wiederherzustellen; tatsächlich sind uns wenig Angaben über diese
Schiffe erhalten. Wir können nur auf die erwähnten Verträge Ludwigs IX.
zurückgehen. Die ersten sicheren Angaben stammen aus einer nach dem
Mittelalter liegenden Zeit, besonders aus dem 18. Jahrhundert.
Alle alten, zur Zeit bekannten Abbildungen sind schlecht, meist in
falschen Verhältnissen. Es hat mehrere Arten Schiffe gegeben, das ist
der einzige Schluss, den man aus ihnen entnehmen kann.
Es ist, wie ~Jal~ sagt, wirklich bedauernswert, dass wir keine besseren
Aufschlüsse gefunden haben. Es ist jedoch zweifellos, dass es schon im
Mittelalter gute Schiffe von gedrungener Gestalt gegeben hat. (Vgl.
~Jal~, _Glos. naut._, S. 1057; ~La Croix~, S. 86 u. 96.) mit denen es
möglich war, wenigstens 500 Kämpfer zu befördern. (Vgl. ~Jal~, _Arch.
nav._, S. 380, II. Teil, Anm.) Man lud auch Pferde ein. (~Jal~, _Arch.
nav._, S. 386, u. s. w.; ~Holmes~, S. 68.) Um die dem Mittelmeer
eigentümlichen Type wiederherzustellen, muss man vor allem untersuchen,
welche Modelle noch am Ausgang des 18. Jahrhunderts zu der Zeit
vorhanden waren, wo man ausschliesslich Holzschiffe verwendete.
Vor Beginn dieser Prüfung möchte ich bemerken, dass es eine ständige
Übung war, die Schiffe auf den Strand zu ziehen, wenn man nicht mit
ihnen fuhr; es ist auch zu bemerken, dass das Wasser des Mittelmeers im
Vergleich zu dem des Ozeans ruhig ist. Dieser letztere Punkt besonders
erklärt, warum die Ruderschiffe so lange im Gebrauch geblieben sind.
(~Paris~, IV. Bd., S. 206.)
Um die Schiffe an Land ziehen zu können, mussten sie einen flachen
Kiel haben; tatsächlich sind die Schiffe in der Mitte breit und flach,
breiter sogar als die Schiffe des Nordens; bei diesen letzteren betrug
das Verhältnis der Breite zur Länge 1 : 4, während bei den meisten
Schiffen des Mittelmeers dies Verhältnis zwischen 1 : 2½ und 1 : 3½
schwankt (meist 1 : 3).
Vorn und hinten laufen die Schiffe spitz zu, anders wie die nordischen
Schiffe. Dadurch erhalten sie eine ganz besondere Gestalt. Ausserdem
verlaufen die Wände dieser Schiffe nicht gekrümmt nach oben, d. h. sie
sind höchstens vertikal. Anders ausgedrückt, die Breite ist am grössten
oben.
Unter den alten Typen finden wir solche, deren Vordersteven, 1) gerade
ist und schräg steht, 2) gerade ist und senkrecht steht, 3) oben konkav
ist und sich oben nach innen biegt. Daneben gibt es eine grosse Zahl
mit konvexem Vordersteven.
Neben Schiffen von gedrungener Gestalt gibt es längere, deren Breite
sich zur Länge wie 1 : 5 verhält.
Absichtlich habe ich nicht vom Hintersteven der Schiffe gesprochen, da
dieser in den meisten Fällen durch Einführung des Steuers verändert ist.
[Sidenote: II 48]
Viele Schiffe haben ausserdem hinten einen glatten Vorsprung, der mit
einem Geländer versehen ist; diese Einzelheit findet sich auch auf
den Schiffen der Griechen und Römer wieder. Jener Vorsprung diente
ursprünglich als Stand für den Steuermann, der das Stangenruder zu
handhaben hatte.
[Sidenote: II 49]
[Sidenote: II 50]
[Sidenote: II 53]
Zu den wichtigsten Typen sind die _Schebecken_ mit drei Masten zu
rechnen, die zuerst mit lateinischen Segeln versehen waren. Diese
letzteren sind später durch quadratische Segel ersetzt worden.
Das so veränderte Schiff hiess dann _mystische Schebecke_ oder
_Polacker-Schebecke_. Man findet daneben auch _Polacker_. Die Länge
dieser Schiffe, etwa 15 m, verhält sich zur Breite wie 3½ : 1. Der
oben ziemlich gerade Vordersteven verläuft unten gekrümmt und trägt
einen Sporn, der hier noch Galjoen heisst. Der Hintersteven ist gerade,
steht aber schräg. Das Hinterdeck springt vor. Man könnte diesen Typ am
besten mit einer Galeere von gedrungener Form vergleichen. Hinten hat
der _Polacker_ mehr Ähnlichkeit mit den Ozeanschiffen.
[Sidenote: II 35]
Alle diese Schiffe stammen aus dem Westen des Mittelmeeres. (Vgl.
~Paris~, Bd. 2, Nr. 78 u. 90, sowie Bd. 1, Nr. 25.) Man kann in diese
Klasse auch die «Pink» von Genua einreihen. (~Paris~, Bd. 2, Nr. 119).
[Sidenote: II 37]
Wir finden noch in Tunis die «Carebe», 12 bis 15 m lang und etwa ⅓ so
breit. Dies Schiff scheint zwei Vordersteven zu haben (das Schandeck
springt zurück).
[Sidenote: II 39]
Vergleichen wir damit die Abbildung am Turm zu Pisa u. s. w. (~Paris~,
Bd. 2, Nr. 201), die auch ein Schiff mit doppeltem Vordersteven
darstellt.
Neben der «Carebe» gibt es die «Arabischen Sandalen», von 12 m Länge,
2,85 m Breite und 1,30 m Tiefe. Jal sieht in ihnen eins der ältesten
Modelle.
Die «Arabische Sandale» ist ein sehr schlankes Schiff, das in der Mitte
schmaler ist als die meisten anderen.
[Sidenote: II 54]
[Sidenote: II 60]
Die Schiffe von Malta, die sogenannten «Speronare», sind ebenso
sonderbar: sie haben 15 m Länge, 4,40 m Breite, einen Tiefgang von
1,20 m und eine Tragfähigkeit von etwa 17 Tonnen; der Vorder- und der
Hintersteven sind senkrecht. Manchmal besitzen diese Schiffe hinten
noch einen geraden Vorsprung und vorn einen stumpfen Sporn.
Derselbe Typ von 5,30 m Länge, 1,95 m Breite und 1 m Tiefe wird eine
«Tarella». Diese Barke hat keinen Sporn; zweifellos befinden wir
uns hier vor sehr alten Formen. (Vgl. z. B. die «Speronara» mit der
Abbildung von ~Layard~.)
Die «Schifarro und Lautello» von Sizilien mit ihren rückwärts
gekrümmten Vorder- und Hintersteven sind nicht weniger merkwürdig.
Diese Barken erinnern ebenfalls an die Abbildungen des Mittelalters,
die die gleichen Merkmale haben.
An der Ostküste Italiens finden wir die «Tartana», 17,90 m lang, 4,90
m breit, mit einem Tiefgang von 0,80 m, und die «Barco da Pasca», lang
12,20 m, breit 2,30 m und tief 1,06 m; alle beide sind Schiffe mit
flachem Boden, fest gebaut. (~Paris~, Bd. 2, Tafel 85, 86, 87.) Es ist
noch zu bemerken, dass man auf dem Adriatischen Meer mehrere Arten
Fahrzeuge mit flachem Boden trifft: unter anderen die «Rascona», ein
sehr schmales Fahrzeug, wenn man seine Länge berücksichtigt (1 : 5),
und den «Topo». Das erstere Fahrzeug wird mittels des Ruders gesteuert.
Griechenland und die Türkei haben viele Berührungspunkte, man findet
dort zwei Type: den einen mit geradem, aber geneigtem Vordersteven,
den anderen mit gebogenem; Beispiel: die «Scaphé» und die «Sacobeva».
(~Paris~, Bd. 2, Nr. 91, 89, 88.)
Das Arabische Meer, um nicht weiter zu gehen, zeigt uns, die «Baggala»
und die «Dungiyah», von denen die letztere heut wahrscheinlich
nicht mehr vorkommt; das sind sehr alte Type mit stark geneigtem
Vordersteven. Oben haben wir auf griechische Abbildungen verwiesen, die
ihr völlig gleichen.
Manche Type haben ihren Ort gewechselt. Der beste Beweis hierfür ist
die spanische «Balancella», die, wie es scheint, aus Neapel stammt.
(~Paris~, Bd. 2, Nr. 61); sie hat viel Ähnlichkeit mit dem «Trabocolo».
Alle diese Barken, und ich habe nur die hauptsächlichsten angeführt,
ermöglichen es, einige Urtype wiederherzustellen, die man nicht nur
jetzt noch wiederfindet, sondern die schon vor mehreren Jahrhunderten
vorhanden waren. Dank der Entwickelung des Verkehrs, dank auch den nach
immer entfernteren Gegenden unternommenen Fahrten, die man unter allen
Umständen ausführen musste, sind die alten Type des Mittelmeeres längst
durch neue für die Schiffahrt mit langer Fahrt ersetzt worden. Deshalb
kann man die ursprünglichen Type nur in den Schiffen von geringerer
Grösse wiederfinden. Für diese Fahrzeuge brauchte man keine neuen
Formen zu suchen, umsoweniger, als die kleinen Schiffbauer nach dem
alten Brauch und nach Modellen arbeiteten. Erst langsam hat das Eisen
bei ihnen an Boden gewonnen, und durch dieses, aber auch langsam und
erst, wenn eine neue Generation die alte ersetzt, werden die alten Type
verschwinden.
Es ergibt sich aus dem Vorstehenden, dass im allgemeinen die
Mittelmeerschiffe breit im Verhältnis zu ihrer Länge sind, flach in der
Mitte und vorn und hinten spitz. Berücksichtigt man dies, so erhält das
Werk von ~Fürtenbach~ aus dem Jahre 1629 mehr Wert in unseren Augen,
weil der Verfasser darin Abbildungen eines holländischen Schiffes sowie
einiger Mittelmeerschiffe gibt, in denen wir sehr viele bekannte Type
entdecken, wenn sie auch andere Namen tragen.
Der Unterschied in der Form zwischen den Typen des Nordens und denen
des Südens, auf den wir oben hingewiesen haben, ist darin deutlich
erkennbar und tritt in voller Kraft hervor, wenn man die Hauptrippen
der beiden Schiffe vergleicht. (Vgl. die «mittlere Stamenale»,
Abbildung II, und die «Stamenale» der Abbildung 16, sowie die Pläne
der beiden Schiffe.) Der Höhenunterschied zwischen Vordersteven und
Hintersteven ist nicht weniger bemerkenswert; ausserdem erscheinen die
Schiffe des Mittelmeers wirklich höher als die unsrigen. Wir werden
später sehen, dass unter dem Einfluss des Südens (des Mittelmeeres) man
auch in unserem Lande den Schiffen eine grössere Höhe gab.
Auch das System der Aufbauten, die im Mittelalter auf den Schiffen
Platz fanden, stammt aus dem Süden. Es ist zu bemerken, dass schon
der Kaiser Leo im 10. Jahrhundert Beschreibungen über die Aufbauten
gab. (Vgl. ~La Croix~, S. 6.) Man findet sogar solche schon auf alten
römischen Zeichnungen. Man kann also mit vollem Recht annehmen, dass
diese Aufbauten sich allmählich entwickelt haben.
Die Vervollkommnung in den Verteidigungsmitteln und daher ein Wechsel
in der militärischen Taktik, die Erfindung des Schiesspulvers mit
einem Wort, hat viel dazu beigetragen, die Bedeutung der Aufbauten zu
vermehren.
Man wusste in unserem Vaterlande, dass die Schiffe des Mittelmeeres
spitzer waren als die unsrigen; wir haben einen Beweis dafür in der
Stelle, wo ~van Yk~ in seinem bekannten Werk, S. 355, uns darauf
aufmerksam macht, dass man dem stark gekrümmten Vorderteil, also
dem vollen Bug, die besonderen Vorzüge unserer Schiffe als Segler
zuschrieb. Und es ist sicherlich nicht ohne Interesse, wenn man weiter
liest, dass sein Vater begleitet von seinen drei Söhnen nach Genua
ging, um Schiffe zu bauen, die vorwärts fahren konnten, obwohl sie
Gegenwind hatten (S. 354), was in dieser Stadt noch unbekannt war. Zu
dieser Zeit kannte man also nicht in Genua die Kunst des Kreuzens, was
die lateinischen Segel übrigens nicht ermöglichten.
