[Illustration: Möbelstoffe von Backhausen & Söhne, Wien, nac

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1905 erschienenen Buchausgabe

erstellt. Satzzeichen wurden stillschweigend korrigiert. Ausdrucksweise

und Rechtschreibung sind oft stark regional gefärbt (z.B. ‚färbig‘

für ‚farbig‘, ‚ober‘ für ‚über‘, usw.); in Zweifelsfällen wurde die

hochdeutsche Form verwendet. Die Verwendung von ‚ß‘ bzw. ‚ss‘ ist im

Original nicht konsequent; dies wurde so belassen, wenn im Text keine

vorherrschende Variante festgestellt werden konnte.

Der Name des Architekten Max Benirschke wurde in den Bildunterschriften

gelegentlich fälschlicherweise ‚Bernischke‘ geschrieben. Dies wurde im

vorliegenden Text korrigiert.

Inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten (z.B. ‚Parvenü‘ und

‚Parvenu‘). Unwesentliche Abweichungen zwischen den Titeln des

Inhaltsverzeichnisses und der Kapitelüberschriften bleiben unkorrigiert.

Die in der ‚Druckfehler-Berichtigung‘ angegebenen Stellen wurden bereits

in den Text mit aufgenommen. Desweiteren wurden die folgenden Passagen

korrigiert:

S. 2: ‚eigenlich‘ → ‚eigentlich‘

S. 3: ‚jahrzehnte lang‘ → ‚jahrzehntelang‘

S. 20: ‚massvoll‘ → ‚maßvoll‘

S. 21: ‚Grosstun‘ → ‚Großtun‘

S. 26: ‚faßt‘ → ‚fasst‘

S. 27: ‚nocht‘ → ‚noch‘

S. 31: ‚Kasetten‘ → ‚Kassetten‘

S. 38: ‚Selbstständigkeit‘ → ‚Selbständigkeit‘ (harmonisiert)

S. 40: ‚von einer‘ → ‚vor einer‘

S. 67: ‚politierte‘ → ‚polierte‘

S. 88: ‚achzig‘ → ‚achtzig‘

S. 101: ‚von einen Ort‘ → ‚von einem Ort‘

S. 115: ‚Raum und Mitteln‘ → ‚Raum und Mittel‘

S. 117: ‚aus Maeterlincks mystischen‘ → ‚aus Maeterlincks

mystischem‘ S. 120: ‚aßgelenkt‘ → ‚abgelenkt‘

S. 124: ‚vernachläßigt‘ → ‚vernachlässigt‘; ‚unter dem Einfluß

gekommen‘ → ‚unter den Einfluß gekommen‘

S. 127: ‚uud‘ → ‚und‘

S. 139: ‚Arbeitstitsch‘ → ‚Arbeitstisch‘

S. 140: ‚austoben‘ → ‚sich austoben‘

S. 145: ‚Sonnenaufgang und -Untergang‘ → ‚Sonnenaufgang und

-untergang‘

S. 152: ‚Flaçon‘ → ‚Flacon‘

S. 164: ‚Körber‘ → ‚Körbe‘

S. 167: ‚überflüßig‘ → ‚überflüssig‘

S. 173: ‚der früheren Kapiteln‘ → ‚der früheren Kapitel‘

Gesperrt gedruckte Passagen sind mit Unterstrichen umgeben (_gesperrt_).

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JOSEPH AUG. LUX

DIE MODERNE WOHNUNG

UND IHRE AUSSTATTUNG

JOSEPH AUG. LUX

DIE MODERNE WOHNUNG

UND IHRE AUSSTATTUNG

MIT 173 BILDERN UND 8 FARBIGEN

TAFELN NACH WERKEN UND ENTWÜRFEN

VON MODERNEN ARCHITEKTEN

UND IHREN SCHULEN

1905

WIENER VERLAG

WIEN UND LEIPZIG

DRUCK VON W. SCHLENKER, WIEN, IX., WÄHRINGERSTRASSE 26.

MEINER FRAU.

INHALT.

Seite

Tradition und Moderne 1

„Schmücke Dein Heim“ 17

Die Ästhetik der Miethswohnung 25

Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche 31

Lichtkörper und Heizkörper 39

Vorzimmer und Dienerzimmer 44

Die Küche 50

Ästhetik des Eßtisches 55

Das Speisezimmer 64

Der Salon 69

Wie man Bilder hängt 77

Das Porträt im Wohnraum 84

Plastik im Zimmer 94

Junggesellenheim und Herrenzimmer 100

Das Musikzimmer 112

Schlafzimmer und Bad 121

Das Kinderzimmer 136

Das Spielzeug 144

Das Mädchenzimmer 151

Blumen am Fenster 158

Blumenkörbe 163

Die Offizierswohnung 165

Die Arbeiterwohnung 169

Tradition und Moderne.

[Illustration: Panneau von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

[Illustration: Möbel um 1820. Schloß Wetzdorf.]

Ein verblühtes Lächeln von Liebenswürdigkeit und lebensfrohem Behagen

ist an den Dingen der Biedermeierzeit abzulesen. Zu den hellgelben

Kirschholzmöbeln, oder nachgedunkelten Mahagonimöbeln, zu der

unerdenklichen Fülle von Formen, Schränken und Tischen aller Art,

Damenschreibtischen und Nähtischen, stummen Aufwärtern und Kommoden,

zu den großblumigen Möbelbezügen und den hellen Gardinen, den Blumen

am Fenster und den gestickten Glockenzügen, zu all der gefühlsseligen

Geburtstagslyrik, welche den Proben des häuslichen Kunstfleißes

von den Schlummerkissen bis zu des Hausvaters Samtkäppchen oder

Samtpantoffeln, eingewebt war, gehören die Locken an der Schläfe, unter

den bebänderten Florentinerhüten hervorquellend, die weißen duftigen

Tüllkleider oder schwere Seide in abgetönten sentimentalen Farben,

heliotrop, dunkellila, altrosa und schwarz. Schwind’s Frauengestalten

mag man sich dabei gerne vorstellen. Der spätgeborene Enkel blickt

mit einer gewissen affektierten, halb spöttischen, halb gönnerhaften

Überlegenheit, hinter der sich nur allzuoft eine unbefriedigte

Sehnsucht verbirgt, auf jene großelterlichen Tage zurück, in denen

sich das Bürgertum auf seine Art auslebte, und zu jener Einheit der

Lebensäußerungen gelangte, welche die Bezeichnung Stil verdient.

