mächtigsten, erschütterndsten und himmlischesten

Wirkungen fähig ist, in seiner äußerlichen Erscheinung ein wahres

Scheusal genannt werden muß, das wegen seiner höchst unpraktischen

Form am allerwenigsten als eigentliches Hausinstrument gedacht zu sein

scheint. In den Zeiten, da Schubert am Klavier saß, da hatte dieses

Instrument eine Form, die mit dem übrigen bürgerlichen Hausrat im

Einklang stand. Es hatte eine schmächtige, zierliche, fast elegante

Form und fiel nirgends plump aus dem Rahmen der gesamten Wohnungskunst,

wie es das heutige tut. Es wuchs sich selbständig und unabhängig aus

und gewann solcherart seine umfangreiche, wenig ansprechende Form. Die

Klavierfabrikanten haben bis heute wenig Lust gezeigt, sich mit ihren

Klavierformen der neuen Bewegung, welche im Hause so durchgreifende

Veränderungen herbeigeführt hat, anzuschließen und ein bischen darüber

nachzudenken, ob man nicht durch eine veränderte Konstruktion zu

gefälligeren, zierlicheren Gehäusen gelangen könnte. Vor dem Koloß

eines Klavieres heutiger Konstruktion steht auch der genialste

Entwurfskünstler in Verlegenheit da, er weiß sich nichts anzufangen.

Baut er ein Gehäuse, das der einfachen strengen Linienführung des

heutigen Möbels entspricht, so sieht es womöglich noch sperriger und

ungeheuerlicher aus. Der schottische Künstler Mackintosh hatte einem

Kunstfreunde ein Musikzimmer eingerichtet und es mit allen Finessen

einer raffinierten Künstlerschaft ausgestattet. Als dekoratives Motiv

dieses ganz in Weiß gehaltenen Raumes war eine symbolische Darstellung

»der sieben Prinzessinnen«, aus Maeterlincks mystischem Märchenspiel

verwendet. In einem wundersamen Linienklang kehrt dieses Motiv an

allen Teilen wieder als Paneele, als Verkröpfung an den Holzteilen, am

Kamin, an den hohen Stühlen, am Fenster, am Klavier. Alles ist Musik,

sichtbare Musik in dem eigenartigen Raum, der in mattem Elfenbeinweiß

strahlt, darin da und dort färbige Stücke eingesetzt sind, die in ihrer

dekorativen Linienfassung wie seltsame Märchenaugen aussehen und in

dem toten, starren Material ein geheimnisvolles Leben erwecken, als ob

draußen der leibhafte Prinz stünde und mit bangen, sehnlichen Blicken

durch die Scheiben ins Gemach sähe, wo wie bleiche schöne Schatten die

Prinzessinnen schlafen, wie der Wohllaut, der in den Saiten schläft,

angstvoll gehütet, daß kein Mißton von draußen ihr zartes Leben mordet.

[Illustration: Schrank (Lackmöbel) von Architekt Max Benirschke.]

[Illustration: Schrank (Lackmöbel) von Architekt Max Benirschke.]

[Illustration: Wohnzimmer von Arch. Max Benirschke.]

[Illustration: Schreibtisch von Architekt Alois Hollmann.]

Wenn ein Künstler sein Bestes getan hat, ist es nicht seine Schuld, daß

es trotzdem unverhältnismäßig hoch und breit und störrisch dasteht.

Klaviere sind einmal so. Man müßte, um einmal die wohltemperierte

Klavierform zu finden, sich einmal an George Logan in Greenock

(Schottland) wenden, von dem aus der Turiner Ausstellung 1902 ein

Musikzimmer bekannt ist, das uns der Künstler zwar nur als Aquarellbild

zeigen konnte. Aber es genügt, um den Traum eines Künstlers kennen zu

lernen. Eine heitere, kindlich fröhliche Mozartstimmung herrscht in

dem Raum, über den Teppich schreitet man wie auf einer blumigen Au,

an den weißgetäfelten Wänden stehen in hohen Vasen Blütenzweige, die

einen Frühling ins Gemach zaubern, und man mag es glauben, daß hier die

Töne hell und lustig fliegen wie muntere Spielbälle. Zwei sitzen am

Klavier, wahre Blumenerscheinungen, und das Klavier, aus Ebenholz mit

sparsam verteilten hellen Einlagen ist von ganz idealer Erscheinung.

