15. Kapitel

Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war

der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte

sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt

wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie

in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit

Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte.

Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen

Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus.

Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der

sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen

Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle

Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim

Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein

schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das

unermüdliche Schnarren der Rohrsänger und das Schmettern der wilden

Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten

Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und

seufzen.

Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner

Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte

er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach

erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei.

„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie

erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“

„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg

mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“

Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben

Sie so wenig Selbstbewußtsein?“

Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen,

ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem

Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“

Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie

schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen.

Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und

ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht

sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“

„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid

den Hof zu machen.

Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt

und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen.

Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts

zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht.

Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel

im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben

wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen

Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen

Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie

an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte

Meisterin war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im

feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers

von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....

Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte,

daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein

nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den

Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine

große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem

Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede.

Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein

frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in

Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen.

Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus,

sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?

Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem

Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus

freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran, und wohl mit

Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem

ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel,

das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der

großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?

Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie

launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt

sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine

hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah

gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das

Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen

erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel

und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat

zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine

Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem

leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung

ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink

geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“

Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine

Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner

Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer

Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und

keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche

Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging

an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie

ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend

blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe

ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für

das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der

Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am

liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.

Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen

und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen

umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend,

der schon in die Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am

wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle

Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In

Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er

und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte

Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem

Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die

Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte,

nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“

„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine

Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“

„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt

Ihnen die Ruhe?“

Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre

beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen.

„Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“

Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im

nächsten Augenblick saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte

sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre

Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund,

sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick

lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte,

durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren,

als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines

starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens

gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.

Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete

sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so

überfallen und beleidigen?“

Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm

überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe

raubt mir den Verstand.“

Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist

auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie

leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich ruhig neben

mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ...

„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“

„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn

ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir

stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und

ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich

aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“

„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber

... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja

soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von

Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“

Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu

erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte

Frau ...“

„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde

gibt.“

„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein,

Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch

nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht

der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache,

daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe

Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach

Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit

neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken

getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden.

Ich reise morgen weg ....“

Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie

wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“

„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz

tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen.

Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen

und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie

Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich

nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf

seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und heiß mit

allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....

Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie

vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins

Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie

sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem

unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll

in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr

saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem

tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das

Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz,

das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es

nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe,

schwere Wunde schlagen.

Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten

durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente

diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren

Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde

sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm zurückkehren,

um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach

zurückzugeben ....

Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken.

Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und

blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht

Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....

Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der

Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das

sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis.

Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das

verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden

nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen

Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet

auf die Liege warf.

Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte,

großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe

sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten

Familie in Westerland zusammenzutreffen und möchte nicht wortbrüchig

werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm

an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten

wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh,

erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht

abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein

klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie

Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten ....

Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie

noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu

denken ....

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 29 / 51 题