Eine spätere Zeit hat diesen Stil »Biedermeier« getauft. In diesem

Worte verdichtet sich für uns die Vorstellung einer vollkommen

durchgebildeten bodenständigen Kultur, die in ungebrochener Linie von

den gewöhnlichen Tageserscheinungen bis zu den Gipfelpunkten, welche

die Namen Grillparzer, Schubert, Schwind bezeichnen, emporsteigt. Und

ein sonnenhaftes Lächeln umspielt heute alle Lippen, welche dieses

Wort nennen. Man war nicht immer so freundlich gesinnt. Die jüngst

verwichene Zeit, welche dem Kultus der historischen Stile frönte,

hat in das Wort Biedermeier jenes Maß von unsäglicher Verachtung

hineingelegt, welche der Kosmopolit, auch der vermeintliche, für das

Spießbürgertum immer bereit hat. Das Wort war eigentlich nur gemünzt

als Bettelpfennig für alles Lächerliche, Gezierte, Hausbackene,

Philisterhafte, das man, wenn man durchaus will, der Schmachtlockenzeit

anmerken konnte. Aber die Zeiten haben sich gründlich geändert und

der Kosmopolitismus, der in allen Stilepochen lebte und einen wahren

Unrat von Geschmacklosigkeit und Widersinnigkeit aufhäufte, hat

einen gräßlichen Katzenjammer hinterlassen. Wir suchen heute alle

volkstümlichen Kunstlelemente auf, die wurzelhaft sind, sofern sie

nicht in den letzten fünfzig Jahren mit Stumpf und Stil ausgerottet

wurden. Wir knüpfen dort wieder an, um uns durch ihr Vorbild zu

stärken, damit auch wir zu Formen gelangen, in denen unser Volk

und unsere Zeit lebt und die vom gewöhnlichsten Alltag bis zu den

ergreifendsten Äußerungen festlicher Weihe nur eine ungebrochene Linie

aufweist.

[Illustration: Interieur um 1800. Schloß Wetzdorf.]

[Illustration: Schreibzimmer der Gräfin Molly Zichy-Ferraris Wien 1830

nach einem Gemälde von Albert Schindler.]

[Illustration: Empfangszimmer in einem Wiener Bürgerhause um 1840.]

[Illustration: Interieur um 1810 aus Schloß Wetzdorf.]

Und wie es oft erging, was anfänglich Schimpfwort war, ward späterhin

Ehrentitel. Biedermeiers Ehrenrettung kann nicht schlagender

dokumentiert werden, als durch den liebevollen Eifer, der das alte

Gerümpel vom Speicher, wohin es jahrzehntelang verbannt war, wieder

herunterholt und in den schönsten Zimmern aufstellt. Das ist gewiß

ein rührender, herzerfreuender Vorgang, wenn sie wirklich alter

Familienbesitz, wenn sie also echt sind. Zwar werden solche Zimmer,

die vollständig mit altem Hausrat angefüllt sind, den Eindruck eines

Museums machen, aber ein solches Familienmuseum, mit dem sich viele

freundliche Erinnerungen verknüpfen, wird immer ein besonderer Schatz

sein. Weit über den persönlichen Wert hinaus, besitzen sie die

Kraft eines lehrreichen Beispiels, welches für den Ausbau unserer

häuslichen Kultur in großem Sinne vorbildlich ist. Sie sind die

Vorläufer des modernen Möbels. Mit ihrer bezwingenden Einfachheit

und Anspruchslosigkeit waren die Räume geeignet, die Geberden und

Bewegungen jener gemüt- und geistvollen Menschen maßvoll aufzunehmen,

die Stimme des Geistes und Herzens austönen zu lassen, ohne sie durch

den Unrat der Geschmacklosigkeit, durch die Wirrnis von Schnörkel und

Stilbrocken, in denen babylonisch die Sprachen aller Völker und Zeiten

ertönen, zu beschämen und lächerlich zu machen. Aus allen Winkeln

jener Interieurs, zwischen dem ernsten, einfachen Hausrat, hinter den

weißen Gardinen und zwischen den Blumen am Fenster winkt der genius

loci freundlich hervor, und es ist kein Stuhl und kein Schrank, kein

Gegenstand des Gebrauches, der nicht den Geist der Vorfahren trüge,

ihre Taten, ihre Ideale, das Wesen ihrer Persönlichkeit und ihr

Gedächtnis überlieferte. So erscheint uns Späteren das großväterische,

anspruchslose Biedermeierzimmer als das traute Heim von Menschen,

denen die Heimat nicht nur ein Wort oder Begriff war, sondern der

gesetzmäßige künstlerische Ausdruck der Persönlichkeit in den

Gegenständen der Häuslichkeit. Die Interieurs früherer Epochen, die der

Biedermeierzeit vorausgehen, besitzen keine solche Vorbildlichkeit.

Auch nicht das Empire Möbel, in dem die große Historie des barocken

Zeitalters ausklingt. Denn die Voraussetzungen, die jene historischen

Formen geschaffen haben, sind von den heutigen grundverschieden. Hof

und Kirche herrschten auch in Kunst und Kunstgewerbe. Aber es ist für

die Einheit jener Kultur bezeichnend, daß die überladenen Formen, in

welchen das Machtbewußtsein der weltlichen und geistlichen Herrschaft

adäquaten Ausdruck fand, in einem Grade volkstümlich wurden, daß

sie schließlich bis in den einfachsten Haushalt eindrangen, als

Abglanz absolutistischer und sacerdotaler Herrlichkeit. Die Armut der

barocken Originalschöpfungen, die nicht über die Repräsentationsräume

hinausgingen und das persönliche oder private Leben in einem Zustand

der grenzenlosen Verlassenheit beließen, ist noch wenig beachtet.

Dem Parvenu am Ende des Jahrhunderts erging es wie den Kindern mit

dem Märchenkönig: »Wie wohnten doch die Könige schön!« ruft er in

den Prunksälen eines alten Barockschlosses aus, »so möchte ich es

auch haben!« Und alsbald hat er eine stilgerechte Einrichtung, alles

in billigster, banalster Nachahmung. Das Um und Auf der barocken

Interieurs bestand aus Stühlen und Tischen, aus dem Paradebett und dem

Sofa. Im Übrigen wohnten auch die Fürsten in einem denkbar schlechten

Zustand und entbehrten alle Bequemlichkeit, die heutzutage jedem

gewöhnlichen Sterblichen eine selbstverständliche und unentbehrliche

Sache ist. Wer die prunkenden Barockpaläste durchwandert, die von

den alten Adelsgeschlechtern noch bewohnt werden, findet am Ende der

überladenen Prunksäle, gewöhnlich im Obergeschoß, einige einfache, mit

bürgerlicher Behaglichkeit, meistens im Empire- oder Biedermeierstil

eingerichtete Gemächer. Das ist die eigentliche Wohnung des Fürsten. Es

liegt eine feine Ironie in dieser Erscheinung, daß der Fürst, um der

niederdrückenden Wucht seiner Repräsentationspflichten zu entgehen,

seine Zuflucht zur bürgerlichen Schlichtheit und Bequemlichkeit

nimmt, während der Parvenu des 19. Jahrhunderts all sein Behagen

hingibt für das bischen Talmiglanz einer »stilgerechten« Wohnung.

