4. Kapitel

Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen

Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher

zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der

Kiefern.

Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald

brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste

für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und

lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom

wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde

über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom

Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um

nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.

Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer

Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das

hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.

Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines

kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit

langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die

ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den

Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam.

Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der

Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der

Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt

war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die

Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren

ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen.

Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister,

können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“

„Ich bitte darum, Herr Major.“

Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne

Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“

Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden

wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und

Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“

Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die

Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau

mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ.

Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch

gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es

stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“

„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir

Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte

der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“

„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht,

wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“

„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“

„Wir erwarten und hoffen es ....“

„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“

„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit

gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust

einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß

man Ostpreußen so schutzlos läßt.“

„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der

Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den

Reichstag zum Deuwel jagen.“

„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern

bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur

Weichsel aufgegeben werden soll.“

„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz

kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.

Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein.

Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir

bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und

der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu

teilen, sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu

erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“

„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.

„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die

Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere

Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren

gehen!“

„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche

Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die

Gläser gefüllt hatte.

„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre

dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen

immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“

„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“

„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau,

wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“

„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“

„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“

„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der

drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad

von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und

wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚~propter barbam et

staturam~‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb und

die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei einem

Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem Auge.

Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien

er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen.

Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als

Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld

zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte.

Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im

Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“

„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus.

„Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“

„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig

sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“

Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit

entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der

vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube

enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte

aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger

Mann.

„Mein Sohn Walter, ~stud. jur.~“, stellte der Forstmeister ihn vor.

Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den Grinda

her, ich habe mit ihm zu sprechen.“

Der junge Mann verschwand.

Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine

leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“

Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für

dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von

deinen Künsten abfragen.“

Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem Gesicht, kniff

verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen,

Forstmeister.“

„Weshalb denn nicht?“

„Es sind mir zuviel Ohren da.“

„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der

Major ein.

Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.

„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die

Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das

Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei

dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien

sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein

zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie

grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.

„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 10 / 51 题