Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um
die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu
beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der
Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein
Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um.
„Mutter, bist du böse auf mich?“
Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen.
„Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen
Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“
„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte
oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich
doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften
oder Medizin studieren.“
„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du
den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“
Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters
Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der
Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“
„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein.
„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“
„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze
ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er
weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink
deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich
zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling
aufnimmt ...“
„Als Eleve, Vater ...“
„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen,
sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie
ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst,
bist du echt ...“
Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinem Stübchen hinauf. Er
hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm
ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war
selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben,
um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu
auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben,
um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten
Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog
er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem
Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht.
Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine
Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still
zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes
Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste
Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh
erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für
ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob?
In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerk am Tor halten und ging allein
ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf
der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine
mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab
reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den
eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich
ihm entgegen.
„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der
mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also
Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die
Stimme im tiefsten Baß.
„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.
„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft
hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch
schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut
nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt
haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig
sind. Aber eins muß ich Ihnen noch sagen: ich poltere oftmal los ...
das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr
Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze -- ich bitte, ihn von
mir zu grüßen --, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu
verschwinden.“
Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand.
„Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“
„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht,
sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser
anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“
Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all
den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald
darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit
reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln
auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben
und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten
sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der
Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart
und gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz
auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der
keinem Unrecht tat.
Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im
Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über
wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war
mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach
der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so
anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte
ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch
einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde
er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück
anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und
schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit
im Herrenhause umziehen müsse.
„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen
sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die
neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir einen reinen
Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen
vertauschen.“
Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und
versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er
wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn
sorgen.
Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn
und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von
Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen
Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie
plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte
Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft
davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber
bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der
Grenze wäre es ein großes Unglück.“
„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“
Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte
er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke
Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft
danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das
Gerede unter die Leute zu bringen.“
„Also du hältst nichts davon, Onkel?“
„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr,
als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir
hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem
Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen
wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir
tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir
müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über
uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er
reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit
einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf
den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande
machen wirst.“
Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen.
Er bekam im Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte
seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der
Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie
sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber
beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der
Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen
wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie
jederzeit zu sprechen.“
„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“
Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während
er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er
hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch
die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er
hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause
ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte
ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in
die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen.
Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“, Hans Kolbe,
kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in
Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte
und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz
nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit
großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.
Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U
machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ...
der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art
des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er
gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln
zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem
Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...
Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der
Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren.
Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein
Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen die trübe Stimmung,
die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken
an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer
Art und in freier Luft ...
An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins
Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die
Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während
sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel
Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses
die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht
unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten
Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.
„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige
Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz
und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“
„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit
Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei
uns verleben?“
„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“
„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind
gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus
dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“
„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau
erregt haben“, sagte Franz ruhig.
Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große
Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher
ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es
wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden
die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern
und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und
sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine
Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld
schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach
einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der
Nacht etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu
wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.
Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf
und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten
Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger,
er ging als Treiber mit.
Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau
Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein
Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich
die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich
durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und
stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und
Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.