große Gesellschaft veranstaltete, folgendermaßen verfuhr: Nach dem
Grundsatze, den die Römer schon kannten, daß eine Tischgesellschaft
nicht weniger als die Zahl der Grazien und nicht mehr als die Zahl
der Musen betragen sollte, verteilte sie die zahlreichen Gäste an
ebensoviele Tische als nötig waren, um die gesegnete Zahl herzustellen.
Und sie stimmte jeden Tisch auf eine andere Farbe. Sie hatte sich mit
den Damen ins Einvernehmen gesetzt, und sie mußten ihre Toilette der
Farbe ihres Tisches anpassen. Selbst die Tischtücher mußten Farbe
bekennen, und man sah die ganze Skala des Regenbogens vertreten,
ja sogar ein schwarzes Tischtuch war vorhanden. Die Blumen wurden
dementsprechend gewählt und verteilt. Die geistreiche Dame hatte von
ihrer meisterhaften Anordnung eine außerordentliche Wirkung erwartet
und die Wirkung war außerordentlich. Sie war nämlich außerordentlich
geschmacklos. Sie war so geschmacklos, daß man wirklich sehr
geistreich sein muß, um dergleichen einmal begehen zu dürfen. Sie
hat es sicherlich nicht wieder getan. Die feine Lehre war daraus zu
ziehen, daß für das Gedeck nur eine Farbe existiert, die den Glanz
der Frische und der Appetitlichkeit gewährt, das festliche Weiß, als
der richtige Grundton, davon sich das Silber, Krystall, Porzellan und
die freudigen Farben der Blumen schön und erquicklich abheben und
zugleich ein Schmaus für das Auge sind. Die ästhetische Befriedigung
ist ein wesentlicher Bestandteil der Tafelfreude. Nebst dem feinen
weißen Linnen, das manche Frauen, wie namentlich in früherer Zeit,
hüten wie Silber, ist es die Blume, welche dem gedeckten Tisch den
Adel künstlerischer Schönheit verleiht. Wie bei allen Dingen, kommt
es auch hiebei nicht auf die Kostbarkeit oder Seltenheit der Blumen
an, sondern auf die Art, wie sie verwendet werden. Gerade unsere
einfachen heimischen Blumen, mit schlichter Treuherzigkeit Bauernblumen
genannt, können, klug gebraucht, zu den feinsten Wirkungen gebracht
werden, und man erinnere sich nur daran, was Lichtwark über den
Löwenzahn als Tischblume sagt. Der vielverachtete Löwenzahn, der den
ganzen Tisch auf Gelb stimmt, könnte eine unvergleichliche Tischblume
abgeben. Mit gelben Blumen näht die Hausfrau gerne ihren Tischläufer
aus, und eine unbewußte Anerkennung liegt darin, daß Gelb auf weißem
Tischzeug besonders schön steht. Aber gerade hier ist viel Takt in
der Anwendung erforderlich. Streublumen sind sehr beliebt, aber sie
sehen alsbald welk aus, verursachen häßliche Flecken und eine krause
Unordnung am Tisch, die ihr freundliches Aussehen von früher bald ins
Gegenteil verwandelt. Ein Künstler hatte den glücklichen Einfall, die
Schnittblumen in kleinen würfelartigen Glasgefäßen, die in regelmäßigen
Abständen eine Reihe in der Mitte des Tisches bildeten, aufzustellen,
und er hat damit das Rechte getroffen. Heute bekommt man zu diesem
Zwecke kleine Glasgefäße mit dreieckiger Basis, die man in beliebiger
Weise zu Gruppen mit hoch- und kurzstengeligen Blumen vereinigen kann.
Hohe Blumen- und Fruchtaufsätze, welche die einander gegenübersitzenden
Personen den Blicken entziehen, haben sich als unzweckmäßig und
geschmacklos überlebt.
[Illustration: Speisezimmer von der Vereinigung „Wiener Kunst im
Hause“.]
[Illustration: SPEISEZIMMER
MÖBEL AUS BLAUGRAUER EICHE -- WAND IST RAUHER PUTZ MIT EINGESETZTEN
KACHELN
Entwurf von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]
[Illustration: Speisezimmer von Arch. Alois Hollmann.]