Erst später sehen wir diese Segel durch quadratische Segel ersetzt.
Es ist also nicht wunderbar, dass die Ruderschiffe so andauernd auf
dem Mittelmeer in Gebrauch gewesen sind; andererseits können wir
als bewiesen ansehen, dass schon in den ältesten Zeiten Schiffe von
gedrungener Form neben langen Ruderschiffen vorhanden waren. (~Jal~,
_Glossaire Nautique_, S. 1049.)
Die wenigen alten Schiffe indessen, die ausgegraben sind, zeigen
einen so hohen Grad der Vollkommenheit, dass der Schiffbau schon in
den frühesten Jahrhunderten eine wunderbare Entwicklung erreicht
haben muss. Das dürfte uns jedoch gegenüber den Meisterwerken nicht
überraschen, die uns die Völker des Mittelmeeres hinterlassen haben,
Meisterwerke die von ihrem æsthetischen und praktischen Sinn zeugen.
Verfolgt man die fortschreitende Entwicklung des Schiffes im
Mittelalter und betrachtet man die Grössenverhältnisse der Dockbecken
u. s. w. bei den Griechen und Römern, so kann man behaupten, dass das
Altertum nicht die Riesenschiffe gekannt hat, und dass die gegebenen
Beschreibungen beim Licht der Verhältnisse geprüft werden müssen, unter
denen sie verfasst sind. Das gilt auch von der Stadt Babylon, deren
Grösse, wie die Ausgrabungen bestätigen, von den alten Schriftstellern
in sonderbarem Masse übertrieben ist. Liest man übrigens nicht täglich
von der ausserordentlichen Grösse von Schiffen und Maschinen, die
wenige Jahre danach durch noch ausserordentlichere übertroffen wird? So
wird es übrigens immer sein.
Schliesslich möchte ich bemerken, dass man noch heut alle alten Modelle
in den kleinen Holzschiffen und in den Fischerbooten findet.
Wenn man also eine genaue Vorstellung von den Typen der Schiffe der
Alten haben will, so muss man baldigst eine vollständige Untersuchung
eröffnen, um sie wiederzufinden, um ihre Grössenverhältnisse
festzustellen und danach mit Massangaben versehene Zeichnungen
anzufertigen, wie man dies in den Niederlanden getan hat.
Die kurze vergleichende Untersuchung ermöglicht leicht die Feststellung
der gegenseitigen Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Völkern
bestehen; sie zeigt, dass die alten, dem südlichen Frankreich, Spanien
und Portugal eigentümlichen Type der Mittelmeerfamilie angehören, d. h.
dem südlichen Mittelpunkt.
[Illustration]
[Illustration: 2]
Het varen met weijnig volk, het nauw en zober behelpen in leeftochten
en ons ingeboren zindelijkheid, die de schepen langdurend maekt, doet
den Nederlantschen scheepvaart bloeijen, en niet het scheepsfatzoen.
~Nicolas Witsen~, 1771.[4]
Diese bemerkenswerten Worte sind charakteristisch und zeigen, dass
zum Gedeihen und zur Grösse eines Volkes etwas anderes nötig ist
als bestimmte Schiffsformen. Wenn dem nicht so wäre, sagt ~Witsen~,
so wären unsere Schiffsmodelle unverzüglich von den anderen Völkern
nachgeahmt worden.
Die Nüchternheit und Reinlichkeit sind zwei Haupttugenden unseres
Volkes, was niemand bestreiten dürfte; aber ausser diesen Tugenden
besassen unsere Vorfahren eine Eigenschaft von hoher Bedeutung: die
Holländer waren sparsame Schiffbauer, wie sie es noch heut sind.
Hoffen wir fest, mit vollem Vertrauen, dass dem immer so sein wird, und
dass man niemals an der eigenen Kraft zweifeln wird.
~Witsen~ schreibt, -- was eine gewisse Bedeutung erhält, wenn man
es mit dem Vorhergehenden vergleicht -- dass die behufs Erlernung
der Schiffbaukunst nach Holland gekommenen Fremden bei der Rückkehr
in ihre Heimat unsere Art nicht nachahmen konnten. Ich wundere mich
also keineswegs, wenn diese Fremden schreiben, dass sie weder unsere
Baukunst noch unser Verfahren brauchen könnten.
Manches Schiff, sagt der genannte Schriftsteller, ist im Ausland
analysiert und gemessen worden, aber nie hat man es Punkt für Punkt
nachgeahmt; nie auch haben unsere Schiffbauer dort Lob geerntet.
Was ~Witsen~ darauf über die Engländer sagt, ist ziemlich sonderbar:
«In deze braveeren zij (de Engelschen) opentlijk allen Landaert en
wanen niemant huns gelijk in deze konst te hebben»[5]. Er schreibt dies
wenig günstige Urteil über die Holländer dem Umstand zu, dass in den
Niederlanden nichts über den Schiffbau veröffentlicht ist. Man wird
später sehen, dass man im Ausland tatsächlich ganz anderer Ansicht war.
Manche Angaben bezeugen, dass schon im frühen Altertum die an den
Mittelmeerküsten wohnenden Völker die Schiffahrt gekannt haben. Noch
heut bauen die wildesten und unkultiviertesten Völker, die längs
Strömen und Flüssen wohnen, Fahrzeuge, so primitiv auch ihre Formen
sein mögen. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sind mehrere
alte Schiffe in Nordeuropa ausgegraben worden. Alles dies ist geeignet,
uns zu überzeugen, dass alle am Wasser wohnenden Völker die Schiffahrt
gekannt haben und zwar seit den ältesten Zeiten.
Es ist ausserdem wahrscheinlich, dass die Form «Kanoe» die älteste
Form eines Fahrzeuges ist; es ist eine lange und schmale Form, die
natürlich aus dem ausgehöhlten Baum entstanden ist. Die Stange ist das
ursprüngliche Fortbewegungsmittel, das bald durch die Pagai (Schaufel)
und das Ruder ersetzt wurde.
Der Mensch sucht es sich im allgemeinen bequem zu machen; es ist daher
nicht zu verwundern, dass er bald auch den Wind in der Schiffahrt zu
Hilfe gerufen hat, um ihn später als Haupttriebkraft zu verwenden.
Die ältesten Bewohner der Niederlande haben also die Schiffahrt lange
vor der Herrschaft der Römer gekannt, und es ist anzunehmen, dass sie
oft verschiedene Teile ihrer Heimat nur auf dem Wasserwege erreichen
konnten.
Caesar berichtet (~Holmes~, S. 52), dass die Bretonen sich sehr
leichter Schiffe bedienten, die aus einem Gerippe von Lindenzweigen
bestanden, das mit Häuten bespannt war. Andrerseits erzählt der Papst
Marcellin (296 bis 304 n. Chr.), wie sehr die Sachsen wegen ihrer
Beweglichkeit zu fürchten wären und fügt hinzu, dass ihre Schiffe aus
Büffelhäuten beständen, die straff über biegsames Holz gespannt waren.
Neben den langen Ruderschiffen wird es zweifellos sehr früh breitere
und weniger schnelle Schiffe gegeben haben. Diese Schiffe wurden mit
Segeln bewegt. Schliesslich haben sie die Ruderschiffe völlig verdrängt.
Nichts ist von diesen ursprünglichen Fahrzeugen erhalten geblieben.
Die ältesten Bewohner unseres Landes sind bekanntlich aus dem Orient
gekommen; zweifellos kannten sie die Schiffbaukunst; sie werden aber
ihre Modelle den Bedürfnissen haben anpassen müssen, die durch den
Zustand der Schiffahrtsstrassen in unseren Niederungen entstanden.
Man kann also behaupten, dass die Wiege der Schiffbaukunst der
Niederlande sich in der Ostsee befunden hat. Wir wollen also vor allem
unsere Blicke nach der Seite wenden, wo seit der ältesten Zeit die
Schiffbaukunst einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht haben muss.
Das ergibt sich nicht nur aus der Zahl der ausgegrabenen Schiffe,
die der Wikingerzeit angehören, sondern auch aus den in letzter Zeit
vorgenommenen Untersuchungen. Aus diesen Untersuchungen lässt sich
folgern, dass schon im Altertum die nordischen Völker die Nordsee
durchfahren haben müssen. Der schwedische Archæologe ~Montelius~
vermutet sogar, dass es am Ende der Steinzeit schon dauernde
Beziehungen zwischen der Westküste von Schweden und der Ostküste von
England gab.
Lange vor den eigentlichen Wikingerfahrten nach Süden, haben die
Wikinger schon Seefahrten unternommen, und es ist sicher, dass im
Anfang unserer Zeitrechnung die Völker des Nordens Schiffahrt trieben.
~Tacitus~ spricht von mächtigen Flotten der Schweden, die zu seiner
Zeit nicht das Segel, sondern einfach das Ruder verwendeten. Das Werk
«Vesterlandenes indflydelse poa Nordboenes og saerlig Nordmaennenes
ydze Kulture levesaet og sim funds forhold i Vickingetiden af
Alexander Bugge 1905»[6] ist also vollauf berechtigt zu sagen, dass
die Schiffahrt des Nordens ihren Ursprung den suevischen und gothischen
Volksstämmen verdanken dürfte, die an den Ostseeküsten angesiedelt
waren, von wo sie dann zu den Normannen und Dänen gekommen ist.
Wir können wohl hinzusetzen, dass es ebenso mit den Niederlanden,
Grossbritannien, Belgien und einem Teil von Nordfrankreich gewesen ist.
Der berühmte deutsche Philologe und Archæologe Professor N. ~Zimmer~
nimmt an, dass die Normannen die Shetlandsinseln zwischen den Jahren
590 und 644 besucht haben. Diese Annahme ist durch die Untersuchungen
des Dr. ~Jacob Jacobsen~ bestätigt worden, der lange auf den fraglichen
Inseln gelebt hat, um die nordischen Namen der Dörfer zu untersuchen
und andere Spuren der nordischen Sprache aufzusuchen. Dieser Gelehrte
hat ebenfalls gefolgert, dass die Normannen die Shetlandsinseln schon
um das Jahr 700 besucht haben.
[Sidenote: II 75]
Wenn wir diesen Tatsachen gegenüberstellen, was im Mittelmeer vor sich
ging, wo man immer versuchte, am Abend an Land zu gehen, so können wir
ein Gefühl der Bewunderung für die Normannen nicht unterdrücken, die
furchtlos das Meer bis Island und Grönland durchquerten. Ihr Schiffbau
muss schon damals einen ausserordentlich hohen Grad der Vollkommenheit
erreicht haben, was in vollem Masse durch die Bauart der prachtvollen
Schiffe «Oxberg» und «Gokstad» bestätigt wird, die in der Gegend von
Sandefjord aufgefunden sind (Museum der Altertümer von Christiania).
Es ist sonach wenig wahrscheinlich, dass die Völker des Nordens irgend
etwas im Schiffbau bei ihren Fahrten nach Westeuropa gelernt haben.
Im Gegenteil hat dieser Teil Europas, also auch die Niederlande, von
ihnen die Schiffbaukunst erhalten. Erst später spricht man in England
von einer Flotte und einer Marine. (Siehe ~Holmes~, _Ancient and modern
ships_, 1900.)
In der Folge richteten die Normannen ihre Fahrten immer mehr nach
Süden; sie setzen sich in der Normandie fest und bemächtigten
sich Englands. Bei diesen Fahrten lernten sie den Schiffbau des
Mittelmeeres kennen. Selbstverständlich werden sie damals alles
beachtet haben, was hier an Vollkommenem vorhanden war. Es lag dies
zudem in ihrem Interesse. Sie entnahmen insbesondere von den Völkern
Südeuropas den Anker, den diese von den Griechen kennen gelernt
hatten. Das nordische Wort «akkeri», das _Anker_ bedeutet, scheint dem
angelsächsischen «ancor» entlehnt zu sein, das von dem lateinischen
«ancora» stammt. Das Wort «forkr» (Bootshaken) ist ebenfalls
ausländischen Ursprungs; es kommt von dem angelsächsischen «forca» und
dem lateinischen «furca» her.
