„Ach, das wird schon kommen. Ich mußte ihn leider mit der Lotte
weggeben. Die Emma war nicht gut zu ihm.“
„Auch zu dir ist sie nicht gut, Mutter.“
„Ach Kind, ich beanspruche ja nichts. Erzähl’ lieber, wie es dir
ergangen ist.“
Während Franz erzählte, kam Emma herein und setzte der Mutter einen
Topf Kaffee und ein mager gestrichenes Stück Brot aufs Fensterbrett.
Franz stand auf, nachdem er die matte Brühe gekostet, und ging ihr
nach. „Weshalb hältst du die Mutter so karg? Weshalb gibst du ihr nicht
ein Ei und ein Stückchen Fleisch zum Frühstück?“
„Die Eier müssen verkauft werden, die können wir uns nicht bezähmen.“
„Von jetzt ab wird die Mutter besser genährt.“
„Darüber hast du doch nicht zu bestimmen“, erwiderte die Schwester
höhnisch. „Vorläufig gehört dir vom Hof noch gar nichts. Der Vater hat
der Mutter den Hof vermacht, und es kommt nur darauf an, wem sie den
Hof verschreibt. Dann kriegst du deinen Anteil ausgezahlt und gehst
deiner Wege.“
Er ließ sie ohne Antwort stehen und ging wieder in die Stube. „Mutter,
hier muß erst reiner Tisch gemacht werden, damit ich weiß, woran ich
bin. Willst du den letzten Willen des Vaters erfüllen, daß ich den Hof
übernehmen soll?“
Emma war in die Tür getreten. „Den letzten Willen des Vaters hat die
Mutter schriftlich. Ihr gehört der Hof.“
„Und ich verschreibe ihn, wie mein seliger Mann, euer Vater, wollte,
dem Franz“, erwiderte die Mutter ruhig, aber bestimmt. Da warf Emma die
Tür hinter sich ins Schloß.
„Wer wirtschaftet hier?“, fragte Franz weiter.
„Ein alter, abgedankter Inspektor, den Emma angenommen hat. Sie
versteht nichts davon, und ich bin zu schwach und kann mich nicht darum
bekümmern. Ich glaube, er wirtschaftet in seine eigene Tasche, denn ich
habe schon Papiere verkaufen müssen, weil das Geld nicht langte und
kein Getreide zur Saat vorhanden war.“
„Bist du damit einverstanden, Mutter, daß ich die Wirtschaft übernehme
und den Inspektor entlasse?“
„Ja, mein Sohn, du hast darüber zu bestimmen.“
Als der Inspektor eine Stunde später zum zweiten Frühstück hereinkam,
führte ihn Franz in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Mann mißfiel
ihm vom ersten Anblick an. Er hatte ein verkniffenes Fuchsgesicht mit
listig zwinkernden Augen.
„Welche Kündigungszeit haben Sie?“, fragte Franz.
„Kündigungszeit?“, erwiderte der Inspektor, „darüber ist nichts
ausgemacht.“
„Das Übliche ist wohl vierteljährliche Kündigung. Also kündige ich
Ihnen vom 1. April zum 1. Juli. Sie bekommen Ihr Gehalt für die Zeit
und können gehen. Ich beanspruche Ihre Dienste nicht mehr.“
„Sie ... Sie beanspruchen meine Dienste nicht mehr? Herr, wer sind Sie
denn eigentlich?“
Franz bezwang den Ärger, der in ihm aufstieg und erwiderte ruhig: „Ich
bin der Sohn des Hauses und handele im Auftrage meiner Mutter.“
„So? Aber ich nehme die Kündigung nicht an. Die Zeiten haben sich
geändert, junger Mann, was Sie noch nicht zu wissen scheinen. Jetzt
darf man nicht mehr einen Menschen so mir nichts, dir nichts auf die
Straße setzen.“
„Sie weigern sich also, mein Haus zu verlassen?“
„Ja, und wenn Sie was gegen mich unternehmen, wende ich mich an unseren
Arbeiterrat, der wird bald Ordnung schaffen.“
Franz sah ihn halb belustigt, halb spöttisch an. „Gut, daß Sie mich an
diese neue Instanz erinnern. Das Weitere wird sich finden.“
Er zog sich an und ging zum Nachbarn, einem alten, guten Freund seines
Vaters. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorüber war und er seine
Erlebnisse kurz berichtet hatte, fragte er: „Sag mal, Ohm Dahlheimer,
was geht bei mir zu Hause vor? Was ist der Inspektor für ein Mensch?“
Der Bauer zuckte die Achseln. „Man möchte sich nicht das Maul
verbrennen. Sieh zu, daß du den Menschen aus dem Hause kriegst.“
„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“
„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott
den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“
In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch
Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur
Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu
liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür
weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht
mehr so wie früher.“
„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut,
meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“