Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich
dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück.
Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen
Namen genannt.
„Was sind Sie auf dem Gut?“
„Lehrling, Herr Oberleutnant.“
„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine
Koffer zum Wagen.“
Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen
schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung
gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“.
Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die
hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz.
„Der soll was erleben.“
Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen
Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den
Möbelwagen abholen wolle.
„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der
Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn
abzuholen.“
Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes
Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“
Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den
Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen
Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief
und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen
und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme
Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück.
Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im
Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant.
Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie
zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“
Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich
beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes
Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber
Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht
unter Ihrem Kommando stehen. Der eine hat das Abiturium gemacht,
der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit
selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese
Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche
Anlässe für die Zukunft zu meiden.“
Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner
Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden
und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse
zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte
seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge
zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein
Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung
ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends
noch kneipen oder feiern zu können.
Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde
Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er
hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause
errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert,
zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu
erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit
ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte,
führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit
geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn
ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden
würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant.
Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil
zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg
heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er
ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem
warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus
dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung
entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale
Hand entgegen ....
„Ich danke Ihnen, Herr ...?“
„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“
„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber
mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“
Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz
hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie,
junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen
Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“
Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich
bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge
Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine
Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne.
„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in
Bewegung setzte.
„Jawohl, alles in Ordnung.“
„Sind Sie schon lange in Polommen?“
„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“
„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“
„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen
Oberleutnant von Sawerski.“
„Ist das ein älterer Herr?“
„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich
später selbst ein Gut zu kaufen.“
„Was ist das für ein Mensch?“
Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten
kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen,
gnädiges Fräulein.“
Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt
durchrieselte. „Aber weshalb denn?“
„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen
kleinen Konflikt gehabt habe.“
„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“
Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl,
den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“
Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang
sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der
Krawatte tragen?“
„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des
bestandenen Abituriums gebräuchlich.“
„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“
Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen.
„Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere
Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie,
und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines
Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und
Pastor werden sollte.“
„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier
Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie
blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere
Übel?“
„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für
ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder
Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“
„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl
zu bauen.“
„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich
hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber
das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt mich nach der
Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch
noch andere Vorlesungen zu hören.“
„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien
Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam
auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die
schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr,
sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr
den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen
Blick:
„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“
Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und
Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du
trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“
Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich
würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender
finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese
beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich
willkommen. Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche
Einsamkeit .... Wie war die Reise?“
„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen
und den Personenzug erwarten mußte.“
Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz
zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm
wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den
feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren ....