Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte
ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und
zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein
Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn
die Mutter auch weiterhin versorgen.
Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als
die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um
ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge
auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein
Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte
auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und
besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen.
Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau,
die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis
überließ. Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines
Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen
als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten,
weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt
worden war.
Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen,
der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der
Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser
Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne
Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder
bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem
ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die
anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.
Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf
Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er
mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt
hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten
Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach
er mit Sutor über die Ursache seines geheimen Kummers. Sowie der
Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie
er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.
Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest,
welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die
Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.
Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis
unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl
heute schon gut gefrühstückt?“
Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen
bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem
Kasernenhof ein.“
Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf
dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach
der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der
Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie
zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf
bekannt und gefürchtet war. Er erschien bald mit dem Feldwebel, der
genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei
Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern,
Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens
seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht.
Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit
lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf
die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner
Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon
über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte
ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel
und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen
Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der
Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl
rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.
„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“
„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“
Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie
bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und
Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier
Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er
drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und
Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines
großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der
Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen
Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der
Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das
Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten
Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.
Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff
getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines
Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien
er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und
half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit war
die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt
brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte,
verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich
das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten
Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn
die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose
Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes
Schmerzgefühl in seiner Brust.
Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer.
Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel,
verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer
Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er
noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was
der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er
war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine
nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch
war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der die
Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher,
daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten
aufwecken mußte.
Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und
öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im
Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur
darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein
Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal
Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen,
sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.
Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er
nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen
wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn
öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich
vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte
nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.
In lichten Momenten wurde er von Scham und Reue gefoltert. Aber diese
Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den
Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen,
wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte
er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause
telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte
es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine
Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments
und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich
Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.
Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin
gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er
nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die
Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum
Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst
im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und
erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne
erschien. Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des
Morgens befallen hätte.
Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch.
Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings,
ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter
dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen.
Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger
Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte
sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine
Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne
zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen
in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht
heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.
Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert,
traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm
innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des
Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten
ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem Beruf seiner
Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum
Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter
junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war
eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von
allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von
ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem
Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.
Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein
dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen
mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf
und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief
unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten
Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines
Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen
und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.
Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn
Aufpasser, denen nichts verborgen blieb. Nicht einmal, wenn er sich in
der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.
Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit
zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst.
Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich
zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie
eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde
und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und
entschädigte Demut für den Ausfall.
Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er
suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele
andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von
seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches,
hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.
„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“
Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes
Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es
war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm
zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek ....
„Wie geht es bei euch zu Hause?“
Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch
gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in
Königsberg, dann kam ich hierher.“
„Mädel, du hast aber Courage.“
Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier
die Stellung besorgt.“
„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“
Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt
fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so
gemeint. Was willst du trinken?“
„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“
Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja
so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von
hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“
Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit
ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie
neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war.
Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die
gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher.
Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben,
wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim
nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst
zu Ende wäre.
„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen
traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah,
wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und
erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos
mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte
atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.
„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“
„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“
„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es
auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“
„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“
Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte
sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“
„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“
Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig
darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie
gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie
seiner Wohnung zu.
Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer
Liebe.