13. Kapitel

Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach

Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt,

die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin

zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es

schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein

Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen.

Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den

Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war,

köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen

Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau

heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer

sonnigen Heiterkeit erfreut.

Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den

alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen

Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären?

Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag

ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem

Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt

hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten

ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie

nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten.

Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage

und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem

Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.

Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch

einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine

Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes

ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte

Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um

Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte

sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte,

setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie

ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg

in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als

Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er

zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus

eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als

sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab

wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder

Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir

mal. Wo drückt dich der Schuh?“

Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die

Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er

blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas

sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es

mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester

Freund.“

In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja,

Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer,

es auszusprechen.“

„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“

Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein

Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer

heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“

„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder

...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“

„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als

ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über

mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich

mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr

und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr

sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht

schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal

ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“

Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen

Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er:

„Ist die junge Dame schon verlobt?“

„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem

Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“

„Liebt sie ihn?“

„Ich glaube nein.“

„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“

Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir

scherzen?“

„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du

denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der

Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht

ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“

„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde

erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen

Bauernhof.“

Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte

mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden.

Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande,

dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen

Pachtung zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem

Tode.“

„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken!

Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich

auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin

mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen?

Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von

Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir,

daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar

Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein,

Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst

werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“

Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser

Gefühle. „Ist sie denn so schön?“

„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für

sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den

höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und

zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann

fassungslos zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur

Gartenbank und setzte sich neben ihn.

„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt

und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß

sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar

schön ist.“

„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich

genug.“

„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du

würdest doch auch nicht danach fragen?“

„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“

„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“

„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der

Welt.“

„Siehst du, ~mi fili~, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so

allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie

gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu

irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen

ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“

Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die junge Dame. Sie ist die

Freundin meiner gnädigen Frau.“

„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die

Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine

Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch

von deiner Leidenschaft geheilt sein.“

„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm

verlobt, erschieße ich sie und mich.“

Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung

.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“

Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing,

aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in

der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging,

mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube

auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.

„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält

und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit

reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 24 / 51 题