Die normannischen Schiffsmodelle haben jedoch durch diese Berührung mit
dem Süden keine Veränderung erlitten. Das aussergewöhnliche Leben der
Wikinger, ihre ständigen Seeräubereien lassen den Schluss zu, dass das
Handelsschiff sich nicht bei ihnen vervollkommnet hat, sondern bei den
Völkern, die sich mit dem regelmässigeren Handel befasst haben. Ich
finde es nicht wunderbar, dass diese Entwicklung sich im Nordwesten
Europas vollzogen hat. Es wird sogar von einigen behauptet, dass das
Schiff «Büse», das im Mittelalter allgemein in Gebrauch war, aus der
Normandie gekommen ist und aus dem 11. Jahrhundert stammt.
Zur Unterstützung dieses Satzes dient die Tatsache, dass das Wort
«Busse» (Büse) zu jener Zeit zum ersten Male in den alten Chroniken
erscheint.
J. ~Steenstrup~ hat die Aufmerksamkeit auf die «Butsecarlas» gelenkt
(die in den alten angelsächsischen Chroniken des Jahres 1066 und
in dem Buch von Florant Wigorniensis aus dem Jahre 1052 erwähnt
werden), ein Volk von Seeleuten, das an den Küsten von Hastings und
Yorkshire wohnte. Der letztgenannte Schriftsteller lenkt ausserdem die
Aufmerksamkeit auf den zweiten Teil des Wortes, das der nordischen
Sprache angehört, während das Wort «buza» ziemlich oft in dem
Alt-Nordischen und dem Alt-Schwedischen etwa im 13. Jahrhundert
vorkommt und ein Schiff von stark gekrümmter Form bezeichnet. Dies
Wort ist indessen romanischer Herkunft: es entspricht, wie ich hörte,
dem Alt-Französischen «buse» oder «buce» (aus dem Jahr 1080 etwa); man
glaubt also, dass das Schiff «Büse» aus der Normandie stammt.
Das scheint mir indessen nicht so sicher; es ist nämlich erwiesen, dass
dieselben Schiffsformen sich jahrhundertelang, allerdings unter anderen
Benennungen erhalten haben.
Der Umstand, dass das Wort «buse» (Büse) zum ersten Mal ums Jahr 1080
gebraucht wird, ist also kein Beweis, dass der fragliche Schiffstyp
erst in dieser Zeit aufgetaucht ist. Ich möchte eher glauben, dass das
Modell, um das es sich hier handelt, schon vorhanden war, dass es aber
erst um 1080 mit «buse» oder «buce» (Büse) in der Normandie bezeichnet
ist, wahrscheinlich, nachdem einige unwesentliche Änderungen mit ihm
vorgenommen sind.
Die Schiffbaukunst ist in die Niederlande aus der Nordsee durch die
ältesten Bewohner des Landes, die Friesen und die Sachsen gekommen, die
sie dann ohne jeden fremden Einfluss weiter entwickelt haben.
In dieser Beziehung sind die folgenden Worte ~Witsens~ auf Seite
47 seines bekannten Werkes von wirklicher Bedeutung: «De Vriezen
komt de lof toe van de herstelde scheepsbouw in Nederland, zoo de
meeste schryvers willen»[7]. Es handelt sich tatsächlich um eine
eigene Entwicklung für den Nordwesten Europas; die besonderen und
übereinstimmenden Formen, die man noch jetzt zum grossen Teil von
Dänemark bis Belgien findet, beweisen es vollauf.
Deshalb können wir im Gegensatz zum Mittelmeer oder dem Südzentrum im
Hinblick auf Belgien von einem Nordzentrum sprechen. In weiterem Sinne
hat die Entwicklung der Schiffbaukunst in diesem Nordzentrum begonnen
und hat dann schliesslich ihren Höhepunkt in den Niederlanden erreicht.
England und Frankreich sind uns gefolgt.
Die Schiffbaukunst ist allmählich in den Niederlanden weiter
aufgeblüht, und zwar nur mit einer Unterbrechung in der Zeit, wo
Frankreich durch die Kontinentalsperre herrschte.
[Sidenote: II 72]
Wir kehren nun zu den Schiffstypen zurück. Ich habe schon bemerkt, dass
man einige Wikingerschiffe aufgefunden hat. Man entdeckte eins i. J.
1867 in Haugen und ein anderes i. J. 1880 in Gokstad; schon früher
i. J. 1865 hatte man in Jütland 3 Schiffe gefunden, die aus dem 5.
Jahrhundert zu stammen scheinen. Das grösste von ihnen hat eine Länge
von 70 Fuss.
Man entdeckte ebenfalls ein Wikingerschiff in Charbuw, bei Pommeren.
Die letzte Entdeckung erfolgte in der Umgegend von Oxenberg bei
Christianiafjord in Norwegen (1904).
[Sidenote: II 74]
Alle diese Schiffe sind Ruderschiffe; man konnte sich auf ihnen
aber auch der Segel bedienen, die man an dem in der Schiffsmitte
aufgestellten Mast befestigte.
Die Schiffe sind im Vergleich zu ihrer Breite weniger lang als die
Ruderschiffe des Mittelmeeres; ihre Breite beträgt nämlich ⅕ der Länge.
Sie sind in der Mitte voll, ziemlich flach und werden nach vorn und
hinten schmaler. Der Vorder- und der Hintersteven sind sehr hoch. Ein
an der Seite des Hinterteils befestigtes Ruder dient ihnen als Steuer.
Ihr Bau weicht ebenfalls wesentlich von dem der Mittelmeerschiffe
ab; hier findet man nur Schiffe mit glatten Wänden, während die
Wikingerschiffe übereinandergreifende Planken haben.
Das Schiff «Gokstad» ist eins der schönsten Beispiele dieses Typs; es
ist eingehend beschrieben von ~Holmes~ in seinem schönen Werk «Ancient
and modern ships», S. 55 und folg. Dies Schiff hat eine Länge von 77
Fuss 11 Zoll, eine Breite von 16 Fuss 7 Zoll, und eine Tiefe von 5 Fuss
9 Zoll; es hat ebenfalls übereinandergreifende und genagelte Planken.
[Sidenote: II 76]
[Sidenote: II 80]
Wenden wir uns nun nach Norwegen und betrachten wir dort die
Fischereifahrzeuge, die noch heut in Gebrauch sind; wir werden durch
die Ähnlichkeit betroffen sein, die zwischen diesen Schiffen und dem
Wikingerschiff besteht, sowohl hinsichtlich der Bauart wie hinsichtlich
der Form. Das veranlasst ~Holmes~ zu schreiben (S. 60): «Such an
instance of persistency in type is without parallel in the history of
shipbuilding». (Eine solche Beibehaltung des Typs ist in der Geschichte
des Schiffbaues ohne gleichen).
Wir haben gesehen, dass dies nicht nur in Norwegen vorkommt, sondern
bei allen Völkern. Wir finden es nicht wunderbar, dass die ältesten
Modelle bei den Fischerbooten zu finden sind; keine Klasse ist
konservativer als die der Fischer, die ihre Boote wie ihre Vorfahren
bauen und die sich nur durch die Notwendigkeit zu neuen Formen bewegen
lassen.
[Sidenote: II 103]
Ausser den im Norden aufgefundenen Modellen ist uns wenig von den
älteren Schiffstypen geblieben. Die Beschreibungen und Abbildungen, die
wir besitzen, sind entweder oberflächlich oder unvollkommen. In dieser
Hinsicht ist das Wappen der Stadt Amsterdam die bekannteste Urkunde,
die uns die Niederlande liefern. Das Werk ~Witsens~ enthält auf S. 362
mehrere Abbildungen dieses Wappens aus verschiedenen Zeiten.
[Sidenote: II 112]
[Sidenote: II 105]
[Sidenote: II 110]
~Holmes~ gibt ausserdem die Schiffe wieder, die auf einem alten
Wandteppich von Bayeux (1066) abgebildet sind, wie das «Sandwich
Seal» (Siegel) von 1238, das «Dover Seal» von 1284 und das «Pool
Seal» von 1325 (S. 67 und 68). Die letzteren Siegel stimmen mit der
ältesten Abbildung des Wappens von Amsterdam überein, und das auf ihnen
dargestellte Schiff ist dem der genannten Stadt ziemlich ähnlich. Man
darf auf diese Einzelheit jedoch nicht zu grossen Wert legen, denn
wie der heraldische Löwe wenig einem wirklichen Löwen gleicht, so ist
anzunehmen, dass das heraldische Schiff nicht die treue Abbildung des
Typs ist.
Die alte Bibel mit Abbildungen aus der Zeit von 1200-1220, welche sich
in der Königlichen Bibliothek im Haag befindet und die zu uns von
Nordfrankreich gekommen sein dürfte, enthält auch eine bemerkenswerte
Abbildung; der Typ eines Schiffes, das darin abgebildet ist, gleicht
ebenfalls den vorigen.
[Sidenote: II 112]
Die Übereinstimmung aller dieser Abbildungen gestattet die Folgerung,
dass in Westeuropa nur eine Sorte Schiffe vorzugsweise benutzt
wurde; die deutlich erkennbare Beplankung zeigt überdies das
Übereinandergreifen der Planken.
[Sidenote: II 78]
Aus der Abbildung auf dem Wandteppich von Bayeux geht ausserdem
hervor, dass man sich sehr früh des Segels bedient hat; der Steuermann
eines der Schiffe, die darauf abgebildet sind, hält in der Hand eine
Segelleine. Diese Schiffe haben ausserdem -- was zu beachten ist --
ziemlich vertikale Vorder- und Hintersteven, wie man sie noch heut bei
einigen Fischerbooten Norwegens trifft.
Das «Koggeschiff» (cogue), das Wappenschiff von Amsterdam ist ein
sehr bekannter mittelalterlicher Typ, dessen Bedeutung vom 13.
Jahrhundert ab in West- und Mitteleuropa deutlicher hervortritt, wo
es die hanseatischen Völker, die Hansen und die Friesen erheblich
vervollkommneten.
Dies im Verhältnis zur Länge sehr breite Schiff war schwer besteigbar;
daher liess es sich als Kriegsschiff gut verwenden.
Das «Koggeschiff» scheint älter zu sein als der Hansabund (1250), wenn
man sich an seinen Namen hält, dem man schon vor dieser Zeit begegnet.
So hatten die Einwohner der Niederlande mehrere «Koggeschiffe»
auszurüsten, um die Einfälle der Normannen zu bekämpfen (818-1010).
Das war die Anwendung des Feudalsystems auf die Schiffahrt (siehe ~La
Croix~ S. 88). Diese Politik wurde bekanntlich unter Karl dem Grossen
endgültig eingeführt, der die Friesen im Jahre 785 und die Sachsen
im Jahre 804 unterjochte (J.-C. ~de Jonge~, _Histoire de la marine
néerlandaise_, I. Bd. S. 6).
Natürlich setzte man alles ins Werk, um dem zu entgehen. Eine
Verordnung des römischen Königs Otto I (936-973) legt einen Zehnten auf
die Koggeschiffe (Kogschuit), dessen Ertrag dem Bischof von Utrecht
zufiel. Es war dies das Lösegeld für die Verpflichtung, dem Fürsten
mit den Koggeschiffen zu dienen. Diese Verpflichtung scheint im Grunde
besonders die an der jetzigen Zuiderzee liegenden Gegenden betroffen zu
haben. (~de Jonge~, Bd. I S. 7.)
Das Koggeschiff erscheint zum erstenmal in Deutschland erst im Jahre
1211, als der Kaiser Otto IV. den Einwohnern von Wismar erlaubte, zwei
Koggeschiffe (Cogken) und soviel kleine Schiffe zu unterhalten, als sie
wünschten.
Einige behaupten, dass das Wort «Cogue», im Altnordischen «Kuggr» vom
italienischen «cocca», vom spanischen «coca» oder vom altfranzösischen
«coche» kommt und meinen demnach, dass das Koggeschiff romanischen
Ursprungs sei. Das ist nicht wahrscheinlich; das Koggeschiff ist
ein Schiffstyp, der dem alten Wikinger-Schiff nachgebildet und den
Sonderverhältnissen der Schiffahrtstrassen und den Niederungen
Nordwesteuropas angepasst ist. Es war also solide gebaut, d. h. breit
und voll, um es leicht an Land ziehen zu können.
