11. Kapitel

Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der

sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher

Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit

buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische

vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben

dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf,

aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die

leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer

Freundin nicht entging.

„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann

Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen,

wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht

können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“

Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht

entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den

Hausherrn. „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr

Oberamtmann?“

„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt.

Ich ließ Dünger fahren und streuen.“

„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“

„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe

mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“

Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein

Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte

während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski

so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber

durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga

ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die

Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.

„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich

noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl

vorgezogen, darüber zu schweigen.“

„Darf ich es erfahren?“

„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem

befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von

Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide

in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der

Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich

mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin,

worauf sie mich auch musterte.“

„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“

„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm

ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern

legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des

Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu

erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren,

ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche

ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und

unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein

Gedächtnis sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“

Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang

mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er

suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein

zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser

erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen

haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt

benommen ....“

Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich

nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung

für Sie unangenehm ist.“

Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr

das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung

bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen

Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden

geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem

Freunde hängen geblieben.

Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer Freundin. „Ich weiß ja, daß

junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“

„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du

brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler

Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften

Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“

„Ich bitte darum.“

„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr

und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten

Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben

eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat,

der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen

bestreut ist.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 21 / 51 题