der für die Löcher sorgt, sie haben wollte, dann freut sich Groß und
Klein über die schöne Wohnung. Ich habe nichts so himmlisch und nichts
so verderblich gefunden, als diese Anspruchslosigkeit. Als ich einmal
über den ordinären Schund loszog, mit dem gewöhnlich die Wände der
Durchschnittswohnung angefüllt werden, schrieb mir eine Dame: »Da
haben Sie sich einmal gründlich blamiert! Sie dürften ganz gut wissen,
wozu die Bilder gehören! Oder ist es schöner, wenn überall die Löcher
hervorschauen? Glauben Sie vielleicht, daß sich jeder Erste Beste
einen Böcklin kaufen kann? u. s. w.« Die zeitgemäße Dame, die mir so
temperamentvoll widersprach, ahnte wahrscheinlich gar nicht, wie sehr
sie mir recht gab. Der Aufschrei war sicher ein Beweis, daß ich den
Finger auf eine Wunde gelegt hatte. Ich glaube wahrlich nicht, daß in
ein derartiges Milieu ein Böcklin besser passen würde, als etwa eines
jener fabriksmäßigen Ölbilder, die der Rahmenhändler als Draufgabe für
einen geschmacklosen und lärmenden Goldrahmen liefert. Dagegen ist um
dasselbe billige Geld gute und echte Kunst zu haben.
[Illustration: Einfaches Wohnzimmer v. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Für die Hängung der Bilder ist entscheidend, daß nicht die Wand die
Hauptsache und das Bild der bloße hinzutretende Schmuck, sondern daß
die Wand bloß Hintergrund und das Bild die Beseelung und Belebung
der Fläche ist. Der Kunstfreund, der von diesem Grundsatze ausgeht,
wird bei der Hängung seiner Bilder nicht leicht einen Mißgriff
tun. Er wird die Wand als Hintergrund behandeln und sie daher so
anspruchslos halten, als immerhin möglich. Die beliebten Tapetenblumen
können der Bildwirkung immer nur schädlich sein. Er wird seine Wände
entweder weißen lassen, was am schönsten ist, oder er wird sie in
einfachen, ruhigen Farben halten und sich auf die ruhige Tonwirkung
beschränken, die allerdings ein feines Farbengefühl bedingt. Und er
wird staunen, welche Macht die sparsam verteilten Originalblätter der
Reproduktionskunst auf diesem Hintergrund gewinnen können. Sparsam
verteilt und in menschlich dimensionierter Höhe müssen sie gehalten
sein, denn sie sollen die Wandflächen gliedern und mit ihrem Inhalt
deutlich zu dem Beschauer sprechen.
Hier wäre es am Platze, ein Wort über den Rahmen zu sagen. Der Rahmen
hat die Bedeutung einer Grenze, die die Welt des Bildes von der
Umgebung abschließt. Er soll das Bild heben und daher selbst einfach
und anspruchslos sein. Um das Bild zu heben, hat man außer Gold auch
sonstige Farben versucht, die gute Wirkung haben, wobei freilich als
Grundsatz zu beachten ist, daß es eine Farbe sei, die im Bilde nicht
vorkommt und einen komplementären Gegensatz bildet. Der Form nach
werden immer die geraden Leisten am besten sein; vor den verzierten
Rahmen, die auf den Namen »Kunsthändler-Rahmen« lauten, ist durchaus
zu warnen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, ob man den weißen Rand
an reproduzierten Blättern stehen lassen soll. Bei Radierungen, die
den Plattenrand haben, ist der weiße Rand sicherlich von großer
Berechtigung, in allen Fällen aber ist er an und für sich schon ein
Rahmen. Man muß sich in diesem Falle begnügen, einen ganz schmalen,
einfachen Holzrahmen herumzulegen, der ganz gut weiß sein kann, ja
man braucht nur einen schmalen Streifen Papier um den Glasplattenrand
umzukleben, um des vorteilhaftesten Aussehens gewiss zu sein.
[Illustration: Einfaches Wohnzimmer von Architekt Prof. Joseph
Hoffmann.]