Zart und einfach gebaut, fügt es sich harmonisch in den Raum ein.

Hier stört kein Mißton, auch kein sichtbarer. Ist es auch nur ein

Künstlertraum, so mag, da er greifbare Formen gefunden, die Möglichkeit

nicht fern sein, daß er ganz reale Wirklichkeit werde, wofern die

Klavierfabrikanten wollen. In bürgerlichen Wohnungen wird man sich mit

einem Pianino begnügen müssen, die bereits ganz moderne Formen, ohne

jeden Stilschnörkel aufweisen.

[Illustration: Stehpult von Arch. Karl Sumetsberger.]

Wenn Sie aber Lust und Mittel haben, ein eigenes Musikzimmer

einzurichten, dann versagen Sie sich jedwede ornamentale Ausstattung,

denn die bedarf, wenn die Sache nicht plump und aufdringlich werden

soll, eines höchst delikaten, künstlerischen Geschmackes, der zu

den größten Seltenheiten gehört. Vermeiden Sie also jeden Zierrat,

dulden Sie selbst keine Musikerbüsten oder Porträts, denn sie

tragen zur musikalischen Stimmung nichts bei, sie stören viel eher.

Bringen Sie lieber eine harmonische Wirkung durch die kunstreiche

Anwendung von Form und Farbe hervor und wirken Sie dadurch im Äußeren

musikalisch. Auch hiebei wird sich zeigen, daß in der Beschränkung die

Meisterschaft liegt. Halten Sie den Musiksalon bloß in ganz einfachem,

edlem, elfenbeinartigem Weiß, ohne jedweden Dekor, und stellen Sie

nichts hinein als ein schwarzpoliertes Piano, ein schwarzpoliertes

Notenschränkchen, einige Blütenzweige in Vasen und denken Sie sich in

diesem Raum eine schöne Stimme, ein paar kunstreiche Hände, die starke

goldene Töne ums Haupt winden, und Sie werden in diesem Raum unbeirrt

und von keinem fremden Eindruck abgelenkt, wahre Feste in Moll feiern.

[Illustration: Schreibkasten, geschl., v. Prof Kolo Moser.]

[Illustration: Schreibkasten, offen, von Prof. Kolo Moser.]

Schlafzimmer u. Bad.

[Illustration: Schreibkasten von Johanna Hollmann.]

Was für die Vorfahren das Schlafzimmer bedeutete, davon können wir uns

nach den heutigen Wohnungszuständen keinen rechten Begriff machen.

Das Schlafzimmer galt so ziemlich als der Hauptraum des Hauses.

