Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“

„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner

Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du

nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund

meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du

deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“

„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“

„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’

di wat vertellen.“

Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann

begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach

dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut

nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher

Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges,

lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und

ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam,

war die junge Frau schon im Stadium stiller Verzweiflung. Der Mann

verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in

den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das

hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber

das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen,

keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie

in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte

ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich

hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir

rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich

hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau

teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich

eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und

Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen,

daß meine Liebe erwidert würde.“

Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel,

sag mir alles .... Was tatet ihr da?“

„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual durchgemacht. Ich war

überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme

fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen

gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe

seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem

Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten

Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm

abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre

Leiche im Walde.“

In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie

hast du das überwunden?“

„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe

mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei

einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“

„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts

gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“

„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir

nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt

bin, gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können

dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht

nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr

sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne

helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind.

Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im

edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft

ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“

Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und

offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“

„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber

nein.“

„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu

wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine

Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die

Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also

bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug,

dich nicht unterkriegen zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang

und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden

hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet

.... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit

Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind

ein paar prächtige Menschen.“

Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte

plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große

Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er

zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur

Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den

Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber

beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.

„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser.

Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus

wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir

erzählen darf.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 25 / 51 题