Ich denke hiebei immer zuerst an die kleinere Wohnung in den
Miethäusern, wo ja die Misère am größten ist und oft mit geringen
Mitteln eine gewisse Schönheit erzielt werden könnte. Große
Wohnungsverhältnisse, in Einzelwohnhäusern und Villen, wo der Luxus für
einen ziemlichen Aufwand, wenn nicht notwendigerweise für Geschmack --
o, im Gegenteil! -- sorgt, kommen für uns zunächst nur in bedauernder
Hinsicht in Betracht, daß sie kaum mehr, wie in früheren Zeiten, das
große Wandbild aufweisen, das in Hallen, Loggien etc. seinen rechten
Platz fände, und solche Wände, wenn das Bild etwa nach Art der alten
Gobelins oder mit dem Geiste eines Puvis de Chavannes gemalt wäre,
mit der bezaubernden und ungestörten Harmonie edler Linien und großer
einfacher Farbenklänge erfüllen müßte. Solche Heimstätten müssten die
eigentliche Pflegestätte des großen Ölbildes und der Wandmalerei sein.
[Illustration: Bücherschrank v. Arch. Georg Winkler.]
Für die Durchschnittswohnung muß die Reproduktionskunst in den meisten
Fällen genügen, wenn überhaupt auf Kunst Wert gelegt wird. Wird nach
den gegebenen Anhaltspunkten verfahren, dann kann sich an den Wänden
eine ungeahnte Schönheit entfalten. Um die Kunstwerke mit größerer
Geschlossenheit zu vereinigen, wird in manchen Wohnungen in der
Augenhöhe eine Holzverkleidung geführt mit regelmäßigen, rahmenartigen
Ausschnitten, darin die Kunstblätter hinter Glas stehen und beliebig je
nach dem Inhalt der Mappe ausgewechselt werden können. Der Kunstfreund
ist solcherart stets im gegenwärtigen Genuß seiner Sammlung und kann
den Turnus wechseln, so oft es ihm beliebt, von der feinen dekorativen
Wirkung dieses Arrangements ganz zu schweigen. Ob man nun auf die
eine oder andere Art vorgeht, dafür sich immer neue und interessante
Gestaltungsmöglichkeiten in unseren modernen Ausstellungen lernen
lassen, man wird sich bald auf einem höheren Niveau demselben Ideal
nahe finden, das schon unseren Großvätern erstrebenswert schien, man
wird nämlich ein ganz bestimmtes Verhältnis zu dem Bilderbesitze mit
einer klaren dekorativen Absicht zu verbinden wissen. Diese feine Lehre
liegt im dunklen »Turmalin« und in manchem alten Räume, darin die
Ahnenstimme lebt.
Die bildmäßig dekorative Verwendung anderer Materialien, wie etwa
getriebene Paneele in Messing, Kupfer oder Silber, die Kachelschnitte,
Mörtelschnitte, Mosaikbilder, Email und Perlmutter etc., die in die
Mauer eingelassen werden, kann nur im eigenen Wohnhaus in Betracht
kommen, wo der Kunst ein viel größerer Spielraum gegeben ist.
[Illustration: ENTWÜRFE FÜR LACKMÖBEL
Tischchen von Architekt Max Benirschke.]
[Illustration: Salonecke von Arch. Karl Bräuer.]
Das Porträt im Wohnraum.
[Illustration: Wohnzimmer von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Sitzgelegenheit mit Bücherablage von Architekt Max
Benirschke.]
Eine Stadt, die hunderttausend Einwohner hat, kann keine zwei
Porträtmaler ernähren. Das gibt zu denken. Im Nebenzimmer hängt das
Porträt der Großmutter. Sie sieht aus, wie in ihren besten Jahren,
als Frau, da sie schon alle ihre Kinder gehabt hat. Acht an der Zahl.
Wie gut sie aussieht! Die dunklen Haare sind in der Mitte gescheitelt
und ziehen in schönem Schwung stark in die Schläfen herein. Das blaue
Seidenkleid ist tief ausgeschnitten, ein feines Spitzentuch trägt sie
darüber. Um den schönen Hals läuft eine neunfache Perlenschnur, vorne
von einer großen Brosche zusammengehalten. Sie trägt die großen, aber
ungemein fein und leicht gearbeiteten Ohrgehänge aus den Dreißiger-
und Vierziger-Jahren und schön gefaßte Ringe: Topas, Amethyst und
Chrysopras. Stundenlang könnte man sie ansehen. Wie schön sie ist!