Es sah aus wie ein Thronsaal. Das mächtige Bett, zu dem seitlich

Stufen emporführten und das baldachinartig überwölbt war, stand, mit

dem Kopfende an der Wand, mitten im Raum. Im Zeitalter der Gothik

und der Renaissance gab die Kunst ihren Segen dazu, wundervolle

Schnitzereien finden sich selbst an den Betten bürgerlicher Häuser

vor. Im siebzehnten Jahrhundert vollzieht sich ein guter Teil des

gesellschaftlichen Lebens im Schlafzimmer. Es ist Toilettenzimmer,

Wohnraum, Empfangsraum, Speisezimmer, sogar Küche, wenigstens für

die leichteren Speisen. Die Französin hatte ihr Paradebett, sie

empfieng den großen Besuch im Bette liegend oder sich ankleidend. Der

Barockstil hat darum auch keine anderen Möbel ausgebildet, als das

Himmelbett, den Schreibtisch, der nach unten zu Wäscheschrank ist,

und oben als Glasschrank Thee- und Kaffeeservice enthält, das Sopha

und die gepolsterten Stühle und das alles in Formen, die für unser

heutiges wahres Sein unverwendbar geworden sind. Sie gehören der

Historie an. Zur Zeit des Empire, um 1800, glich das Schlafzimmer einem

Tempel. Die Antike hatte es allen angetan. Man wollte frei sein von

der Überlieferung und geriet unversehens in die ärgste Sklaverei. Das

Schlafzimmer sollte nicht wie ein Schlafzimmer aussehen. Menschliche

Notwendigkeiten galten als durchaus unästhetisch. Es war die Zeit der

Götterpose. Das Bett fand häufig in einem Alkoven Platz, dessen Front

ein griechisches Tempelfries trug oder es war reich und kunstvoll

drapiert. Sinnreiche Symbole deuteten an, daß hier Aphroditens geweihte

Stätte sei. Das Nachtkästchen erhielt die Form eines Opferstockes. Der

Waschtisch war als Altar der Reinigung gleichfalls als Opferstätte

charakterisiert. Der praktisch bürgerliche Sinn der Biedermeierzeit

vertrug diesen ästhetischen Ballast nicht. Er reduzierte die Formen

auf das konstruktiv Notwendige, schuf sie nach seinen leiblichen

Bedürfnissen um. Könige sind damals Bürger geworden, sie entflohen

der Ungemütlichkeit der Schlösser und dem Druck der Repräsentation,

um sich in der »Eremitage« wieder menschlich zu fühlen. Heute möchte

der kleine Bürger wie ein König leben. Der Möbelspekulant ist der

große Hexenmeister, der alle Illusionen geben kann. Alle Stilarten

liefert er, die Gothik, die Renaissance, Barock, Rokoko, Empire. Nicht

um das Sein handelt es sich, sondern um den Schein. Die Möbel sind

darnach. Die Nutzräume treten zurück. Das Schlafzimmer ist die letzte,

erbärmlichste Kammer. Mein Gott, die kleine Wohnung erlaubt es nicht

anders! Und überhaupt! In’s Schlafzimmer kommt niemand hinein!

[Illustration: Arbeitszimmer (Bureau) einer Dame mit modernem Gobelin

von Arch. Karl Witzmann.]

[Illustration: Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.]

Ein englischer Architekt, Frank Brangwyn, A. R. A., sagt sehr

zutreffend, daß die meisten Schlafzimmer vom Standpunkte einer

zweckentsprechenden Ausstattungskunst betrachtet, vernachlässigt sind,

weil sie nicht den kritischen Blicken unserer Freunde und Bekannten

ausgesetzt sind. Sie werden selten von jemandem Andern gesehen, als

von ihren Eigentümern. Wenn die Schlafzimmer in dem Maße zugänglich

wären, wie die Gesellschaftsräume, so würden sie unter den Einfluß

jenes seltsamen Wetteifers gekommen sein, der seit den frühesten

Zeiten zur Ausschmückung jedes Gebrauchsgegenstandes geführt hat, der

der öffentlichen Beachtung ausgesetzt war und Neid oder Bewunderung

erregen konnte. Es würde sehr wenig Kunst geben, wenn die Menschen

unempfindlich wären für den Ansporn des Lobes oder der Nadelstiche des

Spottes und Neides. Die volkstümlichsten Kunstformen, wie etwa die

griechischen Statuen, und die Bilder italienischer Kirchen aus dem

fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert sind immer hervorgegangen aus

den besten Traditionen und folglich den größten Meistern. Weltfremde

Einsamkeit führt die Kunst hinweg von dem Hauptstrom des befruchtenden

Lebens, und landet sie in irgend einem ungesunden Sumpfwasser, wo sie

schwach und hinfällig wird, im kleinlichen Ehrgeiz eingebildeter Größe

befangen. Erinnern wir uns daher, daß die Kunst nichts so notwendig

braucht, als öffentliche Anerkennung und öffentliche Nachfrage.

[Illustration: Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.]

[Illustration: Arbeitszimmer von Arch. A. Hollmann.]

Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung · 第 5 / 8 段