Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an.
Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes
die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und
ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt
an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern
würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber
noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern
noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn
als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt?
Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den
Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der
Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich
vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den
Willkommensgruß. Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld
zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer
Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende
Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den
frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein
blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er
war.
Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick,
der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen
bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges,
blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau.
Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit
forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen
Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß
eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ...
und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“
„Ja, ich bin es, Lotte.“
„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du
gekommen?“
„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“
„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich
ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont
werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“
In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte
zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch
die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der
Franz ist da? Junge, wo steckst du?“
Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor
dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten
Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend
wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in
Frieden dahinfahren.“
Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh
auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns
durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“
„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich
trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach
Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle
ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine
Eltern?“
„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht
bei Tannenberg.“
„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter,
Onkel!“
„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine
Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im
Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie
besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr
Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß
sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ...
Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich
schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz
verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“
Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen:
„Liesel ist bei Gott.“
Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war
er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ...
und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos.
„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und
ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein
heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel
hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben
verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat
wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“
Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr
Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge
dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem
Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht
fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort
nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte
ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden
will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits
vorausgegangen ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig
wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit,
und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude
unseres Alters.“ ...
Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit
blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf
den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten
Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen,
guten Morgen.“
Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu
und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine
an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte
von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“
Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der
sieht anders aus.“
„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das
nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart
abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder
legst du soviel Wert auf den Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht
opfern willst?“
„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte
wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte
Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des
Kindes und vier Jahre meines Lebens.“
Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist
verbittert und ungerecht.“
„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich
kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel
Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen
vernichten ließ.“
„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem
unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“
„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken
zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders
darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die
du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter
die Raub- und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den
Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr ....
Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren
Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“
Mit entsetzten Augen sah der Pastor auf den jungen Freund, der
aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. „Franz, du bist krank
zurückgekehrt. Ich will heute mit dir nicht rechten und nicht streiten
... Sieh dich erst mal einige Wochen in der Heimat um, aber mit offenen
Augen ohne Scheuklappen davor. Hör mal erst, wie die neuen Herren
Deutschlands sich gebärden und wie die neue Weltordnung aussieht, die
sie aufgerichtet haben. Dann wollen wir weiter darüber reden.“
Franz trat zu ihm ans Bett und reichte ihm die Hand. „Verzeih, Onkel,
ich wollte dich nicht kränken. Du magst Recht haben, daß die neue Zeit
viel Unerfreuliches zutage bringt, aber das ist bei solchen Umwälzungen
unvermeidlich. Das muß bei den großen Errungenschaften mit in Kauf
genommen werden.“
„Teuerer Kauf,“ murmelte der Alte, „aber nun geh nach Hause und begrüß
die Mutter. Nur um eines bitte ich dich: erschrick die alte Frau nicht
durch deine heftigen Redensarten. Sie ist schon sehr hinfällig.“
Als Franz in den Flur seines Elternhauses trat, kam aus der Küche seine
Schwester Emma, ein stattliches Weib mit hartem Gesicht und kalten
Augen.
„Was wünschen Sie?“
Mit bitterem Lächeln erwiderte er: „Kennst deinen Bruder wirklich
nicht mehr?“ Er wandte sich zur Stubentür. Da trat sie vor ihm und
versperrte ihm den Weg. „Die Mutter ist sehr schwach, ich muß sie erst
vorbereiten.“
In Franz wallte der Zorn auf. „Weib, bist du toll? Du willst mich nicht
zur Mutter lassen?“