Überallhin folgen einem ihre Blicke. Stellt man sich links, rechts, in
die Mitte, immer blickt sie einem an mit den braunen, klaren, gütigen
Augen. Der Maler ist gar nicht bekannt. Aber das Bild lernt man lieben,
und im Bilde die Frau. Bald hat sie einen unverlierbaren Platz in der
Seele und lebt mit uns, obzwar sie längst tot ist. Im Leben haben
wir sie nie gesehen. Ein Jugendbildnis ist noch da. Da war sie noch
Mädchen, trug einen bebänderten Florentinerhut und weiße, duftige
Tüllkleider. Ein Pastell, blaß und rührend anzusehen. Ausgebleicht,
aber rosig umhaucht, wie verdorrte Rosen. Das war eine kunstfrohe
Zeit, Großmutters Jugendtage. Aus allen Familien sind uns von damals
Bildnisse überliefert, Ölporträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen,
von Daffinger und Genossen auf Elfenbein kunstreich gemalt. Dieselben
Personen meistens in den verschiedensten Lebens-Epochen dargestellt,
Grillparzer, die Fröhlichs, Schubert, all die Großen ihrer Zeit, noch
aus ihren unberühmten Tagen, was das Bemerkenswerte ist. Von den
Bildnissen Unberühmter, die nur Familienwert haben, gar nicht zu
reden. Diese ganze Kunstblüte ist untergegangen.
[Illustration: Salonschrank von Arch. Max Benirschke.]
Auf hunderttausend Einwohner kommen heute keine zwei Porträtmaler.
Wie werden wir unseren Enkeln im Gedächtnis bleiben! Wird unser Bild
in ihren Seelen leben, gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und
Lassen, geliebt und verehrt wie unsere selige Großmutter? Wir lassen
uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie
verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie
die Nachkommen auf, vielleicht! Aber ansehen tut man sie nicht, zeigen
noch weniger. Es ist unerquicklich. Name sind wir dann, leerer Schall.
Und dann erst wirklich gestorben. Liebe Großmutter, du lebst! Nein, wir
lassen uns auch porträtieren. Wir gehen in eine große photographische
Anstalt, wo viele junge Maler im Taglohn angestellt sind, und bestellen
das »Porträt«. Es ist zwar nur ein photographischer Grund, aber schön
angefärbelt. Sehr süß und schmeichelhaft, als ob wir nicht Menschen,
sondern Porzellanpüppchen wären. Aber es gefällt den Leuten, und es ist
modern. Darum tut es nichts, daß dieser Schund siebzig bis achtzig
Gulden kostet. Meistens soll es eine Überraschung sein, ein Geschenk
für die Frau des Hauses, für den Ehegatten. O Glück! O Wonne! Alles
ist Festfreude. Am Geschenk darf man nicht mackeln, darum wird der
kritische Verstand beizeiten totgeschlagen, wofern er überhaupt da war.
Zum Schlusse liebt man, was man hat, und sieht nur das sündhafte Geld
darin, das es gekostet hat.
[Illustration: Schmuckkästchen von Arch. Max Benirschke.]
Für dasselbe Geld bekommt man auch ein gutes Porträt. Man wende
sich an die Akademie, an die Kunstvereine, an die jungen, fertigen
Künstler. Die gehen mit Feuereifer daran, sie brauchen nicht mehr
unwürdige Arbeit tun, Bilderbogen kolorieren, Nikolo und Krampusse
für den Christkindlmarkt fabrizieren, um das Leben zu fristen. Alle
Porträtmaler hätten auf einmal zu tun. Und in jedem Hause könnten ein
paar Bildnisse sein, die einen wahren Familienschatz bilden.
[Illustration: Salon, Sitzecke von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Lackmöbel von Arch. Max Benirschke.]
Aber dem steht manches entgegen. Leider zum Teil die jungen und
fertigen Künstler selbst. Die sind betört durch das Riesenphantom, das
»Künstlerpreis« heißt, den die Künstler von Ruf zu erzielen pflegen.
»Warum sollten wir nicht auch -- -- --?« Kommt man in eine von
jungen Künstlern veranstaltete Ausstellung, fällt nichts so sehr auf
als die hohen Preise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß dieselben
Bilder um tatsächliche Kaufbeträge erhandelt werden, die zwergenhaft
sind im Vergleiche zu den verlangten Riesensummen. Mehrstellige
Künstlerpreise kommen mit dem steigenden Ansehen und Alter von selbst.
Während unsere Künstler darben, sind beispielsweise die französischen
Maler das Verkaufen gewöhnt. Das machen die billigen Preise.
[Illustration: Stuhl von Arch. Max Benirschke.]
Und dann die Leute. Die sagen, die Photographie tut denselben Dienst.
