Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach
Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt,
die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin
zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es
schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein
Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen.
Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den
Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war,
köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen
Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau
heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer
sonnigen Heiterkeit erfreut.
Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den
alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen
Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären?
Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag
ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem
Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt
hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten
ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie
nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten.
Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage
und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem
Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.
Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch
einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine
Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes
ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte
Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um
Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte
sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte,
setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie
ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg
in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als
Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er
zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus
eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als
sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab
wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder
Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir
mal. Wo drückt dich der Schuh?“
Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die
Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er
blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas
sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es
mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester
Freund.“
In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja,
Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer,
es auszusprechen.“
„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“
Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein
Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer
heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“
„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder
...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“
„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als
ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über
mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich
mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr
und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr
sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht
schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal
ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“
Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen
Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er:
„Ist die junge Dame schon verlobt?“
„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem
Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“
„Liebt sie ihn?“
„Ich glaube nein.“
„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“
Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir
scherzen?“
„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du
denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der
Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht
ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“
„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde
erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen
Bauernhof.“
Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte
mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden.
Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande,
dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen
Pachtung zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem
Tode.“
„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken!
Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich
auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin
mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen?
Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von
Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir,
daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar
Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein,
Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst
werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“
Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser
Gefühle. „Ist sie denn so schön?“
„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für
sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den
höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und
zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann
fassungslos zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur
Gartenbank und setzte sich neben ihn.
„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt
und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß
sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar
schön ist.“
„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich
genug.“
„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du
würdest doch auch nicht danach fragen?“
„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“
„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“
„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der
Welt.“
„Siehst du, ~mi fili~, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so
allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie
gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu
irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen
ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“
Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die junge Dame. Sie ist die
Freundin meiner gnädigen Frau.“
„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die
Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine
Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch
von deiner Leidenschaft geheilt sein.“
„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm
verlobt, erschieße ich sie und mich.“
Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung
.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“
Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing,
aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in
der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging,
mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube
auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.
„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält
und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit
reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“