Die Reform des Tafelgedeckes beginnt schon bei der Serviette. Sie hat
heute noch eine Form, die ihre Gebrauchsart längst überlebt hat. Kein
Mensch von Lebensart wird sie heute noch mit einem Zipfel unter dem
Kinn in den Kragen stecken. Man legt sie heute einfach über den Schoß.
Die zweckentsprechende Form sollte demnach jene sein, welche etwa das
Handtuch besitzt: ein längliches Rechteck. Daß die Serviette weich und
lind sei, wird zwar in der Theorie immer verlangt, aber die Praxis
kennt nur damastene Servietten, die anfangs bocksteif sind und nach
längerem Gebrauch abhaaren. Die Zeiten sind wirklich vorüber, wo Linnen
dem Silber gleichgestellt war.
[Illustration: Zimmerecke von Arch. Franz Exler.]
Über das Glas wäre manches zu sagen. Gewöhnlich sitzt das Glas wie ein
Blumenkelch auf hohem dünnen Stengel, was zwar anmutig anzusehen, aber
in sehr hohem Maße unpraktisch ist. Erstens wird die Standfestigkeit
gering, bei leiser Berührung fällt das Glas um, und zweitens ist der
Stengel beim Reinigen allzuleicht abzudrehen. Aber auch dickes Glas
ist nicht zu empfehlen, weil nicht gut daraus zu trinken ist. Zwischen
Lippe und Flüssigkeit soll sich so wenig Glaswand befinden als immerhin
möglich. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich die organische Form
des Trinkglases von selbst; es müßte einen starken, feststehenden,
starkwandigen Fuß und Stengel haben und müßte gegen den Rand ganz dünn
verlaufen, um als angenehmes Glas empfunden zu werden. Handsam soll das
Glas sein und mundgerecht. So einfach die Lösung scheint, ich habe ein
solides Glas noch nicht gefunden.
Dem Glase steht das Porzellan zunächst. Ich weiß, daß die meisten Leute
buntbemaltes Geschirr lieben. Es macht zwar nicht viel aus, ob das
Geschirr bemalt ist oder einfach weiß, nur ist zu bedenken, daß die
Bemalung häufig Schäden des Porzellans verdecken muß. Reliefartiger
Dekor am Tellerrand ist im höchsten Grade unzweckmäßig, aber alles
Unzweckmäßige ist am häufigsten anzutreffen. Ganz weißes Geschirr ohne
bunte Streifen ist sehr vornehm in der Wirkung, aber merkwürdigerweise
selten im Gebrauche zu finden.
[Illustration: Speisezimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
[Illustration: Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Und nun das Silber. Es ist ja heute noch der Stolz jedes wohlhabenden
Hauses, der wohlgehütete Schatz, den man nur zu besonderen Festtagen
oder zu Ehren eines Gastes zu verwenden wagt. Die Silberlöffel
im Alltag zu gebrauchen, würde der Mehrzahl der Hausfrauen als
beispiellose Verschwendung erscheinen. Ich weiß wirklich nicht aus
welchem Grunde. Gerade für den Alltagsgebrauch ist echtes Edelmetall
wie Silber allein zu verwenden, weil es widerstandsfähiger und
sauberer zu halten ist als billiges Zeug, das oftmals erneuert werden
muß, immer übel aussieht und zuguterletzt viel höher zu stehen kommt
als Silber. Der wahrhaft ökonomische Sinn wird sich immer nur des
letzteren bedienen. Gewöhnlich aber ist für die Hausfrau das Silberzeug
bloß Gegenstand des platonischen Genusses, ohne weiteren Daseinszweck,
als »still im eigenen Glanz zu ruhen«, und als Brautgeschenke
gefühlsame Erinnerungen der Hausfrau zu bewahren. Den Kranz so frommer
Tugenden aber wollen unsere ungeweihten Hände nicht zerreißen. Sprechen
wir lieber von der Form, die das Silberzeug erhalten hat. Die Liebe
der Künstler hat sich ja dem Silber in besonderem Maße zugewendet, und
gerade in den letzten Jahren ist viel an dem Tafelbesteck probiert
worden. Bei der heutigen Art, Messer und Gabel leicht zu halten, hat
das Besteck auch jene Leichtigkeit und Zierlichkeit erhalten, die man
ihm wünschen mag. Jedermann hat sich schon über die Gabel geärgert, die
absolut keine Sauce fassen will. Als aber Oberbaurat Otto Wagner sein
Reformbesteck ausstellte, gab es dennoch eine kleine Erschütterung.