In der Tat mußte der ganze Reigen historischer Stile in atemloser

Hetze wiederkehren, ehe man wieder zu dem vernünftigen Standpunkte

zurückfand, auf dem bereits unsere Großeltern standen. Die ganze

Barocke hat nicht eine Form übriggelassen, die für die heutige Kultur

brauchbar wäre. Sie bedeutet einen Abschluß. Die Revolution hat sie

samt dem ganzen absolutistischen Königtum hinweggefegt. Ein strammer

militärischer Zug geht durch die nächsten Jahrzehnte. Der kaiserliche

Stil trägt den Bedürfnissen der Zeit Rechnung, aber Empire ist noch

sehr aristokratisch. Mit dem Glanz der Napoleonzeit verschwand auch

der Empire-Stil; aus dem Kosmopolitismus und seinem politischen

Katzenjammer flüchtete man ins alte romantische Land, Uhland,

Eichendorff, Schubert weckten die schwärmerische Liebe zur Natur, und

ein Einschlag des ländlichen Elements, wohl auch schon damals der

Einfluß Englands in Modedingen, führte zu den biederben, quadratischen

und zylindrischen Formen des Biedermeier-Möbels, an dem Reminiszenzen

aus dem Barock- und Empire-Stil als dekorative Details hängen blieben.

Das Bürgertum schafft die Formen, die es braucht. Es will nicht

glänzen, nicht präsentieren, sondern bequem und behaglich leben. Es

erfüllt seine Forderungen mit strenger Sachlichkeit und zugleich mit

einem Erfindungsreichtum, der erstaunlich ist. Unsere Möbeltypen

wurden damals geschaffen. Und es bewahrt meistens eine Feinsinnigkeit,

von der wir uns nicht immer einen richtigen Begriff gebildet haben. Es

ist die Zeit Adalbert Stifters. Er ist der vollgiltige Repräsentant

seiner Zeit. Biedermeier im besten Sinne. Er erschließt uns die

Interieurs seiner Zeit, und die Interieurs seiner Traumwelt, und läßt

uns alles miterleben, was wir beim Betreten eines Altwiener Raumes

heute noch nachzuempfinden vermögen. Alle Räume dieser Art sind schwer

zugänglicher Privatbesitz, nur mehr spärlich in Vollständigkeit

erhalten, meistens als Trödelgut verschleudert, da und dort ein Stück.

Die Museen die im Banne der Kunstgeschichte stehen, hielten sich

zu vornehm, diese Dinge zu sammeln, und auch die Lebensart unserer

Großeltern zu zeigen.

[Illustration: Fenster von Arch. Georg Winkler.]

[Illustration: Glasfenster von Prof. Kolo Moser.]

[Illustration: Tür mit Portière von Architekt Max Benirschke,

Düsseldorf.]

Nun wird die Frage laut, was wir mit diesen verjährten Dingen, die

so freundlich zu uns sprechen, anfangen sollen. Sie nachahmen? Das

hieße ein altes Laster, das wir beim Haupttor hinaustreiben, durch

ein Hinterpförtchen wieder hineinlassen und den Zirkel der Stilhetze

mit diesem letzten Glied schließen. Wie von allem Vergangenen,

trennt uns auch vom Biedermeier eine tiefe Kluft. Dennoch sind diese

Dinge wertvoll durch das Beispiel, das sie lehren. Sie lehren, wie

die Menschen von damals sichs bequem und gemütlich nach ihrer Art

einrichteten, und solcherart zu Ausdrucksformen gelangten, die

organisch aus dem Leben und seinen Forderungen hervorgegangen waren,

vielleicht hie und da ein bischen unbeholfen und schwerfällig, im

ganzen aber unbekümmert, treuherzig und bieder. Sie lehren, daß wir

es auch so machen müssen. Der Lebende behält Recht. Viele Dinge sind

konstruktiv so vollkommen, daß man sie fast unverändert aufnehmen

könnte, wenn nicht unsere Zeit doch wieder ihre eigene Art hätte,

sich auszuprägen. Was uns von Biedermeier trennt, sechzig, achtzig

Jahre einer technischen, sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen

Entwicklung müssen durchgreifende Veränderung des Lebensbildes

herbeiführen. Schämen wir uns der Gegenwart nicht. Während vor dem

Hause das Automobil, das Fahrrad, die elektrischen Bahnen vorbeirasen,

können wir im Innern des Hauses, wo wir alle technischen Vorteile

auszunützen suchen, vom Telephon bis zu den elektrischen Glühkörpern,

nicht den historischen Biedermeier spielen. Das hieße, da wir uns eben

altdeutsch gefühlt haben, eine Rolle mit der anderen vertauschen. Wohl

aber können wir Biedermeier im modernsten Sinne sein, indem wir uns

treu zu dem bekennen, was unserer Zeit gemäß ist, so wie es unsere

Großväter für ihre Zeit getan haben. Dann wird sich von selbst ein

gewisser verwandtschaftlicher Zug mit den vergangenen Dingen der Heimat

herausstellen, wie denn überhaupt alles Echte, aus wirklichem Bedürfnis

Herausgeborene, trotz großer zeitlicher Trennung verwandter ist, als

man denkt. Denn immer ist der Mensch das Maß der Dinge. Auch die Motive

aus alter Kultur wecken in unserem modernen Gefühl ein Echo.

[Illustration: Pfeiler von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

[Illustration: Pfeiler v. Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

Nicht von oben her wird heute der Stil diktiert, sondern von unten

her. Die heutigen Produktions-Verhältnisse, die Entwicklung der

Technik, der Industrie haben die neuen sozialen Grundlagen geschaffen,

aus denen die moderne Formensprache hervorgegangen ist. Welche

Umwälzung hat z. B. das neue Beleuchtungswesen auf dem Gebiete der

Metallindustrie hervorgerufen! Die Erfindung der Elektrizität allein

hat zu Beleuchtungskörpern geführt, deren Formen aus keiner Tradition

geholt werden konnten. So geht es auch mit den anderen Gebrauchsdingen.

