Gesamtwirkung gestimmt. Es ist aber durchaus nicht »stilwidrig«, in
einem solchen Raum einen echten Perserteppich aufzubreiten. Überhaupt
was ist Stil? Wenn irgend ein antikisierender in Holz geschnitzter
Fries, bald auf Schränken und Betten aufgetragen und auseinandergezerrt
und dann wieder auf Nachtkästchen schmal zusammengedrängt wird, so
nennt man das im Möbelhändlerverstande »stilgerecht«. Wenn aber jemand
in seiner Wohnung heterogene Dinge zusammenträgt, die ihrer Entstehung
nach, räumlich und zeitlich, sehr getrennt sein mögen, aber durchaus
echt sind, so ergibt sich vermöge dieser Echtheit eine gewisse Einheit
und diese Einheit kann man füglich Stil, vielleicht den einzig wahren
und naturgemäßen Stil nennen. Darum beleidigt es unser Empfinden
nicht, wenn wir in der neuen Wohnungs-Ausstattung einen echten Perser
und an den Wänden gar echte Gobelins vorfinden. Die orientalischen
Teppiche haben schöne geometrische Muster und die liegen uns ästhetisch
wahrhaft näher, als alle plumpen Pflanzenstilisierungen, die man in
der wohlfeilen Teppichfabrikation antrifft. Überdies hat die Moderne
auch passende Teppiche geschaffen, die in ruhigen Farben gehalten sind,
eine strenge geometrische Zeichnung oder irgend eine phantasievolle
Linienführung aufweisen und die Stimmung solcher Räume harmonisch
abschließen, Teppiche von Kolo Moser, Josef Hoffmann, Josef Olbrich,
Leopold Bauer, Peter Behrens, Max Benirschke u. v. a.
[Illustration: Vitrage mit Stilstich von Paula Roth (Kunstschule für
Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]
Die weiblichen Handarbeiten, die in diesem Zusammenhange erwähnt werden
müssen, bedürfen gleichfalls einer künstlerischen Reform. Hier sollte
eigentlich der Ausgangspunkt der häuslichen Kunstpflege sein. Leider
hat auf diesem Gebiete die Schablone jede Regung von Selbständigkeit
und Geschmack erstickt. Die Arbeit ist zu einer ermüdenden, tötlich
langweiligen Übung, zum bloßen mechanischen Ausnähen von allerlei
Lappen herabgesunken und rechtfertigt die Verachtung, mit der die
radikal Gesinnten die geistlose Beschäftigung ablehnen. Trotzdem sind
sie nicht zu entbehren. Sie werden wieder ein Segen sein, wenn die rein
mechanische Handarbeit zur künstlerischen Arbeit geadelt ist, was der
Fall sein wird, wenn die »handarbeitenden« Frauen die Muster, die sie
ausführen, selbst entwerfen auf Grund klarer Kenntnis der Technik, des
Materials und des Zweckes.
[Illustration: Leinentischläufer mit Knoten und Stilstich von Paula
Roth (Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]
Lichtkörper und Heizkörper.
[Illustration: Wartezimmer von Arch. Hans Stubner.]
