Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein
lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch,
und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze
Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es
wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit
verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden
erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu
einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen
Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind
Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“
„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin
ich gesund geworden.“
Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel
gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte
es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie
erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft
zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil
sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde
so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister
gewesen.
Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge,
denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk
ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung
beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich,
nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam
anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft
weg.
„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst
hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann
bist du es.“
Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen,
seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts
von der Reise zu sagen. So fuhr denn der Pastor am nächsten Morgen
angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt
weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf.
Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht
wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag
bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen
Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem
Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet,
einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu
finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude
aus den Augen blitzte.
„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme
Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus.
„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er
euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit
gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe.
Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich
viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen
Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß.
Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster
überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig
ausgeschlossen.“
„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese
Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein
Wunder an dir getan.“
Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus
eigener Kraft geschafft.“
„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer
gewissen Spannung in der Miene.
„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.
„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug
gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“
Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel,
dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ...
schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“
Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen
Gedanken bestätigte, der ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir
fern, einen Stein auf sie zu werfen.“
In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel,
für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich
schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war,
da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht,
Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste
Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“
„Was ist sie hier?“
„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“
„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“
„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht
leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu
mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir
in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die
Hand geben?“
„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“
Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der
sie getauft und eingesegnet hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam
schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit
freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie,
während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber
Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“
„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“
„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen
reichlich.“
Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr
zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten
Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr
ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.
Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein
Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“
Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um
dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen
Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der
Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die
Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde.
Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war
es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von
Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber
herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit
dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß
dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren,
bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die
Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach
Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten,
ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter
über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die
überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer
Welt von Feinden die Stirn zu bieten.
In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese
Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern
kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die
Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte
doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen
oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor
der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der
Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man
sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand
über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht ....
Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen,
wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....
Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie
Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und
in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....
Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie
nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine
Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?
Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon,
verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen
es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber
noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut
nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben
und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in
seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden
waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten
Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches
erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.
Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf
dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer
einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit
großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die
Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des
Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und
... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.
Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen
einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute
zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen.
Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.
Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten.
Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich
darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines
Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten
ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in
denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s
mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub
geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.
Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem
Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in
den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu
der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte
und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr
war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der
sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas
auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek,
der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem
Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst
sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein
Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr
Herz zu nehmen.
Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau
eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand
zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch,
als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte,
überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie
nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein
Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet
werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als
Gefangener aufzufinden war.
Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel
ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die
Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte
Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und
hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte
Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer.
Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb
leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein
Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... -- -- --
Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort
die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet
zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch
sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte
eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen
der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war
es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu
einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.
Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er
sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon
mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn
absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn
wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen
seine Vorgesetzten nicht zu denken.
Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten
verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze
Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das
Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange
Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der
Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg
errungen hatte.