Man ist die alte Form schon so gewöhnt, daß die wenigsten Menschen
einsehen wollen, daß es da noch etwas zu reformieren gibt. Da gab aber
eines Tages ein einarmiger General den Anstoß zu einer Revolution. Der
wollte eine Gabel, mit der er nicht nur spießen, sondern auch schöpfen
und nötigenfalls auch schneiden konnte. Die Gabel wurde gefertigt; sie
besaß eine flache löffelartige Form mit drei kurzen Zinken, so daß man
damit bequem spießen und zugleich Sauce fassen konnte.
[Illustration: Standuhr von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Diese Gabel ist sicherlich der reformierteste Teil des Reformbesteckes.
Sie dürfte allgemeine Annahme finden, denn auch von der hygienischen
Seite her ist ihr Angenehmes wegen ihrer leichten Reinbarkeit
nachzusagen.
In den Ansprüchen, die wir in ästhetischer Hinsicht an den Eßtisch
stellen, prägt sich ein guter Teil unserer Erziehung und unserer
persönlichen Kultur aus. Die Mahlzeiten sind Feste des Leibes, die
bei Homer, der von seinen Helden getreulich berichtet, wann sie
die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben, eine Art fröhlicher
Gottesdienst werden. Der Adel der Form kommt später hinzu. Es genügt
dem Kulturmenschen nicht, daß das Mahl lecker bereitet sei. Die
schöne Form ist nicht zu entbehren. Sie ist das halbe Essen. Die
ästhetische Forderung wird geradezu zur körperlichen. Eine gewisse
absolute Schönheit des Eßtisches hat sich herausgebildet, die sich mit
Einfachheit wohl verträgt und die nur eine Verschiebung hinsichtlich
der Kostbarkeit verträgt. Diese ist aber sicherlich zu entbehren.
Eine Sehnsucht nach Schönheit geht durch unser Zeitalter. Wenn nichts
fruchtet, will man wenigstens »in Schönheit sterben«. Das ist gewiß
sehr edel, aber anmutsreicher ist: »in Schönheit leben«. Und dazu
gehört: »in Schönheit essen«.
Das Speisezimmer.
[Illustration: Standuhr v. Arch. Max Benirschke.]
Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten
Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter
versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten
Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr
roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade
wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie
hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der
Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen
Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend
aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu --
insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch
hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte,
wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war
zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die
Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit
Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß
man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke
mitten ins Gesicht zu setzen -- herrlich! Natürlich war auch ein
Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die
beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu
erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.
[Illustration: Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Buffet von Arch. Max Benirschke.]
Schlägt man die Tageszeitungen auf, so findet man spaltenlange
Annoncen, darin solche Intérieurs angepriesen werden. Man mag daraus
ersehen, daß sie noch immer ein Publikum finden, das diese Mühe und
Kosten verlohnt.
[Illustration: Schrank von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: AUSGEFÜHRT IN WEIS, BLAU UND SCHWARZ GEBEIZT -- UND
POLIERTEM AHORNHOLZ
Standuhr von Architekt Max Benirschke.]
Beim Stuhl begann die Revolution. Man verlangte, daß er Bequemlichkeit
gewähre, und bestimmte die Sitzhöhe nach dem körperlichen Maß.
Eigentlich hat man das auch in Goethes Zeiten getan und vielleicht
schon zu Moses Zeiten, aber man hat seit der Zeit, da man fremde
Stile kopierte, darauf vergessen. Die Querleisten zwischen den Beinen
wurden als lästig empfunden und blieben weg. Dann kam die Lehne in
Betracht. Hiebei ist die Atmung zu berücksichtigen. Geht die Lehne im
Bogen, so muß sie unter den Schultern abschließen, sonst verursacht sie
Atembeklemmungen. Geht sie höher, so schließe sie besser gerade ab.