Die moderne Lichtquelle, Elektrizität, hat zu Beleuchtungskörpern
geführt, deren Form keinem Vorbild entlehnt werden konnte, sondern
aus der Natur der Sache geschöpft werden mußte. Hier kann man die
lehrreiche Wahrnehmung machen, daß solchen rein sachlichen Lösungen
ein großer dekorativer Reiz innewohnt. Glühlampen an Leitungsdrähten
in wohlgemessenen Abständen von der Decke herabhängend, können durch
ihre Anordnung allein höchst erfreulich wirken. Hier bedarf es keines
weiteren Ornaments. Würde ein solches hinzutreten, so dürfte es leicht
störend empfunden werden. Die Tatsache, daß aus rein sachlichen
Lösungen die glücklichsten dekorativen Wirkungen abzuleiten sind, ließe
sich an allen bisher üblichen Beleuchtungskörpern demonstrieren, an
denen wir leider gewohnt sind, ein Übermaß der unsinnigsten Ornamente
zu sehen. Eine sachlich gelöste Petroleumlampe, die durch zweckmäßige
Form allein edel wirkt, gehört, wenn sie wirklich vorkommt, zu den
größten Seltenheiten. Für den Künstler ist hier noch immer ein Feld
offen. Für Gasbeleuchtung sind moderne Beleuchtungskörper geschaffen
worden, aus Metall und Opalscentglas, die formal zu den Schönsten
gehören, das wir in diesem Genre besitzen. Dagegen kommt es vor,
daß den Kerzenweibchen oder ehemaligen Kerzenlustern elektrische
Glühlampen aufgesetzt werden, die auf imitierten Kerzenschäften
stehen und solcherart den Anschein einer wirklichen Kerzenbeleuchtung
erwecken. Es können immer Fälle vorkommen, bei Festessen z. B.,
wo man sich lieber der edelsten Lichtquelle, der Kerze selbst
bedient, die wie kein anderes Beleuchtungsmaterial geeignet ist,
Festweihe und feierlichen Glanz zu verbreiten. Dann aber sollen es
wirkliche Kerzen sein. Aufrichtigkeit und ehrliches Bekennen, also
hier Materialbekennen, sind Grundlage jedes gesunden Geschmacks. An
elektrischen Tischglocken, Tastern, Lichtträgern und Leuchtern hat
die neue Zeit viel geschaffen. Aber auch hier ist vor einer gewissen
Überkunst zu warnen. Rein sachliche und geschmackvolle Lösungen sind
selten. Es muß dahin gestellt bleiben, ob es ein glücklicher Gedanke
ist, mit dem Zweckbegriff eine figurale Darstellung zu verbinden, die
mit der Sache eigentlich nichts zu tun hat. Wir sehen Leuchter in
Gestalt von Lichtträgerinnen, weibliche Gestalten, die Kerzen tragen,
bald schwer belastet, bald mit geschlossenen Augen hinschreitend,
als Symbol der Nacht, dann emporschwebend wie die züngelnde Flamme
oder hingekauert, den Kerzenschaft wie eine Säule umklammernd. Der
Plastiker lebt sich nur aus, wenn er an den Gebrauchsgegenständen, die
er formt, seine figuralen Ideen verkörpern kann. Unzählige Symbole
leitet seine Phantasie aus dem Lichtmotiv ab und umrankt es mit dem
üppigen Gespinnst seiner Formerfindung. Diesen Dingen gegenüber, die
ja zum Teil auch wirkliche Schönheit offenbaren, ist der Standpunkt
fernzuhalten, daß ein sehr gebildeter und disziplinirter Geschmack
die streng sachlichen Formen an allen Gebrauchsdingen vorzieht, damit
die eigentlichen Kunstwerke, die sich im Raum befinden, zu jener
unbestrittenen Geltung kommen können, die ihnen zukommt.
[Illustration: Warteraum von Arch. Alois Hollmann.]
[Illustration: Halle von Arch. Alois Hollmann.]
[Illustration: Vorzimmer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
In Bezug auf die Heizkörper ist ähnliches zu sagen. Frühere Zeitalter,
die u. zw. Renaissance vor allem, hat Öfen gehabt, an denen die Freude
am Ornament wahre Orgien feierte. Jeder Kachel trug ein anderes
Ornament, eine andere figurale Darstellung, eine andere Farbengebung.
Das ganze war ein Wunderbau wie der babylonische Turm. Im Zeitalter
des Barock, Rokoko und Empire begegnet man weiß glasirten Öfen in
geschwungenen Linien, oder Obeliskenformen, die ein Postament für
plastische Gruppen vorstellten. Später kam die Hafnerkunst gänzlich
auf den Hund. Heute kann man dem Ofen und der Holz- und Kohlenheizung
nicht mehr das Wort reden. Eine neue Beheizungsart stellt sich vor: die
Zentralheizung durch erwärmtes Wasser oder Luft und die Gasheizung.