Das Koggeschiff war tatsächlich im Mittelmeer unbekannt; das ergibt
sich übrigens aus dem, was der Geschichtsschreiber ~Florentin Villani~
gelegentlich der Schlacht von Zieriksee davon erzählt. Wenn dies Schiff
ein Muster aus dem Mittelmeer gewesen wäre, so hätte der genannte
Schriftsteller die Aufmerksamkeit nicht besonders darauf gelenkt. Das
Koggeschiff gehört also wohl nach Nord- und Westeuropa; es verdankte
seine Vervollkommnung den Friesen und besonders den Flamändern.
[Sidenote: II 103]
[Sidenote: II 97]
[Sidenote: II 98]
Im 13. Jahrhundert war das Koggeschiff schon allgemein im Gebrauch, und
man kann annehmen, dass die Normannen es schon zur Zeit der Wikinger
kannten. Leider ist nicht viel davon übrig geblieben. Die ältesten
Abbildungen, die wir von ihm besitzen, sind die auf den Siegeln von
Amsterdam und Harderwyk. Aber das Schiff, das auf dem Wappen der
ersteren Stadt abgebildet ist, hat sehr viele Veränderungen im Laufe
der Jahrhunderte durchgemacht. Es ist eine schlecht hergestellte
Zeichnung, wie ~Witsen~ bemerkt, der diese mangelhafte Herstellung der
Unkenntnis der Wappenstecher zuschreibt. (~Witsen~, S. 363.)
[Sidenote: II 108]
Das Wappen von Harderwyk stimmt mit dem von Damme überein. (~Jal~,
_Gloss. nautique_ S. 1051); zweifellos zeigen uns die beiden Siegel
dasselbe Schiff (der einzige Unterschied besteht darin, dass das Schiff
von Damme 2 Aufbauten hat). Wenn also, wie ~Witsen~ behauptet, das
Schiff von Harderwyk ein Koggeschiff ist (~Witsen~, S. 364, 2. Spalte
unten), so muss es ebenso das von Damme sein.
Was die Siegel von Amsterdam betrifft, so bemerkt ~Witsen~ ausserdem,
dass das älteste nicht vor dem Jahre 1200 angefertigt sein kann, da
Amsterdam vor dieser Zeit nicht den Rang einer Stadt besass. Er fügt
hinzu, dass man auf diesem Wappen klar sieht: «hoe het met de bouwery
der Kog-schepen oulinx heeft gestaen en hoe haer gestalte steeds is
veranderd met den tyd, gelijck men ook hedens-daegs (dus ten tyde van
dien schryver) de gestalten der schepen steeds veranderen ziet» (blz.
364)[8].
Der Rumpf der Koggeschiffe hatte übereinandergreifende Planken.
Die meisten Abbildungen zeigen uns nur ein Vorderteil mit abgerundeter
Form. Man kann also annehmen, dass das auf dem Wappen von Harderwyk
dargestellte Schiff eine Abart des gewöhnlichen Koggeschiffs ist. Es
ist zu bemerken, dass alle alten Modelle von holländischen Schiffen wie
das Koggeschiff ein leicht abgerundetes Vorderteil ohne Galion zeigen.
[Sidenote: II 124 u. s. w.]
Alle alten flämischen Stiche aus dem 15. Jahrhundert zeigen
verschiedene Schiffstypen, und sonderbarerweise hat keins von diesen
den Namen Koggeschiff. Indessen zeigen uns alle diese Stiche gedrungene
Schiffe mit rundem Vorderteil, die sicher von den Koggeschiffen
abzuleiten sind.
[Sidenote: II 190]
Man findet sogar eine Abbildung aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts,
die ein seeländisches Koggeschiff darstellt. Vorder- und Hinterteil
haben dort gleiche Form; es ist indessen anzunehmen, dass das
Vorderteil breiter gewesen ist mit Rücksicht auf die Stelle, an der
sich der Mast befand, und die auf etwa ein Drittel der Schiffslänge
vom Vordersteven aus gerechnet liegt; dieser letztere sowie der
Hintersteven sind gekrümmt; die Ruderpinne geht durch ein Gehäuse; der
Mast ist stark geneigt, wie es die Verwendung der alten Spriete wollte.
Das Schiff hat ausserdem Schwerter.
Die Zeichnung lässt nicht deutlich erkennen, ob die Planken des Rumpfes
übereinander greifen. Es ist wohl möglich, dass die Wände glatt gewesen
sind, denn zu jener Zeit war diese Bauart schon üblich. Das Schiff hat
keinen Spiegel; der Rumpf ist mit konvexen Planken bedeckt.
[Sidenote: III 115]
[Sidenote: III 116]
Zweifellos stammt dies seeländische Koggeschiff von dem ursprünglichen
Koggeschiff. Wir können annehmen, dass dies Fahrzeug etwas breitere
Enden hatte; der Mast dürfte in der Mitte gestanden haben; richten
wir den Mast in der Mitte auf, ersetzen wir das Steuer durch ein
Steuerruder, lassen wir die Schwerter fort und denken wir uns die
Wände klinkerweise hergestellt, so werden wir eine Vorstellung von
dem Koggeschiff haben; dann aber erhält unser «Bom» eine ganz andere
Bedeutung. Dies letztere Schiff ist bekanntlich in den letzten Jahren
erheblich vergrössert worden und hat an seinen Enden an Breite
gewonnen, um die Fassungskraft zu vermehren. Das sieht man klar,
wenn man das Vorderteil eines «Bom» mit dem Vorderteil der Barke
vergleicht, die zum Krabbenfang dient. Diese letztere zeigt noch die
alten runden Formen und hat im Verhältnis zu ihrer Länge eine geringere
Breite.
[Sidenote: III 112]
Wir können also annehmen, dass der Bom weniger eckige Enden und ein
höheres Vorder- und Hinterteil hatte, also etwas mehr gekrümmt war als
die früheren Schiffe; wir erhalten so ein Schiff, das mit seinen Wänden
aus klinkerweise an einander genagelten Planken sich wenig von dem
alten Koggeschiff unterschied, und sofort erklären wir uns den Ursprung
eines alten Schiffstyps, den man noch als eine Seltenheit in unserer
Fischereiflotte findet.
So geändert unterscheidet sich der «Bom» nicht mehr so sehr von der
«Egmonder Pink», die von ~Witsen~, S. 168, beschrieben und gezeichnet
wird; es dürfte sogar erlaubt sein zu sagen, dass er aus jener
entstanden ist. So erklärt es sich, dass noch heutzutage die «Bommen»
oft «Pinken» genannt werden.
Ein im Gemeindemuseum des Haags aufbewahrtes Bild stellt übrigens
den Strand von Scheveningen dar, der nicht mit «Bommen» sondern mit
«Egmonder Pinken» bedeckt ist.
Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir von den Fischereifahrzeugen
sprechen werden.
[Sidenote: II 243]
Die Barken für den Krabbenfang erfuhren weniger Abänderungen; daher
unterscheiden sie sich auch, abgesehen von dem Spiegel, der später auf
ihnen angebracht wurde, weniger von der Egmonder Pink, die sich endlich
fast vollständig in der Ostender Fischerbarke wiederfindet, wie schon
~Lelong~ in seiner _Encyclopédie d’Architecture navale_, S. 17, bemerkt
hat.
Einige Bommen haben noch im 19. Jahrhundert auch als Küstenwachtschiffe
gute Dienste leisten können. Nichts beweist, dass sie schon zur
Zeit Witsens vorhanden waren; es scheint nicht so, denn dieser
Schriftsteller erwähnt sie nicht; er begnügt sich mit der Bemerkung,
dass man ausser den Egmonder Pinken auf dem Strande andere
Fischerbarken fand, die viel kleiner waren und nur Besan-Segel
besassen. Wenn diese Barken durch ihre Formen sich viel von den Pinken
unterschieden hätten, so hätte er meines Erachtens sicher davon
gesprochen. (S. ~Witsen~, S. 168, 2. Spalte.)
[Sidenote: II 187]
Der Zeichner, der das seeländische Koggeschiff nachbildete, hat uns
auch die Zeichnung eines «Deghbootes» hinterlassen, das wie das erste
aus Seeland stammte. (~Witsen~, S. 120, 2. Spalte.) Dieses Fahrzeug
gleicht sehr jenem Koggeschiff. Der Vordersteven ist etwas länger, die
«Statie» ist nicht geschlossen, und es sind keine konvexen Lukendeckel
vorhanden. Nur die Takelung weicht vollständig von derjenigen der
«Pink» ab, und alles lässt darauf schliessen, dass sie aus dem Süden
stammt.
[Sidenote: II 189]
[Sidenote: II 188]
Derselbe Zeichner bringt eine Abbildung eines Brabanter «Heude»
oder «Heu», den man kleine seeländische Kogge nennen könnte. Es
scheint indessen auch grössere «Heuden» gegeben zu haben, wenn man
der Abbildung des «Heu von Brüssel» folgt, eines Fahrzeugs, das zwei
Kanonen trug. Diese Abbildung lässt keinen Schluss auf die Form des
Schiffes zu.
Es dürfte hier zu bemerken sein, dass man sehr vorsichtig in Bezug
auf diese verschiedenen Benennungen sein muss, die Anlass zu vielen
Verwirrungen gegeben haben; ein Beispiel hierfür ist die berühmte
Besprechung, die im Jahre 1902 und 03 in Groningen über die Frage
stattfand, was ein «Pram» ist.
Die Kreuzzüge, die im Jahre 1096 begannen, haben in hohem Grade zur
Vervollkommnung des Schiffes beigetragen; das gleiche gilt von der
Erfindung des Kompasses in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.
(~Holmes~, S. 66.) Der Handel und die Schiffahrt nahmen einen immer
grösseren Aufschwung, sodass im 13. Jahrhundert Damme der Stapelplatz
für Nordeuropa wurde. Italien, Spanien und Frankreich brachten ihre
Erzeugnisse zu uns. Die alten Seegebräuche von Damme wurden später die
Quelle des Seerechts in Holland, im Norden Deutschlands (~Koenen~, S.
50), in Schweden und in Dänemark.
Es werden Handelsverträge mit den Hansestädten geschlossen, und im
Jahre 1252 stellt man Tarife auf. (~Koenen~.) In diesen Tarifen spricht
man von «Losbogen, Scharpoise, Eenvaren», Barken mit hohem Bord und
Heckbooten. Man findet diese Benennungen in einem Vertrag, der zwischen
dem Herrn von Kuyck und dem Herrn von Dordrecht geschlossen wurde, um
einen Streit über den Zoll in Kuyck zu schlichten.
Unter «Losbogen» versteht man die Schiffe, die von vorne oder vom
«Booge» entladen wurden, wie dies noch auf den Schiffen geschieht, die
Holz befördern.
Zu den «Scharpoise» oder «Escarpoise» rechnet man die Barken, die auf
der Scharpe, einem Nebenfluss der Schelde, in Gebrauch waren.
Die «Eenvaren» waren Fahrzeuge, die von einem einzigen Schiffer geführt
wurden, während die «Heckboote» Schiffe mit Spiegel waren.
Diese Benennungen werden genügen, um zu beweisen, dass es frühe
verschiedene Arten von Fahrzeugen gegeben hat, und dass neben der
«Kogge» andere, wenn auch kleinere Schiffe vorhanden waren.
Ursprünglich steuerte man die «Kogge» mit dem Ruder wie alle anderen
Schiffe; erst im 13. Jahrhundert wurde diese Art allmählich aufgegeben,
und das Ruder wurde vom Steuer verdrängt.
Man kann für Holland nicht die Zeit bestimmen, zu der dieser Wechsel
stattfand; die verschiedenen Wappen von Amsterdam können hierfür keine
Aufklärung geben. Auf mehreren von ihnen hat nämlich das Schiff kein
Steuer, zweifellos um symbolisch anzudeuten, dass man nach allen Teilen
der Erde schiffen könnte (~Witsen~, S. 634), und dass von Amsterdam
Schiffe nach allen Gegenden der Erde fuhren.
Es ist trotzdem anzunehmen, dass das Steuer ebenfalls im 13.
Jahrhundert in Holland eingeführt ist.
