Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum
Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den
weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines
Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit
und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre
zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen
Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten
ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln
und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das
der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle
Strophe in das dünne Geläut der Glocken.
Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen
den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo
der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen sollte. Über dem Grabhügel
häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.
Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis
getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen
Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die
Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet
werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der
Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch
schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag,
den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz
Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“
Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen
vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und
Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die
treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein
strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte.
Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud
der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine Frau
würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu
hören.
„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das
Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut
bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“
„Aber selbstverständlich, Rosumek.“
Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus
zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet
und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz
setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß.
„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir
betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“
Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu
verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das
zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht.
Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist
doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat
dich lieb wie ihre eigene Tochter.“
Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz,
ich kann nicht.“
„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn
aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe
wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’
du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“
Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut.
Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte.
Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“
Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich
kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden
Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich
jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau
nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ...
Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie
schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort,
die ihr Herz wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon
in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie
fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz
schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort
zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des
Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.
„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie
heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie
sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die
Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht
hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an
dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir
nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“
Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde.
Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja,
Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem
Kind gegenüber übernommen habe. Ich werde dir deinen Haushalt führen.
Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer
kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und
traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie
unterstellen kann?“
„Lotte, wie soll ich dir danken?“
„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. --
Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen?
Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die
Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß
erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du
nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen,
ich komme gleich nach ....“
„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.
„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich
halte immer Wort.“
Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie
auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit
sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben hatte, anstatt die
Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein
Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden
Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos
vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten
und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht
.... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame
in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.
Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet.
Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt
gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin
stellen.
Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann
erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt
war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu
Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.
„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“
Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar
gemütliche Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen
Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den
Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es
und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im
Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins
Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen.
Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe.
Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr
gewohntes Leben fortsetzen kann.“
„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein.
„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga
fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ...
„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht
gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“
„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „+Die+ Episode
meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“
Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein
großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform
als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe
nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket
Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor.
„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und
möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte
ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir
sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein
gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus
in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer
unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch
nach uns seine Hände aus.“
„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend.
„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das
wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst
gegründet.“
„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative
Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum
Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“
Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen
Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland
gekämpft und geblutet.“
„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir
aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die
Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird
fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger
und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“
„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der
Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch
nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen
Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe
zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher
Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen
Parteiorganisation, die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch
angehöre.“
„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je
zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre
Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse
mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen
beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“
„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der
Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine
Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch
werden wollen?“
„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu
werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“
„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege
wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere
Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten
Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem
Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider
uns. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf
unserer Seite zu finden.“
„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“,
fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich
möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben.
Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung
auseinanderzusetzen.“
Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von
Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande.
Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche
vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.
Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm
einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl,
das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der
jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen
war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende
Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf. Das gab
ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.
Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer
frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen
Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in
Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin
kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“
Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir
haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben
jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute
Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er
fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn
sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das
dieser Jüngling mich führen wollte.“
Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer
Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf
einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte
sich Lotte über Frau Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das
liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode
gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr
führen?“
Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.
Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines
Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise
mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden.
Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich
sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal,
Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“
„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen
war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir
wiedergegeben haben.“
„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht
sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich
gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“
„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“
„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“
„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig
geheilt.“