Gaskamine wendet man in Wohnungen sehr vorteilhaft an; man kann
sich des von der gerippten, blinkenden Metallfläche wiederstrahlten
Feuerscheins erfreuen, ein Hochgenuß für romantische Gemüter, die
nach der anheimelnden Poesie der »Fireside« der offenen Kamine,
eine unbezähmbare Sehnsucht empfinden. Sie können am Gaskamin ihrer
Sehnsucht fröhnen, ohne die Schattenseiten der begehrten Dinge zu
empfinden. Denn diese Einrichtungen sind technisch vorzüglich. Aber sie
sind vom ästhetischen Standpunkt aus unerträglich. Sie sind gewöhnlich
mit den heillosesten Stilschnörkeln verbrämt. Da hilft nur Eines: Man
gibt ihm eine hölzerne Umhüllung, weiß oder sonstwie lackiert, mit
einem Gesimse für kleine Kunstwerke versehen und mit Sitzgelegenheiten
rechts und links. Wir haben damit in unserer Stadtwohnung die
gemütlichste und traulichste Einrichtung gewonnen, wie man sie sonst
nur in einem englischen Hause zu finden gewohnt ist.
[Illustration: Vorzimmer von Arch. Karl Sumetsberger.]
Vorzimmer und Dienerzimmer.
[Illustration: Kleiderablage von Architekt Max Benirschke.]
[Illustration: Kleiderschrank v. Arch. G. Winkler.]
[Illustration: Vorraum mit Sitzgelegenheit in der Fensterecke von Arch.
Max Benirschke.]
Der erste Schritt, den wir in eine Wohnung tun, belehrt uns gewöhnlich,
wessen Geistes dieses Heim ist. Der Vorraum, den wir zuerst betreten,
ist schon für alle anderen Räume bezeichnend. Die Persönlichkeit
färbt überall ab. Ein Haus, dessen Neben- und Nutzräume nicht in
Ordnung sind, wird auch nicht ein einziges Gemach besitzen, das volles
Behagen gewährt. Umgekehrt wird sich ein ordnender und liebenswürdiger
Hausgeist auch bis auf die äußerste Schwelle bemerkbar machen.
Praktisch betrachtet, hat ein Vorzimmer zwei Aufgaben zu erfüllen. Es
dient als Warteraum für den Besuch, der sich melden läßt, um nicht
unvermittelt in die Gemächer zu treten. Der angemeldete Besuch benützt
den Augenblick, Hut und Überkleider abzulegen und mit einem prüfenden
Blick in den Spiegel sich über die Ordnungsmäßigkeit seiner Toilette
zu versichern. Demnach ergeben sich als unerläßliche Möbelstücke: eine
Kleiderablage für Röcke, Hüte, Stöcke und Schirme, ein Wandspiegel,
der gewöhnlich damit in Verbindung steht, einige Sitzgelegenheiten,
am besten einfache Stühle und ein Tischchen mit Lade. Die Hausfrau
erkennt eine weitere Aufgabe des Vorzimmers darin, daß sie es zur
Aufnahme ihrer eigenen Kleiderschränke einrichtet. Denn bei den
heutigen beschränkten Raumverhältnissen in Mietshäusern und den neuen
Raumgestaltungsprinzipien sucht man derartige große Wandschränke aus
den Wohnzimmern zu bannen und ins Vorzimmer zu verlegen. So mag man
denn an allen Wänden gleichförmige Schränke finden, die aus einem
Stück, jedoch in viele Teile zerlegbar, bestehen können. Man wird aber
gut tun, die ganze Wandhöhe bis zum Plafond schrankartig abzubauen
und die oberen Fächer, die Separattüren ober der Kopfhöhe haben,
zur Aufnahme von allerlei Schachteln und sonstigen Effekten, wenig
benützten Kleidern u. s. w. zu verwenden, denn in einem Haushalt
werden leicht alle Fächer und Schränke zu wenig, um zu beherbergen,
was sich im Laufe der Zeit ansammelt. Es kann aber auch, um nicht eine
Wand für die Kleiderablage mit Spiegelteil opfern zu müssen, eine
solche Kleiderablage und der Spiegel vorne an einem oder mehreren der
Schränke angebracht, der Spiegel in eine der Schranktüren eingelassen,
die Kleiderhaken neben den Schranktüren befestigt und solcherart alle
vier Wände mit Schränken abgebaut werden. Selbstverständlich wird man
weiches Holz zu diesem Zweck verwenden und in einer Farbe, am besten
weiß, lackieren oder streichen. Als Bodenbelag findet man vielfach
Matten, die mit einfachem Muster von Künstlern entworfen, durch die
Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation stark in den Handel gebracht werden
und sich vortrefflich bewähren. Ein solcherart ausgestatteter Vorraum
besitzt alle Vornehmheit und Anspruchslosigkeit, deren er bedarf,
wenn er den Besucher auf die gastlichen Haupträume vorbereiten will.