Einige haben behauptet, dass zwischen der Einführung des Kompasses und
des Steuers eine Beziehung bestanden hat; letzteres musste angenommen
werden, als man mit Hilfe des Kompasses immer weitere Fahrten
unternehmen konnte.
Ich meinerseits glaube nicht, dass die geringste Beziehung zwischen
Kompass und Steuerruder bestanden haben kann; die Normannen fuhren
nämlich schon durch die Nordsee, bevor das Steuer bekannt war.
Die ältesten Abbildungen der «Kogge», wie primitiv sie auch sein
mögen, haben in der Mitte einen Mast mit Takelung. Ich kenne keine
Abbildungen, die Ruder zeigen. Man kann also sagen, dass die Takelung
die Hauptausrüstung war, und dass die Ruder, deren Zahl auch auf den
grössten Koggen höchstens 32, also 16 auf jeder Bordseite betrug, nur
zur Zeit von Windstille benutzt wurden. Das geschieht noch heut auf den
kleineren Fahrzeugen, wie den «Tjalken».
Die Ruder waren also nur nebensächlich, entgegen dem, was man auf
den Galeeren sieht, wo die Ruder die Hauptsache und die Takelung die
Nebensache war. Das ist der Grund, aus dem man im Gegensatz zu der
Kogge keine Abbildungen von Galeeren ohne Ruder findet.
Man gibt also ohne Grund den «Koggen» manchmal den Namen «Galeeren».
Diese haben sich niemals in den Niederlanden einbürgern können. ~De
Jonge~ hat schon auf die Ungenauigkeit der Stelle hingewiesen, wo der
Verfasser der Annexe _Op Wagenaar_, Bd. 3, S. 50, erzählt, dass die
1100 gegen Antwerpen von Graf Wilhelm III. geschickten Schiffe fast
ausschliesslich Galeeren waren.
In der Geschichte der Niederlande ist jedoch von Galeeren die Rede,
aber nicht von dem Mittelmeertyp. Ihre Zahl ist beschränkt gewesen; sie
wurden nur auf Strömen und Flüssen verwendet.
[Sidenote: II 145]
Ein Stich aus etwa 1600, der die Schelde vor Antwerpen darstellt, sowie
eine Ansicht von Gouda zeigen uns eine derartige Galeere.
Diese Galeeren waren nur grosse Ruderschiffe, ein wenig länger als die
gewöhnlichen Barken (~de Jonge~, Bd. 1, S. 80) und hatten höchstens
32 Ruder. Die grösste niederländische Galeere diente dem Schutz von
Amsterdam und hiess der «Schrecken der Zuiderzee».
Die in den Seeschlachten verwendeten Galeeren sind zu uns aus dem Süden
gekommen.
Wer den holländischen Nationalcharakter kennt, wird sich nicht wundern,
dass die Galeere in Holland keinen Erfolg hatte. Da die Beschäftigung
auf der Galeere als verächtlich galt, so fand man keine freiwilligen
Ruderer; Sklaverei gab es nicht, da sie frühzeitig abgeschafft war. (s.
~Witsen~, S. 194, 1. Spalte.)
Die Koggeschiffe behielten nun nicht ihre einfachen Formen, die wir
beschrieben haben. Die fortwährenden Kriege, die zur Errichtung fester
Burgen im Mittelalter führten, veranlassten den Bau fester Teile auch
auf den Schiffen, und so sehen wir, wie sich allmählich bei uns
ebenfalls jene Kastelle entwickelten, die sich vorn und hinten auf den
Schiffen erhoben. Die Siegel von Amsterdam liefern hierfür ein Beispiel.
Die militärische Taktik beeinflusste natürlich die Bauart der Schiffe.
Die Kreuzzüge und der darauf folgende Verkehr mit den Völkern des
Mittelmeeres, denen die Kastelle schon bekannt waren, lehrten auch
uns die Aufbauten kennen. Wenn es beim ersten Treffen nicht gelang,
das feindliche Schiff in den Grund zu bohren, so enterte man, um Mann
gegen Mann zu kämpfen. Nunmehr war derjenige Sieger, der die festesten
Schiffe besass und sich hoch aufstellen konnte, um seine Pfeile auf den
Feind abzuschiessen. Was war somit natürlicher, als auf den Schiffen
die festen Kastelle mit ihren zinnengekrönten Türmen nachzuahmen. Wenn
der Feind das Deck betrat, so zog man sich in die Kastelle zurück. Man
darf sich also nicht wundern, wenn man auf den Masten die alten Marsen
findet und wenn man hört, dass man sogar die kleinen Boote emporzog, um
von dort den Gegner sicherer unter einem Hagel von Pfeilen und Steinen
zu zerschmettern (~de Jonge~, Bd. I, S. 20).
Es ist begreiflich, dass die abnehmbaren Aufbauten nicht den
Erwartungen entsprochen haben, und dass man von nun ab bald dahin kam,
das Kastell und das Schiff fest miteinander zu verbinden, daher das
erhöhte Vorder- und Hinterteil.
Bei dieser Bauart sind Portugal und Spanien, die das Mittelmeer
nachahmten, uns vorangegangen.
Wir sehen so das Schiff des 16. Jahrhunderts sich allmählich entwickeln
und wir verstehen, wie zwischen den vorn und hinten befindlichen
Aufbauten der mittlere Teil niedrig blieb.
Anfänglich gab es kein Deck. Daher überdeckte man den mittleren Teil,
um ihn gegen die Steine und sonstige Wurfgeschosse zu schützen, mit
einem hölzernen Gitterwerk (siehe u. a. ~Witsen~, S. 51, 2. Spalte),
während die Borde des Schiffs mit Zinnen versehen waren, die mit Zinn
beschlagen waren, um beim Entern das Erklettern zu erschweren.
[Sidenote: II 105]
[Sidenote: II 106]
[Sidenote: II 109]
Die englischen Siegel, die feiner und künstlerischer geschnitten
sind als die unsrigen, geben eine ausgezeichnete Vorstellung von
der fortschreitenden Entwicklung der Aufbauten. Fünf davon zeigen
Schiffswände, die klinkerweise genagelt sind, während das Siegel der
Stadt «Poole» deutlich Bolzen erkennen lässt. Die Kastelle sind in
ihren aufeinanderfolgenden Entwicklungsabschnitten so klar dargestellt,
dass man keiner Erklärung bedarf. Das Ruder, zum Lenken, welches auf
dem ältesten Siegel dargestellt ist, ist auf den anderen durch ein
Steuer ersetzt. Das Siegel von Boston hat einen gut gebauten Dreimaster
mit glatten Borden.
[Sidenote: II 110]
[Sidenote: II 100]
Alle diese Siegel, ausgenommen dies letztere, zeigen die Formen der
«Koggeschiffe», was wiederum die Gleichartigkeit der Schiffstype in
Nordwesteuropa beweist. (~Holmes~ versichert auf S. 70 seines Werkes,
dass das Siegel von Poole die älteste englische Darstellung eines
Schiffs mit Steuer ist; 1325.)
Wie gesagt, war die Einführung des Kompasses das Zeichen zum Aufgeben
der Küstenschiffahrt und ermöglichte weitere Fahrten. Man berichtet
nämlich in «Reygersberghs Chronyk van Zeelant» (herausgegeben von
~Boschborn~) Bd. II, S. 212, dass ums Jahr 1440, nachdem der Gebrauch
des Kompasses kaum allgemein eingeführt war, die Seeländer sich mehr
und mehr nach Süden, nach Portugal und Spanien wandten.
Früher erschienen diese Länder so fern, dass man vor Beginn einer Reise
nach diesen Ländern beichtete und die heiligen Sakramente nahm.
Zur selben Zeit wie die Erfindung des Kompasses beeinflusste ein
anderes Ereignis in eigentümlicher Weise den Schiffbau; es war die
Erfindung des Schiesspulvers, somit die Einführung der Artillerie.
Die Geschichte der Niederlande spricht zum ersten Male von der
Verwendung der Artillerie bei der Unternehmung des Herzogs Albert gegen
die Friesen i. J. 1396. Man hat sich derselben anscheinend bei der
Belagerung des Schlosses Rozenburg i. J. 1351 bedient. (~de Jonge~ Bd.
I, S. 28.)
Weder in der Schlacht an der Schleuse, noch bei den Seefahrten des
Königs Richards III. benutzte man Kanonen. Im 14. Jahrhundert jedoch
waren diese an Bord der Schiffe allgemein in Gebrauch. (~Holmes~,
Seite 71.) Wir werden uns also nicht wundern, dass die Genuesen und
Venezianer im Süden, die Hansestädte im Norden, die die Meister in
Handel und Schiffahrt waren, zuerst Kanonen einführten. (~de Jonge~ Bd.
I, S. 29.)
Die Artillerie veränderte natürlich die Kriegstaktik, und man
kann sagen, dass der militärische Wert der Schiffe von der Zahl
ihrer Kanonen abhing. Man baute also schliesslich Schiffe, die
ausschliesslich zum Kriegführen bestimmt waren, und man musste die
Praxis des Mittelalters aufgeben, die darin bestand, Kauffahrteischiffe
als Kriegsschiffe zu verwenden.
Die vereinigten Provinzen entschlossen sich nicht sogleich,
besondere Schiffe zu bauen. Man musste also die Grössenverhältnisse
der vorhandenen Type vermehren, um eine grössere Zahl von Kanonen
aufstellen zu können. Der Unterschied zwischen den Seeschiffen und den
Binnenfahrzeugen trat immer deutlicher hervor. Es war augenscheinlich
das Kriegsschiff, das sich am meisten von den alten Formen unterschied
und zwar aus dem Grunde, dass man es jeder Änderung unterzog, die von
dem Feinde als zweckmässig eingeführt war.
[Sidenote: II 145]
Die ersten Kanonen sind nicht allzu furchtbar gewesen; ein Beweis
hierfür ist, dass die Bedeckung der Kabinen und Kastelle geneigt
war, wie die Dächer, um die vom Feind geschleuderten Bomben leichter
herabrollen zu lassen.
Der Name «Koggeschiff» verschwindet in dem Masse, wie die Schiffe
wachsen. Diese heissen am Ende des 14. Jahrhunderts und während des
15. Jahrhunderts allgemein «Hulken» und «Baertzen» und sind im ganzen,
wie ~Witsen~ sagt, nur Schiffstype, die früher bei uns im Gebrauch
waren. Die Hulk, fügt er hinzu, das grössere der beiden, segelte nach
den entfernten Gegenden; seine Tragkraft erreichte manchmal 200 Last.
(~Witsen~ S. 494, 2. Spalte.)
Die «Baertze», sagt derselbe Autor, war ein Schiff, das man sowohl für
die Küstenverteidigung wie für den Seekrieg ausrüstete. I. J. 1518
baute man noch eine sehr grosse Baertze, die mit Segeln fuhr, die
man aber bei Windstille auch rudern konnte. (s. ~Witsen~, S. 483, 1.
Spalte.)
Diese beiden Type waren also Handelsschiffe, von denen die Baertze
besonders für Kriegszwecke verwendet wurde. Ihre Ausrüstung umfasste
auch Ruder, die man benutzte, wenn sich der Wind legte.
[Sidenote: II 124]
[Sidenote: II 131]
Auch im 15. Jahrhundert gab es keine ausschliesslich für den Krieg
erbauten Schiffe. Dies Jahrhundert hat uns sehr schöne Nachbildungen
flämischen Ursprungs hinterlassen. (s. «Der Meister W. A.» von ~Max
Lehr~, 1895, S. 1.) Nur drei dieser Schiffe tragen einen Namen, die
«Baertze», die «Barke» und die «Kraeck».
Alle dort dargestellten Schiffe zeigen dieselben Merkmale und
unterscheiden sich von einander nur durch ihre Takelung. Sie sind voll,
wie man sehen kann, und ihr Vordersteven ist gekrümmt, ihr Hintersteven
abgerundet; sie haben also keinen Spiegel.
[Sidenote: II 127]
Ausser der «Kraeck» hat keins dieser Schiffe Artillerie; alle haben
indessen ein Kastell vorn und hinten, das noch recht einfach gebaut
ist; nur die «Kraeck» hat Fenster in dem später «Fronton» genannten
Teil.
Alle Aufbauten der dargestellten Schiffe ausser denen der «Kraeck» sind
oben offen. Dies letztere Schiff ist zweifellos das grösste; schon sein
Name weist auf einen Schiffstyp hin, dessen starke Bauart und Gestalt
ihren Ursprung in der spanischen «Karake» haben dürften; daher der Name
«Kraeck».
