Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau
Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst,
bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und
beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige
noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu
singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht
durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken
brächte.
Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft.
Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen
kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom
Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich
ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich
kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.
Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid
verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem
Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein
konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt,
zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt.
Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick
schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten.
Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein
Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen.
Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den
unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran
gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige
Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.
Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen,
steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie
schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen
Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen.
Ihr Wohlgefallen an dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn
mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn
sein Herz stand in lichten Flammen.
Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres
Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in
den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein
ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte
ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung
des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte.
Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals
am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und
zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen
Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken.
Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in
den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie
müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und
erreichte dadurch ihr Ziel.
Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten, daß Franz sie
verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor
Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und
plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag
Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum
zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die
beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den
freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen
Leidensgefährten an und sagte hämisch:
„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die
Walküre“ -- den Namen hatte er Adelheid gegeben -- „heute so gnädig zu
Ihnen gewesen ist.“
„Das habe ich gar nicht empfunden.“
„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht
den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn
Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann
zähmen will.“
„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame
sprechen“, erwiderte Franz unmutig.
„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der
Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie
heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster
warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz
verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben
Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem
Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche
von dreihundert Morgen zu werden?“
Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine
tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine
ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß
diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen.
Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er
brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.
Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon
mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem
Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu
bekämpfen. Er stahl sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den
Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid
und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht
das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so
wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach
dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....
Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem
Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der
Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit
ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines
Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem
untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit
vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für
das Fest zu schießen ....
„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem
Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.
„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“
Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der
Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht
erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf
die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger
und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit
hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton
kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“
Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem
Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“
Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er
laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“
„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“
„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade
diesen Bock zu schießen.“
Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute
ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging
davon. Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn,
daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte
er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn
nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so
schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er
doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte
ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu
verschließen, daß niemand sie merken sollte.
Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt,
und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig,
aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem
Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den
Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen
Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen
nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig
befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.
Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an
die Reihe. Er gab sich innerlich einen Ruck und verbeugte sich vor
Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte,
drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in
den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der
feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich
wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit
den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und
davon flog.
Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“
Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“
Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch,
sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei
Runden gemacht.“
„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man
darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“
„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei
mir schon nach drei Runden gedankt hat.“
Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner
stand, mit mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah
Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte
und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde
sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und
bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran
und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr,
was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn
geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.
Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr
und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“
Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er
ist viel zu vernünftig dazu.“
Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der
Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch
in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine
hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch
Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der Tanz noch
ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit
von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen
Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden.
Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und
nahm ihre Freundin mit sich.
Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so
oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller
anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb,
bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner
Gattin.
Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der
Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen
der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche
Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war
mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief
nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im
Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten
die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen
standen, sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die
Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die
Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....
Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er
vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal
gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen
durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht,
mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich.
Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht
stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes
Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:
„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,
Es steht mir gar zu fern,
Es weilt so hoch, es blinkt so schön,
Wie droben jener Stern.“
„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....