Unterordnung in den Hauptgedanken der Wohnungsausstattung ist hier
Gesetz. Im Vorraum pflegt man gute Bilder und sonstige Kunstwerke nicht
unterzubringen; schlechte soll man aus Geschmacksgründen noch weniger
hinstellen, weil der Raum keine Trödelkammer sein soll und da leicht
eine geringschätzige Meinung von den Inwohnern erwecken kann. Aber
es ist keineswegs Grundsatz, daß aus den Vorräumen Kunstwerke, wie
Bilder und Plastik, verbannt sein sollen, im Gegenteil, wenn das Haus
weitläufig genug ist, und das Vorzimmer, wie es heute geschieht, mehr
den Charakter einer »Hall« empfängt, fänden sie auch hier ausgezeichnet
Platz und trügen von dem Geist und der Vorliebe der Bewohner
freundliche Spuren über die Schwelle ihrer inneren Wohnräume hinaus und
dem Besucher einladend entgegen. Wir mögen uns da nur einmal Goethe’s
Beispiel vor Augen führen und sein Haus in Weimar rekonstruieren, wie
es anfangs des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat. Ohne glänzend zu sein,
war alles höchst edel und einfach; auch deuteten verschiedene an der
Treppe stehende Abgüsse antiker Statuen auf Goethe’s besondere Neigung
zur bildenden Kunst und dem griechischen Altertum. Der Vorraum in der
I. Etage trug die Zeichen »Salve« als freundliches Willkommen und
einer der zwei Vorräume, wo man zu warten genötigt war, war durch ein
rotes Kanapee und Stühle von gleicher Farbe überaus heiter möbliert;
zur Seite stand ein Flügel und an den Wänden sah man Handzeichnungen
verschiedener Art und Größe.
[Illustration: Vorraum mit Treppe von Arch. Max Benirschke.]
[Illustration: Dienstbotenzimmer von Architekt Prof. Josef Hoffmann.]
So bei Goethe. Freilich zwischen dem Alt-Weimarer Hause Sr. Exzellenz
und einer modernen Stadtwohnung, ist ein Unterschied.
[Illustration: Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Zu jenen Räumen, für die man im Allgemeinen auch das Schlechteste
für gut genug hält, gehören die Dienerzimmer. Es ist ein trauriges
Zeichen schlechter sozialer Begriffe und unzureichender menschlicher
Einsicht, wenn man in einem Hause die Dienstleute, denen man doch
Treue und Anhänglichkeit zum Gesetz macht, schlecht versorgt findet.
Im Dienstverhältnis gibt es nach beiden Seiten hin Pflichten und
Rechte und kein Teil, weder Dienstgeber noch Dienstnehmer, dürfte
dem anderen etwas schuldig bleiben. Für menschenwürdige Zustände im
Hinblick auf das Dienstpersonal zu sorgen, ist auch eine der ersten
Pflichten der Hausfrau, wenn sie nicht Recht behalten sollte, daß sie
wirklich »bezahlte Feinde« im Hause habe. Guter Geschmack heißt hier
wie überall Reinlichkeit und Zweckdienlichkeit. Massiv eiserne Betten
(Hohlräume sind immer Aufenthalt unausrottbarer Ungeziefer), einfache
Möbel aus weichem Holz in irgend einer Farbe gestrichen, Tisch, Stuhl,
Schrank und Waschgelegenheit möblieren den Raum vollständig und können
ihn zugleich recht wohnlich machen. Wenn für das persönliche Wohl der
Dienstleute in mustergiltiger Weise gesorgt ist, ist das immer eine
Ehre für die Hausfrau.
Die Küche.
