Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein
lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die
großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt
barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein
handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang.
An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit
unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert.
Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten
scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.
Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle,
schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen
fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften
sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den
Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu tun. Ihre elastischen
Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und
sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern
brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in
die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.
Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme
schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den
Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht
abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs
ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln
herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank
hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall
abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein
nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.
Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich
am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um
ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle,
die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten
hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine
mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den
Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten
nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.
Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des
Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein
erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet.
Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach
Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man
in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr
täglich stundenlang in den Ställen auf.
Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren
Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles
Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut
übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not
aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu
entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie
eine Entspannung und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer
Spannkraft erfüllt.
Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung
durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen
Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen
erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der
schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden
Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen
Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen
wurden.
Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der
Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug
eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und
Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau
verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war
praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu
erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.
Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen
zu fahren und sich mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen.
Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende
zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im
Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm
schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt.
Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte,
behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf
dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen
Büchern bedeckt.
„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der
Begrüßung.
„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen
Düngungsarten.“
„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich
habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem
Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine
leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“
„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen
Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“
„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“
„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das
Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen
muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit.
Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen
sein.“
Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen.
Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er
stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es
wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder
in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an
diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch
gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es
nur möglich gewesen wäre.
Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten
Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen
werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite
Giebelstube einrichten sollte. Der älteren Person, die in der Küche
ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes
durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem
Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause
zu Ende.
Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er
hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine
alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen
würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von
seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr
alles in bester Ordnung vorfinden werde.
Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die
Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren.
Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin
geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war.
Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter
konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die
dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu schaffen. Ohne ein Wort zu
verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die
Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und
fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja,
einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling
selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.
Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen,
in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen
und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils
für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im
Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.
Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte,
um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke,
die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag
forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf,
zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne
nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu
ihm bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr
rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall,
wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke
des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür
schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er:
„Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“
Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf
Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht
eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern
und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen
war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist
wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten.
Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen
Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall
umher.
„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“
Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war
die höchste Zeit, denn an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen
an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.
Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste
Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im
kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer
und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer.
Der größte Schaden war verhütet.
Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf
den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der
Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer
mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend
schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der
Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine
Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die
Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden
verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen
Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.
Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen
Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab,
obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal
zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.
Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem
Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen
Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich
für immer erledigt war.
Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß
er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war
offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt
war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er
tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und
ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte
völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus
eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr,
ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er
hatte Hans Kolbe auf dem Bahnhof getroffen und von ihm schon alles
erfahren.
Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber
nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung,
sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um,
sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten
Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und
gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der
Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot.
Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen
der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam
raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich
gewesen wäre.
Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich
bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“
Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel
ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein
feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren, braunen Augen,
und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem
goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war
nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame
weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen
konnte.
„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung
erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“
„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.