Das Auswachsen der Städte zu Weltstädten hat zu neuen, bis dahin nie

gekannten Lebensformen geführt. Durch das Zusammendrängen so vieler

Menschen an einem Ort und den dadurch bedingten raschen Austausch und

Verbrauch der Güter, hat das Leben eine außerordentliche künstliche

Steigerung erfahren und den Typus des Stadtmenschen verschärft. Aus

diesen Verhältnissen ist eine spezifisch moderne Aufgabe erstanden,

nämlich die: inmitten des rasselnden Getriebes der Fabriken, des

Straßen- und Geschäftsverkehres den Zustand der Wohnlichkeit

herzustellen, Räume zu schaffen, welche die Urbanität der Sitten und

Lebensgewohnheiten verkörpern, und als friedliche Inseln inmitten

des hastigen Welttreibens das Gefühl der Heimat wachhalten. In der

Tat, die moderne Stadtwohnung ist unser jüngstes Problem. Früher

kannte man es nicht. Denn wie wir oben gesehen haben, waren die

Wohnungen der Bürger zuerst von den Ausstrahlungen des Hofes und des

kirchlichen Hochgefühls bestimmt und später von den wechselnden

allgemeinen Zeitideen des Kosmopolitismus, der Romantik und noch

vor einem Jahrzehnt von der Renaissance-Illusion, vom Kultus der

historischen Stile. Weltstädte im gegenwärtigen Sinne sind ein sehr

junges Erzeugnis. Sie haben die Wohnungsfrage neu geschaffen. Der

Kern dieser Frage ist Benützbarkeit, Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit.

Dazu ist die Ausnützung aller modernen Hilfsmittel, aller technischen

Errungenschaften Bedingung, die zu neuen Lösungen führt. Gerade die

praktischen Forderungen des Lebens geben fruchtbare Anregungen zu neuen

Schönheitsmöglichkeiten, die im Wesen der Dinge liegen. Auf diesem Wege

gelangen wir zu dem lange gesuchten volkstümlichen Stil, welcher der

Ausdruck unserer heutigen allgemeinen Lebensformen ist.

[Illustration: Portière von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

[Illustration: Schablone für Wandmalerei von Arch. Max Benirschke,

Düsseldorf.]

Die Forderungen, welche die heutige Zeit an die Zweckkunst stellt,

sind in allen Kulturländern dieselben. Aus den Übereinstimmungen

ergibt sich der Zeitstil, dessen wesentliche Merkmale heute sind:

Zurückgehen auf die konstruktiven Elemente, in denen das eherne

Gesetz der Zweckmäßigkeit wirksam ist, sinnfällige Ausnützung der

Materialwerte, welche hier die zusammenfassende Kraft des Eisens,

dort die Weichheit der Fichte, die zähe Wucht der Eiche etc. sichtbar

macht und aus ihren natürlichen Eigenschaften neue dekorative Werte

zieht. Die unmittelbare Anknüpfung an die Natur, an die funktionellen

Bedürfnisse und Gewohnheiten des Menschen schließt grundsätzlich die

Wiederholung gebrauchter historischer Formen aus und eröffnet ungeahnte

Gestaltungsmöglichkeiten, die eine lebendige organische Beziehung zu

unserem Wesen unterhalten. In diesem engen Anschluß an die natürlichen

Forderungen liegt also das Gemeinsame der heutigen angewandten Kunst,

aber zugleich auch das Differenzierende. Die Lebenserfordernisse,

soweit sie in den Gebrauchsdingen des Alltags, in den Gegenständen der

Häuslichkeit zum Ausdruck kommen, sind allgemeiner Natur, wenngleich

sie überall eine andere Sprache sprechen, einen anderen Dialekt. So

spüren wir bald in der allgemeinen Kultur die persönliche, in den

typischen Formen die Individualität, im Zeitstil den Geist der Heimat,

den genius loci. In England, in Deutschland und bei uns wird nach den

allgemeinen Grundsätzen gearbeitet, allerdings überall mit anderen

Ergebnissen. Daran ist die Ortstümlichkeit schuld, die Heimatkultur,

die als Obertöne im modernen Schaffen leise mitschwingen und die

lokale Färbung erzeugen. Das wird schließlich niemand leugnen: wir alle

haben von England gelernt. Das hatte England dem Kontinent voraus, es

besaß von altersher eine ununterbrochene bürgerliche Tradition und

die großen Neuerer in Kunst und Kunstgewerbe fanden von vorneherein

einen Boden vor, auf dem ein gut Gedeihen war. Denn die altenglische

Sitte, daß jeder Bürger sein Haus allein bewohnt, kommt den Absichten

der modernen Kunst hilfreich entgegen. Das ererbte Gut volkstümlicher

Sitten und Anschauungen einerseits, die immense Vorarbeit einzelner

leuchtender Geister, vor allem Dante Rosetti, John Ruskin und William

Morris, sind die Grundlagen der Künstler, die wir heute am Werke sehen.

[Illustration: Teppich von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

[Illustration: Läufer von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

Immer mehr richten sich die Blicke auf Wien. Dort ist ein neues

Künstlergeschlecht, das zum größtenteil aus der Wagnerschule

hervorgegangen ist, aufgestanden und hat mit selten gesehener Eintracht

und Geschlossenheit die moderne Raumkunst geschaffen. Künstlerisch und

wahlverwandtschaftlich steht es der Gruppe Mackintosh am nächsten.

Es hat den Vorzug der größten Frische und Natürlichkeit. Bei aller

strengen künstlerischen Konsequenz geht ein liebenswürdiger Wienerzug

durch das ganze Schaffen dieser Künstler, die zur Sezession gehören

oder sich zu ihren Anschauungen bekennen. Sie haben sich bereits das

Ausland erobert. Heute verlangt man schon den »Wiener Stil«. Josef

Olbrich hat ihm eine Insel im Ausland geschaffen. Prof. Josef Hoffmann

ist sicherlich die stärkste und konsequenteste Kraft unter den Neuen.

