Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit
der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor
von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden.
Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er
seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft
zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er
selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte
nicht gut abschlagen.
„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im
Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund
nicht im Hause wohnen kann.“
„Weshalb denn nicht?“
„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe.
Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“
Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein
dröhnendes Lachen aus.
„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“
Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient,
nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben,
jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“
In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich
nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“
„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem
Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid
nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich
vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu
zerstören.“
Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst,
zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen?
Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ...
da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden
halten.“
„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd
machen?“
„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst
gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige
Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich,
daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön,
elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt
und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall
Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften
Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“
„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“
„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“
Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein
Korn.“
„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich
daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens
Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann
hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest:
die Liebe macht blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden
Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin.
Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert.
Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und
zweitens hat sie etwas ~haut goût~ an sich ... ein Spürchen nur,
aber ...“
„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht
ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem
siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und
benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte
fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“
„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die
beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat
zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie.
„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben?
Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in
hellen Flammen an.“