Das ist nicht wahr. Die Photographie gibt zwar alle Einzelheiten genau
wieder, aber rein äußerlich, auf chemisch-mechanische Weise. Darum
hat sie immer etwas Mechanisches, Seelenloses. Ich finde es ganz
begreiflich, daß Leute die gelungenste Photographie mit den Worten
zurückweisen: »Das bin ich nicht!« In den photographischen Ateliers
kommt das täglich vor. Nicht wie wir im Auge des leblosen mechanischen
Apparates uns darstellen kommt es an, sondern darauf, wie wir im Auge
des Menschen erscheinen. Darauf ist unser Empfinden, ja unser ganzes
Sein gestellt. Darum kann die Photographie nie die Geltung eines
Porträts haben.
Da gibt es Leute, die behaupten, die Bildniskunst sei die niedrigste
Gattung der Malerei. Es ist gelegentlich schon geschrieben worden. Es
ist gesagt worden, daß es eigentlich recht widerwärtig sein müsse,
täglich fremde Augen, Ohren, Nasen zu malen, nichtssagende Gesichter,
die dem Maler doch langweilig und gleichgültig sein müssen. Da tut er
eben seine Pflicht, schafft treu und fleißig wie ein Handwerker, und
was derlei Aussprüche mehr sind.
[Illustration: Fauteuil von Arch. Max Benirschke.]
Ich habe immer eine heimliche Sehnsucht gehabt, Porträtmaler zu sein.
Bildniskunst, sie ist der Gipfel der Malerei. Ich habe die ganz klare
Empfindung, daß ein Maler, der Künstler ist, nichts malt, was ihm
gleichgültig ist, daß er Psycholog genug ist, um in jedem Antlitz
einen Schimmer Seele zu entdecken, und daß er den Pinsel nicht eher
anrührt, bis er sich über den inneren Menschen klar geworden. Denn das
ist seine Kunst, daß er den Menschen nicht wie die Photographie in der
äußerlichen Zufälligkeit des Augenblicks darstellt, sondern dessen
innere Züge ergreift und den Charakter mit allen seinen Möglichkeiten
offenbart. Diese innere Ähnlichkeit ist künstlerisch wichtiger als
die bloß äußere. Ihm werden die feinen Linien und Fältchen des
Antlitzes, die der ungeschickte Photograph, der schmeicheln will, mit
Vorliebe wegretouchiert, besonders kostbar sein, und er wird das Auge,
das wir immer zuerst suchen, wie den Weg zur Seele, als wichtigste
Offenbarungsquelle behandeln. Das Porträt ist Geschichtsmalerei im
höchsten Sinne. Nicht allein für den Maler ist die Sache interessant,
auch für den Besteller. Der weiß, der Künstler malt aus innerer
Anschauung heraus, also das Bild, das er in seiner Seele von ihm
gewonnen hat. Er malt ihn, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Es
liegt darin etwas, das uns allen sehr nahe geht. Das Auge des Nächsten
ist in Wahrheit unser Wächter. Der einsame Mensch verwildert. Unsere
gesellschaftliche Kultur ist auf das fremde Auge gestellt. Sie spitzt
sich im Kerne auf die unausgesprochene Frage zu: »Werde ich gefallen?«
Das Maßgebendste aber wird sein, wie uns der Künstler mit seinen
verfeinerten und verschärften Sinnen auffaßt. Er wird uns mit keiner
Wahrheit verschonen. Wir werden in seiner Darstellung nicht aussehen
wie im stumpfen Alltag, sondern wie an einem Festtage des Lebens, etwa
in seinem höchsten Augenblick, in dem sich unser verborgenstes Wesen
zum stärksten Ausdruck sammelt.
[Illustration: Fauteuil und Tischchen von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Stuhl von Arch. Maurice Herrgesell.]
Kann das die Photographie leisten?
Ich habe von der Großmutter keine Photographie, das gab es zu ihrer
Zeit noch nicht. Angenommen, es gäbe eine solche, und ich besäße nichts
von ihr als diese Photographie, so würde sie wirken wie erblindete
Spiegel. Die Großmutter wäre sodann nie für mich gewesen. Die
Bildniskunst hat mich verehren gelehrt.
[Illustration: Plastik von Prof. Franz Metzner.]
Plastik im Zimmer.
Eine edle Plastik im Zimmer zu haben, ist immer eine Angelegenheit
kunstfroher Geister. Die Porträtplastik kommt im Hause zur
hervorragenden Geltung. Ebenso wie die nach dem Leben gearbeitete
Medaille. »Bloß zu beider Art Monumenten kann ich meine Stimme geben«,
sagt Goethe. »Was hat uns nicht das fünfzehnte, sechzehnte und
siebzehnte Jahrhundert für köstliche Denkmale dieser Art überliefert,
und wie manches Schätzenswerte auch das achtzehnte! Im neunzehnten
werden sich gewiß die Künstler vermehren, welche etwas Vorzügliches
leisten, wenn die Liebhaber das Geld, das ohnehin ausgegeben wird,
würdig anzuwenden wissen. -- Leider tritt noch ein anderer Fall ein.
Man denkt an ein Denkmal gewöhnlich erst nach dem Tode einer geliebten
Person, dann erst, wenn ihre Gestalt vorübergegangen und ihr Schatten
nicht mehr zu haschen ist. Nicht weniger haben selbst wohlhabende,
ja reiche Personen Bedenken, hundert bis zweihundert Dukaten an eine
Marmorbüste zu wenden, das doch das unschätzbarste ist, was sie ihrer
Nachkommenschaft überliefern können. Mehr weiß ich nicht hinzuzufügen,
es müßte denn die Betrachtung sein, daß ein solches Denkmal überdies
noch transportabel bleibt und zur edelsten Zierde der Wohnung gereicht,
anstatt daß alle architektonischen Monumente an den Grund und Boden
gefesselt, vom Wetter, vom Mutwillen, vom neuen Besitzer zerstört und,
so lange sie stehen, durch das An- und Einkritzeln der Namen geschändet
werden«.
[Illustration: Porträtplastik von Prof. Franz Metzner.]
Fünfzig Jahre später lebte noch ein Abglanz dieses überragenden
Geistes. Die Großelternzeit lebte in Goethe. Vom idealen Zimmer Adalb.
Stifters wurde schon erzählt. Ein Fernrohr durfte nicht fehlen, denn
das ist die Art der Dichter, daß sie immer wie durch Fernrohre sehen.
In die Zukunft hinein. Da ist die Rede von weißen ruhigen Marmorbildern
alter Zeit, die den Gipfel seiner Wünsche bilden.
[Illustration: Salonecke von Arch. Maurice Herrgesell.]
Die Wiener Kunstwanderungen erschlossen die Wohnungen, die den
Kunstsinn der letzten zwanzig bis dreißig Jahre offenbarten. Die Sache
war lehrreich genug. Von wirklich edler Plastik war wenig zu sehen.
Kaum hie und da eine Porträtplastik. Dagegen hatte die Galvanoplastik
einen breiten Raum. Man denke Michel Angelos’ Moses in einer
elektro-chemischen Wiedergabe, natürlich gegen das Original gemessen
aufs winzigste verkleinert, einem Tafelaufsatze nicht unähnlich.
Gypsstatuen mit Goldbronze belegt, standen umher. Jeder Sinn für
Echtheit ward verleugnet. Es war die Art, wie man in der Zeit des
Parvenü- und Protzentums die Kunst verstand und pflegte. Der ganze
Götterhimmel, der den Bildungsbezirk des Großbürgertums umstand,
hatte eine Wendung ins Operettenhafte gemacht. Soweit Offenbach’s
»Schöne Helena« von der Iliade entfernt ist, soweit entfernt sich
der Kunstverstand des Mrs. Jourdains anno 1870 von der Erkenntnis
Michel-Angelesker Größe.
[Illustration: Sitzecke von Arch. Karl Witzmann.]
[Illustration: Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.]
Heute ist das Kunstgewissen weiterer Kreise wieder empfänglicher
geworden. Man lächelt über die Geschmacklosigkeiten unserer jüngsten
Vergangenheit. Man sagt sich wieder, das plastische Kunstwerk muß
sich in den Raum einordnen, soll an bedeutsamer Stelle steh’n, einen
Augenruhepunkt bilden und dem prüfenden Blick standhalten können.