Prof. Kolo Moser schafft Werke von fast femininer Grazie. Vornehm

und zweckvoll sind Leopold Bauers Schöpfungen. Was die Schulen von

Prof. Hoffmann, K. Moser, A. Roller, Baron Mirbach, A. Böhm auf allen

Gebieten des Kunstgewerbes und der häuslichen Kunst leisten, wird

bahnbrechend wirken. Zahlreiche Schüler sind erfolgreich im Auslande

tätig. Unter diesen verdient Max Benirschke in Düsseldorf besondere

Erwähnung. Die Architekten und Kleinkunst gehen hier Hand in Hand und

erreichen solcherart die bewundernswerte Einheit eines Stils, der

unmittelbar aus dem Leben quillt und für das Leben schafft. Die moderne

Wohnung und ihre Ausstattung wird solcherart, ob sie nun einfachen oder

leichten Verhältnissen entspricht, den Stempel einer vornehmen Kultur

tragen, die Wesenszüge einer geschmackvollen, gebildeten, modernen

Persönlichkeit.

[Illustration: Diverse Läufer aus Bast von Architekt Hans Vollmer,

ausgef. Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation.]

[Illustration: Läufer aus Bast. Prag-Rudniker Korbwarenfabrikation.]

Schmücke dein Heim!

Wohnräume spiegeln immer den Geist ihrer Bewohner. Gleichviel, ob sie

mit reichen oder geringen Mitteln ausgestattet sind. So werden sie zu

Verrätern, und der überflüssige Aufwand, der sogenannte Luxus, der

vielfach für Geschmack genommen wird, offenbart nur zu oft, was er eben

zu verhüllen strebt: die Geschmacklosigkeit. Das ist eine kapriziöse

Geschichte: Geschmack ist nicht immer für Geld zu haben. Auch nicht

für viel Geld. Die ärmste Hütte kann reicher sein als der prunkende

Palast. Denn Seelenadel kann auch unter dem fadenscheinigen Kleid

und unter dem rauhen Bauernkittel wohnen. Sicherlich wird er auf die

Umgebung ausstrahlen, auf die nächste häusliche Umgebung, und dort im

Stillen wirken. Ganz unauffällig, groben Sinnen nicht wahrnehmbar.

Das »Seelische« ist es, was an den Wohnräumen interessiert, das, was

menschlich an ihnen ist. Nicht wie sie eingerichtet, ob kostbar,

ob ärmlich. Wenn ich in einem weissgetünchten Bauernhaus sorglich

gepflegte Blumen am Fenster sehe, möchte ich am liebsten verweilen.

Wie man bei lieben, guten Menschen verweilt. Die kahlste Stube, darin

Reinlichkeit herrscht und ein paar Topfgewächse stehen oder ein

Blütenzweig im Glas, birgt einen Strahl von Schönheit wie heimliches

Licht.

[Illustration: Möbelstoffe von Backhausen & Söhne, Wien, nach Entwürfen

von Arch. Fr. Dietl und Max Benirschke.]

[Illustration: Möbelstoffe von Backhausen & Söhne, Wien, nach Entwürfen

von Prof. Joseph Hoffmann, Max Benirschke und Leopold Bauer.]

[Illustration: Möbelstoff von Prof. Joseph Hoffmann, ausgeführt von

Backhausen & Söhne, Wien.]

Allein das Zeugnis, das die Wohnungen für die persönliche Kultur

der Besitzer ablegen, ist nur in seltenen Fällen ein günstiges.

Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen und vor allem des

Mittelstandes, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und

ich habe fast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das

nichts Erquickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus,

der den Schein höher stellt als das Sein, ist heute noch das meiste

gestimmt. Auf jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die

Empfindung, als schallte mir eine widerliche Reklamestimme entgegen:

»Schmücke Dein Heim!« Den traulichen Blumenflor, der uns die lebendige

Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch

die künstliche Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren

Blätterfinger verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt in

der offenbaren Absicht, das Makartbouquet traurigen Angedenkens an

Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen. Das beleidigte Auge, das sich

von diesem unwürdigen Anblick weg zum Fenster wendet, begegnet dort

einer neuen Schmach. Wohlfeile, klägliche Imitationen der Glasmalerei

hängen an den Scheiben und wehren dem spärlichen Tageslicht in den

engen, düsteren Gassen den Zutritt in die dämmerigen Stadtwohnungen.

Resigniert lasse ich mich auf die ach, so wohlbekannte Ripsgarnitur

nieder. Doch es könnte auch eine Plüschgarnitur sein oder eine solche

aus Halbseidendamast. Denn ich sehe sie nicht. Sie ist über und über

bedeckt mit Milieux und Schutzdeckerln aller Art, welche die »züchtige

Hausfrau, die Mutter der Kinder« in den langen Jahren des heiligen

Ehestandes gestickt und gehäkelt hat. Als ich mich wieder erhebe, habe

ich die Proben des häuslichen Kunstfleisses auf meinem Rücken hängen.

Die verlegene Miene der Hausfrau steigert meine eigene Verlegenheit,

als ich inne werde, dass die ausgenähten Lappen das Angenehme mit dem

Nützlichen verbinden, und nicht nur das Heim »schmücken«, sondern auch

als cache-misère die Blössen der verschossenen und zerschlissenen

Garnitur sorgsam verhüllen sollen. Ich bücke mich rasch, um die

verstreuten Fetzen aufzulesen, aber da hätte ich beinahe das Unglück

gehabt, von der nahen Konsole das Gelump des unnützen Kleinkrams, jene

»Kunstgegenstände« und Geschenkartikel, die wir aus den Schaufenstern

der Kronenbazare kennen, die niedlichen Schweinchen, Figürchen,

Tellerchen aus Glas und Porzellan, die für wenig Geld viel Geschrei

machen, herabzuwerfen und damit das Odium eines ungefügen Barbaren

auf mich zu lenken. Ich brauche kaum zu sagen, dass mich die erlogene

Eleganz verstimmte, dass mich die Enge drückte und dass die beständige

Gefahr, ein Unglück anzurichten, mein Benehmen unfrei und linkisch

machte. Aber ich fand es nirgends besser. Durchwegs Räume mit mehr oder

weniger Luxus, die unseren Geist und unseren Leib fesseln, die nicht

geeignet sind, unsere Bewegungen und Geberden maßvoll aufzunehmen, die,

angefüllt mit dem Unrat der Geschmacklosigkeit und einer babylonischen

Wirrnis von Stilbrocken und Schnörkeln, den Sinn für Einfachheit,

Wahrhaftigkeit und Echtheit ertöten. Ich nehme keinen Becher zur

Hand, ohne den Leib eines Mönchleins oder Gnomen zu umschliessen,

jeder Zigarrenabschneider wird mit dem Kopf Bismarck’s oder Moltke’s

maskiert, jedes Gefäss ist überladen mit Blattwerk und Guirlanden,

die Wände sind angefüllt mit schlechten Bildern, Fächern, japanischen

Schirmen und Photographien.

