„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren
heranwachsenden Söhnen gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene
Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der
Ferien ....“
Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.
„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über
die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre
Mitteilungen beanspruchen.“
Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.
„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln
war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts
für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein
Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber
nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“
„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem
Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht
das 1. Finnländische Dragonerregiment.“
„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht,
Grinda?“
„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles
Vertrauen.“
„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.
Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major
den Kopf.
Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden
russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe
lagen.
In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr
anzugeben wußte, die Hand.
„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst
geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt
selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie
sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um
neuere Nachrichten zu holen?“
„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier
meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“
„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür
einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen
Lebensabend genießen können.“
„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal
wagen.“
Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der
Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem
Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben
eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.
„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.
„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte
der Grünrock brummig.
Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des
Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der
Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten
Generalstab zu verfassen.
Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling
vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen
Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule
überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter,
die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein
lockeres Leben geführt.
Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten
Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt
gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig
geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte
die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte
daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas
gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn
überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter
Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu
Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.
Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie
hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die
der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden
Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß
sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung
sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung
unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines Abends
in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn
arbeitete, getan.
Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen
Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen
verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein
lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem
Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling
dingfest zu machen.
Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den
zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im
nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den
Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige
Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem
ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.
Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter
wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war
nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz
nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und
Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und
dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr
Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres
Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen
mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.
Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter
schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die
moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren
Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in
dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden
dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder
anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter
hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft.
Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen
Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte
Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen
Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die Mehrzahl
derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft
wird.
Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren
Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde
herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um
zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch
der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger
zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt.
Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis
die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke
am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor,
daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt
sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel
preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen
Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde
Widerstand leisten können.
Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit
ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente
die Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln
der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon
bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein
beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und
Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst
das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig
bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen
Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum
und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber
erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen:
‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“
Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er
verbindlich und verbeugte sich.
Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das
Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war
entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte
er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober,
der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um
ihn anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche
und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit
wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch
mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust,
nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein
ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die
Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.
„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so
enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“
„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich
einen klaren Kopf behalten muß.“
„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben,
ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie
umschwirren.“
Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke,
die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute
allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über einen Krieg
mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht,
daß es bald losgeht?“
„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen
schon zum Klappen kommen.“
„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn
hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“
„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir
werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich
niederzuschlagen.“
„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der
masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“
„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig
wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange
Linie zu besetzen.“
Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den
Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks,
die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung.
Mit schwankendem Gleichgewicht bestieg er sein Rad und fuhr nach
Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst
zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark
erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine
Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte,
kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und
bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen
vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater
wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei
nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht.
In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei
der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz
fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen.
„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte
nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“
Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab.
„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn
zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus,
hast du einen Brummschädel?“
„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober
war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen,
aber der erschien ihm so ungeheuerlich ....