[Sidenote: II 64]
Die Form dieses Schiffes weicht nun kaum von der der anderen ab; das
Vorderteil besonders nähert sich mehr dem holländischen Typ als dem der
spanischen «Karake» oder des «Galion». (Vgl. die Abbildung in dem Werk
von ~van Yk~, S. 9.) Es ist also anzunehmen, dass die «Kraeck» sich nur
durch die grösseren Aufbauten, eine stärkere Takelung und die Grösse
unterschieden haben wird.
Die «Barke» und die «Baertze» ebenso wie die anderen Abbildungen geben
uns einen Begriff von dem holländischen Schiff des 15. Jahrhunderts.
Unter diesen Schiffen finden wir keine «Hulken», deren Wandungen
klinkerweise genagelt waren, (~Witsen~, S. 496, 1. Spalte, Karavelle),
während wir auf allen uns interessierenden Abbildungen nur Schiffe mit
glatten Bordwänden sehen.
Ausser den «Hulken» gab es «Razeilers» und «Krayers», deren Wandungen
ebenfalls klinkerweise genagelt waren. Wir finden also hier die alte
Bauweise der «Koggeschiffe», und man kann behaupten, dass wir Schiffe
vor uns haben, die ihren Ursprung diesem Schiffstyp verdanken und
nur deshalb einen anderen Namen führen, weil sie sich durch einige
Einzelheiten der Takelung und der Aufbauten unterscheiden.
Eine der flämischen Miniaturen aus dem 15. Jahrhundert ist eine sehr
bemerkenswerte Darstellung eines derartigen Schiffs. Man sieht das
Koggeschiff mit Planken, die klinkerweise genagelt sind; nach der Sitte
des Mittelalters hat das Schiff drei Maste mit Marsen, einen Aufbau
vorn und hinten und Artillerie; es hat keine Stückpforten.
[Sidenote: II 118]
Die «Koggeschiffe», die im 13. Jahrhundert allgemein gebräuchlich
waren, wurden im 14. Jahrhundert durch die «Krayers» und die «Hulken»
ersetzt, die ihrerseits im 15. Jahrhundert den «Barken», «Baertzen»
u. s. w. weichen mussten.
Erst in diesem letzteren Jahrhundert verschwinden bei den grossen
Schiffen die klinkerweise genagelten Wandungen, um den glatten
Bordwänden Platz zu machen, einer Bauart, die bei uns infolge unserer
Beziehungen zu den Völkern des Mittelmeeres eingeführt wurde.
Eine alte von D. ~Velius~ geschriebene Chronik von Hoorn erzählt uns,
dass diese Arbeitsweise zum ersten Mal von «Juliaan» in Zierikzee
erwähnt und i. J. 1460 in Hoorn eingeführt wurde. Die in dieser Art
gebauten Schiffe hiessen «Karwiel» oder «Kraweel» oder «Karveel»
(~Witsen~, S. 486, 1. Spalte), und ihr Typ dürfte nach diesem Autor der
lateinischen Bark «Carabus» nachgeahmt sein. ~De Jonge~ seinerseits
(Bd. I, S. 76, Anmerkung) bemerkt, dass «Juliaan» wohl italienischer
Herkunft gewesen sein könnte.
~Witsen~ gibt von dieser «Karwiel» eine Beschreibung, die beachtenswert
ist; sie hatte ein ziemlich schmales Vorderteil, ein breiteres
Hinterteil, in der Form eines Meissels, mit anderen Worten spitzere
Formen, wodurch sie sich von den in Holland gebräuchlichen Schiffstypen
unterschied.
Wir würden also nicht nur eine bestimmte Bauart vor uns haben, sondern
auch ein bestimmtes Modell, das aus dem Mittelmeer zu uns gekommen
ist. ~Jal~ behauptet übrigens in seinem _Glossaire nautique_, S. 419
und 420, dass es schon i. J. 1307 im Mittelmeer Karavellen gab, die
jedoch kleiner waren als die Schiffe, die Vasco da Gama und Columbus
benutzten. Hierüber sagt dieser Schriftsteller: «Die Karavelle war
ein kleines Fahrzeug aus der Familie der runden Schiffe, aber feiner
in der Form als die gleichzeitigen Schiffe; sie war auch feiner
gearbeitet. Daher war sie auch schneller, liess sich besser bewegen und
war geeigneter für alle Unternehmungen, die Schnelligkeit während der
Fahrt und grosse Geschwindigkeit bei den Bewegungen erforderten.» Diese
Karavellen sind nicht als «Kraeck» in Gebrauch geblieben; mit diesem
Schiff kommen wir also zu der Zeit, wo der gegenseitige Einfluss beider
Mittelpunkte fühlbar wird.
[Sidenote: II 119]
[Sidenote: II 117]
Zwei andere kleine flämische Bilder zeigen uns deutlich den Unterschied
zwischen dem holländischen und dem fremden Typ; sie stammen aus dem
Jahre 1482 bzw. 1488. Das erste lässt den reinsten holländischen Typ
erkennen; das zweite weist glatte Bordwände auf. Diese Bauweise war
also bei uns schon im 15. Jahrhundert angenommen.
Die Schiffe haben jedoch noch keinen Spiegel, und ihr Hinterteil ist
abgerundet, nach der alten Art. Im allgemeinen waren sie klein, so dass
wohl unsere jetzigen auf der See verwendbaren «Tjalken» sich mit ihnen
vergleichen liessen. Sie hatten eine Tragkraft von 160, 180 und 200 t
oder 80, 90 und 100 Last. Es gab aber auch solche zu 220, 230 und 240 t
(110, 115 und 120 Last). (~de Jonge~ Bd. I, S. 80.)
Die «Karavellen» und die «Kraecken» erscheinen im 17. Jahrhundert
nicht mehr. Zu dieser Zeit findet man keine Type mehr, die von dem
gewöhnlichen holländischen Typ abweichen, so dass man mit Recht sagen
kann, dass es den beiden vorgenannten Typen nicht gelungen sei, sich
bei uns einzubürgern. Wir werden im Gegenteil sehen, dass die Schiffe
mit vollen Formen immer mehr eingeführt werden.
Der Name «Koggeschiff» kommt also im 15. Jahrhundert nicht mehr
vor. Der Typ bestand aber weiter. Aus dem Koggeschiff entstanden
die «Hulken» und aus diesen die «Baertzen». Wenn auch abgeändert
blieb die erste Form, d. h. das volle Schiff, in Gebrauch. Nur eine
Eigentümlichkeit verschwand: der schlanke Vorder- und Hintersteven,
eine Erinnerung an das alte Wikingerschiff, die man auf allen im
Nordwesten Europas von Dänemark bis einschliesslich Nordfrankreich und
England vorhandenen Abbildungen wiedertrifft.
Die Takelung entwickelte sich; an die Stelle des einen Mastes traten
drei aus einem Stück bestehende, jeder mit einem Mars und einem grossen
Segel versehen. Das Tauwerk wird verstärkt, und am Ende des 15.
Jahrhunderts finden wir Rüsten. Längst ist das alte Stangenruder zum
Steuern des alten «Koggeschiffs» durch das Steuer ersetzt.
Es würde ungenau sein, die von dem Meister W. A. dargestellten
Schiffe «Koggeschiffe» zu nennen, wie dies ~Arenhold~ in seinem Werk:
«Die allmähliche Entwicklung des Segelschiffs von der Römerzeit bis
zur Zeit der Dampfer», S. 650, _Jahrbuch der Schiffbautechnischen
Gesellschaft_ 1906, tut. Immerhin handelt es sich um Formen, die von
dem «Koggeschiff» stammen. Es handelt sich also nicht um neue Formen,
die sich neben den alten entwickelt hatten.
Befragt man die Geschichte, so wird man nicht erstaunen, dass gerade
im 15. Jahrhundert die Wirkungen der Berührung der beiden Mittelpunkte
auftreten.
Die Kreuzzüge (1096-1291), die eine grosse Annäherung zwischen den
Völkern brachten, waren zu Ende gegangen. Der hanseatische Städtebund,
geschlossen i. J. 1250, hatte unseren Handel auf der Ostsee wunderbar
aufblühen lassen. Die Friesen insbesondere widmeten sich der
Schiffbaukunst, aber die Bewohner von Flandern liessen sich doch nicht
überholen.
Im Jahre 1339 brach dann zwischen Frankreich und England der
hundertjährige Krieg aus, der das letztgenannte Land bewog, sich
tatkräftiger mit dem Bau von Schiffen zu beschäftigen als bisher.
Einer der berühmtesten Kämpfe dieser Zeit ist die Seeschlacht an der
Schleuse (1340), in der die englische, aus 200 Schiffen bestehende
Flotte unter dem Befehl König Eduards III. die französisch-genuesische
Flotte vollständig vernichtete. Diese 190 Schiffe starke Flotte bestand
aus runden Fahrzeugen, Galeeren, Barken und einer grossen Zahl kleiner
Schiffe. Einige Geschichtsschreiber behaupten sogar, dass sie 400
Schiffe umfasste. (~Holmes~, S. 71.)
Die Engländer verloren in dieser Schlacht 4000 Mann und die Franzosen
25000, was zu dem Schlusse führt, dass die Franzosen und Genuesen eine
grosse Zahl Galeeren besassen.
Im Jahre 1345 ging Eduard III. wiederum nach Frankreich, an der Spitze
einer Flotte von 1000 bis 1100 Schiffen, und i. J. 1347 wurde ein
dritter Zug in Verbindung mit der Belagerung von Calais gegen dieses
Land unternommen.
~Holmes~ (S. 72) erzählt, dass die meisten Schiffe, aus denen die
Flotte bestand, die damals mit 745 Einheiten in den französischen
Gewässern erschien, von England gekommen wären; sie hatten 15895
Mann an Bord; die anderen Fahrzeuge dürften von Flandern und Spanien
geliefert worden sein.
Die Zahl der Mannschaften, die oben genannt ist -- 21 Mann auf das
Schiff -- besagt zur Genüge, dass im allgemeinen die Fahrzeuge
verhältnismässig klein waren. Wir können uns also keine bessere
Vorstellung von dieser Flotte machen als die, welche uns die alten
Stiche geben, auf denen die Ausfahrt einer Fischereiflottille von Büsen
und einigen «Noordvaarders» abgebildet ist.
Die Kastelle, die die Schiffe jener Zeit hatten, waren klein und nicht
für die Dauer aufgebaut.
Die zur Erinnerung an die Schlacht bei der Schleuse geschlagene
Medaille zeigt ebenfalls eine Kogge oder wenigstens ein Schiff, das
ihm mit seinen klinkerweise befestigten Planken völlig gleicht. Es ist
anzunehmen, dass man für dieses Bild den zu jener Zeit verbreitetsten
Typ gewählt hat; es wäre also wiederum die nahe Verwandtschaft
bewiesen, die zwischen den im Norden ansässigen Völkern bestand.
Die militärische Taktik hatte die Völker des Mittelmeeres und später
Spanien und Portugal, die jenen nachahmten, gezwungen, ihre Schiffe zu
erhöhen. Folgendermassen schreibt nämlich ~Holmes~ über die von Eduard
III. bei Winchelsea gegen 40 spanische Schiffe gelieferte Schlacht:
«The tactics of the English consisted chiefly of boarding, while the
Spaniards, whose vessels were much the higher, attacked with crossbows
and heavy stones; the latter they hurled from their frighting tops into
their adversary’s ships»[9].
Die Geschichte der Niederlande spricht ebenfalls von dieser Methode.
Im Jahre 1372 machte England auf der See zum ersten Mal Gebrauch
von der Artillerie; auf dem Mittelmeer wurde sie i. J. 1377 von
den Genuesen verwendet. Erst viel später entwickelte sich die
Schiffbaukunst in Frankreich. Trotzdem ist bewiesen, dass man im 14.
Jahrhundert dort schon Schiffe baute, und es scheint, dass es i. J.
1339 schon Kanonen an Bord gab. Aber nur an den Mittelmeerküsten wurde
Schiffbau getrieben, anscheinend auf Anregung von Johann von Wien, der
1373 zum Admiral ernannt war. (_Musée de Marine du Louvre._)
Während der Herrschaft Heinrichs des Seefahrers (1417) nimmt die
Schiffbaukunst ihren Aufschwung in Portugal, das ganz unter dem
Einflusse des Mittelmeeres stand.