[Illustration: Bordüre von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen

nicht in Räumen zu wohnen, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch

zur häuslichen Umgebung befindet und wo selbst die Inwohner Fremdlinge

sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herde ist nicht gut

rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz

unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise »Schmücke dein

Heim!« stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende

Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheines wegen da ist, und

nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem

Wort: das Großtun, das ist die unaufhörliche Dissonanz. Wer mit feiner

Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all

die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu

täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich

von dem »Geist« oder »Charakter« solcher Wohnräume auf das Wesen der

Menschen zurückschliessen und den einzelnen verantwortlich machen? Man

bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon à

la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muss möglichst billig sein, darum

ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch,

dass man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum

als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber

seine Entschuldigung ist, dass es den Leuten gefällt, und die Masse

gibt Richtung. Im Grossen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei

diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne,

der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht vom Zeitstil und von

Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt

dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will,

den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und

erlogener Vornehmheit, der in Geschmackdingen seit gut dreissig Jahren

herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt,

zuschreiben.

[Illustration: Flächenmuster von Architekt Max Benirschke, Düsseldorf.]

Aber schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine

Wendung anbahnen. Im richtigen Verstande müsste der marktschreierische

Imperativ »Schmücke dein Heim«! einen Widerwillen erzeugen, der zum

tüchtigen Kehraus führt. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der grösste

Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man

brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende,

echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem

Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst

würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder

Licht und Luft in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müssten den echten

Blumen, so wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es

wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden

Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makartsche Atelierstil

Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur

jener romantischen Rembrandt-Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist,

entpuppt sich die Lächerlichkeit des Stimmung machenden Krimskrams an

den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder

Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können,

der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die

sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, als nicht

minder die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den

Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nur

sehen darf man ihn nicht!

[Illustration: Glasluster für elektr. Licht von Arch. Leopold Bauer.]

[Illustration: Beleuchtungskörper von Architekt Max Benirschke.]

Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich,

und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und

nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster

zu den Wänden und den Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins

Kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des

Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt

dieser neuen Ästhetik aber ist, dass wir allen sogenannten Luxus aus

unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit

zurückkehren, wenn wir wollen, dass die Kunst wieder im Hause beginne.

Epochen mit hochentwickelter volkstümlicher Kultur haben gezeigt, daß

die Kunst immer vom Hause ausgeht und von hier aus auch das äußere

Leben ergreift. Darum muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir

nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben:

»_Behalten Sie nichts in ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es

nützlich ist, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist!_«

[Illustration: Die obere Partie einer Sitzecke mit elektrischen

Beleuchtungskörpern von Arch. Max Benirschke.]

Die Ästhetik der Mietswohnung.

[Illustration: Elektr. Beleuchtungskörper v. Professor Joseph Hoffmann.]

[Illustration: Ofen von Arch. Georg Winkler.]

[Illustration: Kamin von Architekt Max Benirschke.]

[Illustration: Kaminwand von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