Doch soll sie möglichst niedrig sein, sonst bildet sie ein Hindernis
beim Servieren. Von der Stuhlform hängt der Tisch ab. Die richtige
Höhe ist bei Speisetischen sehr wichtig. Ausziehtische sind natürlich
bevorzugt, wenn sie auf guten Rollen laufen. Die Zarge darf nicht
so weit herabreichen, daß sie das Knie des Sitzenden beengt. Die
Querstangen sind absolut zu vermeiden. Man hat neuestens den Tischfuß
mit gehämmertem Messing umkleidet, darauf man unbekümmert die Füße
stellen kann. Buffet, Teetisch, Serviertisch ergänzen das Mobilar.
Das Ornament besteht höchstens in eingelegten Linien, im flachen
Dekor. Glatte polierte Formen, die anmutige Reflexlichter erzeugen,
den Glanz des Silberzeugs, die Weiße des Porzellans widerspiegeln,
sind durchaus beliebt. Die Tafelaufsätze sind niedrig, einfach und
zweckvoll. Den Hauptschmuck bilden die Blumen, auf der Tafel und am
Fenster. Dort hängen keine Stoffgardinen mehr, die Rembrandtstimmung
ist dahin, alles ist auf Luft und Licht und Farbe gestimmt, auf helle,
freundliche Farben. Durchsichtige Gardinen, seitlich aufzuziehen,
hängen in geraden Falten herab. Die Wände sind natürlich auch hell,
keine Tapeten, keine Dessinierung. Perlgrau zum Beispiel. Das Möbelwerk
gebeizt oder lackiert. Mahagoni ist schön und teuer. Rot gebeiztes
Holz tut es auch. Stühle und Tisch in diesem Ton, dagegen die Buffets,
die Kaminverkleidung, der Blumenständer etc. weiß lackiert. Das gibt
einen schönen Akkord. Unter Kaminverkleidung verstehe ich die Umhüllung
des Gaskamins, mit Fächern zur Aufnahme von allerlei Kleinkunst. Für
den Bodenbelag findet man heute schon gutes und billiges Zeug in
geeigneten Farben, entweder einfärbig oder gestreift oder sonst mit
einem ruhigen Linienornament. Wo elektrisches Licht ist, hat man den
Vorzug einer gleichmäßig verteilten Deckenbeleuchtung. Auch bei den
Beleuchtungskörpern lasse man es nur auf reine Zwecklichkeit ankommen
und verschmähe allen ornamentalen und figuralen Kram, der sich in
dieser Form immer wieder anpreist. Erst wenn man von jedem Ornament
absieht, wird man zu ruhigen, einheitlichen Wirkungen und zu einer
stillen und vornehmen Schönheit gelangen. Wenn man einmal so weit sein
wird, die Farbe zu würdigen, die ungebrochenen einfachen Farben, nicht
die schmutzig aussehenden, dann wird man im Raum glückliche Ergebnisse
erzielen, die man nur andeuten kann.
[Illustration: Standuhr v. Arch. Max Benirschke.]
Der Salon.
[Illustration: Buffet von Arch. Franz Exler.]
Die Hausfrau, der stets die Sorge um ein standesgemäßes Heim am Herzen
liegt, steht dieser Frage häufig ratlos gegenüber. Bei den anderen
Räumen gibt es keine solchen Schwierigkeiten, deren Einrichtung ergab
sich notgedrungen, aus dem Bedürfnisse heraus. Aber beim Salon --
das ist etwas anderes. Hier spricht das Bedürfnis nicht so laut; man
wohnt nicht darin; man hat ihn gewöhnlich nicht für sich, sondern
für die anderen. Also um darin zu repräsentieren. Es gehört zu den
Herkömmlichkeiten, daß selbst jede kleinere Wohnung ihren »Salon« hat.
Dazu wählt man fast immer das beste und größte Zimmer, die anderen
Räume werden ins Hintertreffen gerückt. Ich halte zwar die Gemächer,
die meinem persönlichen Dasein dienen, für weitaus wichtiger, aber das
gehört nicht hieher. Im Salon kann man zeigen, daß man auch »wer« ist,
und das erklärt alles. Also wendet sich die ratlose Hausfrau an ihr
Hausblättchen, von dem sie gewöhnlich auch die Kochrezepte bezieht:
»Bitte, wie richte ich meinen Salon ein?« und erhält alsogleich
probaten Rat in der herkömmlichen Form: »Man nimmt ein paar Stühle
verschiedener Form und Größe, mit beliebigem Seidenstoff gepolstert,
kleine Tischchen, ein Sopha, Fauteuils etc.« Die Durchschnittssalons
der bürgerlichen Wohnungen schmecken alle nach diesem Rezept.