Inzwischen entwickelten sich die Beziehungen der Niederlande zu den
Mittelmeerländern schnell.
Die Schliessung des alten Weges nach Indien, der durch das Mittelmeer
und Kleinasien führte, veranlasste eine vollständige Umwälzung im
Welthandel. Man war gezwungen, neue Erkundungsfahrten zu unternehmen,
und so lesen wir, dass man, nachdem sechs Karavellen i. J. 1446 bis
nach Guinea gedrungen waren, bald danach die Kapverdischen Inseln
erreichte.
Im Jahre 1449 drang man bis zu den Azoren vor, und i. J. 1486 erreichte
Bartholomaeus Diaz das Kap der guten Hoffnung. Elf Jahre später
umschiffte dieser Seefahrer das Kap und landete in Indien mit drei
Schiffen, dem «San Gabriël», dem «San Raphaël» und dem «Bonio». Das
erste dieser Fahrzeuge muss nach den Angaben einen Tonnengehalt von 400
t oder 250 bis 300 Registertonnen gehabt haben. (~Holmes~, S. 86.)
[Sidenote: II 61]
Es dürfte nicht notwendig sein, länger bei diesen Ereignissen zu
verweilen, deren Geschichte genügend bekannt ist, und deren letztes die
Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus i. J. 1492 war. Dieser
verfügte nur über drei kleine Fahrzeuge, obwohl Spanien zu jener Zeit
schon grössere verwendete. Das bekannteste und grösste dieser drei
Schiffe war die «Santa Maria». Dies Fahrzeug hatte eine Kiellänge von
60,68 Fuss, eine Gesamtlänge von 128,25 Fuss und eine Gesamtbreite von
25,71 Fuss. Auf der Chicagoer Ausstellung i. J. 1893 war ein Modell
dieses Schiffs, von dem das Werk von ~Holmes~, S. 85, eine Abbildung
bringt.
Die Entdeckung Amerikas erzeugte den Durst nach Gold, trieb die Völker
des Nordwestens Europas auf das Meer und nötigte sie, sich energischer
mit dem Schiffbau zu befassen. Die Niederlande nahmen damals einen
wunderbaren Aufschwung; die Grösse ihrer Schiffe wächst beträchtlich,
so dass man vom 16. Jahrhundert ab Schiffe von 300, 400, 500 und 600 t
findet.
Für den Krieg indessen benutzt man auch ferner mit Vorliebe Schiffe
geringerer Grösse (s. z. B. ~de Jonge~, Bd. 1, S. 81) weil ihre
Bewegung leichter war.
Nach dem Jahre 1500 erreicht unsere Schiffsbaukunst eine derartige
Entwicklung, dass unser Land den Beinamen die Werft Europas erhält.
Im Gegensatz zu Portugal, wo sich nichts erhalten hat, besitzen die
Niederlande eine ganze Reihe von Zeichnungen aus dem 16., 17. und 18.
Jahrhundert, die es uns ermöglichen, uns eine sehr genaue Vorstellung
von der fortschreitenden Entwicklung des Schiffs zu machen.
In den alten oben genannten Abbildungen des Meisters W. A., sowie in
den flämischen Miniaturen hatte das Kastell über den Vordersteven
hervorgeragt; es bildet jedoch schon einen einzigen Körper mit dem
Schiff und ist auf einem Balken befestigt, der auf dem Vordersteven
sitzt und auf einer Stütze ruht, die an diesem letzteren sitzt. Infolge
dieser Bauart sieht es aus, als ob der Vordersteven erst nach oben geht
und sich dann senkt, indem er eine S-Form bildet; das scheint aber wohl
nur so.
Die Schiffe werden nach 1500 grösser, und die Aufbauten ausgedehnter.
Allmählich indessen ragt das Vorderkastell weniger hervor, und um die
Mitte des 16. Jahrhunderts reicht es nur noch bis zum Vordersteven.
[Sidenote: II 138]
In dem Anhang zu seinem berühmten Werke (S. 8 und 10) gibt uns ~Witsen~
ein sehr hübsches Modell aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Es
handelt sich um die Abbildung eines Schiffes, das seiner Zeit das
Gewölbe der Kirche von Diemer-lez-Amsterdam schmückte, die i. J. 1500
gebaut war. Die Takelung dieses Schiffes und der aus einem Stück
bestehende Mast mit Marsen und grossen viereckigen Segeln versetzen
uns in das Mittelalter zurück. Das Vorderkastell, das kräftig über
den Vordersteven hervortritt, sowie das Hinterkastell sind höher als
gewöhnlich. Berghölzer, wie man sie später anbrachte, sieht man nicht;
mehrere schwere Holzstücke von Stützen gehalten vertreten sie. Die
Bordwände sind deutlich glatt, und vorn wie seitlich hat das Schiff
nach der ständigen Übung jener Zeit Schutzhölzer.
Nur das Hinterteil ist nicht deutlich dargestellt; man sieht kein
Steuer, was darauf schliessen lässt, dass die Zeichnung mangelhaft ist.
Aller Wahrscheinlichkeit nach hat dies Schiff keinen Spiegel; zu jener
Zeit kennen unsere Fahrzeuge diese Ergänzung noch nicht. Man hat einen
neuen Beweis hierfür in der «Arche Noah», die in der _Nürnberger
Chronik_ wiedergegeben ist, Blatt XI, von 1494, sowie in dem Schiffe,
das in dem holländischen Werk _Peinture ecclésiastique du moyen-âge en
Hollande, 1518-1525_, Nr. 14, dargestellt ist und Jonas im Wasser zeigt.
[Sidenote: II 136]
[Sidenote: II 119]
Diese Abbildung besonders ist ein prächtiges Muster eines Schiffes
aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Sie ist nicht so alt wie das
Schiff in der Kirche von Diemer, wie die Takelung beweist; die
Mastspitze geht durch den Mars und ein anderes Merkmal ist, dass das
Vorderkastell nicht über den Vordersteven emporragt. Der Sporn ist nahe
an der Fassung abgebrochen. Die menschlichen Figuren sind übrigens im
Verhältnis zum Schiff übertrieben gross. Die Bordwände sind glatt. Es
erinnert uns erstaunlich an die flämische Miniatur aus d. J. 1482.
Wie interessant sind doch diese Abbildungen vom Standpunkt der
Entwicklung des Schiffes; wir sehen auf ihnen, wie die Formen des
Kastells deutlicher hervortreten, wie sich die Takelung verbessert und
umfangreicher wird und wie das Schiff selbst wächst.
Ich möchte darauf hinweisen, dass auf allen Abbildungen die Schiffe ein
Bugspriet haben, das anfangs nur dazu diente, den Anker zu heben, eine
Praxis, die noch auf den grossen Flussaken üblich ist.
Wenden wir nun unsere Blicke auf die Bilder von ~Breugel~, nach denen
F. ~Huis~ vortreffliche Stiche angefertigt hat.
[Sidenote: II 132]
[Sidenote: II 135]
[Sidenote: II 64]
Eine aufmerksame Prüfung dieser Stiche zeigt uns verschiedene
Schiffstype. Mehrere von ihnen stellen grosse Fahrzeuge dar, die mit
ihrem riesigen Galion, ihren hohen Aufbauten und ihrem breiten Spiegel
sich erheblich von dem alten holländischen Schiff unterscheiden.
Das Werk von ~Van Yk~ bringt ebenfalls, auf S. 9, eine Abbildung
dieser grossen Fahrzeuge, die der Verfasser spanische «Karaken»
oder «Galionen» nennt, zwei Schiffstype, die unter dem Einflusse des
Mittelmeers entstanden sind.
Aber neben diesen «Karaken» findet man auch kleinere holländische
Schiffe. Ein Stich aus d. J. 1564 nach ~Breugel~ zeigt nämlich das
Bild eines Handelsschiffs von Amsterdam; es ist hinten rund, also ohne
Spiegel. Man kann es wohl mit dem alten flämischen Stich aus 1480 bis
1490 vergleichen, der eine «Kraeck» ohne Spiegel darstellt, und dessen
Aufbauten sich durch ihre Form und Grösse völlig von den Kastellen der
Schiffe unterscheiden, die auf den anderen Stichen des Meisters W. A.
dargestellt sind. Sie stimmen mit dem Mittelmeertyp überein.
Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war demnach das Spiegelschiff in
Holland eingeführt. Seitdem blieben die Spiegel in diesem Lande auf den
grossen Fahrzeugen üblich; erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam man
auf die alte Bauweise zurück, nach dem Beispiele Englands, das nur sehr
kurze Zeit den Spiegel verwendete, da im 17. Jahrhundert William Pitt
(~Holmes~, S. 40) dort die runden Formen einführte. ~De Jonge~ macht
sich also einer kleinen Ungenauigkeit schuldig, wenn er in seinem Werk
sagt, dass das Spiegelschiff in Holland erst im Jahre 1651 erschien.
Die Einführung des Spiegels liess nichtsdestoweniger das alte runde
und volle Fahrzeug nicht verschwinden; man kann dies nicht oft genug
wiederholen.
Noch ein Wort über die Stückpforten. Die alten Abbildungen aus dem
16. Jahrhundert haben Stückpforten; man findet solche sogar auf einer
Miniatur aus d. J. 1428. Auf alle Fälle geht ihre allgemeine Einführung
auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurück; sie scheinen von einem
Franzosen aus Brest, namens Descharges, erfunden zu sein. (~de Jonge~,
Bd. I, S. 85.)
Auch die Takelung erfuhr wichtige Änderungen. Bei Beginn des 80jährigen
Krieges (1590) erfand ein Einwohner von Enkhuizen, namens «Kryn
Wouterz», nach ~Brandt~ (_Geschichte von Enkhuizen_, Bd. 1, S. 139)
ein Verfahren, die Masten aus mehreren Stücken zu bauen. (~de Jonge~,
Bd. I, S. 390.) Sie bestanden zunächst aus zwei Stücken, wurden aber
bald, infolge der neuen Erfindung aus drei Stücken zusammengesetzt, von
denen jedes ein viereckiges Segel trug. Zu dieser Zeit verschwand die
mittelalterliche Takelung mit _einem_ grossen quadratischen Segel.
Um die Bewegungen des Schiffs zu erleichtern, erhielt das Bugspriet
ebenfalls ein viereckiges Segel.
Die Artillerie wurde zweckmässiger aufgestellt, und in Nachahmung
dessen, was auf den spanischen «Karaken» geschah, stellte man auf dem
Vorder- und Hinterkastell Kanonen auf, die das Deck beherrschten. Diese
Anordnung erinnert an die Praxis des Mittelalters, nach der man sich
im Fall des Enterns in die Kastelle zurückzog und von dort aus die
Eindringlinge bekämpfte.
[Sidenote: II 143]
[Sidenote: II 144]
Das auf dem Stich von 1594 dargestellte Fahrzeug ist also allmählich
aus den alten Formen hervorgegangen, hat aber dabei unter dem Einflusse
des Mittelmeeres gestanden; es führt uns zu der «Pinasse» des 17.
Jahrhunderts. Das Schiff ist reich geschmückt und bewimpelt, und seine
Segel sind wie üblich schön bemalt. Diese Sitte verschwand allmählich
in dem genannten Jahrhundert; man fuhr jedoch trotzdem noch lange fort,
die Schiffe zu schmücken.
Nach ~Witsen~ bestanden feste Regeln seit dem 16. Jahrhundert für den
Schiffbau. Eine ständiges Gesetz unter anderen erlaubte es nicht, den
Vordersteven weiter vorspringen zu lassen als ⁷⁄₆ seiner Höhe und nicht
weniger als ⅚ dieser Höhe; der Hintersteven hatte eine Neigung von ⅕
bis ⅙ seiner Höhe. Der genannte Schriftsteller behauptet, dass man
dem Vordersteven eine so starke Neigung gab, weil man glaubte, dass
unter diesen Umständen die Schiffe so leichter über das Wasser gleiten
würden. (S. 47, 2. Spalte unten.)
