8. Kapitel

Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte

als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter,

eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich

nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken.

Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und

energisch und gab sie nicht heraus.

Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren

und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine

Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren,

und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater

unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos

erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher

mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause

kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine

eingehende Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester

einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann

setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er

nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.

Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein

Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein

Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger

hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer

Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten.

Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein

Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung

begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren

seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken,

war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes

geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die

Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von

dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.

In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so

ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig

wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz

allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen

könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze

beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann

alles hörte, was die Offiziere sprachen.

Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine

Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu

spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein

Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde

ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von

jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei.

Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem

Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der

Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober,

der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen

Überschuß behielt.

Bald darauf betraten drei wohlhabende Handwerker das Zimmer. Sie

forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das

war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer

schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler

blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück

gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war,

hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte

drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte

er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem

Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die

andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden,

aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der

Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu

verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.

„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter

möglichst gleichmütig.

„Die Hundert und noch Zweihundert.“

Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder

hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.

„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“

„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“

Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr

bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte,

zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte

aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken

Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm

einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die

Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm,

dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger

Schätzung mindestens zweitausend Mark.

„Die Fünfhundert und noch Tausend.“

Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister,

die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich

will sie wenigstens sehen.“

Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.

Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein

fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“

Eine Weile später landete Walter noch einen zweiten, etwas kleineren

Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.

Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.

Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.

„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu

bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich

noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“

Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und

die Gläser gefüllt.

„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint,

Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“

Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.

„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen

mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten

über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an

die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr

wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle Staaten

voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im

allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich

neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn

alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“

„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern

ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte

der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“

„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig,

„denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion

erwischen.“

„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber

in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie

ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob

Geld.“

„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und

fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute

schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“

„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut, „der Vater hat mir

noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen,

dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas

Weidmannsheil entwickle.“

Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und

warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als

der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem

großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am

Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite

Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die

Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als

der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden

im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt

kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte

Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand

hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte

sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem

Rücken heim.

Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie

Vaterstolz leuchtete in den Augen des Grünrocks auf, als der Sohn

elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war

schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß

Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er

sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer

und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest

du noch ein ganzer Mann werden.“

„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte

Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“

„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie

als Jurist.“

„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir

nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt,

aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“

„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“

„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.

„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse

besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“

„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur

Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule

schickst, will ich fleißig studieren.“

„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den

Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch

Freude machen, statt Kummer.“

„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der

Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal

so herum versuchen?“

„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch

Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt

zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium

sitzen.“

Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will

nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz

gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich

bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt

zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“

„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte die Hausfrau, anscheinend

verdrießlich und verließ das Zimmer.

Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen

Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen

verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der

nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke

schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist

zu viel. -- Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu

meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein

tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts

kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des

Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende

Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.

„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst

alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu

Mittag.“

Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte,

brachte mehrere Bedenken vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob

Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen

habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen

lassen.

„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten

erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf

ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein

Lehrjahr.“

* * * * *

Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann

seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung

der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der

Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen.

Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß

er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend

auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich

freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen

Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die

Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits

bereitet hatte.

Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem

ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda

noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie

hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich

täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein.

Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht

wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in

Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach

seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.

Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er

mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer

in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland

erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas

Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein

trug die Schuld daran.

Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen

Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum

zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen fuhr der Forstmeister mit

Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren

Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die

schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich

kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze

und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren

Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die

Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.

Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches

eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die

Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber

aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in

die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen

versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in

aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern

besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das

verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf

fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur Strecke gebracht. Der

eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.

Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente

ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden

ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major

versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die

Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag

ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe

jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr,

wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke

verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der

Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo

vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.

* * * * *

Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre,

die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend

aus. Der Forstmeister, der auch unter den Gedanken litt, daß er dazu

beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen,

ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.

„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln,

„diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen.

Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen

und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein

Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich

hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige

Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie

an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen.

Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze

Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.

Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise

dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde

ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen

jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre

in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel darauf

rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise

erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.

Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel

auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß

einer nicht dicht gehalten haben.“

„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen

Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner

geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist

eine weibliche Zunge im Spiel.“

„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand,

worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich

daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel

gefahren war.

„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische

Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein

gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht

gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen

gewesen wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu

erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von

Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man

mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also

hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja

noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um

Spionage zu treiben.

Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht,

wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis

behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe

schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze

zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz

eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage

später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki

gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung

verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand,

das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich,

aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten

Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand

bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem

Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden

konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe

eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich

mit dem Major bei dir zusammentreffe.“

In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse

seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher

Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß

und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis

entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner

im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen

Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend

die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert

erscheint.“

Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke

und dann teilte er dem Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht

gegen den Oberkellner mit.

Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der

vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem

Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht

bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die

der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man

vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer

Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 16 / 51 题