Der Möbelhändler liefert den bric-à-brac, den billigen Tand, die
Gipsstatuen und all den Kram, der für wenig Geld viel Geschrei machen
soll.
[Illustration: Buffet von Arch. Hans Stubner.]
Dieselbe Öde und Langeweile, den Mangel jeder persönlichen Regung
findet man von Haus zu Haus. Was auch die praktischen Ratgeber
und Möbelhändler sagen mögen, _so richtet man einen Salon nicht
ein_. Wozu haben wir überhaupt einen Salon? Welche Aufgabe soll
er in dem Organismus unseres Hauses erfüllen? Soviel steht fest: In
der Form, wie wir ihn meistens finden, bildet er einen toten Raum.
Sollte der »Salon« nicht derart zu gestalten sein, daß er auch von dem
Leben erfüllt werde, das die anderen Räume beherrscht, daß er nicht
bloß einer unzulänglichen Repräsentanz diene, sondern wirklich der
Bedeutung gleichkomme, die man ihm auf Kosten der Bequemlichkeit in der
bürgerlichen Wohnung einräumt? Die Sache ist der Untersuchung wert.
[Illustration: Speisezimmer von Arch. R. Bräuer.]
Schon das Fremdwort »Salon« besagt, daß wir es mit einem Raume zu
tun haben, der aus einer fremden Kultur stammt. Die italienische
Renaissance veratmet in dem Wort. »Salone«, »großer Saal«, so hieß der
große Empfangsraum im italienischen Palazzo. Was wir heute unter dieser
Bezeichnung in unseren Durchschnittswohnungen finden, ist freilich eine
Farce auf den ursprünglichen Geist eines solchen Raumes. Soll der Salon
für unsere Verhältnisse wieder Sinn und Zweck bekommen, dann müssen wir
ihn seines anscheinend repräsentativen Charakters, der für die große
Mehrzahl ohnehin bedeutungslos ist, entkleiden, und ihm das Gepräge
eines persönlich intimen Raumes geben. Nach einer gesunden Auffassung
von der Sache hat aber der bürgerliche Salon die Aufgabe, alle Dinge
aufzunehmen, welche die Persönlichkeit, ihre Neigungen und ihre Ideale
charakterisieren. Jegliches Ding darin müßte von der Persönlichkeit
etwas auszusagen haben. Für die gebildete Hausfrau oder den gebildeten
Hausherrn wird der Salon recht eigentlich Bibliothek oder Arbeitszimmer
sein, wo die Lieblingsbücher stehen und die Studien gepflegt werden,
wo an den Wänden in geeigneten, zum Auswechseln gerichteten Rahmen
die Kunstblätter hängen, die Sammlungen aufgestellt sind und aus
allen Dingen die geistigen Wesenszüge der Bewohner sprechen. Hier,
wo man von allen Gegenständen seiner Neigungen umgeben ist, wird man
am angenehmsten plaudern, und die Langeweile, dieser tötliche Feind
aller Lebensfreude, wird solchen Räumen sicherlich fernbleiben. Die
Unterhaltung, die von diesen Gegenständen her Nahrung empfängt, wird
leicht und fesselnd sein, weil sie solcherart die Eigenart der
Bewohner auf unauffällige und sympathische Weise offenbart, und eine
anziehende Neuheit darin besitzt, daß sie sich nicht um die Schwächen
des abwesenden lieben Nächsten zu drehen braucht.
[Illustration: Buffet von Arch. Georg Winkler.]
