Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen

Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und

unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“

„Sie wollen für mich wirtschaften?“

„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich

habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen

kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna,

werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“

Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann,

der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren

lieben Augen an und reichte ihm die Hand.

„Ich vertraue Ihnen, Walter.“

Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre

Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.

Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen,

schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das

Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten

wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die

Schätzung vornehmen sollte.

Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er

fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich,

aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur

brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit

bei sich aufnehmen zu wollen.

„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“,

erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am

offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“

„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem

schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde

Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie

erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die

Arbeit des Umzugs abnehmen.“

„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter,

„es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein

Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“

„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen

haben.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 28 / 51 题