„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse
gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn
er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu
nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“
„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der
junge Mann gegen meine Person haben?“
„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, -- weil du das Leben einer
Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre
Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von
deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen
Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren
ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken
glaubte, nicht gefallen.“
Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich
auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“
Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ...
du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu
zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist,
muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das
kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch
einen Rat von mir: Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem
Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“
Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die
Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit
allen Mitteln Jagd machen!“
„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst,
vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt,
ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere
Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste
und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“
Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn
Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“
„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel
eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften
Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast,
umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und
dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne
Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter
scheut sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl
nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du
mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt
umsehen ....“
Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich
fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein
bisheriges Leben fortzuführen?“
„Es langt noch für zwei Jahre ...“
„Und dann?“
„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame
an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte
sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt
schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“
„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“
„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn
auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im
schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden
Tändelschürzchen aushelfen?“
Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den
Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die
Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes
Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie
aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern
umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie
nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf
das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer
alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben,
und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit
einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf.
Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch
einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.
Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm
sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte,
um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen
Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen.
Mißmutig warf sie ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und
zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich
hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu
mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes
Schürzchen dazu.
Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien.
„Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“
„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus.
Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“
Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke
aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er:
„So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“
„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders
nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid
lachend zur Antwort.
Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein
paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie
streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren
Druck ihm eine deutliche Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und
Befürchtungen befreite.
„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“
„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit
ernster Miene.
„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich.
Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen
ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von
männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals
dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im
Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein
Zimmer frei.“
„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten
Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube,
deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich
später völlig zu entlasten.“
„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre
Gattin, meine verehrte Freundin, allen Ernstes, mich durchaus als
Lehrling anzusehen und zu behandeln.“
„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung
entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche
mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum
Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die
Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen.
Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“
Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es
allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde.
Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr
Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es
der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte
ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der
Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er
daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle
hineinlebte.
Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern
der Milch in der Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein
vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ
sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt
wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte.
Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre
Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so
erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas
feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“
Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut
hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....