Wo diese Auffassung platzgreift, stellen sich die neuen Grundsätze
für die zweckmäßige Einrichtung ungerufen ein. Die gute Hausfrau, die
bereits gemerkt hat, um was es sich handelt, weiß nun mit einemmal,
was sie für ihren Salon braucht. Sie wird Wände und Plafond in
einfachen ruhigen Farben halten, vielleicht einfärbig bloß mit einem
herumlaufenden Fries, oder sie wird, wenn sie Stofftapeten haben
will, zu einem modernen Muster greifen. In Stofftapeten ist auch mehr
Farbenfreude und Lebhaftigkeit der Zeichnung statthaft. Sie wird die
Möbel so einfach, aber auch so gediegen herstellen lassen als möglich,
vielleicht aus Mahagoni oder rotgebeiztem Holz, mit dem sich auch
weiße Lackmöbel gut verbinden lassen. Die Möglichkeiten sind nicht
auszudenken, der gute Geschmack wird mit allen Mitteln das richtige
treffen. Die Anordnung der Möbel wird selbstverständlich von der
bisherigen Aufstellung sehr verschieden sein müssen. Man wird in einem
solchen intimen Raum Wert darauf legen, eine gemütliche Plauderecke
zu besitzen, ein cozy-corner, das eine Ecke des Zimmers füllt, eine
halbkreisförmige gepolsterte Sitzgelegenheit enthält, und ein Tischchen
davor, wo man behaglich sitzen kann, den ganzen Raum beherrscht und
sich dennoch abgeschlossen und geborgen fühlt. Das Fenster, das bei der
Art unserer Zimmer leider so wenig Raum an der Wandseite läßt, wird
einfach zur unteren Hälfte verkleidet, wenn es sich nicht anders tun
läßt. Von diesem Platze aus ergibt sich die geschmackvolle Aufstellung
der anderen Möbelstücke, die immer nur nach Maßgabe des persönlichen
Bedürfnisses vorhanden sein werden, ganz leicht.
[Illustration: Speisezimmer von Arch. Karl Witzmann.]
[Illustration: Speisezimmer von Arch. Max Benirschke.]
Man glaube indessen nicht, daß die Sache so brandneu ist, daß man es
nicht wagen dürfe, sie aufzunehmen. Bei den Künstlern gehört es zur
Überlieferung, die ganz selbstverständlich ist, daß sie ihre Gäste im
Arbeitsraum, also in der Werkstatt, im Atelier empfangen. Das Atelier
ist zugleich ihr Salon. Darum unterhält man sich bei den Künstlern am
besten, weil man von ihrem geistigen Wesen ganz umgeben ist, von allen
Dingen, die diese Geistigkeit sichtbar machen. Auf diese Art kann es
jedermann halten. Nicht jeder ist Künstler, wird man sagen. Aber jeder
Gebildete hat geistige Interessen irgendwelcher Art oder treibt einen
geistigen Sport, musiziert, sammelt, liest. Oder sollte ich allzu
optimistisch sein? Man gebe einem Salon das Gepräge eines geistigen
Sammelpunktes. Wer aber in den neuen, oben dargestellten Grundsätzen
eine Festigung durch das Beispiel der altehrwürdigen Tradition braucht,
der lese die folgende Schilderung des idealen Zimmers, das sich
Adalbert Stifter einrichten wollte, den man in dieser Hinsicht ganz gut
als einen Vorläufer der Modernen betrachten kann.
[Illustration: Speisezimmer mit Erker von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Buffet von Arch. Georg Winkler.]
»Zwei alte Wünsche meines Herzens stehen auf. Ich möchte eine Wohnung
von zwei großen Zimmern haben, mit wohlgebohnten Fußböden, auf denen
kein Stäubchen liegt; sanft grüne oder perlgraue Wände, daran neue
Geräte, edel massiv, antik einfach, scharfkantig und glänzend; seidene
graue Fenstervorhänge, wie matt geschliffenes Glas, in kleine Falten
gespannt, und von seitwärts gegen die Mitte zu ziehen. In dem einen
der Zimmer wären ungeheuere Fenster, um Lichtmassen hereinzulassen,
und mit obigen Vorhängen für trauliche Nachmittagsdämmerung. Rings
im Halbkreise stände eine Blumenwildnis, und mitten darin säße ich
mit meiner Staffelei und versuchte endlich jene Farben zu erhaschen,
die mir eben im Gemüte schweben und nachts durch meine Träume dämmern
-- ach, jene Wunder, die in Wüsten prangen, über Ozeane schweben
und den Gottesdienst der Alpen feiern helfen. An den Wänden hinge
ein oder der andere Ruysdael oder ein Claude, ein sanfter Guido und
Kindergesichtchen von Murillo. In dieses Paphos und Eldorado ginge ich
dann nie anders, als nur mit der unschuldigsten, glänzendsten Seele,
um zu malen oder mir sonst dichterische Feste zu geben. Ständen noch
etwa zwischen dunkelblättrigen Tropengewächsen ein paar weiße ruhige
Marmorbilder alter Zeit, dann wäre freilich des Vergnügens letztes Ziel
und Ende erreicht.«
Wie man Bilder hängt.