[Illustration: Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
In einem Lobliede an die Küche meint Gilles Corrozet (1534), daß es
eine schöne Sache sei um ein geschmücktes Haus, um eine behagliche
Stube, um den wohlbestellten Speicher und Keller, daß aber ein Haus
trotzdem nichts Erquickliches böte, wenn man nicht auch eine gute
Küche sehe, die gute Küche, wo die freundlichen Götter Diana, Ceres
und Bachus ihre gesegneten Gaben niederlegen, wo der freundliche,
Zufriedenheit und Wohlbehagen spendende Hausgeist im Winkel am
Herde tront und leibliche Stärkung und Mehrung der Daseinsfreude
verheißungsvoll winken.
Der gute Corrozet ist ein praktischer Idealist; wer auf guten Tisch
hält, (und wer tut das nicht) muß vor allem auf gute Küche halten,
und darum gibt er seinen Zeitgenossen eine umständliche, in zierliche
Reime geflochtene Darstellung einer ganzen Kücheneinrichtung, in der er
auch nicht »die Lichtschneutzen« vergißt und daraus man leicht ersehen
kann, welche hervorragende Wichtigkeit die Küche im damaligen Haushalt
besaß. Sie ist die Urzelle des Hauses, aus der die anderen Räume erst
nach und nach hervorgegangen sind. Noch im XVIII. Jahrhundert vollzog
sich auf den seigneuralen Gütern Frankreichs das Leben vorzugsweise
in der Küche, während die übrigen Gemächer des Hauses als bloße
Repräsentationsräume nur gelegentlich benützt wurden.
[Illustration: Küche von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Sicherlich ist die Küche der am frühesten und am vollkommensten
ausgebildete Teil des Hauses gewesen. Über deren Einrichtung läßt uns
auch die »Nürnberger Haushälterin« nicht im Zweifel, die im Jahre 1716
über das deutsche Bürgerhaus schrieb: »Von einer wohlgebauten Küche
wird vornehmlich gefordert, daß sie nicht allzuweit von der Esstube
entfernt seye, damit nicht im Winter das Essen, wenn es weit getragen
werden muß, kalt auf den Tisch gebracht werde.« Man darf sich hierbei
wohl nicht eine Stadtwohnung mit gedrängten Räumen vorstellen, sondern
ein weitläufiges altdeutsches Bürgerhaus, wo möglicherweise die Küche,
wie in den heutigen Landhäusern und Villen, im Untergeschoß gelegen
war. Daher die Mahnung der »Nürnberger Haushalterin«, die zu ihrer Zeit
die vortreffliche Einrichtung von Speiseaufzügen nicht gekannt haben
dürfte.
[Illustration: Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.]
[Illustration: Porzellanservice von Frl. Jutta Sicka.]
Gegenüber den alten Küchen, so vollkommen sie auch mit Gerätschaften
versehen sein mochten, haben die heutigen, von modernen Architekten
eingerichteten Küchen entschieden bedeutende Vorzüge aufzuweisen. Das
Gebot der Zweckmäßigkeit und sanitäre Rücksichten erfordern, daß die
Küchen hell seien, in modernen Landhäusern legt man daher die Fenster
breit und ziemlich hoch an, selbst wenn dies nicht durch die tiefe
Lage des Raumes im Souterrain erforderlich sein sollte, damit die
Wandflächen für die Kücheneinrichtung gut ausgenützt werden können.
Unter diesen Fenstern befinden sich in der Regel die Schränke mit
möglichst viel Laden und Stellagen, die mit Glastüren verschlossen
sind. In der Mitte der Wand, unterhalb der Fenster finden wir häufig
den Anrichtetisch, in seinen Unterteilen als Schrank ausgenützt
und von einem Gesims mit verschließbaren Fächern gekrönt. Auf der
gegenüberliegenden Seite steht der Herd. Im Gegensatz zur Küche von
einst, die man erst dann für schön erachtete, wenn das blitzblanke
Messing- und Kupfergeschirr, die bunten Töpfe aus Steingut und
Porzellan, die Zinn- und Blechgefäße an Wänden und offenen Stellagen
zum Entzücken der Hausfrau prangend ausgestellt waren, liebt man es
heute, jegliches Küchenrequisit in den Schränken abzuschließen und
hat damit vollkommen recht. Denn so kann das Geschirr von Staub und
Fliegenunrat frei gehalten werden und man erspart ein Übermaß von
Reinigungsarbeit. Nur das Kupfergeschirr läßt man frei hängen. Eine
solche Küche sieht aber auch appetitlich genug aus, namentlich, wenn
die Wände weiß verkachelt sind, wie das neuestens oft der Fall ist.
