Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder
gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß
Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und
die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen,
daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese
Sperre zu durchbrechen.
Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine
erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und
Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen
bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche
Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit
Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag,
um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.
Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen
Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei
Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster.
Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz
vorwärts.
In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.
Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der
einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg
er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte
schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten
.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her.
Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen
verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger
warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien,
zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er
wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert
Meter laufend zurücklegen.
In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es
dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im
linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche,
warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm
nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.
Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an:
„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen
lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen,
vielleicht kann er doch noch was aussagen.“
Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine
trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude
regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch
ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei
russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten
Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.
„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber
der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl
Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er
vernehmungsfähig werden wird ....“
Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die
wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze
Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der
Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.
„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum
Auditeur.“
Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt.
Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache
fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele
Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der
deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber
bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die
der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe
ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn
sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch
hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue
Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen.
Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.
Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt.
Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte
ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz
wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in
einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt.
Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ
ihn einschlafen.
Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und
herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde
er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr.
Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen
langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen
hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte,
wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man
alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man
einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß
er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen
hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll
.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und
erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche
Hände und in deutsche Pflege.
Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen
Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch
verbunden.
So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war
Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige
Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke
enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das
Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm,
durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo
der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die
Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von
heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....
Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete
Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte
und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und
brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte
ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich
mit Franz teilte.
Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen
in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde.
Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege
in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach
Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte
und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und
nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er
machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz
Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.
Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten
seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er
ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat,
ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief
erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher
Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert,
der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und
Unterstützung wartete.
Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters,
kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen
steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all
seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem
Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf
durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken
abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch
auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der
Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den
Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.
Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von
Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und
verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen
Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein
Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.
„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die
Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles
jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den
Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber
mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit
die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer
holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for
die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten?
Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se
nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie
noch een Arm hatten?“ ...
Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung
und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker.
Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den
hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen,
und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.
Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe
sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung
des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht
und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen
Ständen das Vaterland verteidigten.
Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts
weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau
ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde,
bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen
Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein
Schlemmerleben führen könnten.
Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich
reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich
gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die
Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.
Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die
französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als
Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um
den Ausbruch des Krieges zu verhindern.
„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie
Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind
und nich die Macht dazu hatten.“
So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war
geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung
geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger
Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit
Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu
grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann
auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als
Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen
Recht ....
Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es
nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter
die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War
es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg,
wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit
warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein
Auge gekostet.
Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte
seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den
Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche
Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen
Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon
wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er
nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief,
drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen
russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände
gereicht .....
Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann
erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt
seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.
Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach.
Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den
Verlauf des Krieges.
Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in
Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen.
Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten
denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb
schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren
verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert
hatten, denn nicht Frieden?
Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause,
jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und
die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen
werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die
deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde.
Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die
deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte.
Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?
„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den
Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst
kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“