Im »Turmalin«, einer Geschichte, so dunkel wie der Edelstein, nach
dem sie benannt ist, erzählt Adalbert Stifter von einem wunderlichen
Manne, der die vier Wände seines Wohn- und Arbeitszimmers vollständig
mit Bildnissen berühmter Männer behing. Es war kein Stückchen, auch
nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre.
In der Sache lag System, und sie dürfte zu des seligen Biedermeiers
Zeiten Schule gemacht haben. Denn als ich einmal in einem Schlosse zu
Gast war, das in jenen Tagen eingerichtet wurde und die ursprüngliche
Einrichtung heute noch unverändert besitzt, sah ich ganze Wände mit
schmalen, einfachen Goldrahmen dicht behängt, darin Lithographien,
ebenfalls Bildnisse berühmter Männer, zumeist der Kriegsgeschichte
angehörig, zu sehen waren. Wie ich nachträglich hörte, hatte das Schloß
einem berühmten Feldherrn zum Aufenthalte gedient.
[Illustration: Sitzgelegenheit in einem Salon von Architekt Georg
Winkler.]
Diese Anordnung erscheint mir aus zwei Gründen beachtenswert. Erstens
waren es nur bedeutsame Bilder, die als Original-Lithographien einen
gewissen Wert besaßen und durch ihren Inhalt ein ganz bestimmtes
Verhältnis zu ihrem Besitzer ausdrückten, und zweitens war in dem
Arrangement eine klare, dekorative Absicht ausgeprägt.
Ich meine aber durchaus nicht, daß man die Sache nachahmen dürfte.
Sie ist nur deshalb sympathisch, weil sich in ihr überhaupt ein
Gestaltungsgrundsatz geltend macht. Im Übrigen könnte man sehr
viel Gegenteiliges einzuwenden haben, denn eine Sammlung von
Kunstblättern gehört doch viel eher in die Mappe, die man nur in
musenfreundlichen Stunden dem schönheitsuchenden Auge erschließt,
und dann genügt dieses briefmarkenähnliche Aufkleben nicht mehr dem
modernen Formsinn. Außerdem möchte ich der Gefahr begegnen, daß man
meine Sympathie zugunsten jener wigwamartig mit Trophäen behängten
Schauspielerwohnungen auslegt, wo die Wände über und über mit
Photographien in protzigen Goldrahmen bepflastert sind, die das liebe
Ich, von vorn und hinten gesehen und in allen möglichen und unmöglichen
Lebenslagen variiert, möglichst aufdringlich zur Schau stellen. Diesem
indianerhaften Zustand möchte ich nicht einmal den Schein eines
freundlichen Arguments gönnen.
[Illustration: Einfaches Speisezimmer von Architekt Prof. Joseph
Hoffmann.]
Kehren wir zu Biedermeier zurück und gestehen wir, daß die alte
Ordnung, wo sie noch unverfälscht in den Räumen von anno dazumal
vorhanden, recht artig aussieht. Im traurigen Gegensatz zu dieser Art
Bilder zu hängen, haben die Durchschnittswohnungen in den heutigen
Miethäusern kein Prinzip ausgebildet. Oder doch nur eines: nämlich
die Löcher in der Wand zu verdecken. Beim Beziehen einer neuen
Wohnung geben diese garstigen Löcher, mit Gyps verschmiert, aus der
schmierigen Wandbemalung grell hervorstechend, der ratlosen Hausfrau
die einzige und getreulich befolgte Auskunft auf die Frage: »Wie sollen
wir die Bilder hängen?«
[Illustration: Einfaches Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]