18. Kapitel

Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte

ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und

zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein

Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn

die Mutter auch weiterhin versorgen.

Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als

die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um

ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge

auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein

Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte

auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und

besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen.

Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau,

die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis

überließ. Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines

Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen

als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten,

weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt

worden war.

Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen,

der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der

Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser

Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne

Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder

bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem

ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die

anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.

Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf

Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er

mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt

hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten

Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach

er mit Sutor über die Ursache seines geheimen Kummers. Sowie der

Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie

er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.

Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest,

welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die

Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.

Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis

unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl

heute schon gut gefrühstückt?“

Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen

bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem

Kasernenhof ein.“

Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf

dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach

der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der

Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie

zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf

bekannt und gefürchtet war. Er erschien bald mit dem Feldwebel, der

genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei

Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern,

Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens

seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht.

Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit

lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf

die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner

Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon

über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte

ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel

und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen

Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der

Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl

rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.

„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“

„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“

Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie

bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und

Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier

Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er

drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und

Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines

großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der

Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen

Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der

Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das

Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten

Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.

Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff

getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines

Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien

er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und

half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit war

die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt

brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte,

verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich

das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten

Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn

die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose

Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes

Schmerzgefühl in seiner Brust.

Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer.

Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel,

verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer

Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er

noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was

der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er

war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine

nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch

war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der die

Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher,

daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten

aufwecken mußte.

Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und

öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im

Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur

darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein

Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal

Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen,

sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.

Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er

nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen

wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn

öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich

vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte

nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.

In lichten Momenten wurde er von Scham und Reue gefoltert. Aber diese

Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den

Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen,

wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte

er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause

telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte

es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine

Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments

und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich

Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.

Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin

gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er

nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die

Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum

Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst

im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und

erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne

erschien. Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des

Morgens befallen hätte.

Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch.

Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings,

ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter

dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen.

Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger

Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte

sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine

Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne

zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen

in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht

heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.

Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert,

traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm

innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des

Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten

ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem Beruf seiner

Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum

Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter

junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war

eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von

allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von

ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem

Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.

Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein

dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen

mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf

und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief

unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten

Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines

Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen

und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.

Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn

Aufpasser, denen nichts verborgen blieb. Nicht einmal, wenn er sich in

der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.

Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit

zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst.

Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich

zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie

eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde

und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und

entschädigte Demut für den Ausfall.

Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er

suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele

andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von

seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches,

hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.

„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“

Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes

Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es

war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm

zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek ....

„Wie geht es bei euch zu Hause?“

Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch

gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in

Königsberg, dann kam ich hierher.“

„Mädel, du hast aber Courage.“

Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier

die Stellung besorgt.“

„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“

Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt

fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so

gemeint. Was willst du trinken?“

„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“

Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja

so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von

hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“

Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit

ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie

neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war.

Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die

gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher.

Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben,

wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim

nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst

zu Ende wäre.

„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen

traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah,

wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und

erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos

mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte

atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.

„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“

„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“

„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es

auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“

„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“

Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte

sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“

„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“

Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig

darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie

gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie

seiner Wohnung zu.

Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer

Liebe.

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 32 / 51 题