Etwa beim ersten Drittel der Kiellänge vom Vordersteven gerechnet,
lagen 1 bis 4 Hauptrippen; hinten lief das Schiff schmaler zu, so
dass der Heckbalken eine Länge gleich der Hälfte der grössten Breite
des Schiffes hatte. Das Vorderteil war voll, so dass man das Wasser
leichter durchschneiden konnte. (~Witsen~, S. 49 u. 50.)
Die Fugen der Beplankung waren kalfatert und nach alter Sitte mit
Bleiplatten beschlagen.
Das Vorderkastell war niedriger gemacht, das Hinterkastell dagegen
erhöht worden. Hinten hatte das Schiff einen vierten Mast, um seine
Bewegungsfähigkeit zu erhöhen; dieser Mast verschwand später, als der
kleine Bugsprietmast im Laufe des 17. Jahrhunderts in Aufnahme kam.
(~Witsen~, S. 139, 2. Spalte.)
Das 16. Jahrhundert ist eine für die Niederlande denkwürdige Zeit
gewesen; während desselben wurde nämlich der Grund zu jener Marine
gelegt, der, wie ~de Jonge~ sagt, Holland später seine Befreiung, seine
Grösse und seine Wohlfahrt verdankte. Sie vereinigte in sich alles, was
dazu beitragen konnte, eine Kraft zur Verteidigung des Vaterlandes zu
entwickeln, den Handel, die Schiffahrt und die Fischerei zu schützen
und Holland zu Ruhm und Macht zu führen.
Unsere Marine im allgemeinen und unsere Schiffbaukunst im besonderen
entwickeln sich immer mehr. Ein langer Kampf beginnt, und zahlreich
sind die Schlachten, die sowohl vor als auch nach dem 80jährigen Krieg
geliefert werden (1568-1648).
Nach alter Sitte waren die am Kampf beteiligten Schiffe nur
Kauffahrteischiffe, die für den Krieg hergerichtet waren (~de Jonge~,
Bd. I, S. 180). Diese, «Vliebooten» oder «Vlietbooten» genannt, hatten
kaum 40, 100 bis 140 t Tragkraft und führten 6, 8, 10 und 20 Kanonen.
Die Mannschaft entsprach im allgemeinen dem Tonnengehalt: ein Schiff
von 50 t hat 50 Mann Besatzung. (~de Jonge~, Bd. I, S. 181.)
Auf den Strömen und Flüssen verwendete man die «Heuden», von denen oben
gesprochen ist, ebenso die «Bujer», die auch «Kromstevens» hiessen, und
andere Schiffe mit glattem Boden.
Die seeländische Marine umfasste ausser einer grossen Zahl kleiner
Fahrzeuge einige Schiffe von beachtenswerterem Umfang. Bei der
Belagerung von Middelburg benutzte man «Hulken»; eine davon, die grosse
Hulk genannt, muss eine Tragkraft von 600 Last oder 1200 t und eine
Besatzung von wenigstens 500-600 Mann gehabt haben. (~Van Meteren~,
Blatt 81 und 102.)
Im allgemeinen waren die Schiffe in Nord-Holland grösser als in
Seeland. Sie fassten 50-125 Last, d. h. 100-250 t und hatten eine
Besatzung von 50-150 Matrosen und Soldaten; die grössten waren mit 32
Kanonen bewaffnet. (~de Jonge~, Bd. I, S. 187.)
~Tor~ berichtet (_Holländer Kriege_, Bd. I, S. 650), dass i. J. 1575 13
Schiffe von dieser Grösse ausgerüstet wurden, denen «Kraveelschife»,
«Yachten» und «Boote» beigegeben wurden, während nach ~de Jonge~ (Bd.
I, S. 187) auf der Zuiderzee noch einige Galeeren verwendet wurden.
Damit wir uns eine genauere Vorstellung von der Grösse der Seemacht
zu jener Zeit machen können, lasse ich hier eine Aufstellung über die
Marine der Provinz Holland i. J. 1587 folgen, deren Original in den
Staatsarchiven liegt. (~de Jonge~, Bd. I, S. 586.)
+=========+========+=======+==========+============================+
| ZAHL | | | | |
| DER | LASTEN |KANONEN|MANNSCHAFT| BEMERKUNGEN |
| SCHIFFE | | | | |
+---------+--------+-------+----------+----------------------------+
| 1 | 100 | 16 | 95 | |
| | | | | |
| 1 | -- | 14 | 70 | |
| | | | | |
| 1 | 27 | 14 | 32 | Kleines Kaliber. |
| | | | | |
| 10 | 30-90 | 12 | 45-76 | |
| | | | | |
| 35 | 17-70 | 8-11 | 29-75 | die grössten: 50-60 Mann. |
| | | | | |
| 4 Y | -- | -- | 36-50 | Y = Yacht. |
| | | | | |
| 25 | 8-40 | 4-7 | 11-70 | die grössten: 30-40 Mann. |
| | | | | |
| 6 | -- | 1-2 | 7-11 | |
| | | | | |
| 1 G | -- | 1 | 16 | G = Galeere. |
| | | | | |
Ausser den «Vliebooten» gab es kleinere Fahrzeuge, die «Kromsteven»,
«Kraveelen», «Heuden» oder Transportschiffe, die «Krapschuiten»,
«Potten», «Yachten», «Bujer» hiessen. Die grössten Schiffe waren jedoch
ziemlich klein; nach den Bestimmungen der Regierung vom 1. Juni 1588
sollten drei der grössten Schiffe für den Krieg ausgerüstet werden, und
es wird bestimmt, dass sie 200 Last fassen sollten. (~de Jonge~, Bd. I,
S. 201, Anm.)
Es wird behauptet, dass man sich im Anfang unseres
Unabhängigkeitskrieges kleiner Fahrzeuge bediente, weil die Schlachten
auf den Flüssen geliefert wurden, und weil ausserdem die Finanzlage
sehr schlecht war. (~de Jonge~, Bd. I, S. 203-204.) Ich meinerseits bin
der Meinung, dass der letztere Umstand der Hauptgrund gewesen ist. Auch
später noch wird man sich über den wenig befriedigenden Zustand unserer
Flotte beklagen, weil es an Geld mangelte.
[Sidenote: III 8]
Kehren wir zu den Formen der Schiffe zurück. Nach der «Kogge» haben wir
die «Hulk» erscheinen sehen, die ihrerseits durch die «Baertze» ersetzt
wurde; die «Kraeck» ist neben diesem letzteren Typ aufgetaucht; ihr ist
schliesslich das «Spiegelschiff» gefolgt, in der Form einer Pinasse
oder eines Kriegsschiffs.
[Sidenote: III 9]
Die runde Form erhielt sich jedoch bei den unbedeutenderen Fahrzeugen,
und wir sehen so, wie der oben erwähnten Baertze das «Vlieboot» oder
«Vlietboot» folgt. Es ist dies der alte Typ der Baertze, bei dem der
obere Teil der Bordwände deutlich einspringt.
Unter dieser neuen Benennung, die man zum ersten Mal in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts findet, tritt also kein neuer Typ auf;
es ist die alte Form, die etwas verändert, unter einem neuen Namen
erscheint. Diese Erscheinung wird später noch öfter vorkommen. Ein
einfacher Vergleich zwischen dem Vlieboot, der Baertze u. s. w. hat
bald diese Ähnlichkeit festgestellt; es ist deshalb nicht auffallend,
dass wir dieselbe Form in der «Buse» wiederfinden. Alle diese Formen
haben ihren Ursprung in der «Kogge».
Das «Vlieboot» das von der Zuiderzee stammt, und dessen Benennung wohl
dem Vlie entnommen sein könnte, der von dem fraglichen Schiff oft
befahren wurde, hatte zurückspringende obere Borde in konvexer Form,
weil man sie so schwerer entern konnte. Ihre Verteidigung erforderte
daher nur eine beschränkte Anzahl Leute, eine Eigenschaft, die für die
Handelsschiffe von Bedeutung war.
[Sidenote: II 148]
[Sidenote: III 19]
Die Vlietboote hatten also ausser einer erheblichen Fassungskraft eine
grosse Leichtigkeit in der Bewegung; sie sind zweifellos die Vorläufer
der «Flüte» gewesen, des bevorzugten Handelsschiffs des 17. und 18.
Jahrhunderts, das England und Frankreich von uns entnommen haben.
Es gibt eine schöne Zeichnung des Vlietbootes aus dem Jahre 1647. Sie
stellt ein verhältnismässig grosses Schiff dar; der Beweis dafür liegt
in dem Galion, mit dem unsere kleinen Handelsschiffe nicht versehen
waren. Dieses Galion (Schnabel) stammt aus dem Mittelmeer; es ist nicht
niederländischen Ursprungs; die alten holländischen Type haben nämlich
kein Galion, während die des Mittelmeers schon zur Zeit der Phönizier
damit versehen waren. (S. u. a. ~Van Yk~, S. 103.)
Der Name «Baertze» verschwindet am Ende des 16. Jahrhunderts vor dem
Namen «Vlietboot», und im Anfang des 17. Jahrhunderts tauchen Namen auf
wie «Gallioot, Bootschip, Noortvaerder, Kof, Smakschip, Boeier (Bujer)»
und gleichzeitig die «Flüten» und die Schiffe mit eckigem Hinterteil.
In diesen verschiedenen Benennungen indessen -- man kann dies nicht oft
genug wiederholen -- verschwanden aber die ersten Formen nicht. Diese
haben sich erweitert, und einige äussere Merkmale, wie die Takelung,
haben Abänderungen erfahren. -- Alle die verschiedenen vorgenannten
Type haben also als Haupt- und Grund-Charakter die alte volle Form.
In der Zeit, die uns beschäftigt, kann man die Schiffe in drei
Hauptgruppen teilen:
_a_) die Schiffe mit Spiegel,
_b_) die Flüten, in der weitesten Bedeutung des Wortes und,
_c_) die Kof- und Smakscheepen. (Kuffen und Schmacken.)
Es dürfte nicht notwendig sein, hinzuzufügen, dass die Schiffe der
Gruppen _b_) und _c_) keinen Spiegel hatten. Bei diesen Gruppen werden
wir also die alten holländischen Type in reinster Form finden.
So sind wir zum 17. Jahrhundert gekommen, diesem Jahrhundert des Ruhmes
und der unerhörten Wohlfahrt für unser Vaterland, besonders im Hinblick
auf die Schiffbaukunst. Bevor wir indessen in diese Zeit treten, müssen
wir kurz sehen, welches der Zustand des Schiffbaues im Auslande war.
Beginnen wir mit Spanien, das an unserm Unabhängigkeitskrieg beteiligt
war.
Die spanische Schiffbaukunst, die später aufblühte als die Portugals,
hat zweifellos und in hohem Grade den Einfluss des Mittelmeers
erfahren. Die Galionen und die Spanischen Karaken erinnern an die
genuesischen Schiffe und Karaken, von denen nur einige alte Zeichnungen
aufbewahrt werden konnten, und die erst unter dem Einfluss der
Beziehungen zu den Völkern des Nordens entstanden sind.
Ausser den Galionen nahmen die Galeeren und die Galeassen eine wichtige
Stellung in der spanischen Marine ein. Der lange und häufige Gebrauch
der Ruderschiffe, bei denen die Kämpfe Mann gegen Mann selten waren,
bewirkte es, dass entgegen der Praxis der nördlichen Völker man bei den
Völkern des Südens weniger häufig enterte.
Man kann zweckmässig die Abbildungen der Mittelmeerschiffe zu Rate
ziehen, um sich einen Begriff von den spanischen Schiffen zu machen.
Die Seemacht Spaniens ging bekanntlich im Jahre 1588 mit der
unbesieglichen Armada unter. Eine kurze Beschreibung dieser Flotte wird
uns eine Vorstellung von der Grösse dieser Schiffe geben. Sie bestand
aus 132 Schiffen, darunter (~Holmes~ S. 92) 4 Galeeren, 4 Galeassen, 30
Schiffe von weniger als 100 Tonnen und 94 Fahrzeuge von 130 bis 1550
Tonnen. Die runden Schiffe hatten eine Gesamttragfähigkeit von 59120 t.
Die Artillerie bestand aus 2761 Kanonen, und die Besatzung zählte 7865
Matrosen und 20671 Soldaten.
Ihr Gegner, die englische Flotte, war 197 Schiffe stark, von denen
nur 34 zur Königlichen Marine gehörten, während der Rest aus
Handelsschiffen bestand, die in der Eile für den Krieg hergerichtet
waren.