Daß die Hausarchitektur im Zeichen des Umschwunges steht, wird niemand

mehr leugnen. Die Architektur, die schwerfälligste aller Künste, folgt

dem neuen Zug freilich zuletzt, denn sie hat nicht nur das größte

Trägheitsmoment, das Schwergewicht der Gewohnheit, sondern auch die

Gewissenlosigkeit des Bauspekulantentums und die Gleichgiltigkeit des

Publikums zu überwinden. Das leichtbewegliche Kunstgewerbe, das heute

führend vorangeht, konnte viel schneller das Feld erobern, und man

kann sagen, daß die Schwenkung, die auch im Hausbau zu spüren ist,

vom Kunstgewerbe veranlaßt, ja fast erzwungen worden ist. Denn das

Kunstgewerbe verlangt einen festen Stützpunkt, eine Führung, einen

Halt, und diesen kann nur die Architektur geben. Im Einzelwohnhaus

ist da und dort dieser ursächliche Zusammenhang von Architektur

und Handwerk, von Raum und Möbel, zwar schon hergestellt oder doch

angebahnt, aber im Miethaus der Stadt, also in der Stadtwohnung,

deren ästhetische Durchbildung doch eine der nächstliegenden Aufgaben

ist, sind wir nicht immer so glücklich daran. Wie notwendig es ist,

dass Kunstgewerbe und Hausbau Hand in Hand gehen, und wie eines

ohne das andere nicht bestehen kann, will ich an einem typischen

Fall nachweisen, der auf hunderte von Beispielen paßt, die sich in

der Stadt von Tag zu Tag mehren. Jemand war des im Mittelstande

eingebürgerten Atelierstils, des Markartbouquets, der künstlichen

Palme und der verpöbelten Renaissancemöbel überdrüssig, er entfernte

die Stoffgardinen, um wieder Luft und Licht in den dämmerigen Raum

zu lassen, Zimmerpflanzen ziehen zu können und Freundlichkeit zu

verbreiten. Aber die braunen Möbel vertragen die Helligkeit nicht,

ihre Häßlichkeit und Unzweckmäßigkeit, die Erbärmlichkeit des ganzen

unechten Luxus wurde mit einem Male unerträglich und sie wurden

ersetzt durch jene gefälligen neuen Möbel, deren Wesen Einfachheit

und Natürlichkeit ist, und die in dem sogenannten Biedermeiermöbel

unserer Groß- und Urgroßeltern vorgebildet waren, die also gewiß nichts

Fremdartiges, sondern etwas durchaus Heimatliches, Bodenständiges,

Trautes waren. Aber es nützt nicht, daß man den neuen Wein in die alten

Schläuche füllte. Das Mißverhältnis zwischen Raum und Möbel trat dann

erst grell zutage. Die Möbel waren gewiß zwecklich formal gebildet,

aber die Zimmer! Das Raumausmaß war groß genug und dennoch konnte man

nichts unterbringen. An ein geschmackvolles Stellen der Möbel war nicht

zu denken. Daran waren die Türen und Fenster schuld. Denn es gehört

schon einmal zu dem eingebürgerten Begriff von einer Stadtwohnung,

daß ein Zimmer zwei Fenster haben muß. Die Fensterwand geht natürlich

fast verloren, denn links und rechts bleibt kein nennenswertes Stück

Wand, und es erübrigt nur noch der Pfeiler, der einen dunklen Schatten

mitten ins Zimmer wirft. Die Beleuchtung wird dadurch noch schlechter,

daß die Fenster das Hauptlicht nicht von oben her geben, sondern von

den untern Flügeln, so daß nur der Fußboden vor dem Fenster die

Helle empfängt, was für das Auge das denkbar ungünstigste ist. Die

einfachste und natürlichste Lösung wäre nun die, ein einziges etwas

breiteres in der Mitte anzubringen, wobei nicht nur eine ausgezeichnete

Belichtung erzielt werden kann, sondern auch links und rechts tiefe

Ecken gewonnen werden, die es gestatten, gewisse Möbelstücke, das Sofa

zum Beispiel, quer anzuordnen, oder die Nische so auszubauen, daß das

Gefühl der Geschlossenheit und Geborgenheit erhöht wird. Viel ist auf

diese Weise gewonnen, aber noch lange nicht alles. Denn da sind noch

die Türen, die unseligen großen Flügeltüren, deren manches Zimmer drei

besitzt, und die von jeder Wand ein erhebliches Stück wegnehmen. Man

behalf sich früher mit einer Draperie, um sie wenigstens dekorativ

zu gestalten, was im Wohnraum einen nichts weniger als sympatischen

theatralischen Eindruck macht. Aber immer noch besser als die nackten,

überflüssig hohen und breiten Palasttüren mit dem widersinnigen braunen

Anstrich und der ebenso widersinnigen künstlichen Maserung. Daß der

Raum auch geräumig werde, günstige Raumverhältnisse besitze, hängt

also nicht allein vom Fenster, sondern auch von der Lage und Größe

der Türen ab. Das sind die zwei Angelpunkte, um die sich die neue und

vernünftige Raumgestaltung dreht. Noch ist dadurch fast gar nicht der

Grundriß tangirt, noch ist fast keine Forderung an den Erfindungsgeist

der Architektur gestellt, sondern erst ganz einfach eine gewisse

Empfindungsfeinheit verlangt, ein Mitgefühl für die Menschen, die in

den Räumen wohnen, und darinnen die Möglichkeit finden sollen, ihr

Leben behaglich zu gestalten. Es ist ja wahr, die meisten Menschen

verlangten die bisherigen Wohnungen gar nicht besser, sie haben nicht

das Bedürfnis, ihre Umgebung künstlerisch gestaltet zu sehen, aber

das hindert nicht, daß der Architekt, wofern er ein Künstler ist, den

früher oder später ja doch eintretenden künstlerischen Bedürfnissen

vorarbeiten und dergestalt die Prämissen einer höheren Kultur schaffen

soll. Für diese Kulturarbeit ist der Architekt einer der wichtigsten

Faktoren, und man kann sagen, ohne ihn kann nichts geschehen. Aber die

Empfindungsfeinheit, die von dem künstlerischen Architekten (der andere

kommt nicht in Betracht) verlangt werden muß, wird bei dieser Tat

nicht stehen bleiben. Er wird die bürgerlichen Menschen nicht allein

von dem überflüssigen und daher schädlichen und geschmackverderbenden

Luxus, der sich in den billigen albernen Ziraten oberhalb der Tür

und in den rein äußerlichen nur auf die Außenerscheinung berechneten

Zutaten an den Fenstern äußert, befreien, sondern er wird auch sein

Auge auf die Wände, den Boden und die Decke, endlich auf den Anstrich

der Holzteile richten, er wird die Teile nicht der Obsorge des

Zimmermalers und Anstreichers überlassen, die in Geschmacksdingen

auf dem tiefsten Niveau stehen; er wird vielmehr auch hier seinen

Einfluß geltend machen und damit das niedere Handwerk wieder heben.

Denn alle Handwerkskünste sind Bestandteile der Architektur. Es hat

sich gezeigt, daß die braunen Tür- und Fensterteile, die rote, grüne

oder sonst irgendwie schmutzigfarbene Ausmalung mit den so hässlichen

Dessins jedes anständige Möbel umbringen. Nun ist die Farbenempfindung

bei der großstädtischen Menschheit ein verlorenes Gut. Jeder Bauer im

Gebirge ist uns darin überlegen. Weil aber jede ästhetische Frage im

Kern eine praktische ist, so läßt sich dieser Sache vielleicht von der

hygienischen Seite beikommen. Warum sind die dunklen Schmutzfarben

unserer Wände so beliebt? Es ist schon gesagt worden. Weil man den

Schmutz darauf nicht sieht. Überdies ist das wiederholte Neuausmalen

oder Tapezieren für den kleinen Mann zu kostspielig. Einer solchen

kulturwidrigen Vornehmtuerei auf Kosten der Reinheit und Hygiene soll

in unseren Häusern nicht Vorschub geleistet werden. Man fragt sich oft,

warum unsere Wohnungen nichts Weißes enthalten. Warum hat man Wände

und Decke nicht im einfachen Weiß, mit einem schönen Fries, so daß man

sie um billiges Geld jährlich einmal frisch tünchen kann? Die Leute

vor 80 Jahren, die noch eine feine Kultur besaßen, haben Fenster und

Türen weiß gestrichen. Sie hatten auch weiße Gardinen und Topfpflanzen.

Die Bauern in vielen deutschen Gegenden haben das noch. Und wie

traut sind solche Räume! diesen Sinn für Reinlichkeit und Helligkeit

muß man wiederbeleben, sonst ist nicht vorwärts zu kommen. Altwien

besaß hübsche im Bogen ausgebauchte Fenster, die mit Geschick wieder

verwertet werden können. Dabei ist Bedacht zu nehmen, daß im Fenster

Blumen gezogen werden können, denn die allmählig wiedererwachende

Blumenfreude ist ein wichtiger Kulturfaktor und ein erfreuliches

Symptom der Rückkehr zur Natürlichkeit und Echtheit. Der Architekt

muß alle diese halbbewußten Regungen mit feinen Sinnen erfassen und

verwerten. Es gehört viel Liebe und Geduld und Menschenfreundlichkeit

dazu, aber ohne diese Eigenschaften ist in der Kunst nichts zu machen.

Nur das Mitgefühl, das Mitleben kann Formen schaffen, die nichts

Äußerliches sind, wie die Stuckherrlichkeit moderner Zinskasernen,

sondern etwas, das von innen nach außen gewachsen ist, und unsere

bisherigen Hundelöcher wieder in menschenwürdige Wohnungen umwandelt.

Auf diesem Wege dürften sich auch die notwendigen Grundrißänderungen

ergeben. Die Badezimmer, die heute schon bei kleineren Wohnungen zu

finden sind, sollten als Annex des Schlafraumes ausgestaltet werden.