Bis zu einer gewissen Höhe wenigstens sollen die Wände verkachelt
sein, soweit eben spritzendes Wasser reicht. An Stelle der Kacheln
werden auch dünne Marmorplatten verwendet und zwar nur weiße, weil es
aus begreiflichen Gründen Grundsatz ist, daß weiß vorherrsche. Darum
werden sämtliche Holzgegenstände, also die ganze Kücheneinrichtung weiß
lackiert, wobei man den Vorteil hat, durch einfaches Abwaschen jeden
Schmutz leicht zu entfernen. Daß man auf weiß jede Unreinlichkeit
sofort sieht, ist nur ein Vorzug, denn sie soll nirgends und am
allerwenigsten in der Küche geduldet werden. Will man durchaus ein
Ornament, so soll es nur ein Flachornament sein, aufschablonirt und
sparsam angewendet. Jede Schnitzerei ist zu verpönen, sie wirkt nur als
Staubfänger. Im Übrigen hat man Bedacht auf gradlinige einfache Formen
ohne Gesimse, und auf einfache ungeteilte Holzflächen, die durch bloßes
Abwischen rein gehalten werden können. Die Küchenmöbel sollen mit ihrer
Fläche bis auf den Fußboden herabgehen und auf diesem ohne Füße fest
aufstehen, damit sich unterhalb der Schränke keine unkontrollierbaren
Schmutzwinkel bilden können. Dagegen tut man gut, die Stuhl- und
Tischflächen, die oft gerieben werden müssen, überhaupt nicht zu
streichen, sondern bloß fein gehobelt im ursprünglichen Holzton stehen
zu lassen, und so einzurichten, daß sie abnehmbar sind. Auf diese Art
können sie am besten gewaschen und gerieben werden, wovon das Holz bald
ein blühweißes Aussehen bekommt. In Bezug auf den Fußboden hat man auch
zu bedenken, daß in Küchen immer Wasser verschüttet wird, und daß er
mit Wasser abgeschwemmt und solcherart leicht gereinigt werden soll.
Darum wird man den Steinboden dem bisherigen Brettelboden vorziehen.
Der Steinboden aber bedeutet einen Angriff auf die Gesundheit der
Köchinnen, die ohnehin meistens gichtisch sind. Da bietet denn das
Xylolith einen Ausweg. Xylolith ist ein Kunststein, der auf Holz
aufgetragen wird, nicht so hart wie Naturstein ist, aber sonst alle
seine Vorzüge aufweist und noch mehr. Er ist nämlich schon in allen
Farben zu haben und man kann ihn nach seinem persönlichen Geschmack
wählen. Zu dem blinkenden Weiß der Wände passt sehr gut ein roter oder
blauer Xylolithboden.
[Illustration: Theeservice aus Silber von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.]
Die Französin des XVIII. Jahrhunderts mußte ihr Paradebett haben,
die deutsche Frau ihre Prunkküche. Das kennzeichnet zur Genüge den
Unterschied zweier Nationen. Heute existiert beides nicht mehr. Vieles
wird heute fertig ins Haus gebracht, was einst im Hause erzeugt werden
mußte. Selbst der Kohlenherd ist in Gefahr verdrängt zu werden. Gas und
Elektrizität, Centralversorgung, spielen eine immer größere Rolle.
Wenn auch die Küche heute nicht so umfangreich ist, wie die
altdeutschen Küchen waren, so bildet sie doch noch immer eine Macht
im Hause, von der das Glück im Heimwesen zum großen Teil abhängt.
An ihr sieht man, was die Hausfrau ist oder was sie nicht ist. Es
gibt Köchinnen, die einen Dienstort verlassen, wenn ihre Werkstätte,
die Küche, nicht der Würde und Bedeutung des Raumes entsprechend
ausgerüstet ist. Die schlechtesten Köchinnen sind das sicherlich nicht.
[Illustration: Vasen von Prof. Moser, ausgeführt von Bakalowits Söhne,
Wien.]
Ästhetik des Eßtisches.
[Illustration: Tafelaufsatz und Blumengefäße von Baronesse Falcke,
ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.]