„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach
Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“
Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins
Pfarrhaus.
„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor
über den Gartenzaun entgegen.
Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.
„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise
geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“
Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir
zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese
Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut
anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer
Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich
habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden
Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub
erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen,
noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“
„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“
„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, -- wir wandern doch
natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, -- auf Umwegen nach
Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht
mitzumachen.“
Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.
„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt.
Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und
Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses
Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine
dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine
große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen
Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt,
daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und
kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest
großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und
verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“
Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt
doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer
unternommen hätten ....“
„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der
weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der
Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht,
nachdem die ersten Versuche, aus einem Eichenstamm eine Kanone
herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die
Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog
von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin
eine greuliche Verwüstung an.“
„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu
dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“
„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe
ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die
Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen
und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am
Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach
Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre
ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches
Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen
Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist
wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil
auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“
„Ist das wirklich wahr, Onkel?“
„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll,
wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das
beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse
sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden
festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung
unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit
Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen
bei Donchery.“
„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“
„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie
Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den
Rummel anzusehen?“
„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“
„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im
Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“
Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz
den Vater treffen und mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie
fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im
Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles
Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein
einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner
Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote
Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem
Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz
mit ihm befreundet war.
Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch
die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer
menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen
den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel
auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den
sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag
ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer,
unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem
starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran und brachen
sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.
Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst
durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer
ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von
Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen
abhielten.
„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie
sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um
den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den
Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und
zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das
ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein
hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“
Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden;
es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte
ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen
konnte. „Dreist und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der
alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um
Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines
jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre
Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant
selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein
und stellte ihnen einen Freipaß aus.
Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der
Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren
Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und
wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner
ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite
lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem
überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit
starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß
wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.
Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit
und breit kein Haus zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden
konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen
Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für
sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur
Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine
Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt
wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich
die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender
Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch
gälte.
„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche
Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der
eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten
Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in
ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische
Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht
erwarten.“
„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd.
„Mein Haus steht Ihnen offen.“
„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des
masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund.
Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen
Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“
„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der
beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt
nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren
Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“
Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft
auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei
der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere
Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des
Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen,
die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich
als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte
Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten
Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.
Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein
bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung
übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern
nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß.
Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten
Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als
die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in
ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im
Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee,
spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines
Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen
zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet
und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.
Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen
Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr
Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was
dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter,
ostpreußischer Landedelmann eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des
griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und
Nachbildungen zusammengebracht.
Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie
die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen
Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen
abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.
Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in
Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon
viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine
Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit
Musik an der Spitze.
In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem
aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken.
Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt.
Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt.
Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er
veranlaßte jedoch einen Freund, sie zur Nacht mit sich auf sein Gut zu
nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.
Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen
ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft
abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden
unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“,
„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir
Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre
Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der
Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der
Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.
Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr-
und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und
sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.
Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die
ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher
war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor
dem Weberhäuschen in Donchery das patriotische Gefühl übergelaufen.
Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren
spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.
Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach,
so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß
dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft
wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung
Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden
müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der
Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr
bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.
Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos
durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand
wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt
und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde
zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben
seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als
Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an den Kragen nahm und
verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem
Dorf den Rücken.
Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer
mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch
diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des
Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von
dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte.
Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den
Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.
Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die
stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen
Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei
Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim
Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die
älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem
verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf
jüngeren Schwestern, die zur Feier des Tages in Weiß gekleidet,
wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine
zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich
in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die
Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie
und herzte sie.
Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel,
das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz
ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie
schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten.
Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der
Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen.
Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief
bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“
„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.
Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in
Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig
kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen Vorbild. Dasselbe konnte man
von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von
dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.
Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald
darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser
Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde
dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten
Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst
französisch, dann deutsch.
Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen
geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle
Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete
der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne
Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den
gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte.
Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz
Deutschland erfaßt war.
Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon
gestört. Er hatte in seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war
von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von
Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel
bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen
lebenden Bilder dargestellt werden.
Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung
nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an
anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in
Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten
die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das
Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle
Genüsse auskosten zu lassen.
Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben
Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden
Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd
streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen.
Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und
immer wieder forderten die Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und
Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem
unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen
umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem
Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem
schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez
halsbrecherische Kunststücke ausführten.
Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich
Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren
Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum
Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der
stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie
zwei gute Freunde.
Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen
Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend
anlangten.