Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der
sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher
Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit
buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische
vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben
dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf,
aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die
leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer
Freundin nicht entging.
„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann
Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen,
wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht
können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“
Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht
entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den
Hausherrn. „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr
Oberamtmann?“
„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt.
Ich ließ Dünger fahren und streuen.“
„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“
„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe
mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“
Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein
Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte
während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski
so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber
durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga
ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die
Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.
„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich
noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl
vorgezogen, darüber zu schweigen.“
„Darf ich es erfahren?“
„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem
befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von
Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide
in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der
Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich
mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin,
worauf sie mich auch musterte.“
„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“
„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm
ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern
legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des
Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu
erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren,
ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche
ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und
unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein
Gedächtnis sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“
Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang
mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er
suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein
zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser
erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen
haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt
benommen ....“
Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich
nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung
für Sie unangenehm ist.“
Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr
das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung
bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen
Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden
geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem
Freunde hängen geblieben.
Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer Freundin. „Ich weiß ja, daß
junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“
„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du
brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler
Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften
Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“
„Ich bitte darum.“
„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr
und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten
Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben
eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat,
der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen
bestreut ist.“