Nachbildungen von räumlich größeren Kunstwerken sind durchaus
verwerflich. Größere plastische Werke haben im Wohnraum nicht Platz,
sie fallen aus dem Rahmen, sie stören die Harmonie empfindlich,
wenn sie mit der räumlichen Umgebung nicht im Einklang stehen. Die
Kleinplastik nahm in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Sie
liefert den plastischen Schmuck unserer Wohnung, wofern es nicht
auch eine gute Porträtplastik sein kann. Aber was die Bazare an
kleinplastischem Schmuck liefern, ist selten von künstlerischem Wert,
meist nur süßliche allgefällige Publikumsware. Man gewöhnt sich also
schon allmählich daran, zum Künstler selbst zu gehen, wie es in den
besten Kunstjahren war. Man braucht den Zwischenhändler nicht, der ja
niemals künstlerische Interessen, sondern nur Handelsinteressen hat,
oft zum Schaden des guten Geschmackes. Der Bevormundung durch den
unwissenden Verkäufer, der den ärgsten Plunder unter dem Schlagwort
»Modern« oder »Sezzessionistisch« den Kunden aufschwatzt, hat sich
das deutsche Publikum noch nicht zu entziehen gewußt. Irgend ein
einzelner Gegenstand ohne Kunstwert, in irgend einem Laden gekauft,
kostet meistens ebensoviel, als ein kleines Originalwerk im Atelier.
Die Segnungen einer solchen Kunstfreude würden nicht lange ausbleiben
und ihr erster Erfolg wäre der, daß Leute, die nicht in der Lage sind,
solche Kunstsachen zu besitzen, den häßlichen Plunder der Bazare,
der fälschlich für Wohnungsschmuck ausgegeben wird, lieber nicht
aufstellen, und wenigstens durch diese Enthaltsamkeit die erfreulichen
Zeichen eines gesunden Geschmackes geben, anstatt durch lächerliche
Surrogate das peinliche Gefühl wachzurufen, daß das Gewollte doch ganz
anders sein müßte.
[Illustration: Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.]
[Illustration: Salonschrank von Arch. Max Benirschke.]
Junggesellenheim u. Herrenzimmer.
Das Studium alter Kulturen hat uns gelehrt, daß je erhabener die
Kunst, desto größer die Einfachheit war. Wenn wir wollen, daß die
Kunst ihren Ausgangspunkt in dem Hause nehme, dann müssen wir
aus unseren Häusern alle überflüssigen und störenden Gegenstände
fortnehmen, den sogenannten Luxus, den Komfort, der in Wirklichkeit
gar kein Komfort ist, weil er nur unnötige Plage macht und für nichts
gut und nützlich ist. Der wirklichen Gebrauchsgegenstände sind
verhältnismäßig wenige. Wenden wir uns einmal an die kleinste Wohnung,
die von einer alleinstehenden Person bewohnt wird, an das sogenannte
Junggesellenheim, so finden wir in der Regel ein einziges Zimmer, in
dem geschlafen und gearbeitet wird, wobei eine Arbeit vorausgesetzt
ist, die nicht viel Unordnung verursacht. Wir finden darin einen
Bücherschrank, der eine Menge Bücher enthält, ein Bett, das mit weißen
weichen Leinenvorhängen, die mit Aufnäharbeit versehen, abnehmbar und
waschbar sind, verschlossen ist, und bei Tag, wenn die Vorhänge, die in
metallenen Ringen laufen, zurückgezogen sind, als Divan benützt werden
kann. Das Nachtkästchen, wie ein einfaches Schränkchen gebaut, dient
bei Tag als Bücherablage, als Ständer für Vasen und Rauchzeug. Dann
ein Tisch, der sicher steht, um daran zu schreiben oder zu arbeiten.
Mehrere Stühle, die sich leicht von einem Ort an den anderen bringen
lassen, ein Kleiderschrank mit Schubkästen für Wäsche und derlei,
und solche Bilder und Stiche, als es die Mittel erlauben, ja keine
Lückenbüßer, sondern wirkliche Kunstwerke, was heute unschwer für
wenig Geld zu haben ist; auch eine oder zwei Vasen gehören hieher, um
Blumen hineinzutun, namentlich wenn man in einer Stadt lebt. Ein Ofen
gehört natürlich ins Zimmer, aber man zieht einen kleinen Gaskamin vor,
der, artig von einem Holzgehäuse umgeben, an seinem Bord allerlei,
Gegenstände der Kleinkunst aufzunehmen geeignet ist.
[Illustration: Schrank von Arch. Max Benirschke.]
Weiter ist nichts nötig, besonders wenn der Fußboden gut ist. Wenn dies
nicht der Fall ist, so würde ein kleiner Teppich, der in zwei Minuten
zur Reinigung aus dem Zimmer geschafft werden kann, gute Dienste
leisten; doch müßte dafür gesorgt sein, daß er schön ist, sonst würde
er schrecklich stören.
[Illustration: Schrank von Arch. Max Benirschke.]