14. Kapitel

Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto

größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine

Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle

Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel

Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft

in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn,

wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine

abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen,

daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand

dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.

Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte.

Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge

erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten

jedes Verletzende nahm. Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel

durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch

nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr

entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die

jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen

hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um

ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.

Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch

auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf

mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann

besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten

erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt

erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung

musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr

oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten

zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen

mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen

greulichen Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern

nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß

ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm

schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht

besessen hatte.

Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und

Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten

oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von

selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als

ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein

sollte.

Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten

gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten

Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft

los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen

Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren

sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes,

etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.

Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz

genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so

jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie

so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts

weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie

zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und

beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und

Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.

Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an

den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen

Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen

wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich

ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn

er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter

kunstvoll begleitet wurde.

Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling

eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den

nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit schon am Vormittag.

Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die

Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren.

Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft

des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen

zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um

nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen

der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die

Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den

Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.

Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz

überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf

seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister

seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien.

Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen,

wie er mit ihm zufrieden wäre.

Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus

zuverlässig, diensteifrig und leiste freiwillig mehr, als er

von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem

Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe

mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig

landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem

Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.

Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den

Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet,

das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete

sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie

auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben

noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen.

Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach

unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher

Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit

Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten

kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob

der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!

Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe.

Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat

so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich

zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles

Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die

allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas

Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite

Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.

„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.

„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.

Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute.

Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen

Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der

Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich

zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben?

Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie

fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto

größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte

Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach

allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.

Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler,

denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer

kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen

Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes

Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher

das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur

möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime

Wünsche und Gefühle gestört wird.

Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen

worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen

konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin

ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte.

„Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du,

Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken haben? Keinem anderen als dem

lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als

ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich

walten sah.“

„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“

„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes

Wesen zur Frau zu bekommen?“

„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“

„Aber?“

„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas

Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“

Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die

Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna

hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“

Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.

Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte.

Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz

plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde, hatte er sich

abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und

schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht

zu wecken.

Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür

und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich

beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine

Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine

natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.

Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach

Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich

den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer

Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die

vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen

Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu

erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und

das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.

Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den

Forstmeister als einen gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten,

trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der

Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen

aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun

schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und

Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.

Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da

kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen.

Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen

hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten

Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte

einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur

endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit

wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und

die Übersiedlung vorbereiten.

Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter

störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen Wert

und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte.

Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell

gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen

Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes

Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert,

hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung

sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit

geschaffen hatte.

Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja

nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde,

die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige

Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum

Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.

Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein

ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von

dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und

Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte.

Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein

frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen

guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte

still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren

Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm

herüberwallte.

Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an

seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu

tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete

mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst

Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna

umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf

dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre

Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte,

erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.

Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs

versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte.

Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte und wollte nicht

aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden

sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig

emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle

Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten,

schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann

reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das

Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte

und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den

Sommer hinein.

Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging

Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag

lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen

ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt

hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden

mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht

unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall

zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen,

mit dem die Felsblöcke zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim

Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine

Viehhaltung zu vergrößern.

„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute

noch heute fertig werden.“

Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich

werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“

Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit

von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die

Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.

„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.

„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber

nicht losgegangen.“

Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In

Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so

bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es

kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken

bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden. Und diesmal schien die

Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig

zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie

durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur

einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in

die Schläfe getroffen.

Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht

auf den Hof stürmte.

„Was ist los?“

„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“

Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist

nicht wahr!“

„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf

getroffen.“

Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten

hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging

währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen.

Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang

dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte

die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien.

Ahnungslos, welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt

hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert

Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater

hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die

Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer

trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe

eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein

Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.

„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“

Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.

„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein

jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen,

wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos

legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen

gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.

„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch

noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 26 / 51 题