20. Kapitel

Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder

gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß

Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und

die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen,

daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese

Sperre zu durchbrechen.

Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine

erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und

Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen

bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche

Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit

Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag,

um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.

Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen

Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei

Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster.

Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz

vorwärts.

In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.

Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der

einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg

er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte

schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten

.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her.

Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen

verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger

warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien,

zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er

wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert

Meter laufend zurücklegen.

In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es

dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im

linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche,

warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm

nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.

Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an:

„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen

lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen,

vielleicht kann er doch noch was aussagen.“

Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine

trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude

regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch

ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei

russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten

Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.

„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber

der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl

Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er

vernehmungsfähig werden wird ....“

Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die

wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze

Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der

Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.

„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum

Auditeur.“

Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt.

Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache

fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele

Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der

deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber

bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die

der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe

ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn

sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch

hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue

Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen.

Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.

Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt.

Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte

ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz

wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in

einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt.

Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ

ihn einschlafen.

Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und

herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde

er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr.

Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen

langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen

hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte,

wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man

alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man

einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß

er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen

hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll

.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und

erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche

Hände und in deutsche Pflege.

Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen

Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch

verbunden.

So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war

Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige

Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke

enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das

Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm,

durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo

der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die

Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von

heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....

Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete

Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte

und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und

brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte

ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich

mit Franz teilte.

Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen

in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde.

Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege

in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach

Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte

und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und

nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er

machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz

Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.

Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten

seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er

ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat,

ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief

erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher

Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert,

der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und

Unterstützung wartete.

Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters,

kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen

steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all

seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem

Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf

durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken

abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch

auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der

Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den

Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.

Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von

Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und

verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen

Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein

Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.

„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die

Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles

jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den

Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber

mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit

die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer

holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for

die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten?

Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se

nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie

noch een Arm hatten?“ ...

Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung

und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker.

Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den

hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen,

und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.

Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe

sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung

des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht

und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen

Ständen das Vaterland verteidigten.

Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts

weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau

ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde,

bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen

Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein

Schlemmerleben führen könnten.

Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich

reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich

gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die

Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.

Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die

französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als

Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um

den Ausbruch des Krieges zu verhindern.

„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie

Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind

und nich die Macht dazu hatten.“

So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war

geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung

geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger

Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit

Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu

grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann

auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als

Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen

Recht ....

Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es

nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter

die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War

es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg,

wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit

warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein

Auge gekostet.

Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte

seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den

Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche

Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen

Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon

wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er

nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief,

drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen

russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände

gereicht .....

Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann

erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt

seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.

Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach.

Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den

Verlauf des Krieges.

Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in

Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen.

Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten

denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb

schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren

verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert

hatten, denn nicht Frieden?

Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause,

jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und

die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen

werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die

deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde.

Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die

deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte.

Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?

„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den

Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst

kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 34 / 51 题