19. Kapitel

Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein

lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch,

und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze

Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es

wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit

verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden

erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu

einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen

Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind

Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“

„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin

ich gesund geworden.“

Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel

gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte

es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie

erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft

zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil

sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde

so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister

gewesen.

Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge,

denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk

ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung

beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich,

nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam

anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft

weg.

„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst

hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann

bist du es.“

Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen,

seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts

von der Reise zu sagen. So fuhr denn der Pastor am nächsten Morgen

angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt

weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf.

Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht

wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag

bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen

Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem

Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet,

einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu

finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude

aus den Augen blitzte.

„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme

Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus.

„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er

euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit

gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe.

Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich

viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen

Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß.

Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster

überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig

ausgeschlossen.“

„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese

Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein

Wunder an dir getan.“

Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus

eigener Kraft geschafft.“

„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer

gewissen Spannung in der Miene.

„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.

„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug

gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“

Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel,

dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ...

schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“

Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen

Gedanken bestätigte, der ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir

fern, einen Stein auf sie zu werfen.“

In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel,

für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich

schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war,

da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht,

Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste

Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“

„Was ist sie hier?“

„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“

„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“

„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht

leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu

mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir

in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die

Hand geben?“

„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“

Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der

sie getauft und eingesegnet hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam

schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit

freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie,

während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber

Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“

„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“

„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen

reichlich.“

Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr

zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten

Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr

ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.

Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein

Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“

Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um

dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen

Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der

Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die

Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde.

Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war

es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von

Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber

herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit

dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß

dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren,

bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die

Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach

Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten,

ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter

über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die

überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer

Welt von Feinden die Stirn zu bieten.

In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese

Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern

kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die

Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte

doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen

oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor

der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der

Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man

sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand

über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht ....

Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen,

wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....

Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie

Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und

in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....

Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie

nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine

Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?

Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon,

verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen

es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber

noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut

nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben

und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in

seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden

waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten

Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches

erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.

Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf

dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer

einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit

großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die

Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des

Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und

... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.

Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen

einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute

zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen.

Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.

Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten.

Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich

darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines

Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten

ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in

denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s

mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub

geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.

Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem

Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in

den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu

der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte

und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr

war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der

sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas

auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek,

der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem

Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst

sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein

Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr

Herz zu nehmen.

Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau

eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand

zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch,

als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte,

überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie

nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein

Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet

werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als

Gefangener aufzufinden war.

Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel

ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die

Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte

Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und

hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte

Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer.

Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb

leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein

Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... -- -- --

Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort

die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet

zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch

sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte

eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen

der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war

es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu

einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.

Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er

sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon

mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn

absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn

wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen

seine Vorgesetzten nicht zu denken.

Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten

verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze

Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das

Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange

Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der

Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg

errungen hatte.

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 33 / 51 题