Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der
Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit
der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die
Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit
vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig
hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob
der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man
mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld
verloren.
Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die
Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging,
setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das
Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne
Sorgfalt zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der
Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.
Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch
aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr
Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld
fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis
er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm
alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und
das war mehr, als er erwartet hatte.
Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den
Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den
Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.
Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen.
Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch
sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege
viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf
ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen Buben kein sonderliches
Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart
hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder
ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz
mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien
beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht
lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.
An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging
Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein
Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der
Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.
Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in
Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen,
sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft
hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf
einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen,
die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke
Persönlichkeit, seine gewaltige Rednergabe, die er in der Versammlung
mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren
Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren
Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht
aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu
untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker
Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.
Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich
in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner
Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die
höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So
war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen
zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den
Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß
der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen
Verhältnisse gewinnen würde.
Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes
zu benachrichtigen und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem
Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während
sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte
sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief
der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er
erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma
hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil
veränderte.
Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin
er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte.
Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als
Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier
nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und
begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle
den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt
in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die
Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß
kam doch eine sehr deutliche Ermahnung, Ruhe zu halten und fleißig zu
arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.
Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die
Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten
war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten
Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt
haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht.
Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann
kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren
Berliner im Herbst hungern.“
„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem
lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze
Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“
Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten
widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit
der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm
hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte
der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten Arbeitszeit
soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre
darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus
dem Boden heraushole.
Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei
Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in
den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.
Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend
einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den
Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen
Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“
„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch
selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen
nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir
nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es
dir geht. Wo ist die Liesel?“
„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als
Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann
verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte
sich schon als Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn
mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn
mir zu geben.“
„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht
zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal,
alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer
versauern?“
„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der
Streit um die Erbschaft entschieden ist.“
„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“
„Jetzt noch die Mutter.“
„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“
Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte.
Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine
Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt,
ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren.
Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder
Beleg, wofür er ausgegeben war.
„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke.
„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“
Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus.
Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas
ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt,
ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu
verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem
Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle
drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz
im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte,
dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die
ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied
Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen.
Und sie gab sich damit zufrieden.
Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch
eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch
aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die Kratzbürste, sondern die
freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen
Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte,
durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie
geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu
gewinnen hoffte, ahnte er nicht.
Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr
freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum
Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn
mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause
seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die
Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages
überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen
wäre.
„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester
schon einig?“
„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag
mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei
ihr klopfen?“
Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht vor Tod und Teufel
gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich
tue ich dir den Gefallen.“
„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort
für mich einzulegen.“
Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte,
ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch
die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“
„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein
Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird
aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche
Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“
„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“
Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines
Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“
„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“
„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“
„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt,
und er wird ihn zu wahren wissen.“
„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“
Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm
in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob
ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und
Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige
Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden
sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid
für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.
„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich
bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“
„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar
nicht“, erwiderte Emma heftig.
„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit
kommst du bei mir nicht durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich
vielleicht eingehen.“
In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie
sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die
Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die
Kirche rein lassen.“
„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor
Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer
Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer
richtigen Ehe.“
Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das
junge Paar ab nach Berlin.
Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht
eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag
war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer
vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er
beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“
„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“
Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach
wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine
Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer,
bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein.
Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte
still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im
Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn
der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so
manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie
nicht einmal zu ahnen.