Denn es ist widersinnig und gesundheitsgefährlich, aus dem Baderaum

durch das gewöhnlich sehr kalte Vorzimmer in den Schlafraum und

umgekehrt gehen zu müssen. Diese und noch viele Änderungen können

geschehen, ohne daß die Ertragsfähigkeit des Hauses nur im mindesten

herabgesetzt wird. Daß wir trotzdem das moderne Mietshaus noch nicht

haben, ist vielmehr eine Folge der herrschenden Teilnahmslosigkeit der

Bauherrn und des Publikums, das noch nicht gelernt hat, Bedürfnisse zu

haben. Die Mitarbeiterschaft von dieser Seite her ist freilich nicht zu

entbehren.

[Illustration: Heizkörper-Verkleidung von Professor Joseph Hoffmann.]

[Illustration: Fries und elektr. Beleuchtungskörper von A.

Sumestberger.]

[Illustration: Wandfries von Arch. Max Benirschke, Düsseldorf.]

Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche.

[Illustration: Decke mit Schnürlarbeit von Mizzi Ebers (Kunstschule für

Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]

[Illustration: Decke mit Schnürlarbeit von Paula Roth (Kunstschule für

Frauen und Mädchen Wien, Prof. A. Böhm).]

[Illustration: Perlenstickerei auf Leinen von Minka Podhayska

(Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]

[Illustration: Perlenstickerei auf Tüll mit Applikation von Minka

Podhayska (Kunstschule für Frauen und Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]

Zu den schweren geschnitzten Kassetten-Decken altdeutscher Stuben

passte dunkles Getäfel der Wände und die Ledertapete. Wo man sie heute

noch im Bürgerhause vorfindet, ist sie nicht dem modernen Gefühl,

sondern einer posthumen Butzenscheibenromantik, die noch immer nicht

ausgestorben ist, entsprungen. Wie es noch Wotansenkel im schwarzen

Salonrock gibt, die wie die alten Deutschen »immer noch eins trinken«,

so gibt es eine große Kategorie, die in ihrer Gefühlsweise bei Hans

Sachs stecken geblieben ist und Räume liebt, »wo selbst das liebe

Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht«. Die Sache gehört

ins Museum, wo man sie billig bewundern mag. Im Alltag und im grellen

Licht der Gegenwart sind solche abgestorbenen Lebensformen immer von

Übel. Abgesehen davon, daß in Mietswohnungen eine solche pompöse

Sache nur auf den Schein berechnet sein kann und eine Lüge ist,

weil in solchen Wohnungen, wo wir eigentlich immer auf dem Sprung

stehen, nichts von Ewigkeitsdauer geschafft werden kann, außer was

sich leicht fortschaffen, auf einem Möbelwagen verpacken und in einer

neuen Wohnung ebenso leicht und gefällig wieder aufstellen läßt. Auf

ein gewisses Nomadentum ist unser Leben in Mietswohnungen gestellt.

Aus ökonomischen, sozialen und hygienischen Gründen ergibt sich die

neue Ästhetik, die für unsere Wohnung glatten und weißen Verputz an

Wänden und Decke verlangt, die je nach Geschmack mit schablonirter

Malerei oder Tapete bedeckt wurden. Damit war aber zugleich ein freier

Spielraum für die gefährlichsten Ausschweifungen der künstlerischen

Phantasie unserer Tapezierer- und Zimmermalerjünglinge gegeben.

»Vernunft ward Unsinn, Wohltat Plage.« Das Ungeheuerlichste,

Wahnwitzigste ward Mode, wenn es unter der Flagge einer falschen

»Sezession« segelte. Auch diese Modekrankheit mußte überstanden werden

und schließlich setzte sich die Arbeit ernster und tüchtig vorwärts

strebender Künstler beim Publikum durch. Große Firmen der Tapeten-,

Teppich- und Textilbranche suchen die Entwürfe solcher Künstler

zu erwerben und Geschmackvolles in den Handel zu bringen. Heute

spürt man im großen Publikum schon ein erfreuliches Bestreben nach

vornehmer Einfachheit, das nur des Entgegenkommens künstlerischer und

industrieller Kreise bedarf, um zu einer allgemeinen Niveauerhöhung

des Geschmacks zu führen. Man zieht es vor, die Wände und Decke

entweder einfach zu weißen oder färbig zu streichen und einen hübschen

Fries aufzusetzen oder mit entsprechender Tapete zu bekleiden. Bei

der Wahl der Farbe wird Bedacht genommen, daß zur Farbe der Möbel

die Wände und Decke einen komplementären Gegensatz bilden, der die

Möbelstücke hervorhebt und mit diesen, was die farbige Erscheinung

betrifft, ein harmonisches Ganzes darstellt. Dem Dessin von Tapeten

oder schablonierten Wänden steht man mit Recht mißtrauisch gegenüber,

weil es sehr viel Takt erfordert, das Rechte zu finden, das diskret

genug ist, als Hintergrund von Möbel und Bildern nicht unruhig und

anspruchsvoll zu wirken und die Harmonie zu stören. Im allgemeinen gilt

auch für die gemusterten Wandflächen die Regel, daß sie in Farbe und

Zeichnung als bloße Fläche und Untergrund, der für sich allein keine

Geltung beanspruchen darf, zu wirken hat. Daß man die hellen Farben

vorzieht, ist in dem modernen hygienischen Bedürfnisse begründet, das

nach Licht und Luft heischt, die in der Stadt kostbare Güter sind. Aus

diesem Grunde hat man die Stoffgardinen durch Vorhänge aus leichtem

dünnen Zeug ersetzt, indischer Seide oder Leinen mit Aufnäharbeit,

daran sich der Kunstfleiß der Hausfrau zeigen mag. Für Aufnäharbeit

geben die Leistungen moderner Künstler und Kunstschulen glänzende

Vorbilder. Man wählt natürlich auch für diese leichten Vorhänge helle

Farben, entweder weißes Leinen, oder, wenn es sich um durchsichtige

Gaze oder indische Seide handelt, auch orange Farbe, die einen goldenen

Schein ins Zimmer legt. Die Vorhänge hängen in geraden, schlichten

Linien herab, sind seitlich zu ziehen und laufen in Ringen offen an

einer Messingstange.

[Illustration: Decke mit Kreuzstich von Elisabeth Toffler (Kunstschule

für Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]

[Illustration: Decke mit Bändchenarbeit von Paula Roth (Kunstschule für

Frauen u. Mädchen, Wien, Prof. A. Böhm).]

Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung · 第 1 / 8 段