22. Kapitel

Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der

Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit

der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von

Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die

Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit

vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig

hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob

der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man

mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld

verloren.

Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die

Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging,

setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das

Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne

Sorgfalt zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der

Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.

Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch

aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr

Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld

fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis

er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm

alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und

das war mehr, als er erwartet hatte.

Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den

Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den

Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.

Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen.

Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch

sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege

viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf

ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen Buben kein sonderliches

Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart

hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder

ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz

mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien

beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht

lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.

An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging

Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein

Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der

Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.

Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in

Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen,

sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft

hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf

einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen,

die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke

Persönlichkeit, seine gewaltige Rednergabe, die er in der Versammlung

mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren

Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren

Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht

aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu

untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker

Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.

Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich

in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner

Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die

höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So

war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen

zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den

Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß

der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen

Verhältnisse gewinnen würde.

Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes

zu benachrichtigen und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem

Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während

sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte

sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief

der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er

erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma

hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil

veränderte.

Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin

er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte.

Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als

Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier

nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und

begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle

den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt

in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die

Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß

kam doch eine sehr deutliche Ermahnung, Ruhe zu halten und fleißig zu

arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.

Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die

Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten

war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten

Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt

haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht.

Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann

kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren

Berliner im Herbst hungern.“

„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem

lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze

Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“

Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten

widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit

der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm

hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte

der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten Arbeitszeit

soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre

darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus

dem Boden heraushole.

Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei

Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in

den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.

Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend

einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den

Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen

Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“

„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch

selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen

nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir

nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es

dir geht. Wo ist die Liesel?“

„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als

Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann

verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte

sich schon als Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn

mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn

mir zu geben.“

„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht

zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal,

alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer

versauern?“

„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der

Streit um die Erbschaft entschieden ist.“

„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“

„Jetzt noch die Mutter.“

„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“

Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte.

Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine

Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt,

ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren.

Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder

Beleg, wofür er ausgegeben war.

„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke.

„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“

Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus.

Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas

ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt,

ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu

verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem

Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle

drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz

im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte,

dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die

ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied

Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen.

Und sie gab sich damit zufrieden.

Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch

eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch

aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die Kratzbürste, sondern die

freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen

Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte,

durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie

geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu

gewinnen hoffte, ahnte er nicht.

Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr

freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum

Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn

mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause

seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die

Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages

überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen

wäre.

„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester

schon einig?“

„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag

mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei

ihr klopfen?“

Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht vor Tod und Teufel

gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich

tue ich dir den Gefallen.“

„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort

für mich einzulegen.“

Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte,

ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch

die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“

„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein

Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird

aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche

Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“

„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“

Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines

Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“

„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“

„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“

„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt,

und er wird ihn zu wahren wissen.“

„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“

Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm

in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob

ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und

Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige

Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden

sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid

für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.

„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich

bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“

„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar

nicht“, erwiderte Emma heftig.

„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit

kommst du bei mir nicht durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich

vielleicht eingehen.“

In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie

sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die

Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die

Kirche rein lassen.“

„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor

Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer

Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer

richtigen Ehe.“

Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das

junge Paar ab nach Berlin.

Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht

eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag

war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer

vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er

beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“

„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“

Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach

wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine

Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer,

bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein.

Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte

still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im

Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn

der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so

manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie

nicht einmal zu ahnen.

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 38 / 51 题